Nichts ist ihnen peinlich

Die Lemon Twigs mischen alles, was die sechziger und siebziger Jahre hergeben, und haben damit Erfolg.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Sie wirken wie aus einer anderen Welt: Zeitreisende, die wie durch Zufall in der Gegenwart gelandet sind und jetzt etwas deplaciert im Raum stehen. Ihr Aussehen, ihre Musik, sogar ihre höflichen Manieren weisen auf Vergangenes zurück. Besonders der jüngere Michael, gerade einmal 17 Jahre alt, sieht aus wie ein Mitglied der Bay City Rollers. Fröhlich, aber auch ein wenig so, als hätte sich ein Farbkasten über ihm übergeben. Zu Schuhen mit Schachbrettmuster trägt er grün-rot karierte Hosen und ein weisses Hemd mit roten Punkten. Die von Rod Stewart inspirierte Vokuhila-Frisur runden bräunlich abgedunkelte Brillengläser und ein roter Lippenstift ab. Michael hält stets den Mund ein wenig geöffnet, wenn er mit der Hand auf der Hüfte keck in die Kamera schaut, und am Schlagzeug tobt er sich aus wie der Drummer der Muppet Show. 

Dagegen wirkt Bruder Brian, 19, mit seiner schlichten schwarzen Jeans, dem hellblauen T-Shirt und dem roten Cordblazer wie ein blasser Hipster. Selbst seine Frisur sieht so brav aus wie aus den achtziger Jahren, als man Kindern noch eine Suppenschüssel über den Kopf gestülpt hat, um ihnen die Haare zu schneiden. Er wirkt ruhiger und reflektierter, und seine Antworten sind weniger impulsiv als die seines Bruders. 

So abgedreht ihr Kleiderstil ist, spätestens wenn man ihre Musik hört, nimmt man die beiden ernst. Die Boys aus einem Kaff auf Long Island, 45 Minuten von New York City entfernt, klingen wie die Beatles zu Zeiten von «Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band», gekreuzt mit den Beach Boys und einem guten Schuss Glam Rock der Siebziger von Bands wie T. Rex. Die Songs haben eine perfekte Mischung aus intelligent-ausgeklügelt und schrullig-skurril. Oder wann hat man das letzte Mal ein Xylophon-Solo in einem Rocksong («These Words») gehört? Eben. Und dann noch eines, das klingt, als wäre Rumpelstilzchen in einem Tobsuchtsanfall über das Schlaginstrument gehüpft. 

Lieblingsband von Elton John

Mit dem Song haben Michael und Brian, die sich «Lemon Twigs» nennen, in den USA vor gut einem Monat auch das Talkshow-Publikum von Jimmy Fallon begeistert. Daraufhin twitterte Questlove über die Band, und auch Elton John war voll des Lobes und bezeichnete sie in seiner iTunes-Radioshow «Rocket Hour» als seine neue Lieblingsband. 

«These Words» stammt von ihrem Album «Do Hollywood». Strenggenommen ist das bereits ihr zweites. Das erste «What We Know» haben sie auf dem 8-Spur-Tonträger ihres Vaters, einem Musiklehrer, im Keller aufgenommen und gerade einmal 100 Kassetten davon unter die Leute gebracht. Da waren sie 15 und 17 Jahre alt, und ihre Musik klang noch etwas mehr nach psychedelischem Rock. 

Damals schrieben sie auch die Songs für das neue Album, das sie im Februar 2015 mit Produzent Jonathan Rado in Kalifornien einspielten – zehn Songs in zwölf Tagen. Damit keine Eifersucht aufkam, steuerte jeder fünf bei. In den folgenden Monaten fügten sie dann mittels Overdub mehr und mehr Instrumente hinzu. Brian spielte Gitarre, Bass, Keyboard, Trompete, Violine und Cello, während Michael lange «nur» am Schlagzeug sass. «Wir haben beide mit fünf Schlagzeug spielen gelernt. Mit sieben kamen bei mir Gitarre und andere Instrumente dazu. Michael konzentrierte sich bis 13 aufs Schlagzeug. Dann hatte er eine Nirwana-Phase und lernte Gitarre spielen», erzählt Brian in einem Interview mit dem «Guardian». 

Während andere Kinder noch Comic-Bücher lasen, spielten die beiden bereits als Kinder in Theaterstücken am Broadway und in Hollywood-Filmen mit, traten mit ihren Schulbands auf oder komponierten Rap-Songs, wie man auf Youtube sehen kann. «Wir kommen aus einer kleinen Stadt, dort gibt es nicht viel zu tun, ausser zur Schule zu gehen und Musik zu machen», sagt Michael. 

