Jedes Stück ein anderer Sound

James Supercave: Better Strange. Fairfax. 

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Im Raum Los Angeles kursiert die Band James Supercave seit einigen Jahren auf diversen «Bands to Watch»-Listen. Verschiedene Blogs prophezeien ihr eine grosse Zukunft. Bis vor kurzem basierten diese Einschätzungen nur auf Konzerterfahrungen der Autoren, da offizielle Tonträger der Band fehlten. 2015 brachte die dreiköpfige Gruppe die EP «The Afternoon» heraus und im Februar dieses Jahres endlich auch ihr Debütalbum «Better Strange». Die grossen Medien nehmen sie noch immer kaum zur Kenntnis, dafür gab es bereits ein anerkennendes Kopfnicken der beiden einflussreichen amerikanischen Radiostationen NPR und KCRW und des Musikmagazins «Noisey». Die ehemaligen Musikstudenten besingen in ihren Songs sozial brisante Themen, auch wenn der Perfektionismus ihres Sängers sie davon abhält, sie aktueller zu veröffentlichen. So bezieht sich das Stück «Chairman Gou» auf Foxconn-Gründer Terry Gou und die Selbstmorde seiner Angestellten im Jahr 2010. Musikalisch ist die Band an der Kreuzung zwischen psychedelischem Elektropop und Indierock zu finden. Begleitet wird sie von Joaquin Pastors Stimme, die wie auf Helium tönt. Herausragend macht ihr Album die Lust am Experiment. Kein Stück klingt wie das vorherige. Man kann nur hoffen, dass ihre Zukunft so brillant ist, wie sie den Musikern prophezeit wird, und sie bald einen Abstecher nach Zürich machen. 

Auf dem Planschbecken trommeln

Die Band Animal Collective suchte für ihre neue CD «Painting With» archaische Klänge und schuf eine App, mit der man ihre Musik auch malen kann. 

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Wer als Indie-Musiker ernst genommen werden will, muss Anekdoten bieten. Die Band Animal Collective liess Dinosaurier an die Wände der EastWest Studios in Los Angeles projizieren, während sie im Kerzenschein auf einem Kinderplanschbecken aus Plastic herumtrommelte. Die Musik sollte rudimentär, aggressiv und stampfend klingen. 

Zuvor hörten sich die fünf Experimentalmusiker aus Baltimore alte Ramones-Songs und frühe Techno-Werke an. Das fertige Album klingt in ihren Ohren wie ein «elektronischer Trommelkreis», wie es Geologist (mit bürgerlichen Namen Brian Weitz) in einem Interview ausdrückte. Ein Punk-Album ist das Werk dennoch nicht. Man hört den Songs nicht an, woher sie ihre Inspiration nehmen. 

Diese Musik klingt so getrieben und gehetzt, als käme sie aus dem Mixer. Lässt man sich auf sie ein, ist man nach vierzig Minuten beinahe ausser Atem. Nur unbedingte Hingabe kann einen vor Überforderung schützen. Der dichte Klangteppich, den die sich überlappenden Gesangsstimmen von Avey Tare (David Portner) und Panda Bear (Noah Lennox) begleiten, erinnert an den Informations-Overkill, dem wir täglich ausgesetzt sind, und er schützt zugleich auch davor: Multitasking kann man bei dieser Musik vergessen.

Fans des Mainstreams werden sich darüber freuen, dass das neue Album «Painting With» an die heitere Grundstimmung der vorletzten CD «Merriweather Post Pavilion» (2009) erinnert, mit dem Animal Collective ihren grössten Erfolg feierten. Das lüpfige Eröffnungsstück «FloriDada» fährt einem besonders in die Ohren. Avey Tare ist zwar nicht gerade bekannt für politische Statements, die Hymne auf den Sonnenstaat schrieb er aber als Reaktion auf die Radiosendung «Dumme Dinge, die Menschen in Florida gerade tun». Diese ist für ihn ein Sinnbild für das zerbröckelnde Zusammengehörigkeitsgefühl der Amerikaner. Dem wollte er entgegenwirken. 

Zum Album gibt es auch eine App, mit der man die Musik auf dem Touchscreen visuell darstellen kann. Das ist wie damals mit den Fingerfarben im Kindergarten und bereitet eine kindliche Freude. Selbst das Aufhängen des Kunstwerks am Kühlschrank der Familie hat sein digitales Pendant auf Twitter gefunden. Die Band war schon in der Vergangenheit daran interessiert, Bilder für ihre Musik zu schaffen: zum Beispiel mit dem psychedelischen Film «ODDSAC» (2010) oder ihrer Performance «Transverse Temporal Gyrus» (2012) im Guggenheim-Museum in New York. Mit der App haben die Musiker sich nun den Wunsch erfüllt, ihre Fans an diesem Entstehungsprozess teilhaben zu lassen. So geht Höhlenmalerei im 21. Jahrhundert.

