Meine heiss geliebte Feindin

Mit «My Brilliant Friend» wurde der erste Roman von Elena Ferrantes Neapel-Saga als Miniserie verfilmt. Dabei lässt der amerikanische Sender HBO ein Armenviertel der fünfziger Jahre detailgetreu auferstehen.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Es ist ein kurzer, dunkler, feuchter Tunnel unter einem Bahnübergang, der den Rione (das heisst Stadtteil) vom Rest von Neapel trennt. Aber auch wenn die Distanz von hier bis ins Zentrum und zum Meer nur drei Kilometer beträgt, ist der Weg für viele Menschen im Armenviertel der fünfziger Jahre zu weit. Und so sehen die beiden Freundinnen Lila und Lenù das strahlend blaue Gewässer erst 15-jährig zum ersten Mal.

Mit elf wagen sie einen Ausbruch ans Meer, aber in der Mitte des Weges will Lila aus unerklärlichen Gründen plötzlich umkehren. Erst später wird Lenù klar, dass eine Intrige von Lila sie zu dem Abenteuer animiert hat. Denn Lenùs Vater, ein niederer Angestellter beim Gericht, erlaubt seiner Tochter, nach der obligatorischen Schulzeit von fünf Jahren die Mittelschule zu besuchen. Lilas Vater, der Schuhmacher, ist nicht so grosszügig, und nun soll die beste Schülerin ihres Jahrgangs die Putzarbeit in der Werkstatt übernehmen. Weil Lila hofft, dass Lenùs Eltern es sich anders überlegen, wenn diese die Schule schwänzt, stachelt sie die beste Freundin zum missglückten Ausflug an.

Es ist eine brutale und zutiefst schmerzhafte Welt, die Elena Ferrante in ihrer Neapel-Tetralogie beschreibt und deren erster Roman, «Meine geniale Freundin», nun von HBO in acht Folgen als Miniserie auf Italienisch verfilmt wurde. Getreten wird gerne – physisch und psychisch –, vornehmlich nach unten. Die Reicheren piesacken die Ärmeren, die Männer die Frauen, die Frauen einander, die Buben die Mädchen, die Hübschen die Hässlichen, die Intelligenten die Dummen.

In dieser von Gewalt zerfressenen Welt hat Elena, genannt Lenù, nur einen Halt, ihre beste Freundin Raffaela, genannt Lila. Diese ist wilder, aber intelligenter als die strebsame und angepasste Elena, deshalb nimmt Lenù sie sich zum Vorbild. «Ab jetzt mache ich alles so wie du», sagt sie, und es klingt wie ein Schwur. Als Elena auf die Mittelschule geht und Lila nicht folgen kann, macht diese es der besten Freundin umgekehrt nach und bringt sich Latein, Griechisch und höhere Algebra eben selber bei. Selbst als Autodidaktin ist sie besser als Lenù.

Die Serie betont das Dorfartige, die unausweichliche, alles beherrschende Intimität zwischen den Menschen in diesem Armenviertel, und legt damit Wert auf den sozialkritischen Aspekt der Tetralogie. Dafür hat die Produktionsgesellschaft einen ganzen Stadtteil bauen lassen. Dicht an dicht stehen die Wohnkasernen, in der die Unterschicht in kleinen, abgenutzten Wohnungen zusammengepfercht ist. Die Detailgetreue ist berauschend. Eine Heerschar von Statisten bevölkert die Strassen, auf verrosteten Mofas und Velos, auf wackligen Holzstühlen vor der einzigen Bar, an der verbleichte Schilder für Aranciata und Gelato werben.

Gleichzeitig zeigen diese Szenen aber auch, dass die Serie zwar schön, jedoch sehr konventionell verfilmt wurde. Wer sich den Spielfilm «Roma» von Alfonso Cuarón ansieht, dem wird klar, was hier noch möglich gewesen wäre, wenn der Regisseur ­Saverio Costanzo auf Plansequenzen – minutenlange, ungeschnittene Szenen – gesetzt hätte, wie es Cuarón tut. Damit saugt der Oscarpreisträger den Zuschauer in sein Sittengemälde über den mexikanischen Stadtteil Roma in den siebziger Jahren hinein, während die Zuschauerin bei der Visionierung von «My Brilliant Friend» leider am Sessel klebenbleibt. 

Aber auch so wird das verzwickte und komplexe Beziehungsgeflecht zwischen den Familien im Rione sichtbar. Ihm kann niemand entrinnen. Die Familie, in die man hineingeboren wird, definiert, wer man ist innerhalb dieser brutalen Hackordnung. Und dann hat auch die Camorra noch überall ihre Finger im Spiel. Als Lila und Lenù bald zu hübschen Frauen heranreifen, wird die Situation noch schwieriger, denn damit werden sie mit der Frage konfrontiert, an welchen Mann sie sich binden wollen, mit einem ganzen Rattenschwanz an unausweichlichen Folgen. 

Denn das ist die Neapel-Tetralogie auch: das soziologische Sittengemälde eines süditalienischen Armenviertels. Besonders schön zeigt ein Wettkampf mit Feuerwerkskörpern an Silvester diese komplexe Welt. Die Reichen protzen schon lange vor dem Jahreswechsel mit ihrem Feuerwerk. Die Jungen der ärmeren Familien legen zusammen und lassen sich nicht lumpen mit ihren Knallkörpern. In kürzester Zeit wird aus dem metaphorischen Streit ein zutiefst realer. Lilas Bruder will um jeden Preis gewinnen und gibt gezwungenermassen erst auf, als mit einer Pistole auf die Halbwüchsigen geschossen wird. 

Die jugendliche Wut auf das starre System, das ihnen keine Möglichkeiten zur Veränderung bietet, lässt die Mädchen die Politik entdecken. Und wieder ist es Lenù, die sie durch Lilas Augen erfährt. Wie bei Sherlock Holmes und Doktor Watson, wenn Watson die Hinweise auf die Tat erst durch Holmes Augen ersichtlich werden. Deshalb fängt die Kamera oft Lenùs stumm beobachtenden Blick ein, der fix auf die Freundin gerichtet ist, während diese sich unbeugsam und wunderschön gegen die widrigen Umstände auflehnt. Oft vergeblich. Aber dieser Blick eröffnet Lenù und damit den Zuschauern den Zugang zu diesem faszinierenden Biotop, das HBO mit grossartigen Bildern erschaffen hat.