Und so klingt das Album «Do Hollywood» nach einer Band, die über ein fast lexikalisches Musikwissen der sechziger und siebziger Jahre verfügt, aber auch über die Freiheit der Jugend, der nichts peinlich ist und die alles ausprobiert. Auf die Frage, warum sie so retro klängen, sagte Brian dem «Guardian»: «Wir versuchten nicht, verkrampft ausgeklügelte Musik zu machen. Wir wollten einfach, dass es hübsch klingt.» Der Song «Haroomata» beginnt mit einem andächtigen Cembalo-Intro, steigert das Tempo, bis man an eine Zirkusband denkt, der die Kontrolle entgleitet, bevor Brian mit ruhiger Stimme wieder für Ruhe sorgt. 

Lebhafte Bühnenschau

Eingespielt haben die Brüder die Platte allein. Auf der Bühne erhalten sie Verstärkung von Megan Zeankowski am Bass und Danny Ayala am Keyboard. Sie selbst wechseln sich an Gitarre und Schlagzeug ab. Dabei muss sich vor allem Megan öfter vor Michaels hohen Kicks in acht nehmen. «Ich spiele nicht so gut Gitarre wie Brian und fühle mich unsicher, wenn ich mich nicht gut genug bewege. Kicks sind so ziemlich die einzigen Bewegungen, die du auf der Bühne machen kannst, wenn du gleichzeitig noch Gitarre spielst», sagt Michael. Gut, dass sie dazu die passende Musik gefunden haben.

Den Menschen der Nacht gelauscht

Glass Animals: How to Be a Human Being. Caroline/Universal.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Auf diesem Album schallen dem Hörer gleichzeitig so viele Klänge entgegen, dass man sich die Songs einige Male anhören muss, um alles aufnehmen zu können. In «Life Itself» ertönen zuerst so etwas wie Harfenklänge, dann klingt es nach chinesischer Musik, irgendetwas tönt wie Kastagnetten, bevor der Beat einsetzt, der wiederum an indische Trommeln erinnert, begleitet von Schellen, als würde jemand dazu tanzen. Und das sind gerade einmal die ersten neun Sekunden des Songs. «Je grösser unser Publikum wurde, desto wilder wurde es. Wir spielten auf der Bühne ungehemmter, ungeschliffener, mit mehr Energie. Nun haben wir versucht, diese Energie, diese Spontaneität und diesen Klang auf das Album zu bringen», erklärt Dave Bayley, der Sänger von Glass Animals. Die vier Männer dieser Band aus Oxford mischen Indiemusik mit Electro, Hip-Hop mit Marimbaklängen. «In den letzten zwei Jahren sind wir jede Nacht in einer anderen Stadt aufgetreten. Wir fanden neue Freunde, hörten verrückte Geschichten und landeten in den absurdesten Situationen. All das brachte mich dazu, über Menschen nachzudenken und etwas Intimeres und Menschlicheres zu schreiben», sagt Bayley. Für jeden Song haben die Musiker zuerst eine Figur konstruiert, für die sie eine Geschichte aus erfundenen und wahren Begebenheiten schrieben, bevor sie dazu die passende Musik komponierten. Entstanden ist ein Album, das mitreisst, unterhält und bis in die Details interessant bleibt. 

Wer bin ich eigentlich?

R’n’B-Sänger Frank Ocean und Rapper Kendrick Lamar suchen auf ihren jüngsten Alben nach ihrer Identität. Sie gehören zu den innovativsten Künstlern ihrer Generation.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Frank Ocean hat alle überrascht, als er innerhalb von 24 Stunden gleich zwei vollständige Alben veröffentlichte und dazu noch ein 360 Seiten dickes Magazin mit dem Titel «Boys Don’t Cry». So hätte eigentlich das neue Album heissen sollen. Entstanden sind dann aber: «Blond» (auch «Blonde» geschrieben) und «Endless». 

«I’ve got two versions», singt Ocean in «Nikes», dem ersten Song auf «Blond/e». Und das gilt gleich mehrfach: Der 28-Jährige hat zwei Alben und zwei Versionen des Albums «Blond/e» (mit jeweils unterschiedlichen Songs) veröffentlicht. Der Titel ist wahlweise männlich oder weiblich geschrieben: der Blonde oder die Blondine. Und seit Frank Ocean vor vier Jahren kurz vor seinem ersten Album «Channel Orange» mitteilte, seine erste grosse Liebe sei ein Mann gewesen, rätselt die Welt, ob er denn nun bisexuell oder homosexuell sei. Der Mann hat nicht nur zwei Versionen, es gibt ihn auch in zwei Versionen. Mindestens. 

