Sie ist kokett und stark

Lady Galore, Foto von Petra van Velzen

Das 22. schwullesbischen Festival zeigt «Galore», das Porträt einer Dragqueen aus Holland. Wir sprachen mit Lady Galore.

Von Murièle Weber (Züritipp)

Die Eltern waren nicht gerade begeistert, als sich Sander den Baas als schwul outete. So zog er bald vom Fischerstädtchen Den Helder nach Amsterdam. Nach einer Reihe von Jobs als Kosmetiker, Réceptionist oder Altersheim-Animator lieh er sich für einen Event die Perücke einer Dragqueen – in der Verkleidung als Frau stiess er auf so viel Zustimmung, dass er Angebote für weitere Auftritte bekam.

«Für mich gibt es viele Gemeinsamkeiten zwischen Drag und Feminismus», sagt uns Den Baas am Telefon. «Frauen haben so viel Stärke, und das versuche ich in einer überspitzten Form als Dragqueen zu zeigen. Lady Galore weiss, was sie will und steht dafür auch ein. Aber natürlich bin ich als Galore auch sehr kokett und zugänglich.»

Als Dragqueen gehe es ihm in erster Linie um Unterhaltung, sagt der 35-Jährige. «Es gibt ja verschiedene Formen von Drag. In Amsterdam ist zum Beispiel das Make-up am wichtigsten.» Den Baas’ Set besteht meist aus zwei Songeinlagen als Playback und einem kurzen Teil in der Mitte, in dem er frei improvisiert erzählt. «Wichtig ist mir ausserdem, etwas für meine Community zu machen, deshalb organisiere ich Workshops und bin eine mütterliche Figur für die jüngeren Dragqueens.»

Als der stark übergewichtige Den Baas sich 2017 dazu entschloss, eine Magenbandoperation durchführen zu lassen, fragte er die Zwillingsbrüder Lazlo und Dylan Tonk, ob sie als Filmemacher den Transformationsprozess begleiten würden. Diese waren sofort begeistert vom Projekt und folgten Sander zu Auftritten und Anlässen, aber eben auch ins Spital und die Essberatung.

«Lazlo und Dylan sind grossartige Regisseure, und ich bin stolz über die internationale Premiere», so Den Baas. «Bei meinem ersten Besuch in Zürich, war ich ganz begeistert vom klaren Wasser in eurem See und den Kühen, die ich mitten in der Stadt sah. Ich glaube, die filmten mit ihnen eine Werbung für Unterhosen.»

Sander den Baas sagt, die Leute seien oft zurückhaltend, wenn sie ihn als Drag Queen sehen. «Aber ich freue mich immer, wenn sie auf mich zukommen und reden oder ein Foto machen wollen.»

www.pinkapple.ch

Galore: von Dylan and Lazlo Tonk, Dokumentarfilm, NL 2019, 74 min.

Endlich erwachsen

https://www.flickr.com/photos/antdude3001/43295844722
Der erwachsene Shazam (Zachary Levi) mit seinem besten Freund Freddy (Jack Dylan Grazer). Bild: flickr

Ein Spass für junge Fans: Dank Magie wird ein Teenager zum Superhelden im Film «Shazam!».

Von Murièle Weber (Züritipp)

«Shazam!», ruft der 14-jährige Billy (Asher Angel) und verwandelt sich in den gleichnamigen Superhelden (Zachary Levi) im roten Kostüm. Die Superkräfte hat das Pflegekind vom sterbenden Magier Shazam erhalten, der eigentlich die sieben Todsünden bewachen sollte, dazu aber zu schwach war. Deshalb treiben sich die Sünden nun als zähnefletschende Monster auf der Welt herum.

Befreit wurden die Sünden vom Bösewicht Dr. Thaddeus Sivana (Mark Strong), der ursprünglich vom Magier als neuer Shazam auserwählt worden war, sich aber der Superkräfte als nicht würdig erwies. Nun stehen sich der verbitterte Sivana und der unerfahrene Shazam in einem Kampf auf Leben und Tod gegenüber.

Nach erwachsenen Comic-Adaptionen wie «Man of Steel», «Suicide Squad» oder «Wonder Woman» wendet sich DC mit «Shazam» bewusst an ein junges Publikum. Harmloser Spass steht im Vordergrund: Als Billy seine magischen Fähigkeiten erhält, wendet er sich an seinen Pflegebruder Freddy (Jack Dylan Grazer), der sich mit Superhelden auskennt. Die beiden versuchen in allerlei Tests, Shazams Kräfte zu eruieren, bevor sie diese für recht banale Zwecke einsetzen, zum Beispiel zur Unterhaltung von Touristen.

