Open Air hat’s schwer

Foto: Pexels, Jonathan Borba

Im Festivalsommer 2018 kämpfen Veranstalter mit Lokalgroove und besonderen Angeboten um jeden Besucher. Doch jetzt drängen auch noch finanzkräftige ausländische Konkurrenten auf den Markt?

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Die Saison des Schlamms und der Sonnenbrände hat wieder begonnen. Alle paar Kilometer versammeln sich Menschen, um unter freiem Himmel die Musik oder zumindest die sommerlichen Temperaturen zu geniessen. Die Palette reicht vom Paléo Festival in Nyon, dem grössten mit insgesamt 230 000 Besuchern an sechs Tagen, über das Zürich Open Air mit 80 000 Gästen an vier Tagen bis zu ganz kleinen Veranstaltungen wie dem Blues Rules in Crissier.

An den grossen Open Airs werden jedes Jahr aufs Neue komplexe Welten erstellt und nach wenigen Tagen wieder abgerissen. Am Paléo Festival dauern Auf- und Abbau vier beziehungsweise drei Wochen. Jeden Tag sind dort und am Open Air Frauenfeld um die 50 000 Personen auf dem Gelände. Das entspricht etwa der Einwohnerzahl der Stadt Biel. Dafür müssen Anreise, Infrastruktur, Künstler, Sicherheit und Gastronomie organisiert werden. 

Die vier Grossen – Nyon, Frauenfeld, Zürich und St. Gallen – bestätigen alle, dass der grösste Ausgabenposten für Infrastruktur, Komfort, Abfall und Sicherheit anfällt. Das sind im Schnitt 50 Prozent des Gesamtbudgets. Bei einem Grossanlass wie dem Paléo macht das immerhin 13 Millionen Franken aus, in St. Gallen sind es 5 Millionen. Das sind grosse Summen. Alle vier sagen auch, dass die Sicherheitskosten in den letzten Jahren im Zuge von gesellschaftlichen und technischen Veränderungen gestiegen sind.

Für die Künstlergagen und den Aufbau der Bühnen wird dagegen deutlich weniger ausgegeben: Beim Paléo Festival sind es 27 Prozent, beim Open Air St. Gallen sogar nur 22 Prozent des Gesamtbudgets. Man hätte gerne gewusst, wie viel das Zürich Open Air dafür ausgibt, weil die Veranstaltung seit ihrem Start 2010 immer wieder mit grossen Namen lockt. Dieses Jahr sind es der Rap-Gott Kendrick Lamar, der einen prestigeträchtigen Pulitzerpreis erhalten hat, und Imagine Dragons, die Band, die 2017 bei Spotify weltweit am dritthäufigsten gespielt wurde. Aber leider veröffentlichen die Zürcher genauso wenig Zahlen wie das Open Air Frauenfeld. Nyon und St. Gallen legen offen, dass sie über 50 Prozent durch Tickets einnehmen, etwa 25 Prozent aus dem Verkauf von Essen und Getränken und rund 18 Prozent über Sponsoring und Merchandising.

Irrwitzige Honorare für Bands

Seit etwa zehn Jahren steigen die Gagen der Künstler kontinuierlich. «Der Markt ist sehr vital, es gibt unzählige Festivals. In Amerika hat es sogar eine richtige Renaissance gegeben. Aufgrund dieses Angebots ist die Nachfrage nach Bands dermassen erhöht, dass teilweise irrwitzige Summen gezahlt werden», sagt Christof Huber, der Festivaldirektor des Open Airs St. Gallen. Das Festival hat sich mit anderen Veranstaltern und Musikagenturen zur Dachmarke Wepromote zusammengeschlossen. Das verschafft ihnen Zugang zu Klubs, Konzerthallen und Veranstaltungen und den Musikern die Möglichkeit, eine ganze Tournee statt einzelner ­Konzerte zu organisieren.