Bevor er «Blond/e» veröffentlichte, schrieb er auf seiner Tumblr-Seite, die Inspiration zum Album sei das Foto eines blonden Mädchens in einem Auto gewesen. Dabei reflektierte er auch seine Auto-Obsession: «Vielleicht ist sie verbunden mit einer tiefen unbewussten Hetero-Jungenphantasie. Aber ich suche nicht bewusst nach hetero – ein bisschen schwul ist gut», schrieb er. 

Das Album hat wenige eingängige Melodien, und man muss sich bewusst darauf einlassen, damit es sich einem erschliesst. Wie Tagebucheinträge, ohne narrative Struktur, lässt einen Ocean an seinen intimsten Momenten teilhaben: Kindheitserinnerungen, Sex, Dates, Anekdoten. Aber immer bleibt Ocean alleine. Selbst wenn er andere beobachtet. Wie in einem Kokon. Einem metallenen. Seinem Auto.

Das audiovisuelle Album «Endless» gibt es nur als Videodatei. Während man Ocean in einem Schwarz-Weiss-Film beim Bau einer Wendeltreppe ins Unendliche zusieht, sind im Hintergrund ganze Songs oder auch nur Einzeiler zu hören, die anschwellen und wieder verklingen. In einer Kombination aus Bewusstseinsstrom und Montage setzt sich dem aufmerksamen Zuhörer langsam Oceans Identität zusammen. Aber immer nur für kurz, bevor sie wieder wie Sand zwischen den Fingern verrinnt und eine neue Form annimmt. 

Es ist ein Werk der Tumblr-Generation. Während Menschen früher auf Blogs ihre Gedanken vollständig ausformuliert der Welt kundtaten, kann auf Tumblr alles geteilt werden: Fotos, Tweets, längere Texte, Ton- und Filmdateien. Das Publikum wird so aufgefordert, sich aktiv für ein Gesamtbild einzusetzen, anstatt es fixfertig vorgesetzt zu bekommen.

Während Ocean eher unbeabsichtigt für seine Generation steht, sieht sich Kendrick Lamar als ihr Sprecher – zumindest als jener der Afroamerikaner. «Ich bin fast eine Art Prediger für die Jungen», sagte er der «New York Times». Der aus den Armenvierteln in Compton stammende Lamar hat sich in seinem zweiten, viel gelobten Album «good kid, m.A.A.d. city» mit der Frage auseinandergesetzt, wie man es aus dem Ghetto herausschafft.

In seinem dritten Album «To Pimp a Butterfly» und dem dazugehörigen vierten Album «Untitled Unmastered», das unfertige Demos des gleichen Materials enthält, fragt er sich, wer er nun ist, jetzt, da er es geschafft hat und reich ist. Selbstkritisch analysiert Lamar seine Rolle in «i» und «u» und kommt zum Schluss, dass er die Verantwortung, die ihm durch seinen Reichtum und seine Berühmtheit übertragen wurde, annehmen muss.

Im von Jazzklängen begleiteten Stück «For Free?», in dem sich ein Mann scheinbar über seine Freundin beschwert, klagt Lamar die USA an: «Oh, Amerika, du böse Schlampe, ich pflückte Baumwolle und habe dich reich gemacht. This dick ain’t free.» Durch die Doppeldeutigkeit von «free» als frei und gratis beklagt er mit politischer Brisanz, dass er auch als reicher Afroamerikaner nicht wirklich frei ist, und verweist gleichzeitig darauf, dass er nicht bereit ist, sich von der Musikindustrie ausnutzen zu lassen. Am Ende des Albums hat der 29-Jährige seine neue Rolle akzeptiert und rezitiert als Antwort ein Gedicht über eine Raupe, die in ihrem Kokon feststeckt, sich dann aber in einen Schmetterling verwandelt. 

Die beiden genialen und innovativen Künstler basteln nicht nur gerade an der Musik der Zukunft, sie verkörpern auch perfekt den Geist der Jugend, der politische Gleichberechtigung fordert und sich in seiner Identität nicht auf ein paar Adjektive festlegen lässt. Word! 