Wenn das Idol zum Rivalen wird

In der Nick-Hornby-Verfilmung «Juliet, Naked» ist Ethan Hawke als Rockstar zu sehen, der sich in die Freundin eines Fans verliebt.

Von Murièle Weber (Züritipp)

Es gibt ein paar Gruppen, die sicherheitshalber nie aufeinandertreffen sollten, weil die Chance für eine Katastrophe hoch ist. Bei Werwölfen und Vampiren ist das so, bei Mutterbären und aufdringlichen Touristen – oder bei besessenen Fans und ihren Idolen. Was passieren kann, wenn die letzten beiden Gruppen kollidieren, zeigt die neue Nick-Hornby-Verfilmung.

Eigentlich aber geht es zuerst einmal um Annie (Rose Byrne), eine Enddreissigerin, die in einer kleinen englischen Küstenstadt das lokale Museum leitet, und um ihren langjährigen Partner Duncan (phänomenal: Chris O’Dowd). Der ist normalerweise ein respektabler Unidozent, in seiner Freizeit lässt er aber seiner Fanliebe zum Neunzigerjahre-Indiemusiker Tucker Crowe (Ethan Hawke) freien Lauf. Und hier entstehen die Probleme; wenn er zum Beispiel auf seiner Fanwebsite stundenlang die wildesten Theorien mit anderen Männern mittleren Alters bespricht.

Als Duncan dann auch noch Crowes berühmtestes Album «Juliet» in einer Rohfassung als «Juliet, Naked» per Post zugeschickt wird und Annie sich das Album vor ihm anhört, ist die Hölle los. Deshalb verzieht er sich mit seinem tragbaren CD-Player auf eine einsame Parkbank, wo die Tränen zu den Liebesliedern ungestört fliessen können. Am nächsten Tag erdreistet sich die vernachlässigte Annie, auf Duncans Website «Juliet,Naked» zu kritisieren. Dafür erntet sie per Mail Applaus von Tucker Crowe höchstpersönlich – woraus eine tiefe Mailfreundschaft entsteht.

Der Film verfolgt zwei Storylines: die erblühende Romanze zwischen Annie und dem alternden Tucker und die Fanobsession von Duncan, die in einem desaströsen Treffen mit seinem Idol gipfelt. Der Film ist lustig und tiefgründig wie die Hornby-Adaption «About a Boy» und ähnlich besessen von Musik wie «High Fidelity». Und er wirft auf intelligente Art und Weise die Frage auf, wem Kunst gehört: dem Künstler oder seinen Fans? In einer philosophischen Diskussion zwischen Duncan und Tucker bringt es Duncan auf den Punkt: «Ich schätze dieses Album. Vielleicht mehr als alles andere, was ich je gehört habe. Nicht, weil es perfekt wäre, sondern für das, was es mir bedeutet. Was es Ihnen bedeutet, ist mir letzten Endes egal.» Recht hat er.

Lachen übers Alter

Netflix entdeckt die Senioren: Nach dem Frauen-Knüller «Grace and Frankie» erhalten mit «The Kominsky Method» nun auch die alten Herren ihre eigene Sitcom. Darin brillieren Michael Douglas und Alan Arkin als Buddy-Gespann.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Das Alter ist kein Ort für Weicheier», soll Bette Davis an ihrem 70. Geburtstag auf ein Kissen gestickt haben. Das ist auch die Prämisse der neuen Netflix-Serie «The Kominsky Method», in der sich Sandy Kominsky (Michael Douglas) und sein bester Freund Norman (Alan Arkin) mit den Auswirkungen des hohen Alters herumschlagen müssen. Sandy ist ein gescheiteter Schauspieler, der sich seit Jahrzehnten als Schauspiellehrer über Wasser hält. Norman ist ein erfolgreicher Agent, der es aber nicht schafft, Sandy neue Rollen zu beschaffen. Deshalb lügt er ganz oft: «Du willst doch nicht in einer Sitcom mitspielen. Du bist einer der grossen, klassischen Schauspiellehrer, wie sähe das denn aus?»

Ein Grossteil des Humors ergibt sich denn auch aus dem Alter der Protagonisten. Dabei ist besonders die Prostata ein beliebtes Thema. Als Norman sich länger auf der Toilette aufhält, fragt Sandy durch die Türe, ob es ein Problem gebe. «Nein, nein, ich uriniere nur gerade in Morsezeichen, alles in kurzen Signalen und langen Pausen.» Und als einige Folgen später Sandy ähnliche Probleme hat, steckt ihm der Urologe (Danny DeVito) über Minuten den Finger in den Hintern, was für die Zuschauer genauso unangenehm ist wie für Sandy – DeVito spielt die Szene mit einem teuflischen Grinsen. 

Tief hängende Eier

Es ist köstlich, wie sich die beiden Oscarpreisträger Michael Douglas, 74, und Alan Arkin, 84, die Bälle zuspielen. Sie erinnern dabei an Walter Matthau und Jack Lemmon im Klassiker «Grumpy Old Men». Wenn Sandy zu spät zu einem Essen kommt und Norman sich darüber lustig macht, dass dieser zu viel Zeit vor dem Spiegel verbracht habe, entgegnet Sandy: «Echt jetzt? Kaum bin ich hier, greifst du schon nach meinen Eiern?» Worauf Norman antwortet: «Na ja, sie hängen so tief, da sind sie gut erreichbar.»

Chuck Lorre, der Schöpfer von «The Kominsky Method», wurde reich und berühmt dank klassischen Sitcoms wie «The Big Bang Theory» und «Two and a Half Men», deren Dialoge jeweils auf eine Pointe herauslaufen. Die neue Sitcom ist bereits die zweite, die er für Netflix realisierte, nach der gescheiterten «Disjointed» (2017), in der Kathy Bates eine Verkäuferin von legalem Cannabis verkörpert. Diese Serie funktionierte vor allem deshalb nicht, weil jeder Dialog nur auf die nächste Pointe ausgerichtet war. Das liess die Figuren wie Stehaufmännchen aussehen, die hochspringen, ihre Zeile aufsagen, auf den Lacher warten und wieder in der Versenkung verschwinden.

Für «The Kominsky Method» geht Lorre nun einen anderen Weg und probiert sich zum ersten Mal am neueren Sitcom-Format, das auf subtileren Humor und tiefgründigere Geschichten setzt. Leider schafft es Lorre noch nicht, auf alle Einzeiler zu verzichten. Was Sandy beim Essen von Churros dazu verleitet, zu erklären, Trumps Mauer sollte nicht gebaut werden, weil Immigranten die bessere Patisserie herstellten.

