Bugg stürzt tief

Jake Bugg: On My One. Virgin/EMI.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Sie hatten es ihm ja vorgeworfen. Die Medien. Die Musiker. Dass er seine Songs nicht selber schrieb. Und nun hat er es getan. Und scheitert damit grandios. Insofern sind wir alle ein wenig mit schuld an dem Schlamassel. Aber als der damals 18-jährige Jake Bugg 2012 mit seinem Debütalbum auf der Bildfläche erschien, waren sie alle hingerissen. An die Beatles erinnerte viele Kritiker seine Musik oder an Jimi Hendrix. Diese Reife, diese Begabung! So viel Begeisterung konnte ja nicht lange gutgehen. Und nach «Shangri La», dem Zweitling von 2013, folgte bereits 2015 der Fall, als bekannt wurde, dass er die Songs eben nicht selber schrieb. Noel Gallagher, der ihn 2012 noch mit auf Tour genommen hatte, bekundete lauthals, sein Herz sei gebrochen und Leute wie Bugg seien schuld daran, dass die Musik sterbe. Nun, ganz so dramatisch ist es natürlich nicht, denn wer selber etwas nicht gut kann, der lässt sich besser helfen. Das ist auch die Lehre aus «On My One». Das Album beginnt rührend und urkomisch, wenn Bugg in bester Blues-Manier sein hartes Leben besingt. Aber nicht Knochenarbeit oder Hunger setzen ihm zu. Nein, es sind die vielen Hotels, die Auftritte. Man kann sich das Lachen nicht verkneifen. Unglücklicherweise versucht sich Bugg auch noch als Rapper. Er hätte sich besser helfen lassen. Da wäre uns einiges erspart geblieben. 

Schöne Songs, die man rasch vergisst

Tom Odell: Wrong Crowd. Sony.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Es gibt rein gar nichts auszusetzen an Tom Odell. Der Mann ist nett. Wenn man ihm gegenübersitzt, wirkt er unschuldig und jünger, als er mit 25 eigentlich ist. Ende April verzückte der Londoner auch die Zürcher im ausverkauften «Mascotte». Die jungen Frauen im Publikum nickten sich aufgeregt zu. Ja, er war wirklich hier. Und ja, er war wirklich so grossartig, wie sie sich das vorgestellt hatten. Die Show war perfekt choreografiert. In den emotionalen Momenten wurden Licht und Nebel so eingesetzt, dass er wie eine überirdische Gestalt durch den Dunstschleier schimmerte – kaum greifbar, nicht ganz von dieser Welt. Aber der Mann weiss wirklich zu begeistern. Während «Another Love», seinem grössten Hit, und «Wrong Crowd», der ersten Single aus seinem neuen Album, kochte der Saal unter den stampfenden Füssen der Tanzenden. Die Songs des zweiten Albums hören sich insgesamt an wie eine nahtlose Verlängerung von Odells Debütalbum. Eine Entwicklung stellt man nicht fest. Aber die braucht es anscheinend auch nicht. Der Sänger hat seinen Stil gefunden, der ihn und seine Fans befriedigt. Die Songs sind angenehm fürs Ohr, und man mag sie auch ein drittes und viertes Mal anhören. Was will man mehr? Nun, trotz der eingängigen und im Moment mitreissenden seiner Songs bleibt am Ende nicht viel übrig. Ja, es war schön, aber fünf Minuten später hat man das bereits vergessen. 

Dabei sein ist alles

Die Open-Air-Saison beginnt. Wer glaubt, es ginge den meisten Besuchern nur um Musik, ist naiv.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Die Menschen lagen im Schlamm. Auf einer Fläche von 2,5 Quadratkilometern verteilt. Es war nass. Es war kalt. Und da die Bühne weit entfernt war, hörten viele die Musik nur als Hintergrundgeräusch. Die meisten sahen weder den Auftritt von Jefferson Airplane, noch hörten sie Jimi Hendrix «A Star-Spangled Banner» auf seiner Gitarre improvisieren. Aber es war Woodstock. Und sie waren dabei. 