Die Veranstalter reagieren damit auf global agierende Medienunternehmen wie das amerikanische «Live Nation», das für Künstler massgeschneiderte Tourneen in eigenen Hallen und an eigenen Festivals organisiert und dafür immer öfter Exklusivität erwartet. Unabhängige Festivals haben es da schwer. Seit 2017 ist Live Nation auch der Mehrheitsaktionär am Open Air Frauenfeld. «Durch den Einstieg von Live Nation sind wir Teil eines grossen Netzwerks geworden. So können wir weiterhin eine hohe Qualität des Programms mit internationalen Superstars wie Eminem garantieren», sagt Joachim Bodmer, der Pressesprecher des Open Airs Frauenfeld, und bestätigt damit indirekt, dass das vorher schwierig wurde. Dany Hassenstein, der Programmgestalter des Paléo, sieht darin noch kein grosses Problem, aber eine Gefahr für die Zukunft: «Wir beobachten diese Konglomerate sehr kritisch. Im Moment ist der Markt noch unter Kontrolle der Agenten. Aber in Frankreich sehen wir schon, dass Independentfestivals oft das Nachsehen haben.»

Unter diesen Umständen ein Musikprogramm zusammenzustellen, ist anspruchsvoll. «Es ist definitiv kein Wunschkonzert», sagt Rolf Ronner, der Festivaldirektor des Zürich Open Air. Die Veranstalter müssen abklären, wer im Sommer in Europa auf Tournee ist. Die Zeiten, als Künstler extra für ein Konzert in die Schweiz flogen, sind vorbei. Auch hier hilft Vernetzung: «Wir haben ein grosses Netzwerk aus Journalisten, anderen Veranstaltern und Agenten. Mit denen tauschen wir uns aus. Dann orientieren wir uns auch an den Ticketverkäufen der Künstler und an den sozialen Netzwerken. Und wir schauen uns ihre Konzerte live an», beschreibt Hassenstein den Prozess.

Das Open Air St. Gallen lässt hingegen auch das Publikum mitreden. «Wir machen ausgedehnte Umfragen nach Stilrichtungen und wollen wissen, welche Bands gewünscht sind. Wir waren selber davon überrascht, dass das Publikum oft solche bevorzugt, die bereits vor einem Jahr bei uns aufgetreten sind», sagt Huber. «Mit der Planung beginnen wir dann bereits ein Jahr zuvor.»

Wie wichtig die Bands für ein Festival sind, ist nicht klar. Viele Umfragen bestätigen, dass nicht immer die Künstler den Ausschlag für den Ticketkauf geben. Ans Paléo kommen nur zwei Prozent aller Besucher aus der Deutschschweiz, über 90 Prozent reisen aus der Romandie an und rund acht Prozent aus dem grenznahen Frankreich. «Das Festival ist in der Region sozial verankert. Wir haben knapp 5000 Freiwillige, die mitarbeiten und oft ihre Freunde und Familien mitbringen. Ausserdem haben wir rund 80 Bars auf dem Gelände, von denen ein Grossteil von Sportklubs aus der Region betrieben wird», sagt Hassenstein. Nebenbei setzt das Paléo auf kunstvolle Bauten, unter anderem von der Fachhochschule Westschweiz. Das Festival lädt Artisten und Gaukler ein und erlaubt NGO, dem Publikum ihre Anliegen zu präsentieren; dieses Jahr zum Beispiel der «SOS Mediterranée Suisse», die mit ihrem Schiff Aquarius Flüchtlinge aus dem Mittelmeer rettet.

«Trash-Heroes» gegen Abfall

Auch das Open Air St. Gallen ist lokal verankert und hat ein loyales Publikum. Das Open Air Frauenfeld, das ausschliesslich auf Hip-Hop, R’n’B und Reggae setzt, investiert ins Ambiente. «Wir bieten dem Gast ein Gesamterlebnis. Unsere Bühne ist 124 Meter lang und sieht aus wie die Skyline einer Grossstadt. Das Festival ist ein wenig wie Disney World oder Las Vegas. Für vier Tage kann der Alltag vergessen werden», sagt Bodmer. Das Zürich Open Air wiederum setzt auf Komfort und Sauberkeit, was das ältere und zahlungskräftige Publikum erwartet.

Um der Unsitte, das Zelt nach dem letzten Konzert einfach zurückzulassen, Herr zu werden, hat das Open Air St. Gallen ein Depot eingeführt. Auch in anderen Bereichen setzen die Veranstalter auf Nachhaltigkeit. In St. Gallen werden Mehrwegbecher verwendet, und Trash-Heroes sensibilisieren das Publikum für die Abfallproblematik. Das ist auch dem Paléo Festival wichtig.Während die Veranstalter den Einfluss ausländischer Medienunternehmen wie Live Nation kritisch beobachten, sehen sie die grösste Herausforderung in der Vielzahl der Veranstaltungen in der Schweiz. «Der Markt hat eine Dichte wie wahrscheinlich nirgends sonst auf der Welt», sagt Huber und wird von Hassenstein bestätigt: «Wer sich umhört, spürt, dass es schwieriger geworden ist. Bei den vielen Festivals das eigene Publikum zu behalten, ist wahrscheinlich die grösste Aufgabe.» Da ist es verständlich, dass das Paléo und das Open Air St. Gallen auf ihre Verankerung in der Region achten und das Open Air Frauenfeld auf ein Musik-Genre, nämlich Urban, setzt. Ob das reicht, muss sich zeigen.