Klingt wie eine Fee

Eerie Wanda: Hum. Beyond Beyond Is Beyond.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Der Name Eerie Wanda (auf Deutsch: gespenstische Wanda) erinnert an verfallene Schlösser und spukende Geister. Dabei klingt die Musik wie ein leichter Morgennebel über grünen Auen. Zart und flüchtig wie der weisse Wasserdampf zieht sie langsam über die grünen Gräser. Die sie begleitende Stimme von Marina Tadic klingt darüber wie eine sanfte Sirene, die den frühmorgendlichen Spaziergänger zu sich lockt, ohne dass er die Verführerin jemals zu Gesicht bekäme. Sie bleibt diese körperlose lockende Stimme. Die Kunststudentin Marina Tadic hat einen Grossteil der Songs alleine in ihrem Zimmer geschrieben. Dabei hat sie sich von The Velvet Underground und Beat Happening inspirieren lassen. Ihre Musik kursierte anschliessend auf Demo-Tapes in der Amsterdamer Musikszene, bevor ihr ein Freund vorschlug, eine Band zu gründen und die Songs professionell aufzunehmen. Das herausragendste Merkmal dieser Musik, diese Sanfte-Morgennebel-Qualität, die einen anfänglich lockt, wird mit der Zeit leider zähflüssig. Denn spätestens nach dem achten Song wird der Sound zu einem Einheitsbrei, der sich einem wie ein klebriges Spinnennetz um die Beine wickelt. Wer auf der Suche ist nach atmosphärischer Musik, liegt mit dem Album «Hum» goldrichtig. Aber wer seine Songs wie einzelne Perlen auf einer Schnur aufgereiht mag, wo jede für sich glänzt, sollte besser die Finger davon lassen. 

United States of Love

Von Murièle Weber (FRAME)

Die seelenlose Plattenbausiedlung mit Sowjet-Chic liegt irgendwo im polnischen Hinterland. Hier kreuzen sich die Wege von Frauen, die in den vier Episoden dieses Dramas auftreten. Es ist das Jahr 1990. Das Land öffnet sich langsam. Erste deutsche Touristen kommen zur Kur. Es gibt Jeans und Kaugummi zu kaufen, und die Russischlehrerin an der Schule wird durch eine Englischlehrerin ersetzt. Aber bis in den Intimbereich der Familie dringen diese sozialen Veränderungen und die Aufbruchstimmung noch nicht vor. Und so steckt die verheiratete Agata in der Vorhölle einer unerwiderten Liebe zu ihrem Priester fest. Schuldirektorin Iza hingegen führt seit Jahren eine Beziehung zu einem verheirateten Arzt. Die Lehrerin Renata sucht mehr als freundschaftliche Nähe zu Marzena, die wiederum von einer Karriere als Model im Westen träumt. Da Tomasz Wasilewskis Vater wie viele andere Männer einige Jahre im Ausland gearbeitet hat, ist der Regisseur vor allem mit Frauen aufgewachsen, wie er an der Pressekonferenz an der Berlinale erzählte. Das merkt man dem Film auch an: Er ist wie der Blick eines neugierigen Knaben auf die unverständliche Welt der Erwachsenen. Wasilewski mag Frauen, fühlt sich ihnen verbunden, versteht sie und ihre Welt und will ihren Schmerz und ihre stille Verzweiflung zeigen. Aber leider setzt er, wie schon in seinem zweiten Spielfilm, «Floating Skyscrapers» (2013), auf viel zu viele Klischees. Die ehemalige Schönheitskönigin wird prompt vom Fotografen vergewaltigt, die Lehrerin lebt als alte Jungfer in ihrer Wohnung zusammen mit, nein, nicht Katzen, sondern 20 Vögeln. Es ist deshalb nicht ganz verständlich, wie der Film an der diesjährigen Berlinale zu einem Silbernen Bären gekommen ist.

Soundtrack zum Vollbart

The Record Company: Give It Back to You. Concord Music.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Bereits nach dem ersten Song hat man ein Bild vor Augen: Eine Gruppe bärtiger Männer, die in Holzfällerhemden mit einem Bier in der Hand um einen rauchenden Grill stehen. Nicht nur sieht die Band so aus, der Legende nach verlief so auch ihre Entstehungsgeschichte: drei Männer, viel Bier, brutzelndes Fleisch über dem Feuer und alte Bluesmusik. Bis einer von ihnen auf die Idee kam, die Musik könnte man auch selber machen. Der Sound von The Record Company erinnert ein wenig an das Rockabilly-Projekt Dick Brave and the Backbeats oder an die deutsche Band The BossHoss. Aber die Musik der Jungs aus Los Angeles klingt rauer, rauchiger und dreckiger. Sie ist weniger darum bemüht, dem Mainstream-Publikum zu gefallen. Ihre Wurzeln finden sich einerseits im Blues der Südstaaten, wie ihn John Lee Hooker spielte, und andererseits im Rock’n’Roll der sechziger Jahre wie jenem der Stooges. Mit ihren Songs um Einsamkeit, den harten Alltag und das Leben auf der Strasse hat es ihre Musik in die Bierwerbung geschafft, und The Record Company selber wurde zur Vorband von B. B. King. Vor allem aber findet sich hier die Sehnsucht des bärtigen Hipsters nach seinem Weib, zum Beispiel in «Don’t Let Me Get Lonely» oder «In the Mood for You». Wer auch 2016 noch Vollbart trägt, kann sich bei The Record Company den passenden Soundtrack für den nächsten Männerabend besorgen.