Herzzerreissend

Nick Cave and the Bad Seeds. Skeleton Tree. Bad Seed Ltd. /Limmat Records.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

«Wir wollen uns nicht wirklich ändern, nur modifizieren zu einer besseren Version unserer selbst. Aber was machst du, wenn etwas Schreckliches passiert und du dich ganz plötzlich veränderst und nicht mehr der bist, der du mal warst?», fragt Nick Cave im Film «One More Time with Feeling», der zur Veröffentlichung des neuen Albums erschien. «Skeleton Tree» ist das erste Album nach dem tragischen Unfalltod von Caves Sohn. Und auch wenn es schlechter Stil ist, von der Biografie auf die Kunst zu schliessen, kommt man hier fast nicht umhin. Cave macht es im Film selber zum Thema und lässt einen das Trauma nicht vergessen. Wenn er in «Jesus Alone» singt «mit meiner Stimme rufe ich dich», ist das dann der Vater, der nach dem toten Sohn ruft? Oder wenn er die Zeile spricht: «Sie sagten uns, die Götter würden uns überleben, aber sie haben gelogen», hört sich «Götter» wie ein Synonym für Kinder an. Caves Musik war oft düster, nun klingt sie vor allem traurig und zerbrechlich. Ganz besonders im herzzerreissenden «Distant Sky», auf dem die Sopranistin Else Torp mitsingt und das sich wie ein Schlaflied anhört. «Es gibt eine Art Hilflosigkeit in den Songs», sagt Cave im Film. «An der narrativen Form bin ich nicht mehr so interessiert wie auf früheren Alben, denn das Leben ist nicht so. Es gibt keine Auflösung am Ende.» 

Er ist Englands grösster Herzensbrecher

Hugh Grant begeistert in Komödien als charmanter, verklemmter Brite. Jetzt stellt er am ZFF seinen neuen Film, «Florence Foster Jenkins», vor und erhält den Golden Icon Award für seine Karriere.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Auf dem Weg zurück von den Malediven brach Hugh Grant plötzlich in Tränen aus. «Ich sass im Flugzeug und konnte während Stunden nicht aufhören zu weinen. Das ging noch drei Wochen so weiter», erzählte er kürzlich in der «Late Late Show with James Corden». «Und was hast du getan?», fragte Corden. «Ich besuchte einen Hypnotiseur.» – «Hat es etwas gebracht?» – «Natürlich nicht. Er sagte Dinge wie: ‹Du bist jetzt ganz entspannt.› Ich dachte nur: Ich bin überhaupt nicht entspannt. Ich bin so verkrampft wie eine Kröte. Aber ich bin viel zu Englisch, um ihm das zu sagen. Also sagte ich am Schluss: ‹Das war grossartig. Danke.›» 

Der 56-jährige Londoner hatte eigentlich nicht vor, Schauspieler zu werden. Als er in Oxford dank einem Stipendium Englisch und Kunstgeschichte studierte, machte er in Foto-Liebesgeschichten mit, um sein Taschengeld aufzubessern. Als sich bereits nach seiner ersten Rolle im Studentenfilm «Privileged» (1982) ein Agent bei ihm meldete, entschloss er sich, seine Doktorarbeit in Kunstgeschichte zu verschieben, um mit Film etwas Geld zu verdienen. «Aber weil ich so schlecht war, sagte ich mir, ich mach noch einen, um allen zu beweisen, dass ich es doch kann. Daraus wurden dann 35 Jahre», erzählte Grant in einem Interview mit der «Daily News». Der Brite ist so etwas wie der König der witzigen Anekdoten. «Er weiss, wie man eine Pointe setzt», sagt der Filmjournalist Mark Kermode über Grants Schauspielstil. 

Sie lieben oder sie hassen ihn

Das gilt auch für das öffentliche Auftreten des Briten. Er macht gerne ein Geheimnis aus seinem Privatleben und gibt immer nur gerade so viel preis, dass man das Gefühl hat, ihn etwas kennenzulernen, bevor er mit einer seiner Anekdoten wieder von sich ablenkt. Darum weiss man nur so viel: Mittlerweile hat der Junggeselle vier Kinder mit zwei verschiedenen Frauen, über die er selten spricht. Nur in Cordens Show erzählte er kürzlich unter hysterischem Gelächter des Publikums, wie er für seinen Sohn eine Geisterjägerin aufbot, weil der Kleine dachte, es spuke im Haus. 

Zur Presse hat Grant ein angespanntes Verhältnis. «Er prüft jede Frage wie ein Bombenentschärfungsexperte», schrieb eine Journalistin im «Guardian» über Grants Verhalten während eines Gesprächs. Seit 2011 sitzt er im Vorstand der Initiative «Hacked Off», die von vielen Prominenten unterstützt wird. Nach mehreren Abhörskandalen und der Schliessung der Sonntagszeitung «News of the World» kämpft die Initiative für eine bessere Kontrolle der Boulevardpresse in Grossbritannien. 

Wer mit Hugh Grant gearbeitet hat, liebt oder hasst ihn offenbar. Sandra Bullock, mit der er in «Two Weeks Notice» (2002) spielte, sagte über ihn: «Auf einem Filmset mit hundert Leuten konnte er jeden beim Namen nennen.» Und über seine Mitarbeit in «Sense and Sensibility» (1995) sagte Emma Thompson: «Er übernahm die Rolle für eine kleine Gage, weil er nett ist.» Von Drew Barrymore («Music and Lyrics») und Julianne Moore («Nine Months») hingegen gibt Grant freimütig zu: «Die hassen mich.» 