Es gibt diese Momente in der Geschichte, die als Mythos lange nachwirken. Und der legendäre Hippie-Auflauf von 1969 erstreckt seine Tentakel bis zu den heutigen Open Airs. «I was at Coachella, baby, for a minute, it was Woodstock in my mind», singt die 31-jährige Lana del Rey über ihre Festivalerfahrung. Das kalifornische Open Air mit dem seltsamen Namen ist der neue Sehnsuchtsort der Freizeithippies weltweit. Einmal über diese saftiggrünen Wiesen in der Wüste flanieren, die von riesigen Pumpstationen unterirdisch bewässert werden. Und tagelang die eigene Jugend und Unbeschwertheit zelebrieren. 

Die Organisatoren investieren viel Energie, um den Mythos aufrechtzuerhalten, und werden von Fans und Sponsoren laufend untergraben. H&M hat eine eigene Coachella-Kleiderlinie kreiert, die auch bei uns erhältlich ist und aus ultrakurzen Jeans-Shorts und langen Mänteln besteht. Komplementiert wird das Outfit mit der übergrossen spiegelnden Sonnenbrille und dem obligatorischen Bandana. Die Fans werden nicht müde, so ihre Individualität auf Instagram zu posten. Dabei sehen sie aus wie Klone. Es ist die ultimative Eventisierung eines Lebensgefühls. Dabei geht es darum, eine Veranstaltung für Marketingzwecke emotional aufzuladen. Verkauft werden nicht nur Konzerte, ökologisches Essen und das Zelten unter freiem Himmel, sondern das Versprechen, einen magischen Moment erleben zu dürfen, der vielleicht sogar in die Geschichte eingeht. Die Musik wird dabei zur Nebensache. Coachella verkauft drei Viertel seiner Tickets, Monate bevor das Programm überhaupt verkündet werden kann. Es spielt keine Rolle, wer auf der Bühne steht. Es geht um das Feeling. Aus diesem Grund hat die «New York Times» sich letztes Jahr entschieden, nicht mehr über die grossen Open Airs zu berichten. Übernommen haben diese Aufgabe Online-Zeitungen und Blogs. 

Familientreffen auf dem Gurten

Den Niedergang der Open Airs in den USA eingeläutet hat ausgerechnet Woodstock. Die halbe Million Menschen war zwar friedlich, aber verursachte ein Verkehrschaos und hinterliess einen Abfallberg, der es zukünftigen Veranstaltern fast verunmöglichte, weitere Festivals zu organisieren. Erst 1991 klappte es mit Lollapalooza in Chicago wieder. 

Dafür wurde das Konzept in der Zwischenzeit in Europa aufgenommen. 1970 entstand das Glastonbury Open Air in Grossbritannien, die grösste Freiluftveranstaltung weltweit. Für vier Tage wird eine Stadt aufgebaut, die mehr Einwohner zählt als Bern. Im Unterschied zu Coachella hat Glastonbury eine lange Tradition und ermöglicht so eine soziale wie auch eine altersmässige Durchmischung der Besucher, für die Musik eine Rolle spielt. Das andere wichtige europäische Open Air Sziget wird in Budapest veranstaltet. 

Und in der Schweiz? Viele Besucher gehen auch hier an die Festivals, ohne an Musik interessiert zu sein. Das gestand auch Dany Hassenstein, Mitglied der Geschäftsleitung des Paléo Festival Nyon, des grössten Open Airs in der Schweiz, 2015 der «NZZ». «Als Programmverantwortlicher hoffe ich natürlich, dass die meisten wegen unserer gebuchten Acts kommen. Aber die Realität ist, dass das ganze Package entscheidet.» Und so prahlen immer mehr Besucher damit, während der ganzen vier Tage nicht ein einziges Konzert besucht zu haben. Vielmehr geht es um den Geist eines Festivals, der massgeblich von der Tradition und teilweise auch der Geografie geprägt wird. 

So bleibt das Gurtenfestival auf dem Berner Hausberg relativ klein. Als eines der grossen in der Schweiz mit den wenigsten Stars setzt es lieber auf eine familiäre Stimmung. Die Leute kommen auch ohne Headliner. Auch beim Open Air St. Gallen ist dabei sein alles. Zwar setzte das Festival auf Stars, aber das Gerücht hält sich hartnäckig, dass die richtig eingefleischten Fans ihre Zeit in der Halligalli-Hütte verbringen, wo sie Musik aus der Dose konsumieren. Da haben es die Nischen-Events einfacher. Das Greenfield Festival in Interlaken setzt seit 2005 auf Rock und hat sein Programm über die Jahre noch verfeinert, während das Open Air Frauenfeld sich der afroamerikanischen Musik widmet. Wer es besucht, ist meist auch an den Künstlern interessiert. Und das Festival punktet immer wieder mit Musikern, die sonst in der Schweiz nicht live auftreten, dieses Jahr zum Beispiel Rapper Nas. 

