Gesucht: Thronfolger

Jon Stewart war mit seiner satirischen «Daily Show» der wichtigste politische Kommentator der USA. Ein Jahr nach seinem Abgang zeichet sich ab, wer ihm das Wasser reichen könnte.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Wenn man Fox News zuhört, dann steht Europa kurz vor dem Bürgerkrieg. Aber bevor wir nun alle Armeedecken im Schutzbunker stapeln und einen Vorrat an Dosenravioli anlegen, lohnt sich ein Blick auf die Satiresendungen der USA. Bei ihnen informieren sich jedenfalls junge Amerikaner über die Politik und das Tagesgeschehen. Zu verdanken haben die USA dies einer Vielzahl von Nachrichtensendungen, bei denen Unterhaltung und Parteitreue höher gewichtet werden als Fakten, sowie der satirischen Antwort auf dieses Trauerspiel: Jon Stewart mit seiner «Daily Show». 

Der New Yorker hat den erheiternden Kampf gegen politische Windmühlen perfektioniert. In einem Land, in dem Politiker öffentlich erklären, vergewaltigte Frauen könnten nicht schwanger werden, weil der weibliche Körper einen Abwehrreflex habe, hilft nur noch Satire, um den Wahnsinn zu ertragen. Stewart entlarvte die Doppelzüngigkeit der Politiker und ihrer linientreuen Fernsehkommentatoren und lieferte ganz nebenbei den Hintergrund zu aktuellen Diskussionen. Vor allem aber ermöglichte er es dem Publikum, in hysterischem Gelächter eine Katharsis zu finden. 

Als Stewart vor einem Jahr seinen Job an den Nagel hängte, war der Jammer gross. Wer würde den Kampf gegen den Bullshit, wie der Altmeister seine Arbeit beschrieb, fortsetzen? Zum Glück baute Stewart während 16 Jahren «Daily Show» unzählige Talente auf. Die besten von ihnen haben nach dem Abgang des Meisters ihre eigenen Sendungen erhalten.

Die «Daily Show» selbst übernahm Trevor Noah. Seither hat das Programm jedoch an Biss verloren. Das hat zwei Gründe: Zum einen kommentiert der Südafrikaner mit Schweizer Wurzeln amerikanische Eigenheiten aus der Position des ausländischen Anthropologen, zum anderen hat er sich dabei mehr dem Spott als der entlarvenden Satire verschrieben.

Stephen Colbert war bereits zu Stewarts Zeiten ein würdiger Konkurrent mit seinem «Colbert Report». Seit knapp einem Jahr moderiert er die von David Letterman übernommene «Late Show». Ein Format, das er zwar politisch scharfzüngiger gemacht hat, das ihm aber auch Grenzen vorgibt. 

Für die meisten Medien und den Grossteil des Publikums ist der britische Nerd John Oliver mit «Last Week Tonight» der eigentliche Nachfolger von Stewart. Das Sendeformat ist eine Mischung aus der «Daily Show» und dem «Kassensturz». Mit Beiträgen wie der Entlarvung zerstörerischer Machenschaften von Schuldeneintreibern wurde er zum gefeierten Aufklärer der Nation. 

Neben diesen grossen Namen gehen zwei leicht vergessen: Samantha Bee, die einzige Frau dieses Sendeformats, entlarvt die Scheinheiligkeit der Politiker nicht aus der sicheren Distanz eines Studios, wie ihre männlichen Kollegen, sondern steigt in den politischen Morast und sucht das direkte Gespräch mit den Volksvertretern und ihren Anhängern. 

Im Segment «Helper Whitey» illustrierte die «Daily Show» noch unter Stewart ihre paradoxe Situation. Wenn ein weisser Mann die prekären Verhältnisse von Minderheiten kommentiert, bekommt das Thema Legitimität und wird von der Mehrheit als Problem wahrgenommen, nicht jedoch, wenn die Minderheit die gleiche Thematik adressiert. 

Das von Stewart mitentwickelte Format «Nightly Show» mit dem Afroamerikaner Larry Wilmore ist die direkte Antwort auf diese Problematik. Sie gibt Minderheiten nicht nur eine Stimme, sondern sorgt in einer Diskussionsrunde am Ende der Sendung auch für deren Repräsentation. Ausdrücklich tritt sie gegen Rassismus an.

Zwar generiert Oliver mit den ausgiebig recherchierten Themen seiner wöchentlichen Sendung mehr Aufmerksamkeit. Aber es ist Wilmore, der die Tagesaktualitäten für die Zuschauer einordnet und täglich Stellung bezieht. Als Teil einer Minderheit bringt er seine Erschütterung und Wut ob der Ungerechtigkeiten gegenüber Minderheiten authentisch zum Ausdruck und nutzt dabei Satire als entlarvendes und kathartisches Instrument. Sein Mentor hat es kaum besser gemacht. 

Leider holt die Realsatire manchmal die künstlerische ein. Am 15. August verkündete Wilmore, dass die «Nightly Show» abgesetzt wird – die letzte Folge wurde schon drei Tage später ausgestrahlt. Ein sichtlich berührter Wilmore kommentierte dies trocken so: «Leute. Das kann nur eines bedeuten: Der Rassismus wurde endlich besiegt.» 

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