Sie ertanzen sich ein wenig Freiheit

Die in den USA gefeierte Serie «Pose» lässt die transsexuelle Ballroom-Szene der 1980er wiederaufleben. Sie prägte den Tanzstil von Madonna.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

«Strike a Pose» – nimm eine Pose ein – befahl Madonna 1990 ihren Fans im Song «Vogue». Im dazugehörigen schwarz-weissen Videoclip führten Madonna und ihre Tänzer mit ihren Armen eckige Formen aus und fuhren mit den Händen wild um ihre Köpfe. Das Video gewann drei MTV-Awards und wurde in den Kanon der Popkultur aufgenommen. 

Einmal mehr hatte sich Madonna bei einer Subkultur bedient – und dieser zum Durchbruch im Mainstream verholfen. Denn sowohl die Posen als auch der Name «Vogue» für diese Art von Tanz stammen aus der Ballroom-Szene der achtziger Jahre im New Yorker Quartier Harlem. Dort trafen sich arme afro- und lateinamerikanische Schwule und Transfrauen, um in Tanzwettbewerben, sogenannten Bällen, gegeneinander anzutreten. Im «Voguing» mischten sie Posen aus Frauen-Modemagazinen wie «Vogue» mit Körperhaltungen von alter ägyptischer Kunst, Kampfsport und Ballett. 

Das Ziel war nicht nur, die Tanzfiguren möglichst perfekt auszuführen, sondern auch, den Gegner herabzusetzen. Denn der Tanz hat seine Wurzeln im «throwing shade», der Gepflogenheit, einen Streit durch wettkämpferisches Tanzen beizulegen. Wobei nicht einfach der Beste gewinnt; der Gegner soll durch Imitation seiner Bewegungen beleidigt werden. Was von aussen oft aussieht wie ein wildes Gefuchtel mit den Händen, hat eine lange Tradition. Jede Pose steht in einem historischen Kontext und erzählt oft eine komplexe Geschichte. Eine Jury bestimmt schliesslich den Gewinner. Festgehalten wurde diese Community im Film «Paris is Burning».

Für diese Wettkämpfe formieren sich die Teilnehmer in Gruppen, die gegeneinander antreten, sogenannte Häuser: «The House of Ninja» oder «The House of Xtravaganza». Das Vorbild ist auch hier die Modewelt mit «The House of Chanel» oder «The House of Saint Laurent». Jedes Haus hat eine Mutter oder einen Vater, die sich in der Szene bereits einen Namen gemacht haben und nun den Nachwuchs, ihre Kinder, heranziehen. Meist wurden die jungen Teilnehmer von ihren Eltern wegen ihrer Homo- oder Transsexualität verstossen, und das Haus ist ihre Ersatzfamilie. 

Die Serie «Pose» von Ryan Murphy («Glee», «American Horror Story») spielt in dieser Szene der achtziger Jahre und folgt Blanca, die nach einer Aids-Diagnose ihr eigenes Haus gründen will. Im Park trifft sie auf den obdachlosen, schwulen, 17-jährigen Damon, der von einer Tanzkarriere träumt. Er und die Prostituierte Angel wollen sämtliche wichtigen Trophäen gewinnen. Murphy hat für alle transsexuellen Figuren Transfrauen engagiert und gibt ihnen so nicht nur die Möglichkeit einer Karriere, sondern macht transsexuelle Körper damit auch sichtbarer. 

Dieser Welt der Ausgestossenen stellt Murphy die Welt des Überflusses gegenüber, in der sich auch der Baulöwe Donald Trump bewegte. Ihr Repräsentant ist Stan: verheiratet, Kinder, Haus in der Vorstadt. Körperlich aber fühlt er sich zur transsexuellen Angel hingezogen und nutzt jede Gelegenheit, sie heimlich zu treffen. 

