In «Roma» finden die Dame des Hauses und ihr Dienstmädchen zusammen.
Von Murièle Weber (Surprise)
Die unterschiedlichen Lebensbedingungen verschiedener sozialer Schichten ziehen sich wie ein roter Faden durch die Handlung von «Roma». Und nicht umsonst beginnt Regisseur Alfonso Cuarón seinen persönlichsten Film, basierend auf seinen Kindheitserinnerungen, mit der Arbeit der sehr jungen Hausmädchen im Hause seiner Eltern im Jahr 1970. Cleo schrubbt den Boden, während sich ein Flugzeug, das gerade über das Haus fliegt, in der Wasserlache spiegelt – als Sinnbild eines Lebens, das sie nie haben wird. Später begegnen wir Cleo immer wieder in ihrem kargen Bett über der Garage, das sie mit der anderen Hausangestellten teilt, oder wir sehen ihr zu, wie sie die Scheisse des Familienhundes vom Boden kratzt.
Aber auch die Mutter der Familie hat es nicht leicht, denn ihr Mann betrügt sie und verlässt die Familie, ohne für deren Unterhalt zu sorgen. Als dann Cleo auch noch ungewollt schwanger und von ihrem Freund verlassen wird, bilden die beiden Frauen eine Notgemeinschaft. Cuarón wollte den drei Dingen, die ihn am meisten geprägt haben, ein Denkmal setzen: seinem Heimatland, den Frauen und seiner Familie.
Entstanden ist ein liebevolles Sittenporträt einer Gesellschaft in Aufruhr, das Cuarón auch mittels des Corpus-ChristiMassakers darstellt – eines Studentenprotestes, der von der Geheimpolizei gewalttätig niedergeschlagen wurde. Umso mehr zeichnet sich im Vergleich dazu die Stärke der Mutter und die liebevolle Sanftmut von Cleo ab, die die Kinder in einer heilen Blase aufwachsen lassen. Das in Schwarz-Weiss verfilmte Werk betört mit langen Einstellungen. Diese entwickeln eine Sogwirkung, die den Zuschauer in ihren Bann zieht, weil man sich in dieser Welt mit ihren vielen kleinen Details verlieren kann. Völlig zu Recht wird der Film deshalb zu einem der besten des letzten Jahres erklärt und ist mit zehn Nominierungen Favorit bei den diesjährigen Oscars.