Der Film hat das Herz am richtigen Fleck und wird getragen von den zwei liebenswerten Jungs und ihrer spitzbübischen Freude an Billys Geheimidentität. Auch die Dynamik zwischen dem kindlichen Shazam und Freddy ist amüsant. Aber leider nutzt der Film das Potenzial nicht richtig aus, sondern verliert sich in allerlei Nebengeschichten über die Figuren und findet keinen gleichmässigen Rhythmus. Dem Zielpublikum jedoch dürfte das kaum auffallen.

Shazam, David F. Sandberg, USA 2019, 132 min.

Wenn die TV-Serie zur Playlist wird

Foto: Pexels, Andre Moura

Bei ihrer Musikauswahl richten sich die Leute immer häufiger nach ihrer Lieblingsserie. Das ist besonders für Bands abseits des Mainstreams eine Chance. 

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Wer sich vor den Zeiten des Internets einen bestimmten Song anhören wollte, musste sich oft physisch mächtig ins Zeug legen. Jahrzehntelang hatten viele Menschen immer eine leere Kassette eingelegt, um dann blitzschnell zum Recorder zu hechten, wenn das gewünschte Stück im Radio lief. Das Internet hat das wie so vieles vereinfacht. Gefällt einem in der Bar, im Radio oder am Fernsehen ein Lied, zückt man das Handy und sucht über die App Shazam den Titel, bevor man den Song direkt über die App in seinem Spotify-Account ablegt, um ihn dann später wieder anzuhören. 

Die Art und Weise, wie und wo wir Musik entdecken, hat sich verändert. Neue Melodien können überall aufgespürt werden und sind auf Knopfdruck zugänglich. Noch immer gehen die wenigsten Menschen gezielt auf die Suche nach neuer Musik, stöbern in Plattenläden, lesen Musikblogs oder hören sich durch obskure Playlists. Meistens ist es der Alltag, der zu Entdeckungen führt. Dabei entwickelt sich besonders das Fernsehen als Goldgrube. Denn mit dem neuen goldenen Zeitalter der TV-Serien hat sich nicht nur die filmisch-narrative Qualität des Mediums exponentiell erhöht, sondern auch der Anspruch an die musikalische Untermalung.

Qualität der Serienmusik steigt

Audiovisuelle Medien waren schon immer ein fruchtbares Feld für Musik. Bild und Ton wirken zusammen. Die wenigsten Filme funktionieren ohne passenden Soundtrack, weil Musik immer auch Gefühle erzeugt. Neu ist die gesteigerte Qualität der Musikauswahl in Serien. Immer mehr Menschen suchen deshalb im Internet und über Apps nach Songs aus ihren Lieblingsshows. 

Auf der Website Tunefind kann man gezielt nach Liedern aus Lieblingsserien suchen. Die Seite gibt in Zusammenarbeit mit Shazam und Nielsen Music jedes Jahr die Top-Listen der am meisten gesuchten Soundtracks heraus. 2018 wie schon 2017 stand «Grey’s Anatomy» an erster Stelle, dann folgte die Jugendserie «Riverdale». 2018 wurde die amerikanische Sängerin Lauren Daigle, deren Song «Rescue» in «Grey’s Anatomy» lief, am häufigsten gesucht. In der Vergangenheit wurde bereits die britische Band Snow Patrol von dieser Show transportiert. Von den Schweizern hat besonders die Basler Band Zeal & Ardor, die Heavy Metal und Gospel mischt, davon profitiert, dass ihre Musik in US-Serien lief, nämlich in «Fortitude» oder «Underground».

Seit Musik über das Internet so einfach zugänglich ist, nicht zuletzt via Youtube, kaufen weniger Menschen Tonträger. Künstler sind deshalb interessiert an anderen Einnahmequellen und haben weniger Hemmungen, ihre Musik von anderen nutzen zu lassen. Die diesjährige Ausgabe des Newcomer-Festivals M4Music hat das grosse Potenzial erkannt und dazu ein Podium veranstaltet. Die fünf anwesenden Experten betonten, dass Filme- und Serienmacher weniger an den grossen Hits interessiert sind, sondern viel Energie darauf verwenden, Musik zu finden, die unbekannt ist und speziell klingt.

«Das x-te Mal einen Rolling-Stones-Song reinzuklatschen, das interessiert jetzt ­wirklich niemanden mehr», erklärte Martin Todsharow. Er arbeitet als Musiksupervisor und ist damit zuständig für die Auswahl der Musik für Filmsoundtracks. «Regisseure und Produzenten fühlen sich geehrt, wenn sie einen Song bekommen, der bis anhin noch nicht veröffentlicht wurde oder wenig bekannt ist.» Ausserdem verwies Todsharow darauf, dass die Budgets der Produktionen oft kleiner sind als früher und daher weniger Geld für grosse Musikdeals zur Verfügung stehen. Das bietet besonders kleineren Bands und unbekannten Musikern eine Chance.