Die Bälle, um die sich alles dreht, haben eine wichtige soziale Funktion. Sie bieten Menschen am Rande der Gesellschaft die Chance, innerhalb ihrer Community zu Ruhm und Ehre zu kommen. «Du kannst dir hier einen Namen machen, und in unserer Gesellschaft ist das alles. Wir werden nie an den Oscars über den roten Teppich gehen, aber das ist unser Moment, ein Star zu sein», erklärt Blanca Damon. 

Die härteste aller Ball-Kategorien ist ­«realness». Dort wird eine möglichst perfekte Anpassung verlangt. Ist das Thema zum Beispiel «weibliche Abendgarderobe», müssen die teilnehmenden Transfrauen so weiblich wie möglich aussehen, wobei das Ziel immer reiche, weisse, heterosexuelle Weiblichkeit ist. Lautet das Thema «Wall Street» sollten die Teilnehmer aussehen wie heterosexuelle Banker von der Börse und teure Anzüge tragen. Die meist bettelarmen Afro- und Lateinamerikaner investieren viel Zeit und Geld, um sich die Kleider und Accessoires zu besorgen und die Posen einzustudieren. Sie imitieren darin einen Lebensstil, von dem sie aufgrund ihrer Herkunft, Ethnie und Sexualität permanent ausgeschlossen sind. «Es geht darum, sich an die hetero­sexuelle, weisse Welt anzupassen», erklärt Blanca Damon. «Und den amerikanischen Traum zu verkörpern, zu dem wir keinen Zugang haben.» 

«Voguing» hat dank Madonna und dem Dokumentarfilm «Paris Is Burning» (1990) von Jennie Livingston den Weg in die Pop-Kultur gefunden und beeinflusste viele Künstler. Zum Beispiel Beyoncé, deren Tanzstil im Videoclip zu «Get Me Bodied» von 2006 und die Zeile «Snap for the Kids» eine Hommage an die Kinder der Häuser der Ballszene darstellen. Und auch der Film «Phantom of the Opera» verrät im Tanz zum Song «Masquerade» den Einfluss des Vorbildes. Sogar Madonna kam 2012 nochmals auf das Voguing zurück im Videoclip zu «Girl Gone Wild». Und an der Paris Fashion Week 2014 konnte man Supermodel Karlie Kloss in Voguing-Posen auf dem Laufsteg sehen. 

«Pose» zeigt nicht nur ein Stück Zeitgeschichte – die «Gier ist geil»-Mentalität, die Aids-Krise, die gewalttätige Trans- und Homophobie –, sondern auch exemplarisch, wie Minderheiten die Ansprüche der Gesellschaft für sich umdeuten und auf kreative Art nutzen. Sie erzählt vom Überleben in widrigen Umständen und von der Möglichkeit, auch hier zu strahlen und sich ein Stück Freiheit zu ertanzen.

So frei wie Prince

Foto: Joe Mabel

Mit ihrem vierten Album, «Dirty Computer», führt Janelle Monáe uns in ihre Traumwelt und feiert ihre afroamerikanische Herkunft.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Musiker stehen im Spannungsfeld zwischen Authentizität und Künstlichkeit. Ein Rapper muss aus dem Ghetto kommen, sonst ist er für sein junges Publikum nicht glaubhaft, und ein Countrysänger sollte zumindest wissen, wie Kuhdung riecht. Gleichzeitig werden sie für ihre Kunstfiguren verehrt. David Bowie ist noch immer am präsentesten als Ziggy Stardust, und der Name Stefani Germanotta sagt den meisten nichts ohne den Zusatz Lady Gaga. 

Diese Figuren werden von den Künstlern genutzt, um die eigene Person zu schützen, wie im Fall von Germanotta, oder die eigene Persönlichkeit zu unterstreichen, wie bei Ziggy Stardust – dem androgynen, bisexuellen Ausserirdischen. In Interviews zum gleichnamigen Album outete sich Bowie nämlich als bisexuell.

Die zierliche, 1,55 Meter grosse Afroamerikanerin Janelle Monáe hat gleich zwei Alter Egos. Für ihre drei ersten Alben kreierte sie Cindi Mayweather, einen rebellischen Androiden, der sich in einen männlichen Maschinenmensch verliebt und gegen eine böse Macht kämpft. Cindi basiert auf dem Roboter Maria aus Fritz Langs Stummfilm «Metropolis». Monáes Androide ist eine Jesus-ähnliche Figur, die ihre Leute retten und zwischen Menschen und Maschinen vermitteln will. Auf Fragen nach ihrer Sexualität antwortete Monáe kryptisch: «Ich verliebe mich nur in Androiden.»