Nyon schlägt Zürich 

Da hat es das Zurich Open Air schwer. Es hat zwar viele Weltstars im Programm, aber es verzeichnete mit 50 000 Besuchern letztes Jahr über viermal weniger als das Paléo mit 220 000. Doch grosse Stars verlangen im Allgemeinen auch grosse Gagen. Das vergleichsweise kleine Publikum erklärt sich wahrscheinlich dadurch, dass sich das jüngste unter den grossen Open Airs in der Schweiz noch nicht etablieren konnte. Und so berichteten die Zeitungen letztes Jahr zwar von guten Acts, aber auch von wenig Stimmung. 

Seit einiger Zeit wird in der Schweiz dem Sommer gehuldigt, als käme er nächstes Jahr nicht wieder. Auf Facebook wird man überschwemmt von Einladungen zu Open-Air-Bars, Freiluftrestaurants, Messen unter freiem Himmel, Partys im Grünen und Filmvorführungen unter Sternenfirmament. Da wundert es nicht, dass es auch immer mehr Musikfestivals gibt. Und so trägt wohl auch hierzulande jeder der jährlich knapp fünf Millionen Besucher die Hoffnung mit sich auf einen legendären Sommerabend wie vor knapp 50 Jahren auf einer schlammigen Wiese in der Nähe von New York. Dass das Wetter dabei nebensächlich ist, hat Woodstock bewiesen. Dabei sein ist eben alles. 

Im Arm eines guten Freundes

The Strumbellas: Hope. Vertigo.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Nein, besonders innovativ ist die Musik der Strumbellas nicht. Wer auf der Suche nach Neuem ist, sollte sich lieber das neue Album «The Colour in Anything» von James Blake anhören. Herr Blake hat ja dieser Tage den Ritterschlag der Queen, also nicht der englischen, sondern Pop-Queen Beyoncé erhalten, als er auf dem neuen Album gleich mit zwei Songs vertreten sein durfte. Aber weil wir vor zwei Wochen schon einen Lobgesang auf «Lemonade» angestimmt und dabei auch Herrn Blake lobend erwähnt haben, wenden wir uns diese Woche einem «guilty pleasure» zu. Die Musik der kanadischen Band The Strumbellas ist wie der warme, schon leicht schwere Arm eines angetrunkenen Freundes auf den Schultern, während Sie und er ziemlich falsch, dafür mit umso mehr Herzblut zur Musik mitsingen. Die Songs des im Jahr 2008 in Lindsay gegründeten Sextetts folgen dem immer gleichen Muster: Sänger Simon Ward beginnt mit sanftem Gesang ein eher düsteres Bild zu zeichnen, wonach die anderen fünf Bandmitglieder langsam einstimmen. In der Folge nimmt der Song nicht nur eine positive Wendung, sondern gewinnt auch beträchtlich an Schwung und zieht einen mit, ganz wie der erwähnte warme Arm eines Freundes. Und das ist emotional unheimlich befriedigend. Sie sind noch unentschlossen? Hören Sie sich wenigstens den Song «Young & Wild» auf «Hope», dem dritten Album der Band, an. Sie sind auch danach nicht überzeugt? In dem Fall sollten Sie sich wirklich besser das Album von James Blake besorgen. 

Limonade aus Zitronen

Aus der bitteren Ehekrise mit Gatte Jay-Z hat Beyoncé auf ihrem Album «Lemonade» süsse Erfrischung gemacht.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Nicht viele Frauen schaffen es, mit einem Baseballschläger in der Hand sexy auszusehen. Aber Beyoncé Knowles gelingt genau das, wenn sie im Film «Lemonade» in einem wallenden, gelben Kleid majestätisch eine Strasse hinunterschreitet und dabei mit viel Schwung Autofenster zertrümmert. So als handle es sich um den Kopf ihres Ehemannes Jay-Z.