Chuck Lorre wird zu Recht vorgeworfen, keine guten Frauenrollen zu schreiben. In «The Big Bang Theory» gab es zu Beginn neben den vier komplexen Nerds nur das dumme Blondchen von nebenan. In «The Kominsky Method» werden die Frauen zu sehr darauf reduziert, die Probleme der Männer zu lösen, etwa wenn Normans Frau (Susan Sullivan) an Krebs stirbt und fortan als Geist seine Probleme anhören muss. Oder sie sorgen für ein paar Lacher, etwa wenn Normans Tochter Phoebe (Lisa Edelstein) als Mittvierzigerin betrunken Normans Freunde anmacht, wobei Edelstein, bekannt als Dr.House’ dominante Chefin, das grossartig macht. Trotzdem sieht man den Fortschritt und das Potenzial der weiblichen Rollen.

Neben den Frauen sind auch die Millennials als Sandys Schauspielschüler unterentwickelt. Sie werden reduziert auf ihre Identität: der Schwule, die Schwarze, die Anwältin der politischen Korrektheit. Für ihre Anliegen hat Sandy nur ein Augenrollen übrig und den unsäglichen Rat: «In unserem Inneren sind wir alle gleich.»

Trotz einigen Schwachstellen ist die Serie amüsant und herzerwärmend. Besonders gut ist sie immer dann, wenn Michael Douglas und Alan Arkin genug Raum für ihr Schauspiel erhalten. Douglas war zunächst unsicher, ob er auch fürs Komödienfach tauge, aber er macht seine Arbeit sehr gut. Wirklich grossartig jedoch ist Arkin. Sein Talent zum Griesgram hat er bereits in «Little Miss Sunshine» als vulgärer Grossvater und in «Argo» als abgehalfterter Produzent bewiesen. Sein Norman scheint an den fiktiven Misanthropen Larry David aus der Sitcom «Curb Your Enthusiasm» angelehnt.

Jüdischer Humor

Wie in «Curb Your Enthusiasm» gibt es auch in «The Kominsky Method» immer wieder Gastauftritte von Schwergewichten der Branche, die sich häufig gleich selber spielen. Elliot Gould will Norman ein Drehbuch vorschlagen, Jay Leno führt mit vielen Lachern durch die Beerdigung von Normans Frau und Patti LaBelle singt am gleichen Anlass «Lady Marmalade». Und wie «Curb Your Enthusiasm» setzt «The Kominsky Method» auf jüdischen Humor: Auch in traurigen Situationen wird schallend gelacht, wie etwa an der Beerdigung von Normans Frau; man nimmt sich selber nicht so ernst, Sexwitze werden ausgereizt, und die Familie steht im Mittelpunkt. Und so bekommt Norman nicht nur Besuch von seiner toten Frau, sondern auch von allen anderen verstorbenen Frauen seiner Familie, die sich über seinen Kopf hinweg angiften, was er ergeben kommentiert mit: «Das ist alles mein Fehler. Sprichst du mit einem Geist, bist du plötzlich in einer jiddischen Version von Macbeth.»

Die Serie weist grosses Potenzial für weitere Staffeln auf. Man kann nur hoffen, dass Netflix diese produziert, damit die Rollen der Frauen und der Millennials ausgebaut werden und die Komik des Schauspielunterrichts voll ausgereizt wird. Vor allem aber will man mehr griesgrämigen Schlagabtausch zwischen Sandy und Norman sehen. Denn das Alter ist zwar kein Witz, aber nur mit Witz erträglich.

Atlanta wird zur neuen Kulturmetropole der USA

Abgrundtiefe Armut und grenzenloser Reichtum treffen in der Rap-Hauptstadt Atlanta unmittelbar aufeinander.

Das Zentrum der Südstaaten hat viel mehr zu bieten als Coca-Cola und CNN. Seit ein paar Jahren zieht eine junge Kreativszene Musiker und Filmstudios an.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Das Herz der amerikanischen Kultur schlägt traditionell an den Küsten am stärksten. New York und Los Angeles spielen in allen Bereichen ganz vorne mit. Bis jetzt. 

Denn seit einigen Jahren mausert sich die kleine verschwitzte Schwester aus Amerikas tiefem Süden zu einer echten Konkurrenz. Atlanta ist den meisten bekannt als Heimatort von Martin Luther King, CNN und Coca-Cola, als Austragungsort der Olympischen Spiele 1996 und dem Handlungsort des Nostalgieschinkens «Vom Winde verweht» (1939).

Kultur verlangt nach neuem Input und einer Vermischung unterschiedlicher Stile, und dafür sind die Küsten prädestiniert. Aber eben auch Atlanta, das 1837 an einem Knotenpunkt zweier Eisenbahnstrecken gegründet wurde. Damals dachte niemand an die moderne Popkultur, sondern eher an den Handel mit Waren. Der findet auch heute noch in Atlanta statt, nur sind es mittlerweile vor allem Drogen, die an einem der wichtigsten Autobahnknotenpunkte zwischen Süden und Norden und über den verkehrsreichsten Flughafen der Welt verkauft werden.

Beliebt bei der Oberschicht

Das findet sich in Atlantas Rap wieder: dem Trap. Das englische Wort für «Falle» meint im Jargon ein Haus, wo Drogen verkauft werden. Viele Trap-Musiker haben als Dealer begonnen. Bands wie Migos zeigen sich noch immer gerne mit ihren Uzis. Aber die Trapmusik ist nicht nur an sich erfolgreich: Die «Harvard Political Review» hat herausgefunden, dass seit 2015 mehr als doppelt so viele Rap-Songs aus Atlanta kommen als aus ­Südflorida, der Nummer 2 im Rap-Business. Der Trap ist mittlerweile auch zum Baustein für viele andere Musikgenres geworden und findet sich in der elektronischen Musik genauso wie im Country.

Trap hat einen langsameren Rhythmus als der durchschnittliche Rapsong. Typische Vertreter sind Migos, Young Thug, Future oder Gucci Mane. Die Songs klingen dunkler und erzählen oft vom Verkauf von Drogen und dem schnellen Geld. «Bad and Boujee» von Migos erzählt, wie es ist, nicht in der Mittelschicht aufgewachsen, dann aber mit Drogen reich geworden zu sein und dazuzu­gehören. «Boujee» ist ein Slangwort für bourgeois. Aber ihre Vergangenheit haben sie nicht vergessen, deshalb «Bad and Boujee».