Worüber sich alle einig sind: Grant ist ein Arbeitstier. Viele beschreiben ihn als Perfektionisten mit Hang zur Kontrolle. «Er liess uns keinen Moment Ruhe. Er war nie zufrieden», erzählte Bullock. Grant gibt selber zu, sich in alle Aspekte der Filmproduktion einzumischen: Er schreibe Anmerkungen zum Drehbuch, diskutiere mit dem Regisseur über die Position der Kamera und sei bei allen Test-Screenings dabei. Als die Pointe aus einem Filmclip zu «Did You Hear about the Morgans?» herausgeschnitten wurde, der in der «Daily Show with Jon Stewart» lief, bekam er einen Wutanfall. Was wiederum Stewart dazu brachte, öffentlich zu erklären, Grant sei sein unliebsamster Gast gewesen: «Und ich habe Diktatoren interviewt.» Grant gibt zu, dass Stewarts Beschreibung der Szene korrekt ist. 

Das ist vielleicht das Erfrischendste am Briten: Er sucht für sein Verhalten keine Ausreden, er steht zu allen Fehltritten – bevor er sie für die nächste Pointe ausschlachtet. Als er 1995 beim Sex mit einer Prostituierten verhaftet wurde, sprach er bereits wenige Tage später bei Jay Leno zerknirscht darüber, dass die Leute alle möglichen psychologischen Erklärungen für sein Verhalten fänden. «Aber das ist Blödsinn», sagte er, «denn eigentlich ist es so: Du weisst, was gut und was schlecht ist. Und ich habe etwas Schlechtes getan. So einfach ist das.» Natürlich entzieht er sich mit dieser entwaffnenden Ehrlichkeit einer Erörterung der Gründe für sein Verhalten und damit einer Analyse seiner Person. Während er offen über Fehltritte, den Nervenzusammenbruch im Flugzeug oder Panikattacken auf dem Filmset spricht, folgt eine das Tragische ins Lustige verkehrende Pointe meist so schnell, dass weiteres Nachfragen im Gelächter des Publikums untergeht.

Über Grants Freunde ist wenig bekannt, umso mehr dafür über seine beste Freundin Liz Hurley, mit der er eine zwölfjährige Beziehung führte. Die beiden erklären, dass der jeweils andere die wichtigste Person im eigenen Leben sei. Auf die Gründe für das Ende der Beziehung angesprochen, sagte Hurley: «Er hat mich unglaublich genervt. Ich liebe ihn. Aber er kann so mürrisch sein. Meine Freunde nannten ihn Grummelstilzchen.»

Jetzt kommt Hugh Grant ans Zurich Film Festival und stellt seinen neuen Film «Florence Foster Jenkins» von Stephen Frears vor. Die Komödie erzählt die wahre Geschichte der exzentrischen Millionärin Foster Jenkins (Meryl Streep), die als schlechteste Sängerin aller Zeiten im New York der 1930er Kultstatus erlangte. Jenkins’ jüngerer Lebenspartner (Grant) wiederum war ein gescheiterter Schauspieler, der für sie eine Parallelwelt kreierte. Penibel wachte er darüber, dass nur eingefleischte Fans Tickets zu ihren Konzerten erhielten. Und er bestach Musikkritiker, um seine Frau im Glauben zu lassen, sie könne wirklich singen. Frears sagte: «Ich fand schon immer, dass Grant ein brillanter Schauspieler ist. Aber ich habe keine Ahnung, warum er die Filme macht, die er macht. Nicht dass ich diese gesehen hätte.» 

Er wird unterschätzt

Bekannt geworden ist Grant mit Komödien wie «Four Weddings and a Funeral» (1994) oder «Notting Hill» (1999). Mit der Rolle des Charles im Ersteren wurde er zum Inbegriff des charmanten, verklemmten und ironischen Briten. Über die Jahre hat er diesen Typus in unzähligen weiteren Filmen verkörpert. Seine Person verschmolz im Auge der Öffentlichkeit mit dieser Rolle, obwohl er unablässig betonte, kein Charles zu sein. Dass er in diesen Komödien mitwirkte – wobei sich gute und schlechte etwa die Waage halten –, muss der Hauptgrund dafür sein, dass man sein schauspielerisches Können gerne unterschätzt. Dabei sagte Grant in einem Interview mit dem «Hollywood Reporter»: «Es ist verdammt schwierig und unglaublich technisch, eine Komödie zu machen. Bei einem Drama gibt es viele Schattierungen, bei einer Komödie gibt es nur Schwarz und Weiss. Entweder man bringt das Publikum zum Lachen oder nicht. Und das ist furchterregend. Warum denken die Leute, intensiv, düster und unglücklich sei besser als leicht, unterhaltsam und erbaulich?»