Cabriolet zum Sonnenuntergang

Walter Martin: Arts & Leisure. Ile Flottante Music.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Was macht einer, der fast sein ganzes Leben in Bands war, nachdem sich 2013 seine Indie-Rockgruppe The Walkmen auflöste? Klar, er schreibt ein Soloalbum. Und da Walter Martin bereits zweifacher Vater war, schrieb er sein erstes Album, «We’re All Young Together» 2014 gleichsam für Eltern und Kinder. Nebst einem Ausflug in den Zoo preist der Musiker, an dessen Hochzeit eine Beatles-Coverband spielte, verschmitzt die Vorzüge jedes Mitglieds der Fab Four. Auf seinem zweiten Album, «Arts & Leisure», besingt der ehemalige Kunststudent in «Daniel in the Lions’ Den» und «Watson and the Shark» zwei Gemälde anschaulich sowie in «Michelangelo» und «Charles Rennie Mackintosh» in bester Folk-Manier die entsprechenden Künstler. Dabei fehlt es selten an Selbstironie. So singt er in «Amsterdam»: «Rate mal, wer in die Stadt verknallt ist? Ich bin’s, ich bin’s. Wieder zu Hause, lerne ich Holländisch. Das klingt jetzt toll, aber ach, daraus wird bestimmt wieder nichts.» Die Musik wirkt optimistischer und leichtfüssiger als auf den Alben der Walkmen und macht vor allem Lust auf Sonnenschein und Ferien. Und spätestens wenn Martin in «Down by the Singing Sea» von einem Tag am Meer mit jagenden Fischen und einer Sandburg singt, die von anrollenden Wellen bedroht wird, wünscht man sich in ein Cabriolet zum Sonnenuntergang. 

Ganz schön verrückt

Die Madrider Band Hinds hat es dank Online-Veröffentlichungen auf die grossen Bühnen geschafft. Das ist völlig verdient: Ihre Garagenmusik schmeckt nach Sonne und geht in die Beine.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

«It’s crazy!», sagt die 21-jährige Ana García Perrote während des Interviews immer wieder. Und verrückt ist das Ganze wirklich. Innerhalb eines Jahres sind sie und ihre drei Mitstreiterinnen der Band Hinds von ihrem Studentendasein in Madrid, auf die grossen Musikbühnen katapultiert worden: Vorband von The Strokes im Hyde Park, Auftritt am Glastonbury-Musikfestival, Welttournee. Und dann gibt’s da noch diese Anekdote einer Party in Harrison Fords Haus. Aber der Reihe nach. 

Angefangen hat alles an einem Strand in Spanien. Als García Perrote mit der 24-jährigen Carlotta Cosials 2011 und Freunden am Meer war, brachte ihr Cosials einige Akkorde auf der Gitarre bei. Zurück in Madrid hatten sie ein paar Auftritte als Coverband, die die beiden aber der Erzählung nach mehr schlecht als recht über die Bühne brachten. Beschämt beschlossen sie, nie wieder ein Wort darüber zu verlieren. Achtzehn Monate später, im Winter 2013, begannen sie eigene Songs zu schreiben. Zwei davon nahmen sie mit ihrem Smartphone auf und veröffentlichten sie als «Demo» im Frühling 2014 auf der Website Bandcamp (damals noch unter dem Bandnamen Deer, inzwischen zwang die gleich klingende Band The Dears sie zu einem Namenswechsel).

Es dauerte nur wenige Monate, bis es verrückt wurde. «Es wurde grösser und grösser, wie ein Schneeball, den man den Hang hinunterrollt», erzählt Perrote. Die einflussreiche Zeitschrift «New Musical Express» (NME) schrieb im Juli 2014 über sie, «The Guardian» erklärte ihr «Demo» Mitte September zum Album der Woche, und eine Plattenfirma flog extra nach Madrid. «Während des ersten Treffens fragte uns der Manager nach unseren Träumen. Wir sagten ihm, wir würden gerne drei Konzerte in Spanien spielen. Das war alles, was wir uns erhofften. Nur schon eine Band zu sein, war unser Traum.» 

Und nun sitzt García Perrote auf dem Sofa ihres Plattenlabels in London, neben ihr die 19-jährige Amber Grimbergen, die Schlagzeugerin der Band, die im Herbst 2014 kurz nach der 23-jährigen Bassistin Ade Martín zur Band stiess. Vor ihnen steht der Laptop, auf dem wir über Skype kommunizieren. Perrote fallen die dunkelbraunen Haare über die Schultern. Sie spricht schnell, lacht viel und gestikuliert wild mit den Händen. Ihre Lebensfreude ist ansteckend. Neben ihr wirkt die blonde Grimbergen etwas scheu und in sich gekehrt. 

Die Hinds sind ein Produkt ihrer Do-it-yourself-Generation. Sie haben nicht nur das Musikmachen sich selber beigebracht, die Songs selber aufgenommen und ihre eigenen Videoclips gefilmt und geschnitten. Auch ihre Social-Media-Präsenz haben sie genauestens überwacht. «Wir sind richtige Social-Media-Freaks und haben von Anfang an genau darauf geachtet, wer uns liket und wer nicht und welche Foto und welcher Eintrag geliket werden», erzählt Perrote selbstironisch lachend. 