Atlanta hatte in den neunziger Jahren schon einmal zwei starke Musikvertreter – die Rapgruppe OutKast («Hey Ya!») und die R’n’B Band TLC («No Scrubs»). Sie waren die ersten Musiker, die nicht mehr in den Norden gehen mussten, um ihre Karriere zu starten, weil es zum ersten Mal eine kleine Infrastruktur in der Stadt selber gab. Mittlerweile ist die Atlanta-Musikszene so wichtig geworden, dass auch andere Künstler wie Janelle Monaé kommen.

Aber nicht nur die Künstler kommen, auch die afroamerikanische Mittel- und Oberschicht hat Atlanta entdeckt. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts flüchteten Millionen von Afroamerikanern in den Norden. Seit den siebziger Jahren kehren sie in kleinen Gruppen in den Süden zurück, seit zehn Jahren in grosser Zahl. Die afroamerikanische Oberschicht mag dabei vor allem Atlanta, weil Afroamerikaner hier am meisten verdienen und die traditionellen afroamerikanischen Universitäten hier sind. Hier sind sie überdies in der Mehrzahl. Die «New York Times» nannte Atlanta bereits «the Black Mekka».

Der wichtigste Künstler der Stadt ist Donald Glover, der dieses Jahr als Rapper Childish Gambino mit dem Video zu «This Is America» hohe Wellen schlug. Darin prangert er die Waffenobsession der USA an und fordert, dass Afroamerikaner monetär bekommen, was ihnen wegen der Sklaverei zusteht. Er ist der Inbegriff des neuen Atlanta: bürgerlich aufgewachsen, gebildet, gut vernetzt und erfolgreich. Dagegen stehen Migos für das alte Atlanta: arm, geprägt von Drogen und Gewalt, aber auch von der Fähigkeit, aus wenig viel zu machen. Glover dankte ihnen bei der letztjährigen Emmy-Verleihung. Er erhielt zwei Auszeichnungen für seine hochgelobte Serie «Atlanta». Diese erzählt von Earn (Glover), einem Uni-Abbrecher, der seinen rappenden Cousin Paper Boi managen will. Die Serie zeigt die dunkleren Ecken der Stadt, wo es noch dreckig ist, aber auch die Kreativität herkommt. Paper Bois Philosophie des Raps ist: «Aus einer schlechten Situation das Beste machen – das ist Rap.»

Am Trap zeigt sich denn auch alles, was Atlanta ausmacht: eine ausufernde Kreativität, abgrundtiefe Armut, die trotz Oberschicht und florierendem Arbeitsmarkt nicht auszumerzen ist, Reichtum und eine Kumulation von jungen Talenten.

Aber Glover ist nicht der Einzige, der hier Serien filmt. Die Stadt ist zu einem Anziehungspunkt für Film- und Fernsehproduktionen geworden. Mit dem «Entertainment Industry Investment Act» von 2008 bietet Georgia Steuerreduktionen, wenn im Staat gefilmt wird. Davon haben viele profitiert, letztes Jahr gab es über 320 Serien- und Filmproduktionen, die meisten um Atlanta. Diese führten gemäss Governor Nathan Deal zu Einnahmen von 9,5 Milliarden Dollar. «The Walking Dead» wird hier gefilmt, auch «Strangers Things» oder «Dynasty».

Die Stadt kann glänzen

Mit Steuerreduktionen haben schon viele Staaten Filmproduktionen angelockt, nur um später festzustellen, dass kaum Jobs entstanden. In Georgia ist das anders. Marvel hat in Atlantas Vorstadt die Pinewood-Studios gebaut, bereits «Thor: Ragnarok» und «Black Panther» wurden hier gefilmt, weitere Marvel-Filme sollen folgen. 

Das ist für die Stadt erfreulich, hilft ihr aber noch wenig, sich in der Welt zu präsentieren. Die Handlung ist nämlich meistens anderswo angesiedelt. Dabei hat Atlanta das Potenzial, auch selber zu glänzen. Edgar Wright hat das mit «Baby Driver» (2017) gezeigt. Mit seinem Soul-Soundtrack verkörpert der Film den Inbegriff von Coolness.

Gedankt hat Donald Glover in seiner Emmy-Dankesrede nicht nur Migos, sondern auch Atlanta und «allen schwarzen Menschen dort. Dafür dass ihr authentisch seid. Dafür, dass ihr am Leben und phantastische Menschen seid.» Und das ist ein weiterer Grund für den Aufstieg Atlantas. Denn heute bezeichnet sich eine Mehrheit junger Menschen in den USA als nicht weiss. Die Stadt ist jung, cool, kreativ, und sie ist schwarz. Das ist die Zukunft auch.

Atlanta ist jung, cool, kreativ, und es ist schwarz. Das ist die Zukunft auch. 

Picnic at Hanging Rock

Kreiert von Larysa Kondracki, mit Natalie Dormer, Lily Sullivan, Lola Bessis, Samara Weaving, Dauer 6 folgen à 51 Minuten, Sender amazon prime

Von Murièle Weber (FRAME)

In der Nähe der Felsformation Hanging Rock im australischen Busch verschwinden 1900 drei junge Frauen und eine Lehrerin aus einem Mädcheninternat, das von der gestrengen Mrs. Appleyard (Natalie Dormer) geführt wird. Diese gibt sich als Witwe aus, erzählt dem Publikum aber bereits in den ersten Minuten, dass sie auf der Flucht vor einem Mann sei, der sie hier niemals finden könne. Die Mädchen werden im Internat auf ein Leben als Ehefrau und Mutter der oberen Mittelschicht vorbereitet. Obwohl sie sich nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmung sehnen, werden sie in Korsetts und weisse Handschuhe gesteckt.

«Picnic at Hanging Rock» basiert auf dem gleichnamigen Roman von Joan Lindsay von 1967, der eine fiktive Geschichte im Stile eines pseudohistorischen Ereignisses erzählt und sich auf die mysteriöse Stimmung und die Geheimnisse aller Beteiligten konzentriert, die durch die Suche nach den Mädchen ans Licht kommen. Auch die Rolle der Weissen in einem ihnen fremden Land wird thematisiert. 

