Lizenz zum Ausflippen

Das Freak-Cabaret Dakh Daughters 2016 am Rudolfstadt Festival, Foto: Schorle

Am Zürcher Theaterspektakel zeigen die Frauen der ukrainischen Theater- und Musikgruppe Dakh Daughters, was Freak-Cabaret kann – kraftvoll und verführerisch.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Alles begann mit Anna Nikitinas Traum, einmal in einem französischen Cabaret aufzutreten. Die 1986 im nordukrainischen Pryluky geborene Schauspielerin brauchte nicht viel Überredungskunst, um ihre Kolleginnen der Kiewer Theatergruppe Dakh zum Experimentieren zu bewegen. Was dabei herausgekommen ist: eine Mischung aus Punk, französischem Chanson und ukrainischer Folklore, mit der die Frauen ihr ganz eigenes Freak-Cabaret kreiert haben – explosiv, frech, erotisch. 

Wer die Dakh Daughters, wie sie sich seit ihrem ersten Auftritt 2012 nennen, auf der Bühne sieht, wird an die englische Band The Tiger Lillies erinnert. Diese kokettiert auf ihre Weise mit dem Label «Freak» und erhielt an den diesjährigen Zürcher Festspielen für ihre «Hamlet»-Inszenierung stehende Ovationen. Mit der englischen Band teilen die Ukrainerinnen die Liebe zur theatralischen Inszenierung. Aber während die Tiger Lillies die Schönheit im Abnormalen finden und diese ins Zentrum rücken, sehen die Dakh Daughters das Etikett «Freak» als Lizenz zur totalen künstlerischen Freiheit. Viele ihrer Lieder besitzen dann auch die Kraft und Rotzigkeit von Punkmusik.

Aus Anna Nikitinas Traum wurde in kürzester Zeit Realität. Die sieben ausgebildeten Schauspielerinnen des Dakh-Theaters – was so viel heisst wie «Dach» und auch so ausgesprochen wird – überzeugten Regisseur Vladislav Troitskyi mit ihren Ideen. Dieser hatte das Dakh-Theater 1994 als «Zentrum für zeitgenössische Kunst» in Kiew gegründet. «Innerhalb eines Monats stellten wir mit Troitskyi unsere Show zusammen, die wir dann in Paris uraufführten», erzählt Ruslana Khazipova am Telefon aus Avignon, wo die 28-Jährige gerade mit ihrer Gruppe am Theaterfestival auftrat. 

Und jetzt schrammen die sieben Frauen auf ihren rund zwanzig Instrumenten, als gäbe es kein Morgen. Sie entlocken Kontrabass, Akkordeon und Geige bald melodiöse, bald kreischende Töne. «Als Mitglieder des Dakh-Theaters haben wir verschiedene Instrumente spielen gelernt. Nicht alle in einer klassischen Ausbildung», erläutert Ruslana Khazipova. «Viele der Instrumente spielen wir auch einfach nach Gehör.» Wie sehr sie ihre Instrumente trotz aller Improvisation beherrschen, zeigen sie nicht nur, wenn eine von ihnen überraschend Chopin anstimmt. 

Dass es oft mehr auf Talent und die Freude am Experimentieren ankommt als auf eine klassische Ausbildung, haben schon viele Bands bewiesen, und bei Punk war es gar Programm. Amerikanische Verwandte der Dakh Daughters, die diese Experimentierfreude teilen, sind etwa das Duo CocoRosie, dessen Musik als Freak-Folk bezeichnet wird; Bianca Casady, die eine Hälfte von CocoRosie, tritt dieses Jahr ebenfalls am Theaterspektakel auf.

Zwischen Shaggy und Maidan

Während unseres Gesprächs betont Ruslana Khazipova immer wieder, wie wichtig das Energetische für ihre Aufführungen sei. «Unsere Gruppe ist wie ein Ball gefüllt mit Emotionen», sagt sie. «Und auf der Bühne lassen wir ihn dann explodieren.» Vom Publikum wünscht sie sich deshalb eine naive Offenheit. 

Die Songs der Dakh Daughters sind allesamt musikalische Collagen. Meisterhaft mischen sie französischen Rap mit traditionellen ukrainischen Weisen und orientalische Klänge mit englischer Popmusik. Inspiration finden sie in alltäglichen Begegnungen, der politischen Situation in ihrem Heimatland, aber auch in der Literatur. Sie zitieren Charles Bukowski, Joseph Brodsky, Taras Schewtschenko. 

Ihr bekanntester Song ist «Rozy/Donbass». Der Titel bezieht sich auf Donezk, die heftig umkämpfte Stadt im ostukrainischen Donbass. Sie ist auch bekannt als «Stadt der Millionen Rosen». Für den Refrain verwenden die Dakh Daughters vier Zeilen aus Shakespeares Sonett 35, das auch die Zeile «roses have thorns and silver fountains mud» enthält. Dunkel und monoton wie eine lateinisch gesungene katholische Messe rezitieren sie den klassischen Text. Ehe sie in bester Punkmanier auf Ukrainisch ihre Heimat besingen. Und schliesslich schreit eine dazwischen: «I am a lover, lover», die fast schon ikonische Zeile aus Shaggys Neunziger-Jahre-Hit «Boombastic». 

Russische Putzfrauen

Aufgeführt haben sie «Rozy/Donbass» auch während der Demonstrationen im Winter 2013/14 auf dem Maidan in Kiew. Zu Beginn der friedlichen Massenversammlung traten sie auf der offiziellen Bühne auf, später sangen sie ebenfalls an den zum Schutz vor Janukowitschs Schergen errichteten Barrikaden. «Das war unsere Art, die Menschen im Kampf für Selbstbestimmung und Freiheit zu unterstützen», sagt Ruslana Khazipova. «Wenn wir den Song auf unserer Tournee spielen, wollen wir die damals herrschende Energie spürbar machen und der Welt zeigen, woraus die Ukraine gemacht ist.»

Auf ihren künstlerischen Stil angesprochen, erklärt die Dakh Daughter Khazipova: «Wir befinden uns an der Schnittstelle zwischen Theater und Musik. Wir wollen Neuland betreten und einerseits das Theater und andererseits die Konzertformen weiterentwickeln.» Gleichzeitig sehen sie sich aber auch als Teil einer ukrainischen Theatertradition, die Lieder der Arbeiter und Bauern auf der Bühne dem Bürgertum zugänglich machte. Jeder Song wird von den Schauspielerinnen als Mini-Performance inszeniert, inklusive Kostümwechsel. Mit weiss bemalten Gesichtern, dunkel geschminkten Augen, übergrossen Wimpern und tiefroten Mündern sehen sie abwechselnd aus wie Stummfilmstars, russische Putzfrauen oder graziöse Ballerinen – je nachdem, ob sie gerade in eleganten Kleidern, grünen Kitteln oder schwarzen Tutus singen. 

Schönheit ist ihnen genauso wichtig wie eine selbstbewusste Haltung. Und so hockt Ruslana Khazipova während des Songs «Gannusya» auf einer grossen Trommel und haut mit dem Schlägel lasziv zwischen ihre gespreizten Beine. Dazu erzählt sie in einer melodiösen Kleinmädchenstimme vom harten Leben einer alten Ukrainerin, bevor alle sieben lautstark ins Publikum bellen – willkommen im Freak-Cabaret.