Was ist passiert? Er hat sie betrogen. Offiziell bestätigt wurde es nie. Aber Knowles beschreibt den Seelenschmerz auf ihrem neuen Album so eindrücklich, dass kaum jemand mehr daran zweifelt. Gerüchte kamen schon einmal auf. 2014. Als ein Video veröffentlicht wurde, das zeigt, wie ihre kleine Schwester Solange ihren Ehemann Jay-Z im Lift vermöbelt. Seither hat Queen Bey geschwiegen. Dass sie nun plötzlich Details dazu preisgibt, hat alle genauso überrascht wie die plötzliche Veröffentlichung ihres neuen Albums «Lemonade». 

Doch in der Zwischenzeit hat sie zum Auftakt ihrer Welttournee ihrem «wunderbaren Ehemann» gedankt. Also alles wieder gut? Scheint so. «Lemonade» ist auch kein Trennungsalbum. Im Gegenteil. Beyoncé gelingt, was sie mit dem Titel andeutet: Sie macht aus Zitronen Limonade und versucht damit dem Schmerz etwas Positives abzugewinnen. Das Album ist eigentlich zweigeteilt. Sechs der zwölf Songs drehen sich um den Betrug und zeichnen die verschiedenen emotionalen Phasen des Schocks nach. «Du bist nicht mit einer gewöhnlichen Schlampe verheiratet, Junge», erinnert Beyoncé ihren Ehemann. Als ob sie das nötig hätte. Statt in Selbstmitleid zu versinken oder mit stoischer Miene hinter ihrem betrügerischen Mann zu stehen, besinnt sich Queen Bey auf ihre Kultur, was den zweiten Teil des Albums dominiert. «Denn eine Gewinnerin gibt sich nie selber auf», singt sie.

Und so zelebriert sie auf ihrem Album und noch mehr im dazugehörigen Film afroamerikanische Weiblichkeit. Dieses «visuelle Album» wurde in den USA auf HBO ausgestrahlt und ist nun bei iTunes und Amazon erhältlich. Die Videoclips der zwölf Songs werden durch die von Beyoncé vorgelesenen Texte der somalisch-britischen Lyrikerin Warsan Shire zusammengehalten. Die Worte der 27-jährigen Immigrantin prickeln wie Eiskristalle über den Rücken und hallen wegen ihrer eigenwilligen Sprachbilder noch lange nach. Der ganze Film feiert die afroamerikanische Kultur. Frauen, die zusammen leben, an langen Tafeln zusammen essen oder tanzen. Auch die Mütter der von weissen Polizisten erschossenen jungen Männer Michael Brown, Eric Garner and Trayvon Martin sind zu sehen, wie sie Porträts ihrer Söhne in die Kamera halten. Eingewoben werden Szenen aus New Orleans, der Stadt, die spätestens seit Hurrikan «Katrina» zum Inbegriff der Ungleichheit der Ethnien in den USA wurde. 

Im letzten Stück ihres Albums, «Formation», stellt sie sich in die Tradition der «Black Is Beautiful»-Bewegung der 1960er: «Ich mag die Afro-Locken meines Kindes. Ich mag meine Negernase und die Jackson-Five-Nasenlöcher.» Auch musikalisch gibt das Album einiges her. Beeindruckend sind vor allem die Mitwirkenden: DJ Diplo hat an zwei Stücken mitgearbeitet, genauso wie Ezra Koenig, der Sänger von Vampire Weekend, Sänger The Weeknd, Musikproduzent James Blake und Rapper Kendrick Lamar, und auch Jack White war beteiligt. Er sampelte Led Zeppelin für «Don’t Hurt Yourself». Die Musikstile reichen von Pop über R & B bis zu Country für das Stück «Daddy Lessons». Viele Helden der afroamerikanischen Kultur sind gefallene Helden: Bill Cosby, O. J. Simpson, Michael Jackson. Im Film zitiert Beyoncé Malcolm X: «Die am wenigsten respektierte Frau, die am wenigsten geschützte Frau, die vernachlässigtste Frau Amerikas – ist die schwarze Frau.» Das ist heute noch bittere Realität in den USA. Immerhin gelingt es immer mehr Frauen, wie Oprah Winfrey und Michelle Obama, diesem Schicksal zu entrinnen. Auch Beyoncé gesellt sich zu ihnen – gewohnt sexy und neuerdings auch kämpferisch, notfalls mit einem Baseballschläger in der Hand.