Während er zugibt, mehr Komödien gemacht zu haben, als er vorhatte, sagt er zu seiner Rollenauswahl auch: «Wenn mich ein Drehbuch überzeugt, mache ich im Film mit.» Und dabei kennt der Brite seine Fähigkeiten: «Verbal bin ich stark. Aber was ich wirklich fürchte, sind diese Juliette-Binoche-artigen französischen Filme, wo die Kamera auf dein Gesicht zoomt und du ohne Text von glücklich zu weinend wechseln musst. Da mache ich mir in die Hose.» Trotzdem wagte er immer wieder den Schritt aus seiner Wohlfühlzone heraus – zuletzt, als er in «Cloud Atlas» (2012) fünf weiteren Rollen den Häuptling eines Kannibalenstammes spielte. Ganz ohne Text. Und obwohl er auch auf dem Set eine Panikattacke hatte, hat sich die Arbeit gelohnt. 

Das Gleiche gilt für seine neueste Rolle. Seine berührende Darstellung des treu ergebenen Partners von Foster Jenkins zeigt seine breiten dramatischen Fähigkeiten – etwa wenn er an ihrem Bett sitzt und sich auf seinem Gesicht Sorge und Liebe spiegeln, während andere Szenen genug Platz für sein komödiantisches Talent bieten. «Nach zwanzig Jahren habe ich meine Lieblingsart von Film gefunden. Es ist diese Kombination aus Komödie und Drama wie ‹Florence Foster Jenkins›.»Hugh Grant wird am 27. 9. im Kino Corso 1 mit dem GolGolden Icon Award asugezeichnet.

Gesucht: Thronfolger

Jon Stewart war mit seiner satirischen «Daily Show» der wichtigste politische Kommentator der USA. Ein Jahr nach seinem Abgang zeichet sich ab, wer ihm das Wasser reichen könnte.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Wenn man Fox News zuhört, dann steht Europa kurz vor dem Bürgerkrieg. Aber bevor wir nun alle Armeedecken im Schutzbunker stapeln und einen Vorrat an Dosenravioli anlegen, lohnt sich ein Blick auf die Satiresendungen der USA. Bei ihnen informieren sich jedenfalls junge Amerikaner über die Politik und das Tagesgeschehen. Zu verdanken haben die USA dies einer Vielzahl von Nachrichtensendungen, bei denen Unterhaltung und Parteitreue höher gewichtet werden als Fakten, sowie der satirischen Antwort auf dieses Trauerspiel: Jon Stewart mit seiner «Daily Show». 

Der New Yorker hat den erheiternden Kampf gegen politische Windmühlen perfektioniert. In einem Land, in dem Politiker öffentlich erklären, vergewaltigte Frauen könnten nicht schwanger werden, weil der weibliche Körper einen Abwehrreflex habe, hilft nur noch Satire, um den Wahnsinn zu ertragen. Stewart entlarvte die Doppelzüngigkeit der Politiker und ihrer linientreuen Fernsehkommentatoren und lieferte ganz nebenbei den Hintergrund zu aktuellen Diskussionen. Vor allem aber ermöglichte er es dem Publikum, in hysterischem Gelächter eine Katharsis zu finden. 

Als Stewart vor einem Jahr seinen Job an den Nagel hängte, war der Jammer gross. Wer würde den Kampf gegen den Bullshit, wie der Altmeister seine Arbeit beschrieb, fortsetzen? Zum Glück baute Stewart während 16 Jahren «Daily Show» unzählige Talente auf. Die besten von ihnen haben nach dem Abgang des Meisters ihre eigenen Sendungen erhalten.

Die «Daily Show» selbst übernahm Trevor Noah. Seither hat das Programm jedoch an Biss verloren. Das hat zwei Gründe: Zum einen kommentiert der Südafrikaner mit Schweizer Wurzeln amerikanische Eigenheiten aus der Position des ausländischen Anthropologen, zum anderen hat er sich dabei mehr dem Spott als der entlarvenden Satire verschrieben.

Stephen Colbert war bereits zu Stewarts Zeiten ein würdiger Konkurrent mit seinem «Colbert Report». Seit knapp einem Jahr moderiert er die von David Letterman übernommene «Late Show». Ein Format, das er zwar politisch scharfzüngiger gemacht hat, das ihm aber auch Grenzen vorgibt. 