Wenn Serienmacher einen eklektischen Musikgeschmack haben, kommt das auch Schweizer Musikern zugute. Als Ezra Koenig, der Sänger der amerikanischen Band Vampire Weekend, 2017 seine eigene Serie «Neo Yokio» produzierte, wählte er das schweizerdeutsche Lied «Campari Soda» von Taxi. «Er kannte den Song bereits und wollte ihn unbedingt haben», erzählt Pirmin Marti von der Schweizer Musikagentur Mojo 3. Marti wohnt mittlerweile in San Diego und vermittelt dort sogenannte Sync-Deals – also Musik für audiovisuelle Medien. 

Auch der Zürcher Latin-Pop-Sänger Loco Escrito schaffte es in eine amerikanische Serie, in «Shut Eye». Die Lausanner Rapper Sens Unik wiederum waren in der Serie «Legends» zu hören. Und auch Schweizer Musikhörer entdecken ihre eigenen Künstler. Für Güzin Kars Serie «Seitentriebe» wurde hauptsächlich Schweizer Musik verwendet. 

Individueller Musikgeschmack

Der Bedarf der Serien an passenden Songs fördert auch Bands abseits des Mainstreams. Der Grund: Es gibt es viel mehr Serien als je zuvor. Das erhöht die Notwendigkeit, ein sehr spezifisches, individuelles Produkt zu kreieren. Das führt zwar zu einem kleinen Nischenpublikum, dafür aber zu einer treuen Anhängerschaft. Wer den Humor mit den Serienmachern gemein hat, teilt oft auch deren Musikgeschmack. Kleine Serien sind deshalb musikalisch gut kuratierte Insider-Playlists. Besonders der Abspann hat sich bewährt. Während die Titelmusik fix ist und die Musik in den Szenen zur Handlung passen muss, haben die Serienmacher am Ende mehr Freiheiten. 

Die Wichtigkeit der Musikauswahl, also nicht der eigens für die Serie komponierten Musik, hat nun auch die Branche erkannt. 2010 wurde die Guild of Music Supervisors gegründet, die jedes Jahr die Besten der Branche prämiert. 2017 vergaben die Emmys – der wichtigste Preis im Fernsehgeschäft – zum ersten Mal eine Auszeichnung für die besten Musik-Supervisoren. 2017 erhielt Susan Jacobs den Emmy für die Serie «Big Little Lies», 2018 Robin Urdang für «The Marvelous Mrs. Maisel». Auch hier zeigt sich, dass das Fernsehen dem Film um Längen voraus ist: Die Oscars nämlich anerkennen diese Arbeit noch nicht.

Tiefpunkte am Bildschirm

Mit der Darstellung von psychischen Krankheiten taten sich Film und Fernsehen lange schwer. Durch den Boom von TV-Serien ändert sich das gerade. Sie könnten helfen, depressive Menschen besser zu verstehen.

Von Murièle Weber (Surprise Magazin)

In psychisch kranken Menschen spielen sich oft drama­ tische Szenen, geradezu epische Kämpfe ab. Dass diese meist nicht nach aussen dringen, macht es für Film und Fernsehen schwer, sie akkurat darzustellen. Äusserlich wirken Menschen mit Depressionen oft apathisch. Filme und Serien aber wollen unterhalten, und Apathie ist selten unterhaltsam.

Audiovisuelle Medien haben sich deshalb lange damit schwergetan, psychische Krankheiten darzustellen. Dabei prägen Filme und Serien unsere Vorstellung der Welt massgeblich mit. Die Darstellung verläuft oft in zwei Ka­ tegorien: der Freak oder das Genie. Während etwa ein Film wie «Silver Linings Playbook» mit Bradley Cooper und Jennifer Lawrence von 2012 die beiden Protagonisten als verquere Exzentriker darstellte, porträtierte die Serie «Dr. House» den von Hugh Laurie verkörperten Arzt als depressives Genie mit Ecken und Kanten. Ihre Probleme damit, Beziehungen aufzubauen oder aufrechtzuerhalten, werden thematisiert, aber ihr Unterhaltungswert liegt nun mal in ihrem Unangepasstsein, und darauf fokus­sierte die Darstellung. Dabei eignet sich eine Serie grund­ sätzlich besser zur Darstellung von Depressionen als ein Film. Denn was Filme nur schlecht vermitteln können, sind die langen Jahre, die es oft braucht, bis sich jemand Hilfe holt oder bis eine Therapie zu wirken beginnt. Ob die jahrelange Qual mit Zeitsprüngen innerhalb von 90 Minuten dargestellt wird oder über 50 Stunden Serien­ material, macht in der Wahrnehmung der Thematik einen Unterschied.