Computer in Menschenform

Seit ihrem letzten Album, «The Electric Lady», sind fünf Jahre vergangen. In der ­Zwischenzeit hat sie ihre Schauspielkarriere lanciert: als Freundin des Drogendealers in «Moonlight» und als eine der drei Wissenschafterinnen in «Hidden Figures». Für ihr neustes Album, «Dirty Computer», hat sie ein 48-minütiges Video gedreht. Monáe nennt es ein «emotion picture», weil der Film Emotionen auslösen soll. Wie seine Vorgänger erzählt es eine Geschichte.

Monáe feiert in «Dirty Computer» und dem dazugehörigen Film ihre afroamerika­nische Identität und das Frausein, genau wie Beyoncé in «Lemonade». Aber sie bleibt ihrem Afrofuture-Stil treu. Im Afrofuturismus mischen sich Visionen über die Zukunft und die Ästhetik des Science-Fiction-Genres mit afrikanischen Traditionen und Ausdrucksformen sowie der festen Überzeugung von einer besseren Zukunft aller afrikanischstämmigen Menschen. Häufig werden auch nichtwestliche Entstehungsgeschichten der Welt eingeflochten. Besonders einflussreich war der amerikanische Musiker Sun Ra (1914–1993), der sich in seinen Jazzkompositionen mit dem afrikanischen Erbe befasste und sich als Ausserirdischer inszenierte, der auf die Welt kam, um für Frieden zu sorgen. Der Kino-Hit «Black Panther» machte dieses Jahr schliesslich das bereits 60-jährige Genre einem breiten Publikum bekannt.

Für ihr viertes Album, «Dirty Computer», hat die R’n’B-Sängerin die Figur Jane, einen Computer in Menschenform, kreiert. Die Herrscher in diesem Universum behaupten, sie sei mit Viren verseucht, und wollen sie deshalb säubern. Dazu löscht eine Maschine all ihre Erinnerung, damit sie mit sauberer Festplatte neu aufgebaut werden kann.

Sexuelles Comingout

Im Film bestehen ihre Erinnerungen aus den Musikvideos zu ihrem neuen Album, die in die Rahmenhandlung eingearbeitet werden. Wir erfahren, dass Jane eine Frau geliebt hat – deshalb der Säuberungsvorgang. In den Interviews zum neuen Album erklärte Monáe dann zum ersten Mal, pansexuell zu sein, also alle Geschlechter zu lieben. Dies machte «pansexuell» für ein paar Tage zum meistgegoogelten Wort in den USA.

Neben dem Afrofuturismus betont Monáe dieses Mal vor allem ihre Sexualität. In «Pynk» tanzt sie mit anderen Frauen in Leggins, die wie übergrosse Schamlippen aussehen. Die Schauspielerin Tessa Thompson (die Walküre in «Thor: Ragnarok»), von der gemunkelt wird, sie sei Monáes Liebhaberin, steckt ihren Kopf schliesslich zwischen Monáes Beinen hervor, die aussehen wie eine übergrosse Vagina. Und in «Make Me Feel» singt Monáe von Gefühlen, die sie nicht so leicht in Worte fassen kann. «Baby, don’t make me spell it out for you / All of the feelings that I’ve got for you / Can’t be explained, but I can try for you.» Das Musikstück, an dem auch ihr Mentor Prince mit­gearbeitet hat, klingt musikalisch dann verdächtig nach dessen Song «Kiss».

In Interviews erklärt Monáe, das Album mit einer musikalischen Mischung aus R’n’B, Elektro und Rap habe vier Teile. Die ersten fünf Songs stehen für die Abrechnung: Man merkt, als Teil einer Minderheit nicht dazuzugehören. In den nächsten fünf Liedern zelebriert sie das Anderssein als Minderheit. Dann folgen zwei Stücke, in denen sie nochmals Angst hat, ihre wahre Persönlichkeit zu zeigen. Der letzte Track, «Americans», steht für die Rückgewinnung. «Ich bin auch eine Amerikanerin, und ich werde nicht nach Kanada auswandern, sondern bleibe hier in den USA», kommentierte sie den Song.