Für die meisten Medien und den Grossteil des Publikums ist der britische Nerd John Oliver mit «Last Week Tonight» der eigentliche Nachfolger von Stewart. Das Sendeformat ist eine Mischung aus der «Daily Show» und dem «Kassensturz». Mit Beiträgen wie der Entlarvung zerstörerischer Machenschaften von Schuldeneintreibern wurde er zum gefeierten Aufklärer der Nation. 

Neben diesen grossen Namen gehen zwei leicht vergessen: Samantha Bee, die einzige Frau dieses Sendeformats, entlarvt die Scheinheiligkeit der Politiker nicht aus der sicheren Distanz eines Studios, wie ihre männlichen Kollegen, sondern steigt in den politischen Morast und sucht das direkte Gespräch mit den Volksvertretern und ihren Anhängern. 

Im Segment «Helper Whitey» illustrierte die «Daily Show» noch unter Stewart ihre paradoxe Situation. Wenn ein weisser Mann die prekären Verhältnisse von Minderheiten kommentiert, bekommt das Thema Legitimität und wird von der Mehrheit als Problem wahrgenommen, nicht jedoch, wenn die Minderheit die gleiche Thematik adressiert. 

Das von Stewart mitentwickelte Format «Nightly Show» mit dem Afroamerikaner Larry Wilmore ist die direkte Antwort auf diese Problematik. Sie gibt Minderheiten nicht nur eine Stimme, sondern sorgt in einer Diskussionsrunde am Ende der Sendung auch für deren Repräsentation. Ausdrücklich tritt sie gegen Rassismus an.

Zwar generiert Oliver mit den ausgiebig recherchierten Themen seiner wöchentlichen Sendung mehr Aufmerksamkeit. Aber es ist Wilmore, der die Tagesaktualitäten für die Zuschauer einordnet und täglich Stellung bezieht. Als Teil einer Minderheit bringt er seine Erschütterung und Wut ob der Ungerechtigkeiten gegenüber Minderheiten authentisch zum Ausdruck und nutzt dabei Satire als entlarvendes und kathartisches Instrument. Sein Mentor hat es kaum besser gemacht. 

Leider holt die Realsatire manchmal die künstlerische ein. Am 15. August verkündete Wilmore, dass die «Nightly Show» abgesetzt wird – die letzte Folge wurde schon drei Tage später ausgestrahlt. Ein sichtlich berührter Wilmore kommentierte dies trocken so: «Leute. Das kann nur eines bedeuten: Der Rassismus wurde endlich besiegt.» 

Dieser Stimme folgt man überall hin

Imany: The Wrong Kind of War. Universal.

Der Sommerhit «Don’t Be So Shy» dröhnt einem dieses Jahr aus unzähligen Smartphones entgegen. Doch für einmal stört das nicht sonderlich. Nicht einmal die schlechte Audioqualität der Telefone kann einem die Freude verderben. Der tanzbare Imany-Remix der beiden russischen DJ Filatov & Karas ist so beliebt, dass er in vielen europäischen Ländern auf Platz 1 hochschnellte. Ihre eigenen von Streichern unterstützten Songs aber sind ruhiger als ihr Sommerhit, mit einer melancholischen Note. Die französische Soul-Diva lebte viele Jahre als Model in New York, bevor sie merkte, dass sie mehr vom Leben will, und ihre Musikkarriere startete. Mit ihrem Debütalbum «The Shape of a Broken Heart» (eine Anspielung auf die Form des afrikanischen Kontinents und dessen tägliche Realität) erreichte sie 2011 in mehreren Ländern Platin. Die Musikerin, deren Eltern von den Komoren stammen, erzählt oft von den traurigen Seiten des Lebens: In «You Don’t Belong to Me» singt sie von einer Liebe, die nicht sein soll, und in «Save Our Soul» von den täglichen Schreckensnachrichten in den Medien. Ihre tiefe Stimme ist dabei genauso einnehmend wie ihre charmante Persönlichkeit auf der Bühne. Imany hat die Gabe, uns ihren Schmerz fühlen und gleichzeitig an eine bessere Zukunft glauben zu lassen. Dieser rauchigen Stimme folgt man gerne auf jede emotionale Reise. 