Wo es weh tut

Anohni: Hopelessness. Rough Trade.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Die britische Sängerin Anohni war lange unter ihrem Geburtsnamen Antony Hegarty und als Sängerin der Band Antony and the Johnsons bekannt. Ihre Spezialität sind wehmütige Liebeserklärungen. Diese zerren manchmal so sehr am Herzen, dass man wie auf Messers Schneide zwischen schmerzhafter Glückseligkeit und ekstatischem Seelenschmerz balanciert. Mit dem Namenswechsel hat sich nicht nur ihr Musikstil verändert, sie äussert sich in ihren Songs nun auch politischer. Wie ihr Projekt «Hercules and Love Affair» ist ihr neues Album der Dance-Musik zuzurechnen. Anohni sagt dazu: «Viele meiner Fans werden damit nichts anfangen können.» Das könnte auch am Inhalt ihrer Songs liegen. Sie prangert an – wütend, enttäuscht und kämpferisch: Obama, die Erderwärmung, die Exekutionen in den USA, den Drohnenkrieg. In «Obama» klingt ihre sonst so fein modulierte Stimme tief und monoton, wenn sie den Präsidenten anklagt, der seine Anhänger enttäuscht habe. Im Song «4 Degrees» nimmt sie sich auch selber als Teil des Problems der Erderwärmung wahr, während sie sanft, dafür umso provokativer singt: «Ich will diese Welt kochen sehen. Ich will sie brennen sehen. Es sind ja nur 4 Grad.» Stimmt, sie klingt anders und ist doch dieselbe. Anohni ist jemand, der starke Gefühle so in Worten auszudrücken vermag, dass sie treffen. Dort, wo es weh tut. 

Mehr Herzblut wäre besser

Teleman: Brilliant Sanity. Moshi Moshi Records.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Aus der Asche der englischen Indie-Rockband Pete and the Pirates gestiegen, formierten sich drei ihrer Mitglieder neu als Teleman. Dabei sind an die Stelle der dominanten Gitarrenriffs ominös wummernde Orgelklänge getreten. Aus der Rock- wurde eine Synthie-Band. Das ist aber auch schon das einzig auffällige Merkmal. Die Musikstile der beiden Bands klingen sonst fast identisch. Das zweite Album von Teleman beginnt vielversprechend mit dem Stück «Dusseldorf», das es mühelos schafft, aufgestellte Leichtigkeit mit tiefer Melancholie zu verbinden. Unnötigerweise fasst dann eine Frauenstimme in der Mitte des Stücks das Geschehen auf Deutsch nochmals zusammen. Im dazugehörenden Video spielen die vier Londoner apathisch vor einem übergrossen Spiegel, in dem auch die Filmcrew zu sehen ist. Diese bemühte Intellektualität geht einem auf die Nerven und täuscht auch nicht über Schwächen hinweg. Die Stücke «Glory Hallelujah», «Canvas Shoes» und «Tangerine» ertrinken in Gewöhnlichkeit. Eine Qual für die Ohren! Das Glanzstück des Albums «Fall in Time» ist ein verzweifeltes, verletzliches Liebeslied mit der Zeile: «Ich kann es mir nicht leisten, nicht um dich zu kämpfen.» Mehr Herz und weniger Intellekt hätte der Band gutgetan. Wer sich selber ein Bild machen möchte: Am 3. Mai treten die Londoner in der Roten Fabrik in Zürich auf. 

Im Hinterland

The Lumineers: Cleopatra. Decca.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Vier Jahre haben sich die Lumineers Zeit gelassen für ihr zweites Album. Noch mehr als auf ihrem Debüt besingen die drei aus Denver mit eingängigem Folk die Americana. Dabei fehlen Höhepunkte wie die stampfende Hymne «Hey Ho» ihres ersten Albums. Dafür erzählt die Band zerbrechliche Alltagsgeschichten: von einem alten Mann im Spital in «Long Way from Home», dessen Spitalkittel immer zu kurz ist, und einem Paar, das in «Sleep on the Floor» nachts heimlich aus der erdrückenden Kleinstadtidylle flieht. Oder sie besingen in «Cleopatra» eine Taxifahrerin, Zigarette im Mundwinkel und eine Dose Bier zwischen die Schenkel geklemmt, die ihr ganzes Leben Pech hatte: «Ich kam immer zu spät, nur zu meinem Tod werde ich pünktlich sein.» Mit dem Album schreibt die Band keine Musikgeschichte, aber sie setzt den Menschen des amerikanischen Hinterlandes ein berührendes Denkmal, wie so viele vor ihnen. Ganz im Stile der Folklegende Woody Guthrie oder des literarischen Übervaters John Steinbeck. Leider ist eines ihrer beliebtesten Live-Stücke, «Falling in Love», auch auf dem neuesten Album nicht zu finden. Aber vielleicht würde eine Aufnahme dem Stück die Magie rauben. So existiert es nur in Form von Youtube-Videos von Sommerkonzerten, genauso wie eine flüchtige Sommerliebe. 