Kurz nach dem Plattenvertrag kamen bereits die ersten Konzertanfragen: Thailand, Hongkong, Australien. Und dann rief der Manager von The Libertines an. «Er sagte: ‹Okay, flippt nicht aus, und ihr müsst das auch nicht machen, wenn ihr euch nicht bereit fühlt, aber wir wollen euch als Vorband.›» Perrote lacht erneut schallend. «Natürlich haben wir zugesagt, obwohl es erst unser 20. Konzert war, und dann gleich noch vor sechstausend Zuschauern. Wir waren so nervös, dass wir vorher kaum schlafen konnten.»

Ihre Songs im Garage-Rock-Stil klingen wie eine Kreuzung zwischen den Black Lips und den Pipettes oder den Vivian Girls und den Thee Headcoatees. Deren Mitgröl-Kracher «Davey Crockett» haben sie inklusive des von den Ramones geprägten Punkmusik-Schlachtrufs «Gabba Gabba Hey» als Cover aufgenommen. Ihre Songs drehen sich um das, was einen eben bewegt, wenn man Anfang zwanzig ist: Beziehungen, Liebe, Ausgang, Freunde. Die schrammenden Gitarrenriffs und die sich manchmal überschlagenden Stimmen passen zu ihrer DIY-Musik, die gute Laune macht und schnell in die Beine fährt. 

Diesen Stil wollten sie auch beibehalten, als ihnen im April 2015 zum ersten Mal ein Studio zur Verfügung stand. Als Produzenten wählten sie deshalb den befreundeten Musiker Diego García der Garage-Band The Parrots. Und so hat man beim Anhören ihres Albums das Gefühl, live mit Freunden in einem Bandkeller zu sein, Bier und Zigarette in der Hand, während man sich beim Mitsingen heiser schreit. 

Böse Zungen behaupten, der Erfolg sei ihnen bloss durch ihre Jugend und ihr Aussehen beschert worden; gestandene Musikjournalisten berichten in einem etwas väterlichen, gönnerhaften Ton über die Band. Dabei merkt man den Frauen während des Interviews deutlich an, wie hart sie für ihren Erfolg arbeiten. «Zwei Monate nach den Aufnahmen kamen wir wie Nerds mit seitenlangen detaillierten Notizen zurück ins Studio, um die Songs abzumischen», erzählt Ana García Perrote. 

Auch ihrer Heimatstadt ist ihr Erfolg nicht entgangen. «Wir sind nicht wirklich berühmt in Madrid, eher berüchtigt. Weil das so verrückt ist, was mit uns passiert ist, mögen uns nicht alle. Also entweder sie lieben uns, oder sie hassen uns», ergänzt Perrote und wirkt zum ersten Mal distanziert. 

Und wie war das jetzt mit Harrison Fords Haus? Perrote krümmt sich wieder vor Lachen. «Das stimmt schon. Wir waren in seinem Haus. Eine befreundete Band von uns ist mit der Band von Fords Sohn befreundet, und die haben uns gefragt, ob wir mitkommen wollen.» So einfach geht das. Und wie war’s? «Gross. Irgendwo war auch noch seine Mutter, und Ade musste sich später in seinem Badezimmer übergeben.» Da ist es wieder, ihr Lachen. «It’s crazy», sagt sie. «Wir verdanken das alles dem Internet.»

Im Schaumbad

Villagers: Where Have You Been All My Life? Domino Records.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Die aus Dublin stammende Band Villagers gibt es zwar schon seit 2008, bis anhin dümpelte sie aber eher am Rande der Musikszene dahin. Das scheint sich nun mit ihrem vierten Album «Where Have You Been All My Life?», das ironischerweise keine neuen Songs enthält, zu ändern – denn nun entdeckt sie auch der Mainstream. Während ihrer «Darling Arithmetic»-Tour 2015, mit der sie ihr gleichnamiges Album vermarkteten, arrangierte Songschreiber und Frontmann Conor O’Brien viele ihrer älteren Songs um. Daraus entstand die Idee, zehn dieser Lieder neu einzuspielen – live an einem Tag in den Londoner RAK-Studios und ohne Nachbearbeitung. Auch wenn Conor O’Brien in «Everything I Am Is Yours» zugibt, es falle ihm schwer, zu sagen, was in ihm vorgehe, singt der homosexuelle Sänger in «Hot Scary Summer» sehr ehrlich über seine Erfahrungen mit Homophobie. Und im Track «Memoir», ge- schrieben für Charlotte Gainsbourgs Album «Stage Whisper» (2011), wirft er sich gar auf den metaphorischen Scheiterhaufen einer verflossenen Liebe. O’Brien hat keine Angst vor grossen Gefühlen. Doch obwohl sich die Neuaufnahme gelohnt hat und sie vielen Songs eine Wärme verleiht, die man bei früheren Aufnahmen vermisste, ist das Folk-Pop-Gemisch so glatt, dass nichts hängenbleibt. Aber um ein Schaumbad im Kerzenschein musikalisch zu untermalen, reicht es allemal.

Sei du selbst!

Die Sängerin Peaches bezirzt mit trotzigen Texten und anzüglichen Posen. Sie führt die Tradition von Provokateuren wie John Waters weiter, die in den siebziger Jahren zu ihrer multisexuellen Identität standen.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Wenn Filmemacher eine anzügliche Szene gedreht haben, untermalen sie sie gerne mit Musik von Peaches. So hat das Sofia Coppola in «Lost in Translation» gemacht, wenn Bill Murray in einem Striptease-Klub versucht, den nackten Hintern einer Tänzerin zu ignorieren. Oder die Macher der Animationsserie «South Park», wenn der verdeckte Ermittler an einer Studentenparty nur mit einem Bikini bekleidet aus einer Torte springt.