Die Serie setzt die mysteriöse Stimmung in wunderschönen Bildern um und stellt der einengenden Atmosphäre der viktorianischen Zivilisation die lockende, wilde Natur Australiens gegenüber. In der Neuinterpretation des Stoffes werden die weiblichen Rollen aktualisiert, und es schwingt oft eine homoerotische Note zwischen den Schülerinnen und Lehrerinnen mit, die in diesem zutiefst femininen Biotop leben, abgeschieden von männlichen Einflüssen. Neben dem Rätsel um den Verbleib der ­Verschwundenen ist die Serie deshalb vor allem eine Studie über das sexuelle Erwachen junger Frauen.

Maniac

Kreiert von Cary Joji Fukunaga, mit Emma stone, Jonah Hill, Billy Magnussen, Sonoya Mizuno, Dauer 10 Folgen à 60 Minuten, Sender Netflix 

Von Murièle Weber (FRAME)

Die Idee, dass mit moderner Medizin fast alles kuriert werden kann, wird in dieser Serie um die psychologische Ebene erweitert. Ein japanischer Pharmakonzern forscht an einer Möglichkeit mittels drei Pillen und Mikrowellenstrahlen emotionale Traumata zu beheben. Eine anstrengende und oft schmerzhafte Gesprächstherapie würde so überflüssig.

Bei dieser Studie treffen sich Annie (Emma Stone) und Owen (Jonah Hill). Er ist der jüngste Sohn eines Grossindustriellen, der von seinen Brüdern gepiesackt wird und offensichtlich an einer schweren Schizophrenie leidet. Sie trauert über den Verlust ihrer Schwester und scheint eine Borderline-Störung zu haben. Owen ist davon überzeugt, dass Annie die Kontaktperson für seine Mission ist, um die Welt zu retten, während Annie den seltsamen Kauz lieber loswerden möchte. Per Computersimulation werden die beiden mit ihren Traumata konfrontiert. Aber weil der weibliche Computer an Depressionen leidet, tröstet sie sich damit, dass sie Annie und Owen einander in ihren Phantasien treffen lässt. 

Diese Phantasien sind allesamt Filmhommagen und erinnern an «Lord of the Rings»-ähnliche Abenteuer, Mafiafamiliendramen, einen Krimi im Stil der 1920er und ein Unterschichtendrama inklusive Tierdiebstahl im Stil der 1980er. Die Serie basiert lose auf einem gleichnamigen norwegischen Vorbild, in dem der Protagonist als Psychiatriepatient der Held seiner eigenen Tagträume ist, während er im normalen Leben als Versager durch die Welt geht. Im Original wie in der Neuverfilmung geht es um die Frage: Ist es besser, im Alltag zu leiden oder in der Phantasie glücklich zu sein? Der 1977 geborene Regisseur Cary Fukunaga hat von seiner Arbeit an «True Detective» bereits Erfahrung mit existenziellen Themen in Serien. Die dunkle Komödie «Maniac» enthält viele kleine, interessante Details für die Weltbildung und wechselt zwischen dystopischem Science-Fiction, Verschwörungs-Thriller, Familiendrama und Liebesgeschichte, wobei man bis zum Schluss nicht genau weiss, worauf alles hinausläuft. 

Verführ sie mit deinen Reimen

Rappender Teenager statt französischer Dichter: In «Das schönste Mädchen der Welt» mit der Zürcherin Luna Wedler wird ein Theaterstoff modern interpretiert.

Von Murièle Weber (Züritipp)

Jugendliche sind gemein. Als sich Cyril (Aaron Hilmer) im Car für den Schulausflug nach Berlin hinsetzen will, zeigen seine Mitschüler auf seine grosse Nase, keiner macht für ihn den Platz frei. Da steigt überraschend eine neue Schülerin zu: Roxy (Luna Wedler). Sie ist hübsch, sie ist frech, und sagen lässt sie sich erst recht nichts. «Du hast so einen grossen Mund. Wie viele Eier passen denn da rein?», fragt ein Junge. «Wie viele passen denn in deinen?», retourniert sie und hat die Lacher auf ihrer Seite. Sofort verliebt sich die halbe Klasse in sie. Setzen tut sie sich dann ausgerechnet neben Cyril.

«Das schönste Mädchen der Welt» ist eine lose Adaption von Edmond Rostands Drama «Cyrano de Bergerac» (1897). Auch Cyrano hatte einen grossen Zinken, getraute sich deswegen nicht, um seine Angebetete zu werben, und liess ihr seine Liebesgedichte stattdessen von einem schönen Jüngling vortragen. Jetzt im Film ist es der muskulöse Rick (Damian Hardung), der nichts, aber auch gar nichts im Kopf hat, was leider etwas zu plump dargestellt wird. Abgesehen von ein paar anderen Patzern – zum Beispiel, wenn die Mutter (Anke Engelke) Cyril zeigt, wie man den Gummi überstreift, bevor sie mit der Banane Oralsex simuliert –, ist der Film aber gut gelungen.

In dieser modernen Version gehts übrigens nicht mehr um Gedichte, sondern um Raptexte. Mit einer goldenen Maske geschützt, getraut sich Cyril in Berlin vor Publikum und tritt gegen andere Rapper an. Natürlich gewinnt er. Roxy, die den Auftritt sieht, aber denkt, Rick stecke hinter der Maske, verliebt sich in den Wortakrobaten. Die Verwechslungskomödie nimmt ihren Lauf. Bald schickt Cyril dem Mädchen im Namen von Rick wortgewandte Liebesbotschaften als Audiodatei und gewinnt damit erst recht ihr Herz. So funktioniert Verführung im 21. Jahrhundert.

Besonders hervorheben muss man auch die Mädchenfigur, die hier als Angebetete nicht einfach eine passive Projektionsfläche ist, sondern ihr Leben selbst in die Hand nimmt, sich irrt und Fehler macht, aber immer für sich und andere einsteht. Grossartig verkörpert wird sie von der Zürcherin Luna Wedler («Blue My Mind»).

Im Morgengrauen bist du tot

Die Nacht hält unbegrenzte Möglichkeiten und nicht zähmbare Gefahr bereit. Szene aus dem Film «Asphaltgorillas».

In Filmen wie «So was von da» und «Asphaltgorillas» verändert eine Nacht das Leben der Protagonisten grundlegend. Das Vorbild dafür ist Shakespeare.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Am Ende des Abends liegen Oskar und seine Freunde mehr auf der Bar, als dass sie davor stehen würden. Vor ihnen Gläser mit Absinth, im Hintergrund pocht Elektromusik. «Schöner Moment. Gutes Ende. Abspann bitte», sinniert Oskar, der Protagonist des Dramas «So was von da», im Rausch. «Es sind alle da. Die ganze Familie. Schöner wird es heute Abend nicht mehr. Denn alles, was zählt, ist das Hier und Jetzt.» Zu dieser Erkenntnis kommt Oskar (Niklas Bruhn) nach einer Höllennacht voller kurzer, intensiver Begegnungen mit Freund und Feind in seinem halb zerfallenen illegalen Klub auf der Reeperbahn in Hamburg. Oskar ist nicht mehr, wer er am Abend davor noch war. Die Erlebnisse in dieser einen Nacht haben sein Leben für immer verändert. Dieses Motiv findet sich in unzähligen Filmen.