Erwachsen geworden

Die britische Rockband The Vaccines wurde 2010 auf einen Schlag berühmt. Drei Alben später klingt sie weniger spassig, dafür differenzierter. Am Festival m4music spielt sie in Zürich.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Als die Band im August 2010 ihre erste Single «If You Wanna» online stellte, schlug diese ein wie eine Bombe. Der Aufruf von Sänger Justin Young an eine Ex-Freundin, begleitet von peitschendem Surf-Rock, traf einen Nerv. «Ich will am Morgen nicht allein aufwachen, aber ich muss mich dem Tag stellen. Das sagen jedenfalls alle Freunde, die ich nicht so gut wie dich mag», sang er. 

Die liebeskummergetränkte Deklaration in tanzbarem Indierock bescherte den Newcomern Konzerteinladungen in ganz Grossbritannien. Ein Londoner Auftritt einige Monate später bekam in den Erzählungen der Anwesenden (hauptsächlich Journalisten und andere Musiker) später Kultstatus. Und es animierte einen Musikjournalisten im Magazin «Clash» dazu, eine neue Ära der Gitarrenmusik auszurufen. Die Band begründete zwar keine neue Welle, aber die damals erst Anfang-zwanzig-Jährigen erspielten sich innerhalb von Monaten ihren festen Platz in der Musikszene. 

Songschreiber und Sänger Justin Young ist ein Grübler. Das hört man auch den Songs an, die er im Alleingang schreibt. Während er in «Wetsuit» noch die Angst vor dem Altern besingt – «Um Gottes willen lasst uns jung bleiben, denn es wird immer schwieriger, der Zeit davonzulaufen» –, steht in «Minimal Affection» vier Jahre später die Angst vor der Beziehungslosigkeit im Vordergrund: «Du vergisst, wie man eine Verbindung eingeht, wenn du schon so lange eine wolltest.»

Besonders zu Beginn der Bandkarriere hatte Young den Ruf, so distanziert zu sein, dass sich Interviews mit ihm schwierig gestalteten. Diesen Eindruck hinterlässt er bei uns nicht, als wir kürzlich mit ihm telefonieren. Die Band befindet sich gerade in Madrid, wo sie am Abend auftritt. Young bemüht sich, die Fragen detailliert zu beantworten. Dabei lacht er regelmässig, aber so sanft, dass man genau hinhören muss, um es nicht zu überhören. 

«Ich habe mich schon immer mit der Musik verbunden gefühlt», erzählt er. «Songs zu schreiben fällt mir leicht. Ich fand stets, der beste Weg, mit Menschen in Verbindung zu treten, ist, ihnen ehrlich zu sagen, was man fühlt und wie man die Welt sieht.»

Unter dem Druck von Fans und Kritikern, nach dem Erfolg von «If You Wanna» ein Debütalbum nachzuliefern, zog sich die Band ins Studio zurück. Fast zeitgleich tingelte sie monatelang durch Grossbritannien und spielte in Pubs, die nach ihrem schnellen Erfolg für die Fans oft zu klein waren. Allfällige Kritik vorwegnehmend, nannten sie ihr Album im März 2011 herausfordernd «What Did You Expect From the Vaccines?». 

Während es in den Songs des ersten Albums noch mehr um Spass und Sex ging, zeigten sie sich auf ihrem nächsten Album «Come of Age» (Erwachsen geworden) achtzehn Monate später selbstkritischer. In «Teenage Icon» analysierte Young den plötzlich Ruhm kritisch: «Ich bin keine Teenager-Ikone. Distanziert und schüchtern, nur ein Durchschnittstyp, untrainiert, mit fettigen Haaren. Ich bin nicht magnetisch oder mythisch. Ich bin nur vorstädtisch und typisch. Ich wurde von allem überwältigt.» 