Dabei will sich die kanadische Musikerin Merrill Beth Nisker, die sich vor 15 Jahren den Bühnennamen Peaches gab, keineswegs als Aushängeschild einer sexbesessen Gesellschaft verstanden wissen. «Ich drücke mich einfach gerne in einer Sprache aus, die von sexuellen Anspielungen lebt», sagt Peaches, die aus einer jüdischen Familie in Toronto stammt. Sie befindet sich derzeit auf Tournee mit ihrem neuen Album «Rub». Als wir sie sprechen, hält sie sich in New York auf, im Hintergrund hört man Autos vorbeidonnern.

Peaches’ Musik oszilliert zwischen Electro, Hip-Hop und Punk, wird aber gerne dem Electroclash zugeordnet, jenem Musikstil, der Anfang des Jahrtausends ein Revival der Discomusik zelebrierte und Sexualität, Individualität und Ironie zurück in den Techno brachte. «Es war das erste Mal seit langem, dass die Musik wieder queer war: unverhohlen sexuell, extravagant und weltoffen», erzählt Peaches. «Leider verschwand diese Szene sehr schnell wieder.» Das musikalische Mekka war damals Berlin, das die Sängerin im Jahr 2000 als neue Heimat wählte. Heute pendelt sie zwischen der deutschen Hauptstadt und Los Angeles. 

Spiel mit Phantasien

Auch wenn die Tage des Electroclash gezählt sind – Peaches bleibt ihrem Stil treu. An ihren Konzerten spult sie nicht einfach ihr Repertoire ab, sondern bietet immer Performances in extravaganter Aufmachung. «Die Kostüme sind wichtig. Das Publikum liebt sie. Während jedes Konzerts gibt es einen Moment, in dem ich fast nackt auf der Bühne stehe.» Was will sie damit ausdrücken? «Meine Botschaft lautet: Wir alle haben unsere Masken, aber eigentlich brauchen wir sie nicht.» So springt sie vor Publikum abwechselnd im Ganzkörperkostüm mit baumelndem Stoffpenis herum, in einem Body mit angenähten Brüsten oder in einem flatternden Umhang, der wie eine Vagina aussieht. «Ich setze gerne eine Phantasie in die Realität um und reisse sie danach nieder. Die Show soll den Leuten einen Anstoss geben, zu überlegen, was eigentlich ihre heimlichen Phantasien sind.» 

Peaches bewegt sich in der Ästhetik der Midnight-Movies, jenes Phänomens der siebziger Jahre, als Low-Budget-Produktionen in Spätvorstellungen zu Kultfilmen avancierten. In Klassikern wie «The Rocky Horror Picture Show», «Liquid Sky» oder «Pink Flamingos» wurde mit Geschlechternormen experimentiert und wurden abnormale Körper gefeiert. Da verwundert es kaum, dass Peaches sowohl «Liquid Sky» als auch John Waters, den Regisseur von «Pink Flamingos», als Inspirationsquellen nennt, zusammen mit Künstlern wie Cindy Sherman, PJ Harvey und Grace Jones – sie alle rebellierten gegen bürgerliche Geschlechternormen und experimentierten mit transsexuellen Posen. In dieser Tradition sieht sich Peaches – und nicht als verhockte Feministin mit politischen Absichten. «Meine Musik soll Spass machen. Ich will nicht als Zorn-Frau herüberkommen. Die Menschen sollen meine Musik geniessen und mitsingen können.» Sie lacht. «Und dann kommt dieser Aha-Moment, wenn ihnen klar wird, was sie da singen.»

Ihre ausgefallenen Outfits und Songs wie «Fuck the Pain Away», der sowohl in «Lost in Translation» als auch in «South Park» zu hören und auf mehreren Best-Songs-Listen zu finden ist, haben Peaches den Ruf eingebracht, auf Sex fixiert zu sein. Dabei geht es ihr eben gerade nicht um die Instrumentalisierung des weiblichen Körpers, sondern um starke weibliche Vorbilder. Zu ihnen gehören unter anderen Blondie-Sängerin Debbie Harry und die Pretenders-Frontfrau Chrissie Hynde, denen Peaches ein musikalisches Denkmal setzt. Auch ihr Künstlername ist eine Hommage an eine Grosse: Sie entnahm ihn Nina Simones Lied «Four Women».

Mit Iggy Pop

«Bei der Arbeit gehe ich meist von einem Beat aus, der nicht zwangsläufig für eine Idee steht. Die beiden treffen sich irgendwann, die Melodie kommt danach.» Oft beginnt sie mit einer Zeile, die ihr nicht mehr aus dem Kopf will. Beim Song «Dick in die Air» auf ihrem neuen Album «Rub» war es die Zeile «Whose jizz is this?» (Wessen Sperma ist das?). Entstanden ist eine in Musik gepackte Forderung nach der Umkehrung der Geschlechternormen: «We’ve been shaking our tits for years, so let’s switch positions, no inhibitions / Put your dick in the air.» (Wir haben unsere Brüste während Jahren geschwungen, lasst uns nun die Positionen tauschen, keine Hemmungen. Halt deinen Schwanz in die Höhe.) 