Das prägnanteste Beispiel ist der dystopische Horrorfilm «The Purge» (2013). Darin bleibt einmal pro Jahr nach Sonnenuntergang jedes Verbrechen straffrei. Die Idee dahinter ist eine Art soziale Säuberung, die für den Rest des Jahres Frieden schaffen soll. Während die Protagonisten die Gewalt zunächst noch befürworten, haben sie – nach dem durchlebten Schrecken – ihre Meinung bei Sonnenaufgang geändert.

Das Motiv der alles verändernden Nacht findet sich auch im Drama «Oh Boy» (2012) von Jan-Ole Gerster, in dem ein gescheiterter Student im nächtlichen Berlin eigentlich nur einen Kaffee trinken will, aber nach Begegnungen mit einem Altnazi, einer ehemaligen Schulkollegin und einer Gruppe Halbstarker bei Sonnenaufgang beschliesst, sein Leben endlich in den Griff zu bekommen.

Ausschweifungen im Dunkeln

Während der Tag für die Rationalität des Verstandes steht, sieht man in seinem dunklen Gegenspieler das Unbewusste, Psychotische, das, was geheilt oder ausgetrieben werden muss. Deshalb beschreiben wir die Aufklärung als jene Zeit, die Licht in das Dunkel des Mittelalters brachte, und deshalb reden wir von der Umnachtung des Geistes. Gleichzeitig sagen wir aber auch, etwas habe sich «im Schutze der Nacht zugetragen», als ob die Dunkelheit eine Art Nebelmaschine wäre, die illegales Tun verhüllt und Gefahr birgt, aber auch mehr Raum für Verführungen und Ausschweifungen bietet.

Diese Idee der Nacht als einer Bühne oder eines psychologischen Raums, in dem Träume, Traumata und Ausschweifungen so intensiv erfahren werden, dass die Protagonisten am Ende geläutert oder zumindest verändert aus ihr hervortreten, geht auf Shakespeare zurück. Sein Stück «Ein Sommernachtstraum» zeigt das exemplarisch: Im nächtlichen Wald treffen vier Verliebte aufeinander, beide Männer lieben Hermia, während Helena verschmäht wird. Da streicht das schelmische Feenwesen Puck den Männern einen Liebessaft ein, worauf sich beide in Helena verlieben. Als der Tag anbricht, können sich alle vier nicht mehr daran erinnern, ob die Geschehnisse der vorherigen Nacht Traum, Albtraum oder Realität waren. Aber weil das Erlebte ihre Psyche verändert hat, gibt es am Schluss zwei glückliche Paare.

Im Medium Film drängt sich dieses nächtliche Motiv geradezu auf, denn Filme ­entfalten ihre Wirkung erst in der künstlich erzeugten Nacht eines Kinosaales. Gleichzeitig benötigen sie Licht zur Herstellung, weil Dunkelheit nur in Kontrast zum Licht wiedergegeben werden kann. Die Nacht muss deshalb beleuchtet werden, damit sie darstellbar wird. Noch im Stummfilm konnte nur bei Tag gedreht werden, mittels blau eingefärbter Szenen vermittelte man den Eindruck von Dunkelheit. In den vierziger Jahren entstand die Ästhetik des Film noir. Werke wie «The Maltese Falcon» (1941) oder «Double Indemnity» (1944) enthielten viele düstere Szenen bei Nacht oder schlechten Lichtverhältnissen und gaben dem Genre nicht nur thematisch – es ging oft um zwielichtige Figuren und manipulative Frauen –, sondern auch visuell seinen Namen. 

Inzwischen ermöglichen Digitalkameras Aufnahmen auch bei sehr schwachen Lichtverhältnissen. So konnten die deutschen Produktionen «Asphaltgorillas» von Detlev Buck und «So was von da» von Jakob Lass tatsächlich bei Nacht gefilmt werden. Während Letzterer auf eher düstere Klubbeleuchtung setzt, badet «Asphaltgorillas» geradezu im Neonlicht. Die Actionkomödie, in der Atris (Samuel Schneider) nicht länger der Handlanger von Gauner El Keitar sein will und sich auf ein krummes Geschäft mit seinem Jugendfreund Frank einlässt, spielt in einer Berliner Nacht, die inszeniert ist wie eine Zwischenwelt aus Stripklubs, Shishabars und Dönerbuden.

In all diesen Filmen ist es aber nicht nur die Nacht an sich, die zur Veränderung in den Protagonisten führt, sondern Begegnungen mit Menschen, die dann anzutreffen sind. Die Dunkelheit bietet den Raum und die Bühne für das Durchleben von emotionalen Erfahrungen, die die Veränderung einleiten. Im Drama «So was von da», der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Musikjournalist Tino Hanekamp, ist es Oskars Begegnung mit seiner unglücklichen Liebe Mathilda, die Konfrontation mit Unterweltboss Kiezkalle, der von ihm 10’000 Euro Schutzgeld erpresst, und das Mitgefühl mit dem Unglück seiner Freunde Rocky und Nina, die Oskar erkennen lassen, dass nur der Moment zählt. Diese Einsicht ermöglicht es ihm, sein Leben neu zu beginnen.

Für Atris aus «Asphaltgorillas» ist es die Begegnung mit Frank, der ihm, wie schon damals in ihrer Kindheit, lauter Versprechen macht, aber keines davon hält, und die Treffen mit einer jungen Marie (Ella Rumpf), die Atris zweierlei einsehen lassen: Er muss nicht die Frau heiraten, die seine Mutter für ihn ausgewählt hat, und auch nicht für den immergleichen Gauner arbeiten. Er kann sich befreien und neu anfangen. Es ist dieser Neubeginn, den der Sonnenaufgang verspricht. Das kann nur ein Film.