Das Genre der Sadcom vermag dabei die treffendste Darstellung. Sadcoms sind Sitcoms, die nicht mehr auf die nächste Pointe spielen, sondern sich der Studie von komplexen Charakteren widmen, wobei oft Misserfolge und Tragödien im Mittelpunkt stehen. Wenn die Komi­ kerin Tig Nataro in ihrer Serie «One Mississippi» ihre Darmkrankheit thematisiert, dann sieht man sie von Toi­ lette zu Toilette rennen, aber nie ist es ein billiger Witz, sondern eine abgrundtiefe Misere.

Interessanterweise sind es in den meisten Filmbeispie­ len Frauen, die an Depressionen leiden. Dafür gibt es zwei Erklärungen. Erstens werden Frauen öfter als Depressive gesehen, weil es für sie noch immer einfacher ist, sich ver­ letzlich zu zeigen. Auf Männern lastet häufig der Druck, stark zu sein. Genau dies thematisiert die Serie «This Is Us», wo ausnahmsweise ein Mann an Depressionen leidet und dies auch mit seinen Kindern bespricht. Andererseits gilt das Fernsehen, im Gegensatz etwa zum Kino, als typi­ sches Frauenmedium.

Die Hilflosigkeit der Aussenstehenden

Zwei Sadcoms, die sich besonders darin hervortun, De­ pressionen akkurat darzustellen, sind «You’re the Worst» des amerikanischen Senders FX und «Fleabag» der BBC. In «Fleabag» hat die gleichnamige Protagonistin ihre beste Freundin verloren, mit der zusammen sie ein Café geführt hatte. Seither quält sich Fleabag durch die Tage, flüchtet sich in bedeutungslosen Sex, um überhaupt wie­ der etwas zu spüren, und hält sich die Menschen mit sar­ kastischen Kommentaren und gelegentlichen Einblicken in ihr düsteres Seelenleben vom Hals. Vor allem aber ist sie alleine. Weder Familie noch Freunde wissen wirklich, was in ihr vorgeht.

Ab und zu bricht der schwarze Abgrund dann in den unpassendsten Momenten aus ihr heraus. Zum Beispiel, als sie in einem Taxi sitzt und der Fahrer sie im Small Talk fragt, warum sie das Café allein führe. «Es ist eigentlich eine lustige Geschichte», beginnt sie. «Meine Freundin hat sich unabsichtlich getötet.» Die Freundin wollte ihren fremdgehenden Partner bestrafen und beabsichtigte, sich selbst zu verletzen und ihm dann zu verbieten, sie im Spital zu besuchen. Deshalb lief sie vor ein Fahrrad, wurde aber auf die Strasse geschleudert und verstarb. «Sie ist so ein Arsch!», beendet Fleabag ihre Geschichte mit beissen­ dem Lachen. Der Taxifahrer schweigt betreten. Sie erzählt ihm die Geschichte, weil da niemand ist, der ihr wirklich zuhören würde.

Viele Menschen funktionieren auch mit Depressio­ nen. Sie gehen arbeiten, treffen Freunde, betreuen ihre Kinder – nur dass sie es ungleich viel mehr Energie kos­tet, eine Normalität aufrechtzuerhalten, die es in ihrem Leben eigentlich schon lange nicht mehr gibt, die der Rest der Welt aber erwartet.

Genau das zeigt die Serie «You’re the Worst» besonders gut. Darin treffen sich Jimmy (Chris Greer) und Gretchen (Aya Cash) an der Hochzeit seiner Ex­Freundin, deren Feier er stören will und an der Gretchen ein Küchengerät vom Gabentisch klaut. Die beiden haben einen One­Night­ Stand und beginnen dann zögerlich eine Beziehung.

Schon in der ersten Staffel medikamentiert sich Gret­ chen selber mit Sex, Alkohol und Drogen, aber erst in der zweiten Staffel zeigt sich, dass Gretchen seit ihrer Kindheit an Depressionen leidet, die sich mal stärker, mal schwä­ cher bemerkbar machen. Es beginnt damit, dass sie in der Nacht aus dem Bett steigt und mit dem Auto davonfährt, um in sicherer Distanz zu weinen – da, wo Jimmy sie nicht überraschen kann. Über mehrere Folgen verheimlicht sie ihm ihre Krankheit, bis er sie dann doch bemerkt.