Das Debütalbum wurde begeistert aufgenommen. In der zweiten CD sahen viele Kritiker dagegen nur eine Verlängerung der ersten. Sie bemängelten das Fehlen einer musikalischen Entwicklung. Über die Jahre entstand auch innerhalb der Band der Wunsch nach Veränderung, und sie beschloss, sich mehr an zeitgenössischer Musik zu orientieren. «Von unserem dritten Album, ‹English Graffiti›, wollten wir, dass es nicht mehr so zeitlos klingt wie die ersten beiden. Es sollte klingen wie ein Produkt seiner Zeit», erklärt Young.

Das Ergebnis dieser musikalischen Frischzellenkur erinnert streckenweise an Popsongs der achtziger Jahre. Und die Sehnsucht nach Verbundenheit, die sich auf allen drei Alben als zentrales Thema findet, bekommt auf dem dritten eine stärker melancholische Note. Zum Glück blitzt dazwischen die jugendliche Lebensfreude der ersten beiden Alben auf. Die Verbundenheit als Thema finde sich auch im Titel des Albums, erklärt Young. «Als ich in Peru war, sah ich viele englische Graffiti, während ich in einem deutschen Auto sass, eine Cola trank und im Radio amerikanische Popmusik hörte. Die Welt ist auf so vielfältige Art verbunden. Über diesen Mix aus Verbundenheit und Abgrenzung, der sich auch im Versuch, eine bedeutungsvolle Beziehung zu haben, zeigt, dachte ich viel nach. ‹English Graffiti› fasst das alles für mich zusammen.» 

Wer nun befürchtet, sich bei einem Auftritt der Vaccines wie an einem Popkonzert zu fühlen, den beruhigt Young: «Wir sind noch immer eine Rockband. Die Gitarre steht weiterhin im Mittelpunkt. Aber es hat etwas Magisches, wenn der ganze Raum mitsingt. Wir spielen deshalb gerne unsere Hits.» 

Auf Zürich angesprochen, erinnert er sich an einen ganz speziellen Moment. «Unser erstes und bisher einziges Konzert in Zürich fand im Dezember 2012 statt. Es war eiskalt. Wir hatten den Tag über nichts zu tun und haben einen Schneemann gebaut. Dann haben wir ihm ein Vaccines-T-Shirt angezogen, sind alle um ihn herumgestanden und haben eine Foto gemacht. Fast so eine Art offizielle Familienfoto, wie an Weihnachten. Ich habe es noch immer auf dem Handy.»

Freunde aus Köln

AnnenMayKantereit: Alles Nix Konkretes. Universal Music.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Die Stimme klingt nach fünfzigjährigem Altrocker. Nach Zigarren und Whisky. Kratzend, tief, wuchtig. Aber gehören tut sie zum schmächtigen 23-jährigen Henning May. Einem der drei Gründungsmitglieder, aus deren Nachnamen sich ihr Bandname zusammensetzt. Es sind Jugendfreunde, die zusammen aufs Gymnasium in Köln gingen. Seit vier Jahren machen sie zusammen Musik. Anfangs haben sie oft auf der Strasse gesungen, bis ein Passant ein Video von ihnen online stellte, das in kurzer Zeit 15 000-mal angeklickt wurde. Da wurde ihnen klar, dass es auch anders gehen könnte. Mittlerweile reissen sich die Konzertveranstalter um sie, ihre Auftritte sind fast alle ausverkauft (so auch in Zürich im «X-tra», 14. 4.). Ihre Musik bezeichnen sie als «handgemacht» und meinen damit, dass sie nicht perfekt klingen soll. Es werden Vergleiche gezogen zu Tocotronic und Echt, die dem Stil von AMK aber nicht gerecht werden. Sie sind weder so politisch, noch machen sie seichten Pop. Sie klingen vielmehr nach Folk und den Beatsteakes. Sie singen aufrichtige, direkte Texte über ihr Leben («Es geht mir gut»), ihre Freundschaften («Wohin du gehst») und die Verflossene («Pocahontas»). Eröffnet wird das Album mit einer Ode an den Vater «Oft gefragt». Davon angesprochen fühlt sich nicht nur ihre eigene Generation. Es ist schwierig, diesem rauen, direkten Charme nicht zu erliegen.