Wie wichtig Peaches der Austausch mit anderen Künstlern ist, bezeugt auch der Bildband «What Else Is in the Teaches of Peaches» von Fotograf Holger Talinski. Darin sieht man Peaches lachend mit ihrem Ex-Freund Chilly Gonzales, der sie bei ihrer Solo-Show «Peaches Christ Superstar» am Klavier begleitete. Man sieht sie mit Iggy Pop, mit dem sie den Song «Kick It» aufnahm, mit Yoko Ono, deren Live-Performance von 1964 «Cut Piece» sie 2013 in London wiederaufführte, sowie mit Pink, auf deren Album «Try This» Peaches mitsang. 

Daneben enthält das Buch Fotos wie jene von ihr mit einer nackten Frau in der Badewanne. Auch schlafend auf dem Ledersofa im Hause ihrer Eltern ist sie zu sehen, über ihr ein spiessiges Blumenstrauss-Ölbild, vor dem Fenster Vorstadtidyll. Die Füsse hat sie auf dem Schoss ihres Vaters placiert, die Mutter streicht ihr über den Kopf. 

Es ist diese Verletzlichkeit, die das Klischee, Peaches sei bloss eine Provokateurin auf der Flucht vor dem Spiessbürgertum, Lügen straft. Die 47-jährige Frau ist sie selbst. Und es braucht verdammt dicke Eier, sich so verletzlich zu zeigen. 

Konzert 

Peaches tritt am 7.12.15 um 20 Uhr in der Roten Fabrik in Zürich auf. Sie spielt Songs ihres neuen Albums «Rub», das bei Rough Trade erschienen ist. Der Fotoband «What Else Is in the Teaches of Peaches», bei Akashic Books erschienen, kostet 37 Franken 90.

Ich bin trans, na und?

Foto: Flickr, Alberto Frank

Caitlyn Jenner verändert mit ihren Auftritten die Wahrnehmung von Menschen, die sich dem anderen Geschlecht zugehörig fühlen. Auch die Kunst zeigt Transgender nicht mehr als Psychopathen oder glatte Transvestiten.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Seit ihrem Comingout als Transgender im April ist die ehemalige Olympiasiegerin im Zehnkampf (damals noch Bruce) und das frühere Oberhaupt des Kardashian-Clans Caitlyn Jenner nicht mehr aus den Medien wegzudenken. Es folgten ein viel diskutiertes Fotoshooting und die «Call Me Caitlyn»-Titelgeschichte im Magazin «Vanity Fair». Seit letztem Sonntag läuft Jenners eigene Reality-Show «I Am Cait» auf dem amerikanischen Sender E!. 

Es vergeht kaum eine Woche ohne Berichte über Transgender. Vorletzte Woche wurde bekannt, dass die amerikanische Armee laut darüber nachdenkt, Transmenschen in ihren Reihen zu akzeptieren. Diese Armee also, die erst 2011 ihre «Don’t Ask, Don’t Tell»-Politik aufgehoben hatte, die besagte, dass Homosexuelle nur dienen durften, solange ihre Sexualität nicht bekannt war. Selbst im erzkonservativen Polen sitzt eine Transfrau im Parlament. 

Wie kommt es, dass in wenigen Jahren die Sichtbarkeit und Akzeptanz von Transmenschen so stark zugenommen hat? Die Transfrau Laverne Cox, die in der Netflix-Serie «Orange Is the New Black» spielt, und der Schauspieler Jeffrey Tambor, der in der preisgekrönten Amazon-Serie «Transparent» eine Transfrau verkörpert, sind nicht umsonst zu inoffiziellen Sprechern der Transcommunity befördert worden. Denn der Kunst kommt eine zentrale Rolle zu. Schon Oscar Wilde verwies auf diese Wechselwirkung: «Das Leben imitiert die Kunst viel häufiger als die Kunst das Leben.» 

Bis in die neunziger Jahre noch wurden Transmenschen im Massenmedium Kino auf Crossdresser reduziert: von Jack Lemmon und Tony Curtis, die in «Some Like it Hot» (1959) in Röcken ein Frauenorchester infiltrieren, bis zu Robin Williams als grauhaarigem, vollbusigem Kindermädchen «Mrs. Doubtfire» (1993). Oder sie wurden als wahnsinnige Serienmörder skandalisiert: von Norman Bates in «Psycho» (1960), der, als seine Mutter verkleidet, mit einem überdimensionierten Messer Frauen in der Dusche attackiert, bis zu Serienmörder Buffalo Bill in «The Silence of the Lambs» (1991), der sich aus der Haut der getöteten Frauen ein Kostüm näht. Erst Ende der neunziger Jahre wurde mit «Boys Don’t Cry», der Lebens- und Leidensgeschichte des Transmannes Brandon Teena (Hilary Swank), ein neues Kapitel aufgeschlagen. 