Was die Serie sehr schön zeigt, ist die Hilflosigkeit, mit der Umstehende sich auseinandersetzen müssen. Kein «Denk positiv», kein «Das wird schon wieder» und erst recht kein «Reiss dich doch zusammen» hilft. Gretchen zieht sich komplett in sich selbst zurück und liegt nur noch apathisch auf dem Sofa. Schliesslich sagt sie Jimmy, er solle sich von ihr trennen, weil es nicht besser werde. Jimmy ist verzweifelt hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, nicht aufzugeben, und der Unfähigkeit, eine Zu­ kunft für sie beide zu sehen.

Eindrücklich ist dabei auch, was Chris Greer, der Dar­ steller von Jimmy, in einem Interview sagte: «Aya ist eine grossartige Schauspielerin. Sie bietet mir mit ihrer Dar­ stellung in allen Szenen immer so viele verschiedene Op­ tionen, spontan und unvoreingenommen zu reagieren. Aber während den Depressionsszenen kam, aus verständ­ lichen Gründen, nichts. Dabei konnte ich die Frustration, die Jimmy empfindet, bei mir selber fühlen, weil ich mich selber ständig fragte: ‹Mach ich das richtig? Mache ich genug? Mache ich zu viel?›» Damit hat Greer verständlich zusammengefasst, warum es für Umstehende so schwie­ rig ist, mit Menschen mit Depressionen umzugehen. Denn wenn die andere Person nicht mehr auf einen reagieren kann, ist man selber alleine.

«Fleabag», erhältlich bei Amazon; «You’re the Worst», erhältlich bei Amazon oder über Streaming-Dienste; «One Mississippi», erhältlich bei Amazon; «This Is Us», läuft bei Sixx, erhältlich bei Amazon

Weitere Beispiele: «United States of Tara», im Handel erhältlich; «Rick and Morty», Netflix; «BoJack Horseman», Netflix; «Shameless», läuft beim Bezahlsender FOX oder über Streaming-Dienste; «Please Like Me», Netflix; «Jessica Jones», Netflix; «Lady Dynamite», Netflix; «Crazy Ex-Girlfriend», Netflix; «13 Reasons Why», Netflix; «Homeland», läuft auf Sat1; «Mr Robot», bei Amazon oder im Handel erhältlich; «Louie», im Handel erhältlich; «Transparent», auf Amazon Prime streamen; «Girls», im Handel erhältlich.

The Umbrella Academy

Kreiert von Jeremy Slater, mit Ellen Page, Tom Hopper, Mary J. Blige, Cameron Britton, Colm Feore, Dauer 10 folgen à 60 Minuten, Sender Netflix 

Von Murièle Weber (FRAME)

An einem Tag im Jahr 1989 werden innert Stunden 49 Kinder geboren, von Müttern, die bis kurz vor der Geburt keinerlei Anzeichen einer Schwangerschaft gezeigt hatten. Sieben dieser Kinder werden vom steinreichen Industriellen Sir Reginald Hargreeves (Colm Feore) adoptiert. Als sie in ihrer Kindheit aussergewöhnliche Fähigkeiten entwickeln, gründet Hargreeves die Umbrella Academy. Seine Kinder sollen dereinst die Welt retten.

Bereits als Teenager schickt ihr Adoptivvater sie in die Welt hinaus, damit sie sich bewähren und ihm Ruhm verschaffen. Weil der Grossindustrielle ignoriert, dass diese jungen Menschen auch emotionale Bedürfnisse haben, entwickeln sich die sieben zu Komplexhaufen mit zahllosen sozialen und emotionalen Problemen, und bald zerstreiten sie sich. Als sie Anfang 30 sind, stirbt ihr Adoptivvater, und sie kommen im alten Haus nochmals zusammen, um Abschied zu nehmen. Dort erfahren sie vom baldigen Ende der Welt, wogegen sie den Kampf aufnehmen. Cha Cha (Rapperin Mary J.Blige) und Hazel (Cameron Britton) sollen sie von diesem Vorhaben abbringen.