Wie ein Gangster-Rap

Beide Werke verstehen die Nacht als Raum für psychologische Veränderungen, aber in der visuellen Umsetzung sind sie sehr verschieden. Während «Asphaltgorillas» auf eine schrille, glänzende, temporeiche Berliner Nacht setzt, lässt sich «So was von da» gemächlich durch das nächtliche Hamburg und den Abrissklub treiben. Leider will «Asphaltgorillas» dabei zu viel, preist sich dem Publikum als besonders cool an und wirkt dadurch anbiedernd und aufdringlich. Obwohl das Drama einige schöne Momente und tarantinoeske Kampfszenen aufzu­weisen hat, ist es zu glatt. «Asphaltgorillas» ist wie einer der Gangster-Rap-Songs, aus denen sein Soundtrack besteht: Der Film erzählt eine Geschichte, hat mehrere Abschnitte und Punchlines, aber er ist vor allem Oberfläche, Attitüde. Ihm fehlt das Herz.

«So was von da» hingegen gleicht mehr dem menschlichen Herzschlag, wie auch der Technobeat seines Soundtracks. Der Film hat keine komplexe Rahmenhandlung, muss er aber auch nicht haben. Er ist vielmehr interessiert an Momentaufnahmen, wie man sie in einer verrauchten WG als Polaroids aufgereiht an einer Schnur finden könnte, wobei jedes der Bilder einen ganz besonderen Moment dieser einen Nacht im Leben von Oskar festhält: das ausschweifende Partyleben, die Gespräche mit den Freunden, die Auftritte der Band Grossstadtgeflüster und Bela B. von den Ärzten. Und genau deswegen vermag der Film zu verführen, weil er nicht versucht, mehr zu sein, als er ist.

Fang mich – wenn du kannst

In «Killing Eve» jagt eine britische Agentin eine russische Auftragsmörderin durch Europa. Die Regisseurin Phoebe Waller-Bridge beweist, dass auch weiblich besetzte Agententhriller funktionieren. Die Serie gehört zu den Highlights dieses Jahres.

Von Murièle Weber (FRAME)

Die Macher von «Killing Eve» lieben ihre exzentrischen Figuren. Darum verstecken sie deren Schwächen nicht, sondern zerren sie genüsslich ins Scheinwerferlicht. So kämpft die Agentin Eve (Sandra Oh) in einer morgendlichen ­Sitzung auf dem Dezernat ungeduldig mit einem lauten Papiersack, statt sich das Croissant heimlich in den Mund zu schieben. Währenddessen inszeniert die Mörderin Villanelle (Jodie Comer) ihren Selbstmord; aus purer Langeweile, und weil sie ihren Vorgesetzten Konstantin (Kim Bodnia) schockieren will. 

Solche Kapriolen haben wir der grossartigen Autorin und Regisseurin Phoebe Waller-Bridge zu verdanken. Zurzeit hört man sie in «Solo: A Star Wars Story», wo sie dem Roboter L3-37 ihre Stimme lieh. Die 32-jährige Londonerin hatte ihren Durchbruch 2016 als Autorin und Hauptdarstellerin mit der Serie «Fleabag». Darin beschreibt sie das Leben einer jungen Frau, deren Leben aus den Fugen gerät, nachdem ihre beste Freundin aus Versehen Selbstmord begangen hat. Eigentlich wollte sie sich bloss verletzen, um ihren untreuen Freund zu bestrafen. Waller-Bridge paarte für die Comedy-Serie den Blick in tiefste seelische Abgründe mit bitterbösem Humor. «Wenn die Menschen lachen, sind sie verletzlich und offen. Das ist eine gute Gelegenheit, um sie zu treten», beschreibt sie ihren Schreibstil in einem Interview. Deshalb liegen in Waller-Bridges Serien Empfindsamkeit und Boshaftigkeit stets nahe beieinander. Für «Fleabag» erntete sie einen Bafta-Award als beste Schauspielerin und wurde schnell zum Liebling der britischen Fernsehmacher, von Kritikern und vor allem des Publikums. 

Damit kam sie der Chefin von BBC America gerade recht: Sarah Barnett war auf der Suche nach einer Serie, die sich vom Rest abhebt und beim Publikum landen kann, ohne dass man sie davor gross anpreisen muss. Barnett lag mit «Killing Eve» genau richtig. Tatsächlich kam die achtteilige erste Staffel so gut an, dass sich die Zuschauerzahl auf BBC America schon kurz nach dem Start verdoppelt hat. 

Erotisches Katz-und-Maus-Spiel

«Bei der Entwicklung gaben wir Phoebe immer wieder den Rat: Bleib schräg», erzählte Barnett in einem Interview. Und so nahm Waller-Bridge ihre Vorlage, die «Villanelle»-Romane von Luke Jennings, die er im Selbstverlag auf Amazon veröffentlicht hatte, und tauschte zuerst einmal alle wichtigen männlichen Figuren durch Frauen aus. Sie schrieb unzählige absurde Dialoge, um ihren Figuren Charakter zu geben, und durchzog alles mit ihrem schrägen Humor. Entstanden ist ein brillantes Katz-und-Maus-Spiel zwischen Eve und Villanelle. 

Eve, bis jetzt administrative Angestellte beim britischen Inlandgeheimdienst MI 5, wird kurzerhand zur Agentin mit eigenem Team befördert, weil sie herausgefunden hat, dass scheinbar zusammenhangslose Morde auf das Konto derselben Person gehen und dass eine Frau die Täterin ist. So erklärt Eve selbstbewusst: «Der ermordete russische Politiker war ein Frauenhasser und verantwortlich für den Handel mit Prostituierten. Der hätte in einer Frau niemals eine Gefahr gesehen. Es muss also eine Mörderin gewesen sein.»

Mit genau dem Vorurteil, dass man Frauen nicht zutraut, einen Job in diesem Männergeschäft gut ausführen zu können, arbeitet Waller-Bridge wiederholt in «Killing Eve». So erklärt die Kollegin Carolyn der Chefin Eve: «Unsere Ehemänner glauben eher, dass wir eine Affäre haben, als dass wir Geheimagentinnen sind.» Und Phoebe Waller-Bridge erinnerte sich in einem Interview: «Es gab tatsächlich eine Sitzung, in der jemand sagte: ‹Wir können nicht zu viele Frauen in der Serie haben.› Womit er meinte, das wirke unglaubwürdig. Und ich sagte: ‹Was für ein Scheiss. Nicht wenn die Serie gut geschrieben und gut inszeniert ist.›» Wie recht sie hat. Niemand käme auf die Idee, Eve und Villanelle müssten Männer sein. Die Figuren überzeugen mit ihrer verkorksten Art und ihren Motiven: Eve ist gelangweilt vom Alltagstrott und lebt auf, sobald Villanelle auftaucht. Sie ist offensichtlich fasziniert von der Arbeit der Russin, die ihre Opfer bald mit einer Haarnadel ersticht, bald mit Parfum vergiftet. «Ich bin ein Fan», gesteht sie Carolyn einmal. «Die Frau überlistet die Intelligentesten von uns und dafür verdient sie es, zu töten, wen sie will. Solange nicht ich es bin.» Aber genau das plant Villanelle schon bald, die ganz entzückt ist von der Aufmerksamkeit, die sie von Eve und deren Team bekommt. 