Die siebziger Jahre ebneten immerhin den Weg zu mehr Anerkennung. Zwar war es damals noch kaum möglich, Transgender jenseits der Stereotype zu zeigen. Doch die breitere Akzeptanz des Feminismus und das Aufkommen der Schwulen- und Lesbenbewegung ermöglichten es, starre Geschlechterrollen aufzubrechen und damit zu experimentieren. Während auf den Laufstegen androgyne Models wie Grace Jones Einzug hielten, verkörperten in den Glam-Rock-Jahren Sänger wie David Bowie als «Ziggy Stardust» geschminkte, androgyne Wesen. 

Transmenschen sichtbar machten dann Künstler wie die Fotografin Nan Goldin. Sie zeigte bereits in den siebziger Jahren ein differenziertes und vor allem humanisierendes Bild der Drag- und Transcommunity in New York City, die sie über Jahre hinweg porträtierte und 1993 in «The Other Side» zusammenfasste. «Die Menschen in diesem Buch leiden nicht an einer Geschlechterdysphorie [Störung], sondern geben ihrer Geschlechtereuphorie Ausdruck», sagte Goldin dazu. Und im Film «Car Wash» (1976) wagte es dann auch zum ersten Mal eine Transfrau, sich gewieft gegen die verbalen Diskriminierungen eines Arbeitskollegen zu wehren: «Ich bin mehr Mann, als du jemals sein wirst, und mehr Frau, als du jemals haben wirst.»

Wichtig war nicht nur, dass Geschlechterrollen aufgebrochen und Transmenschen sichtbarer gemacht wurden, auch die Authentizitätsbotschaft ist zentral. In «The Rocky Horror Picture Show» (1975) verführt der selbstproklamierte Transsexuelle Frank’N’Furter in Pumps, Strapsen und Korsett das verklemmte Studentenpaar Brad und Janet. Dies animierte Menschen in aller Welt dazu, ihrer eigenen Verrücktheit Ausdruck zu verleihen und in Kinos lauthals die Authentizitätshymne «Don’t Dream It, Be It» zu johlen. Auch heute tragen Comingouts von Berühmtheiten oder die flamboyanten Auftritte von Conchita Wurst die Botschaft in sich «Du darfst so sein, wie du willst». Das ist nicht nur für Transmenschen verlockend, sondern kommt auch beim biederen Durchschnittsbürger an. 

Aber wie die Kulturwissenschafterin Elahe Haschemi Yekani richtig feststellt, ist es «zu einfach zu sagen, mehr Bilder gleich mehr Akzeptanz». Es kommt auf die Art der Darstellung von Transmenschen an. Diese muss normalisierend sein statt schockierend. 2005 wurde mit dem Film «Transamerica» genau das erreicht. Die Transfrau Bree (Felicity Huffman) kommt ihrem bis anhin fremden Sohn auf einer Reise durch die USA näher. Weil diese Formel bekannt ist, sieht Haschemi Yekani darin den normaliserenden Effekt. «Der Film nimmt das typische Roadmovie und konzentriert sich auf das Familiäre. Bree ist eine komplexe Figur, die unter anderem trans ist.»

In der guten Stube

Kein anderes Medium erreicht einen normalisierenden Effekt so effizient wie das Fernsehen. Da der Fernsehapparat – oder heute oft der Computer – in den eigenen vier Wänden steht, holt man sich die Welt quasi ins Familien-Wohnzimmer. Nebenrollen von Transmenschen in TV-Serien wie «Glee» oder «Grey’s Anatomy», aber auch Auftritte in «Let’s Dance» sind deshalb wichtig für die Minderheit. Eingebettet in diese Serien, erscheinen Transmenschen nicht als etwas Aussergewöhnliches, sondern in «Dimensionen des Alltäglichen», wie Haschemi Yekani es nennt. In der Serie «Transparent» «geht es natürlich um die Geschlechtsangleichung einer Figur, aber es geht auch um Familienprobleme, um Beziehungsfragen und andere Themen», sagt Haschemi Yekani. Und darin erkennen wir uns alle wieder. 

Viel wurde also erreicht. Aber weil es immer noch relativ wenige sichtbare Transfrauen gibt, besteht die Gefahr, dass die dargestellte Form von Weiblichkeit als die einzige wahrgenommen wird. Dabei geht vergessen, dass Transmenschen sich im genau gleich breiten Spektrum zwischen mehr oder weniger feminin oder maskulin befinden wie alle Frauen und alle Männer. Deshalb ist die Serie «Orange Is the New Black» so erfrischend. Sie zeigt eine breite Palette an sehr unterschiedlichen Frauen, wobei ein breites Spektrum an Weiblichkeit, von der sehr maskulinen Boo (Lea DeLaria) bis zur sehr femininen Piper (Taylor Schilling), nur eines der Merkmale ist. Die (Trans-)Frau Sophia ist da eine unter vielen. 

Während sich die Filmindustrie zehn Jahre nach «Transamerica» erneut des Themas Transweiblichkeit in «The Danish Girl» annimmt (der Film mit Oscarpreisträger Eddie Redmayne kommt im November ins Kino), geht Transmännlichkeit oft vergessen. Die Subkultur versucht dem entgegenzuwirken. Der Fotograf Loren Cameron zum Beispiel posiert in einem Selbstporträt nackt, braun gebrannt, tätowiert und muskulös mit deutlichem Bartschatten in einer klassischen Bodybuilder-Pose – und mit weiblichen Genitalien. Das erhöht nicht nur die Sichtbarkeit, sondern wirft auch die Frage auf: Wie definieren wir Geschlecht?