Erschreckend intim

Ziemba. Hope Is Never. Lo & Behold! Records.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Im Videoclip «With the Fire» schlendert Ziemba durch das Haus ihrer Kindheit. Seit Jahren ist es verlassen. Die gelbe Farbe blättert von der Fassade. Der Garten ist verwildert. Die Tapete hängt in Fetzen. Der Lampenschirm löst sich langsam auf. In dieser Zwischenwelt des Verfalls fühlt sich die Performancekünstlerin wohl. Was sie selber daraufhin zurückführt, dass sie in El Paso, der Stadt an der Grenze zu Mexiko, aufgewachsen ist und sich von Grenzwelten angezogen fühlt. Hier findet sie Schönheit in Asche und Zerfall. Das Element Feuer verwendet die New Yorkerin in vielen Songs als Zerstörer und Schöpfer zugleich. Es ist diese Dualität und ihre Fähigkeit, die Schwere und den Schmerz des Lebens anzuerkennen und für einen Neubeginn zu nutzen. Dabei verzichtet sie vollständig auf aufdringlichen, nervtötenden Optimismus. Viele ihrer Stücke singt sie choralartig a cappella, weil es ihnen eine Verletzlichkeit verleiht. «Du kannst dich nicht vor dir selber verstecken, und das Publikum fühlt das», erklärte Ziemba (René Kladzyk) in einem Interview mit dem «Posture Magazine». «Es ist erschreckend intim, und das ist reizvoll für mich.» Ihre Musik erinnert an das Werk der grossartigen österreichischen Sängerin Anja Franziska Plaschg, die unter dem Pseudonym Soap & Skin ihre Lieder veröffentlicht. Aber wo Plaschgs Musik eine dunkle Eindringlichkeit hat, die einen zwingt, ihr zuzuhören, lässt Ziemba einem Raum zum Tagträumen. 

Mehr Dreck wäre super gewesen

Wendy James. The Price of the Ticket. Pledge Music.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Das Wichtigste zuerst: Miley Cyrus liebt Wendy James – als Pin-up-Ikone und Sängerin. Den älteren Jahrgängen ist James vielleicht noch aus den achtziger Jahren bekannt – als Frontsängerin der Punk/Pop-Band Transvision Vamp. In sexy Posen hauchte und kreischte sie deren Songs ins Mikrofon. Auch in der Schweiz hatten die vier Briten mit «I Want Your Love» 1988 einen Hit. Als die Gruppe sich Anfang der neunziger Jahre auflöste, startete die Londonerin ihre wenig erfolgreiche Solokarriere. Auf ihr von Elvis Costello geschriebenes Debütalbum «Now Ain’t the Time for Your Tears» 1993 folgte erst 2011 das zweite Album mit dem zweideutigen Titel «I Came Here to Blow Minds». Das Geld für ihren neusten Streich sammelte James über die Crowdfunding-Homepage Kickstarter. Auf dem Cover räkelt sich die Fünfzigjährige halbnackt auf einem Sofa, während sie auf dem Tonträger wie eine Zwanzigjährige klingt. Das ist schade. Denn James hat musikalisch ein richtig gutes New-Wave/Garage-Rock-Album vorgelegt, das an die spanische Band Hinds erinnert. Unterstützung bekam die Britin von zwei Mitgliedern der Stooges, dem Patti-Smith-Gitarristen Lenny Kayne und dem früheren Sex-Pistols-Mitglied Glen Matlock. Wenn sie nur weniger auf ihre Erotik setzen würde und etwas «meh Dräck» zugelassen hätte, wäre die Platte sogar superb geworden. 

Musikalische Ballerina

Cerise. Smoke Screen Dreams. Psychic Cats.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Das Albumcover zeigt Cerises Kopf auf einem Kissen, sie deckt sich in Shoegazing-Manier das Gesicht mit der Hand halb zu. Die Nahaufnahme im Bett suggeriert Intimität. Aber richtig preisgeben mag sich das ehemalige Model auf ihrem Debütalbum dann doch nicht. Ihre gehauchten Songtexte über einem verschwommenen Klangteppich eröffnen sich nur dem sehr achtsamen Ohr. Cerise getraute sich lange nicht, Musik zu machen. «Es erschien mir immer als die schwierigste Sache der Welt. Eine Musikerin war für mich wie eine Ballerina – du musst ein Leben lang dafür trainieren, diese atemberaubende Künstlerin zu werden.» Seit 2003 hat Cerise auf ihr Album hingearbeitet, und nun tänzelt die feingliedrige Frau fast schwerelos mit ihrer Musik durch den Äther. Wie eine Ballerina, der man die Arbeit nicht ansieht. Nur leider klingt ihre Musik mit der Zeit ein wenig eintönig, und man wünscht sich mehr Variationen oder den einen oder anderen Höhepunkt. Inspiration fand Cerise bei The Cure, Bauhaus und Siouxsie and the Banshees. Gesanglich erinnert Cerise ein wenig an Hope Sandoval. «Smoke Screen Dreams» ist die passende Hintergrundmusik für laue Sommerabende: sanft wie eine angenehme Sommerbrise auf der Haut und mit einem melancholischen Unterton, wie ihn die besten Sommerabende haben.