Villanelle kostet dieses Gejagtwerden aus und verwickelt die Agentin darum in ein Psychospiel. Einmal klaut sie Eves Koffer und schickt ihn ihr gefüllt mit edlen Markenkleidern wieder zurück. Zuerst ist Eve verängstigt, dann schmeisst sie sich doch in die neuen Fummel. «Eve und Villanelle hauchen einander gegenseitig Leben ein, und das auf eine Art, die viel komplexer ist als eine romantische Beziehung. Es ist sexuell, es ist intellektuell, es ist anspornend», beschreibt Waller-Bridge ihre Figuren. Diese sexuelle Spannung zwischen den beiden Frauen intensiviert sich im Verlaufe der Jagd. Zu Beginn spielt die Serie mit dem Bromance-Klischee vieler Buddy-Filme wie in der «Lethal Weapon»-Reihe mit Danny Glover und Mel Gibson – diesem Typus der engen, nicht sexuellen Freundschaft zweier Menschen gleichen Geschlechts, die sich oft durch flirtenden Sprachwitz auszeichnet.

Später, wenn Eve Villanelle retten will oder Villanelle bei Eve einbricht, um mit ihr zu Abend zu essen, folgt eine emotionale Intimität zwischen den Frauen, die an «Thelma & Louise» erinnert. Gegen Ende schwingt dann etwas unverhohlen Sexuelles mit, wobei man nie sicher sein kann, ob die beiden gleich einander küssend aufs Bett fallen oder sich duellieren werden.

Die Stärke von Waller-Bridge ist aber nicht nur, exzentrische Figuren zu erschaffen, sondern genauso das Schreiben von absurden Dialogen. Als Eve Villanelle auf die Spur kommt, weil ein Zeuge diese als flachbrüstig bezeichnet hatte, ruft sie ihre Assistentin Elena an und befiehlt: «Beschreib mir die Brüste aller weiblichen Auftragsmörderinnen in unserer Datenbank.»

Hommage an unangepasste Frauen

Während Villanelle in den Romanen von Luke Jennings eine traurige Kindheitsgeschichte angedichtet bekam, hat Waller-Bridge dieser Versuchung widerstanden. «Ich mag Serien über Frauen, deren Schaden nicht erklärt wird», sagte sie. «Villanelle ist einfach eine eigenständige, komplizierte Person, die Probleme hat.» Wir wissen deshalb nicht viel über sie, ausser dass sie eine Psychopathin ist.

Während die Frauen brillieren, kommen die Männer in «Killing Eve» nicht gut weg. Entweder übersehen sie vor lauter Überheblichkeit das Wesentliche oder lassen sich übertölpeln. Oder sie werden hysterisch, wenn sie in Gefahr sind. Als Villanelle Frank nachsetzt, einem Mitarbeiter von Eve, rennt dieser kreischend über ein Feld, während Eve ihn am Telefon zu beruhigen versucht, damit sie ihn retten kann. Trotzdem ist «Killing Eve» nicht einfach eine weibliche Version des sonst sehr männlichen Spionagegenres, sondern eher der Beweis dafür, dass es keine Rolle spielt, welches Geschlecht die Figuren haben, solange Drehbuch und Schauspiel gut sind. 

Safe

Kreiert von Harlan Coben, mit Amy James-Kelly, Amanda Abbington, Michael C. Hall, Dauer 8 Folgen à 60 Minuten, Sender Netflix 

Von Murièle Weber (FRAME)

Eine Grillparty unter Nachbarn: Die Kinder spielen Fussball, die Frauen richten das Essen, und die Männer gönnen sich ein Bier. Alles scheint harmonisch in dieser kleinen bewachten Wohnanlage irgendwo in Grossbritannien. Dann kommt die 16-jährige Tochter von Tom (Michael C. Hall) nach einer Party nicht mehr nach Hause. 

Auf der Suche nach ihr stolpert der Vater über die Leiche ihres Freundes und unzählige kryptische Whatsapp-Nachrichten zwischen den beiden. Bald wird Tom mit der ihm unbekannten Vergangenheit seiner toten Frau konfrontiert, und der Verdacht kommt auf, dass jemand aus dieser Vergangenheit auch für das Verschwinden der Tochter verantwortlich ist.

Seit 2015 hat der amerikanische Krimiautor Harlan Coben jedes Jahr eine Serie verwirklicht. Wie in seinen früheren Serien sind auch in «Safe» die zentralen Themen eine verdrängte traumatische Vergangenheit, die Schuld aller Beteiligten daran und die Konsequenzen davon, die sich bis in die Gegenwart erstrecken. Es ist das klassische Motiv von Schauergeschichten, das Sigmund Freud mit dem Begriff des Unheimlichen beschrieben hat: Erst wenn die Vergangenheit ans Licht gezerrt wird, können die alten Geister ruhen. 

Während Cobens Serie «The Five» (2016) in sich stimmig war und den Spannungsbogen aufrechterhielt, wollen die einzelnen Teile in «Safe» nicht richtig zusammenpassen. Schon der Eröffnungssong, «Glitter & Gold» von Barns Courtney, wirkt mit seiner Mischung aus Rock, Country und Gospel nicht sehr britisch, der Akzent von «Dexter»-Darsteller Michael C. Hall lässt sich geografisch in Grossbritannien nicht verorten, und auch die bewachte Wohnanlage passt besser zu den USA als zu Europa. Hier wirkt alles irgendwie deplatziert. Auch legt die Serie mehr Wert auf die persönlichen Beziehungen zwischen den Figuren, denn auf die Aufklärung des Mordes und das Wiederfinden der Tochter. «Safe» bietet zwar kurzweilige Unterhaltung, ist aber zwischen all den Perlen auf dem aktuellen Serienmarkt nichts, das einem länger im Gedächtnis haften bliebe.