Die Serie basiert selbstverständlich, wie der Grossteil aller Superhelden-Geschichten, auf Comic-Büchern. Dieses Mal kreiert von Gerard Way, dem Sänger der Band My Chemical Romance, und dem Künstler Gabriel Bá. Ihre verkorksten Figuren sind die passenden Superhelden für unsere Zeit: Sie stammen aus verschiedenen Ländern, aber wachsen zusammen auf. Es sind junge Egoisten mit komplexen Problemen. Und während traditionelle Comics sich hauptsächlich um starke heterosexuelle Männer drehen, erblassen diese hier neben den komplexen Frauenfiguren, neben Klaus mit seiner queeren Identität und Nummer 5, der ein Bub geblieben ist. Dieses sind die Hauptfiguren und Sympathieträger. Verfilmt wurde die Serie in düsteren Farben und mit einem phänomenalen Popsoundtrack. «The Umbrella Academy» erinnert an die Exzentrik der Netflix-Serie «Maniac», verzichtet allerdings auf eine verworrene Erzählweise. Da dürfen gerne weitere Staffeln folgen. 

The ABC Murders

Kreiert von Sarah Phelps, mit John Malkovich, Rupert Grint, Tara Fitzgerald, Dauer 3 folgen á 60 Minuten, Sender BBC1/Amazon 

Von Murièle Weber (FRAME)

Hercule Poirot wurde bereits von den besten Schauspielern unserer Zeit verkörpert. In der neuesten Adaption des gleichnamigen Agatha-Christie-Romans spielt nun John Malkovich den belgischen Detektiv. Dieser erhält eine Serie von Briefen zugeschickt, in denen in alphabetischer Reihenfolge Morde an Menschen angekündigt werden. Weil er die Opfer retten will, sucht Poirot seinen guten Freund Inspektor Japp auf, nur um zu erfahren, dass Japp in Pension gegangen ist und der junge, ambitionierte Inspektor Crome (Rupert Grint) nun dessen Posten übernommen hat. 

Der arrogante Crome aber lässt Poirot abblitzen, weshalb sich Poirot selbst auf die Suche macht, als er vom Mörder weitere Hinweise auf seine zukünftigen Opfer erhält. Als Poirot jedoch in Andover ankommt, wo das erste Verbrechen stattfinden soll, ist Alice Ascher bereits tot, und auch Betty Bernhard aus Bexhill und Sir Carmichael Clarke aus Churston kann er danach nicht mehr retten.

Der Christie-Roman von 1936 wurde thematisch für das Brexit-Zeitalter adaptiert: Während Poirot im Buch gefeiert wird, erlebt der Belgier in der Serie als Ausländer im London der dreissiger Jahre Ausgrenzung und Rassismus. In der Öffentlichkeit wird er bespuckt und bedroht. Und wenn er allein ist, wird er von den schlimmen Erinnerungen an seine Flucht nach England während des Ersten Weltkrieges verfolgt. Malkovich spielt Poirot als ehrenvollen, tief religiösen, alten Mann, der viel Mitgefühl für seine Mitmenschen hat, aber stark an der Ablehnung und der Ausgrenzung leidet. Grint, der sich bis anhin nicht allzu oft als grossartiger Schauspieler ausgezeichnet hat, schafft es diesmal, den richtigen Ton zu treffen und aus Crome sowohl eine arrogante, aber mit der Zeit doch auch sympathische Figur zu schaffen. «The ABC Murders» wurde in schönen Bildern verfilmt, ist spannend und unterhaltsam, nur den moralischen Zeigefinger, mit dem stets wieder gefuchtelt wird, hätte es nicht gebraucht. Selbst wenn die Themen Flucht und Nationalismus, um die sich vieles dreht, aktuell sind. 

Gerecht handeln

Patrick Hohmann im Gespräch mit Baumwollbauern.

Lassen sich Geschäfte auch nachhaltig führen? Der Dokumentarfilm «Fair Traders» zeigt Möglichkeiten auf.

Von Murièle Weber (Züritipp)

Der italienisch-schweizerische Regisseur Nino Jacusso («Shana: The Wolf’s Music») folgt zwei Unternehmern und einer Biobäuerin in ihrem Alltag und fragt sie, was sie dazu motiviert, sich für die Umwelt und die Gesellschaft einzusetzen.

Die Porträtierten sind derart spannende Personen, dass man ihnen stundenlang zuhören könnte. Patrick Hohmann baut mit der Stiftung Biore Biobaumwolle in Afrika und Indien an, die unter anderem von Coop für die Naturaline benutzt wird. Sina Trinkwalder, die auch als Buchautorin arbeitet, stellt mit der Firma Manomama umweltverträgliche Kleider her, wobei sie Angestellte beschäftigt, die wegen ihres Alters oder ihres Lebenslaufs nur schwierig eine andere Stelle finden würden. Und die ehemalige Kindergärtnerin Claudia Zimmermann betreibt im Kanton Solothurn einen Biohof mit angeschlossenem Laden. «Fair Traders» ist visuell vielleicht kein berauschender, aber inhaltlich ein motivierender und ansteckender Film.

