Die Open-Air-Saison beginnt. Wer glaubt, es ginge den meisten Besuchern nur um Musik, ist naiv.
Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)
Die Menschen lagen im Schlamm. Auf einer Fläche von 2,5 Quadratkilometern verteilt. Es war nass. Es war kalt. Und da die Bühne weit entfernt war, hörten viele die Musik nur als Hintergrundgeräusch. Die meisten sahen weder den Auftritt von Jefferson Airplane, noch hörten sie Jimi Hendrix «A Star-Spangled Banner» auf seiner Gitarre improvisieren. Aber es war Woodstock. Und sie waren dabei.
Es gibt diese Momente in der Geschichte, die als Mythos lange nachwirken. Und der legendäre Hippie-Auflauf von 1969 erstreckt seine Tentakel bis zu den heutigen Open Airs. «I was at Coachella, baby, for a minute, it was Woodstock in my mind», singt die 31-jährige Lana del Rey über ihre Festivalerfahrung. Das kalifornische Open Air mit dem seltsamen Namen ist der neue Sehnsuchtsort der Freizeithippies weltweit. Einmal über diese saftiggrünen Wiesen in der Wüste flanieren, die von riesigen Pumpstationen unterirdisch bewässert werden. Und tagelang die eigene Jugend und Unbeschwertheit zelebrieren.
Die Organisatoren investieren viel Energie, um den Mythos aufrechtzuerhalten, und werden von Fans und Sponsoren laufend untergraben. H&M hat eine eigene Coachella-Kleiderlinie kreiert, die auch bei uns erhältlich ist und aus ultrakurzen Jeans-Shorts und langen Mänteln besteht. Komplementiert wird das Outfit mit der übergrossen spiegelnden Sonnenbrille und dem obligatorischen Bandana. Die Fans werden nicht müde, so ihre Individualität auf Instagram zu posten. Dabei sehen sie aus wie Klone. Es ist die ultimative Eventisierung eines Lebensgefühls. Dabei geht es darum, eine Veranstaltung für Marketingzwecke emotional aufzuladen. Verkauft werden nicht nur Konzerte, ökologisches Essen und das Zelten unter freiem Himmel, sondern das Versprechen, einen magischen Moment erleben zu dürfen, der vielleicht sogar in die Geschichte eingeht. Die Musik wird dabei zur Nebensache. Coachella verkauft drei Viertel seiner Tickets, Monate bevor das Programm überhaupt verkündet werden kann. Es spielt keine Rolle, wer auf der Bühne steht. Es geht um das Feeling. Aus diesem Grund hat die «New York Times» sich letztes Jahr entschieden, nicht mehr über die grossen Open Airs zu berichten. Übernommen haben diese Aufgabe Online-Zeitungen und Blogs.
Familientreffen auf dem Gurten
Den Niedergang der Open Airs in den USA eingeläutet hat ausgerechnet Woodstock. Die halbe Million Menschen war zwar friedlich, aber verursachte ein Verkehrschaos und hinterliess einen Abfallberg, der es zukünftigen Veranstaltern fast verunmöglichte, weitere Festivals zu organisieren. Erst 1991 klappte es mit Lollapalooza in Chicago wieder.
Dafür wurde das Konzept in der Zwischenzeit in Europa aufgenommen. 1970 entstand das Glastonbury Open Air in Grossbritannien, die grösste Freiluftveranstaltung weltweit. Für vier Tage wird eine Stadt aufgebaut, die mehr Einwohner zählt als Bern. Im Unterschied zu Coachella hat Glastonbury eine lange Tradition und ermöglicht so eine soziale wie auch eine altersmässige Durchmischung der Besucher, für die Musik eine Rolle spielt. Das andere wichtige europäische Open Air Sziget wird in Budapest veranstaltet.
Und in der Schweiz? Viele Besucher gehen auch hier an die Festivals, ohne an Musik interessiert zu sein. Das gestand auch Dany Hassenstein, Mitglied der Geschäftsleitung des Paléo Festival Nyon, des grössten Open Airs in der Schweiz, 2015 der «NZZ». «Als Programmverantwortlicher hoffe ich natürlich, dass die meisten wegen unserer gebuchten Acts kommen. Aber die Realität ist, dass das ganze Package entscheidet.» Und so prahlen immer mehr Besucher damit, während der ganzen vier Tage nicht ein einziges Konzert besucht zu haben. Vielmehr geht es um den Geist eines Festivals, der massgeblich von der Tradition und teilweise auch der Geografie geprägt wird.
So bleibt das Gurtenfestival auf dem Berner Hausberg relativ klein. Als eines der grossen in der Schweiz mit den wenigsten Stars setzt es lieber auf eine familiäre Stimmung. Die Leute kommen auch ohne Headliner. Auch beim Open Air St. Gallen ist dabei sein alles. Zwar setzte das Festival auf Stars, aber das Gerücht hält sich hartnäckig, dass die richtig eingefleischten Fans ihre Zeit in der Halligalli-Hütte verbringen, wo sie Musik aus der Dose konsumieren. Da haben es die Nischen-Events einfacher. Das Greenfield Festival in Interlaken setzt seit 2005 auf Rock und hat sein Programm über die Jahre noch verfeinert, während das Open Air Frauenfeld sich der afroamerikanischen Musik widmet. Wer es besucht, ist meist auch an den Künstlern interessiert. Und das Festival punktet immer wieder mit Musikern, die sonst in der Schweiz nicht live auftreten, dieses Jahr zum Beispiel Rapper Nas.
Nyon schlägt Zürich
Da hat es das Zurich Open Air schwer. Es hat zwar viele Weltstars im Programm, aber es verzeichnete mit 50 000 Besuchern letztes Jahr über viermal weniger als das Paléo mit 220 000. Doch grosse Stars verlangen im Allgemeinen auch grosse Gagen. Das vergleichsweise kleine Publikum erklärt sich wahrscheinlich dadurch, dass sich das jüngste unter den grossen Open Airs in der Schweiz noch nicht etablieren konnte. Und so berichteten die Zeitungen letztes Jahr zwar von guten Acts, aber auch von wenig Stimmung.
Seit einiger Zeit wird in der Schweiz dem Sommer gehuldigt, als käme er nächstes Jahr nicht wieder. Auf Facebook wird man überschwemmt von Einladungen zu Open-Air-Bars, Freiluftrestaurants, Messen unter freiem Himmel, Partys im Grünen und Filmvorführungen unter Sternenfirmament. Da wundert es nicht, dass es auch immer mehr Musikfestivals gibt. Und so trägt wohl auch hierzulande jeder der jährlich knapp fünf Millionen Besucher die Hoffnung mit sich auf einen legendären Sommerabend wie vor knapp 50 Jahren auf einer schlammigen Wiese in der Nähe von New York. Dass das Wetter dabei nebensächlich ist, hat Woodstock bewiesen. Dabei sein ist eben alles.