Damit befasst sich ebenfalls der Intersex-Fotograf Del LaGrace Volcano. In einem Selbstporträt zeigt er sich mit Schnauz, Ziegenbärtchen und rosarotem Rock, den er mit herausforderndem Blick bis zur Körpermitte hochhebt, wo man kaum sichtbar seine weiblichen Genitalien sieht. Damit setzt er in Szene, womit die meisten Transmenschen tagtäglich konfrontiert sind – die Frage nämlich: «Hast du denn jetzt weibliche oder männliche Geschlechtsorgane?» Diese Frage ist verständlich, wenn man bedenkt, dass schon Kindern auf diese Weise der Unterschied zwischen Mann und Frau erklärt wird. Sie eignet sich aber schlecht, daran das ganze Spektrum von Geschlechtsidentität festzumachen.


Mit allen Nachteilen

Wann ist eine Minderheit im Mainstream angekommen? Wenn man die Antwort in einer normalisierenden Darstellung sucht, dann ist das für Transmenschen mit der Berichterstattung über Caitlyn Jenners neue Rolle sicher erreicht. Nach den überwältigend positiven Reaktionen auf ihr erstes Fotoshooting gingen die Medien sofort dazu über, ihr Aussehen bis ins kleinste Detail zu kommentieren und zu kritisieren – ein Vorgang, den Frauen seit Jahrhunderten kennen. Dies veranlasste den US-Komiker Jon Stewart in «The Daily Show», ihr wie folgt zu gratulieren: «Caitlyn, welcome to being a woman in America.»

Begriffe im Wandel – Am liebsten «Trans*» 

Auch auf Deutsch verwendet man den Begriff «transgender» für Menschen, die sich nicht dem Geschlecht zugehörig fühlen, das ihnen bei Geburt zugeschrieben wurde. Den früher gebräuchlichen Ausdruck «transsexuell» hingegen lehnt die Gemeinde ab, da die Geschlechteridentität nichts mit der Sexualität zu tun habe. Es wird auch nicht mehr unterschieden, ob jemand eine geschlechtsangleichende Operation gemacht hat oder nicht. Viele Transmenschen bevorzugen den Begriff «Trans*», um transgender und transsexuell vollständig zu umgehen. Daraus resultieren dann auch die Begriffe Transmann oder Transfrau. Transgender hat nichts mit Crossdressern zu tun wie dem Komiker Eddie Izzard, der häufig in Frauenkleidern auftritt, oder Transvestiten wie Thomas Neuwirth, der mit seiner Kunstfigur Conchita Wurst bekannt wurde. 

Bild: flickr / Dominick D

Laverne Cox

Die in Alabama geborene Schauspielerin macht gerne ein Geheimnis um ihr Alter. Sie wurde durch ihre Rolle als Transfrau Sophia Burset in der Netflix-Serie «Orange Is the New Black» bekannt. Gleich in drei Situationen war Laverne Cox der erste Transmensch: als sie 2013 eine Emmy-Nominierung erhielt, 2014, als sie auf der Titelseite des «Time»-Magazins erschien für einen Artikel über Transgender, und im Juni 2015, als sie ins Wachsfigurenkabinett von Madame Tussaud in San Francisco aufgenommen wurde.

Chaz Bono

Der 1969 in LA geborene Journalist ist das einzige Kind von Sonny und Cher. Als Kind trat er mehrmals mit seinen Eltern im Fernsehen auf. Auf öffentlichen Druck hin outete er sich 1995 als lesbisch. 2008 begann Bono mit der Geschlechtsangleichung, einer Entwicklung, die im Dokumentarfilm «Becoming Chaz» gezeigt wird. 2011 nahm Bono als Kandidat in der Sendung «Dancing with the Stars» teil. Das war das erste Mal, dass ein Transmensch in einer US-TV-Sendung auftrat, ohne dass es explizit um Trans* ging.

Bild: flickr / Joren Komen

Anohni (Antony Hegarty)

Die Sängerin der Band Antony and the Johnsons wurde 1971 in England geboren und wuchs im Raum San Francisco auf. Hegarty besingt ihre Geschlechtsidentität unter anderem im Song «For Today I Am a Boy». Vom Magazin «Flavorwire» auf ihr Geschlecht angesprochen, sagte sie: «In meinem Privatleben bevorzuge ich weibliche Pronomen. Ich denke, Wörter sind wichtig. Jemanden mit dem von ihm gewählten Geschlecht anzusprechen, würdigt seinen Geist, sein Leben und seine Errungenschaften.» 

Bild: flickr / Walt Disney Television

Caitlyn Jenner

Die zurzeit bekannteste Transfrau wurde 1949 als William Bruce Jenner in New York geboren. 1976 gewann sie an den Olympischen Spielen Gold im Zehnkampf. Als Vater von Kendall und Kylie sah man sie in «Keeping Up with the Kardashians». Im April 2015 outete sich Jenner in der ABC-Show «20/20» Diane Sawyer gegenüber öffentlich als Transfrau. Dafür erhielt sie viel Lob, selbst das Weisse Haus gratulierte zum «mutigen Schritt». Jenner setzt es sich zum Ziel, für die Rechte von Transmenschen einzustehen.