Big Brother auf hoher See

Der Anthropologe Santiago Genovés (gelbes Shirt) umgeben von seinen menschlichen Studienobjekten.

Der Film «The Raft» erzählt von einem Sozialexperiment, das unter sehr skurillen Bedingungen stattgefunden hat.

Von Murièle Weber (Züritipp)

Sie denken, «Big Brother» oder «Das Dschungelcamp» seien Ende der Neunzigerjahre erfunden worden? Da kennen Sie wahrscheinlich das Acali-Experiment aus den Siebzigern noch nicht. Zu diesem wurde der mexikanische Anthropologe und Gewaltforscher Santiago Genovés inspiriert, als er 1972 eine Flugzeugentführung miterlebte. Voller Begeisterung studierte er die Beteiligten des Vorfalls und wie sie sich in dieser Stresssituation verhielten. Und er beschloss, die Umstände nachzustellen, weil es ihm persönlich so viel Spass gemacht hatte.

Deswegen suchte er sechs junge, hübsche Frauen und fünf Männer, die mit ihm auf einem kleinen Floss in drei Monaten den Atlantik überqueren sollten. Er hoffte, dass sich die Teilnehmer bald an die Gurgel gehen würden und er diese Gewaltausbrüche – abgeschottet von der Zivilisation ohne Einmischung – würde studieren können. Um sicherzustellen, dass die Situation auch sicher eskalieren würde, dachte er sich einen besonders perfiden Plan aus: Er gab den Frauen auf dem Floss mehr Macht als den Männern. Der Kapitän war zum Beispiel eine schwedische Blondine und der Arzt eine anpackende Israelin.

Auf dem Kahn, von den Medien 1973 «Sexfloss» getauft, passierte dann aber – nichts. Die Männer und Frauen aus verschiedenen Ländern verstanden sich grossartig. Trotz der beengten Verhältnisse und der fehlenden Privatsphäre war der Umgang respektvoll. Es entstanden neue Freundschaften, die Leute bildeten eine friedliche Gemeinschaft. Das wiederum konnte Genovés nicht akzeptieren. Deshalb begann er damit, die Teilnehmer gegeneinander aufzustacheln. Und dann geschah das, wovon wahrscheinlich so mancher gebeutelte Dschungelbewohner heimlich träumt: Es wurde ein Mord geplant. Allerdings nicht innerhalb der Gruppe, sondern an Genovés, der das Leben der Probanden mit immer perfideren Störmanövern in immer grössere Gefahr brachte.

«The Raft» ist ein äusserst lustiger Dokumentarfilm, wenn er leider auch einige Längen hat. Besonders die Nachstellungen wären nicht immer nötig gewesen, da es vorzügliches Originalfilmmaterial gibt. Die Geschichte aber zeigt, wie das Weltbild und die Vorurteile eines Wissenschaftlers eine Studie verfälschen können. Die Studienobjekte jedenfalls hatten eine grossartige Zeit, der Wissenschaftler weniger.

Gemeinschaft der Ungleichen

In «Roma» finden die Dame des Hauses und ihr Dienstmädchen zusammen.

Von Murièle Weber (Surprise)

Die unterschiedlichen Lebensbedingungen verschiedener sozialer Schichten ziehen sich wie ein roter Faden durch die Handlung von «Roma». Und nicht umsonst beginnt Regisseur Alfonso Cuarón seinen persönlichsten Film, basierend auf seinen Kindheitserinnerungen, mit der Arbeit der sehr jungen Hausmädchen im Hause seiner Eltern im Jahr 1970. Cleo schrubbt den Boden, während sich ein Flugzeug, das gerade über das Haus fliegt, in der Wasserlache spiegelt – als Sinnbild eines Lebens, das sie nie haben wird. Später begegnen wir Cleo immer wieder in ihrem kargen Bett über der Garage, das sie mit der anderen Hausangestellten teilt, oder wir sehen ihr zu, wie sie die Scheisse des Familienhundes vom Boden kratzt.

Aber auch die Mutter der Familie hat es nicht leicht, denn ihr Mann betrügt sie und verlässt die Familie, ohne für deren Unterhalt zu sorgen. Als dann Cleo auch noch ungewollt schwanger und von ihrem Freund verlassen wird, bilden die beiden Frauen eine Notgemeinschaft. Cuarón wollte den drei Dingen, die ihn am meisten geprägt haben, ein Denkmal setzen: seinem Heimatland, den Frauen und seiner Familie.

Entstanden ist ein liebevolles Sittenporträt einer Gesellschaft in Aufruhr, das Cuarón auch mittels des Corpus-ChristiMassakers darstellt – eines Studentenprotestes, der von der Geheimpolizei gewalttätig niedergeschlagen wurde. Umso mehr zeichnet sich im Vergleich dazu die Stärke der Mutter und die liebevolle Sanftmut von Cleo ab, die die Kinder in einer heilen Blase aufwachsen lassen. Das in Schwarz-Weiss verfilmte Werk betört mit langen Einstellungen. Diese entwickeln eine Sogwirkung, die den Zuschauer in ihren Bann zieht, weil man sich in dieser Welt mit ihren vielen kleinen Details verlieren kann. Völlig zu Recht wird der Film deshalb zu einem der besten des letzten Jahres erklärt und ist mit zehn Nominierungen Favorit bei den diesjährigen Oscars.

Mit dem Serienmörder im Bett

So unschuldig sieht Joe Goldberg (Penn Badgley) bei hellem Tageslicht aus.

Liebesfilme propagieren ein übergriffiges Verhaltensmuster: Die neue Netflix-Serie «You» entlarvt Liebesfilme propagieren häufig ein übergriffiges Verhaltensmuster: Die neue Netflix-Serie «You» entlarvt das gekonnt und unterhaltsam. 

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Filmwissenschaftlerinnen haben schon lange darauf hingewiesen: Romantische Komödien glorifizieren ein übergriffiges Verhalten. Noah (Ryan Gosling) in «The Notebook» droht sich umzubringen, wenn seine Angebetene sich weigert mit ihm auszugehen. Ted (Ben Stiller) in «There’s Something About Mary» engagiert einen Privatdetektiv um seine Jugendliebe aufzuspüren. Und Edward (Robert Pattison) in «Twilight» schleicht in der Nacht ins Zimmer von Bella, um ihr beim Schlafen zuzusehen.

Verhaltensweisen, die im richtigen Leben strafrechtlich relevant oder zumindest moralisch verwerflich sind. Ein Nein ist in dieser Logik nur die Vorstufe zum Ja und Stalking ein Ausdruck von Liebe. Diese Verhaltensweisen sind so tief in unserer Kultur als Ausdruck romantischer Liebe verankert, dass sie kaum je in Frage gestellt werden. Aber genau das entblösst die neue Serie «You» basierend auf dem gleichnamigen Buch von Caroline Kepnes.

Joe Goldberg, der Manager eines Buchladens, trifft in seinem Geschäft auf die bezaubernde Guinevere Beck, eine Literaturstudentin. Zwischen den Bücherreihen hindurch beobachtet er die junge Frau und lässt die Zuschauer als voice-over an seinem internen Monologe teilnehmen. «Deine Armreifen klirren, du magst offensichtlich Aufmerksamkeit. Gut, ich beisse an. Du entschuldigst dich schnell, offensichtlich ist es dir peinlich, dass du ein gutes Mädchen bist. Oh, du trägst keinen BH und du willst, dass mir das auffällt. Du hast genug Bargeld dabei, um das Buch zu bezahlen, aber du gibst mir deine Kreditkarte, offensichtlich willst du, dass ich deinen Namen kenne.»

Nach Feierabend setzt er sich auf seine Couch und googelt Guineviere Beck. «Alle deine Accounts sind auf öffentlich gestellt, du willst, dass man dich sieht. Natürlich entspreche ich dem.» Über ihre Fotos findet er ihre Adresse. Am nächsten Tag steht er vor ihrem Hauseingang: «Grosse Fenster hast du, offensichtlich willst du gesehen werden. Ein Vorschlag: Lass uns den Tage zusammen verbringen.» Über das Internet kennt er ihren ganzen Tagesablauf und folgt ihr unbemerkt aus sicherer Distanz überall hin.

Als sie einige Folgen später wie erwartet ein Paar werden, hat er bereits ihren damaligen  Freund umgebracht und ihre beste Freundin bedroht. In Guineveres Augen aber entpuppt er sich als der perfekte Partner, der ihr Frühstück ans Bett bringt und ihr den Rücken freihält, damit sie ihre Gedichte schreiben kann und dessen Motto es ist «für die Liebe mache ich alles» – buchstäblich.

Mit diesem doppelten Blick einerseits durch ihre Augen und andererseits durch die objektivere Kamera zusammen mit seinem internen Monolog schafft es die Serie das stalkerische Verhalten des Protagonisten von romantischen Komödien zu entlarven und gleichzeitig zu kommentieren. Dass Joe den Zuschauern abwechslungsweise als der perfekte Partner und der schlimmste Psychopath erscheint, ist dabei durchaus gewollt. Die passende Serie zur #metoo-Debatte.