Die Maske Cindi, die Monáe lange trug, hat sie auf «Dirty Computer» abgelegt. Sie zeigt mehr von sich, traut sich aber nicht, als sie selbst aufzutreten. Deshalb gibt es Jane. Aber Monáe ist dabei, sich zu befreien. Sie sagt: «Ich will totale Freiheit haben, aber Freiheit bekommt man nicht gratis.» Und: «Prince hatte seine eigene verdammte Kategorie. Das will ich auch.» Man würde es ihr gönnen.

Bezahlte Liebe für den guten Zweck

Oscar Wilde (Rupert Everett) in einem der wenigen glücklichen Momente mit Bosie nach seinem Gefängnisaufenthalt.

Rupert Everett stilisiert in seinem Film «The Happy Prince» den Protagonisten Oscar Wilde zu einem Märtyrer der Schwulenbewegung.

Von Murièle Weber (Züritipp)

«Meine Tapete und ich führen ein Duell bis zum Tode. Einer von uns beiden muss gehen», soll Oscar Wilde auf seinem Sterbebett über die hässliche Wandbekleidung im schäbigen Pariser Hotel gesagt haben. Kurze Zeit später, am 30. November 1900, starb er: ausgeschlossen aus der Gesellschaft, verarmt, einsam. Das war das Ergebnis seiner zweijährigen Gefängnisstrafe unter härtesten Bedingungen, zu der der englische Autor («The Importance of Being Earnest») verurteilt wurde, weil er Sex mit Männern hatte.

Rupert Everett, der auch Regie führt und die Hauptrolle spielt, konzentriert sich in seinem Drehbuch auf die drei Jahre nach dem Gefängnis. Die meisten anderen Filme über Wilde fokussieren auf die erfolgreichen Jahre, als er von der Londoner Gesellschaft hofiert wurde, auf die stürmische Liebe zu Lord Alfred Douglas und den folgenden Abstieg. Aber Everett stellt nicht das Genie Wildes in den Mittelpunkt, sondern die Tragik seines Lebens. Er zeigt den Mittvierziger als alten, gebrochenen, kranken Mann, der trotz Armut immer wieder genug Geld findet für ein paar Minuten mit einem jungen Stricher.

Dabei hält sich Everett einerseits an die biografischen Details und verbindet den Abstieg andererseits mit Wildes Kurzgeschichte «The Happy Prince» über eine Statue, die einen Vogel bittet, die Diamanten, die sie als Augen trägt, herauszupicken, um armen Menschen damit zu helfen. Der Katholik Everett macht Wilde so zu einem Märtyrer, der für den Befreiungskampf der Schwulen gelitten hat – einem Schutzheiligen. Das funktioniert leider nur für die Zuschauer, die bereits etwas Vorwissen über Wilde mitbringen; ansonsten wird Wilde hier zu einem erbärmlichen alten Mann, dessen Bedeutung unbe­greiflich bleibt.

Aus den Wolken

Dramaserie «The Rain». Netflix. 8 Folgen à 45 Min. Von Jenny Ann Balverde, Esben Toft Jacobsen, Christian Potalivo. Mit Alba August, Mikkel Følsgaard, Lucas Lynggaard.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

1986 kam der Tod aus der Wolke. Über Monate hinweg war ganz Westeuropa in Angst, etwas von der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl abzubekommen. Der Himmel wurde misstrauisch beäugt, denn das radioaktive Material konnte in einer Wolke kilometerweit reisen und sich im Regen über ein weites Gebiet ergiessen. Die literarische Ver­arbeitung im Jugendbuch «Die Wolke» (1987) bescherte einer ganzen Generation Heranwachsender Albträume. Und jetzt ist die Wolke zurück, zur Ängstigung der nächsten Generation. Dieses Mal ergiesst sich im Regen kein radioaktives Material, sondern ein Virus, das die Menschen nicht in Zombies verwandelt, sondern unter viel Grunzen und Stöhnen und seltsamen Verrenkungen tötet. Simone und Rasmus werden von ihrem Vater, einem Wissenschafter, in einem geheimen Bunker versteckt, wo sie sechs Jahre ausharren, bevor das Essen aus ist und sie sich in der entvölkerten Landschaft durchschlagen müssen. 

Wie in allen Apokalypse-Geschichten geht es auch hier um eine Welt, in der keine Institu­tionen mehr funktionieren und jeder Mensch eher Feind als Freund ist. Wie üblich in solchen Szenarien finden sie eine Handvoll Überlebende, mit denen sie sich zusammenraufen. Gemeinsam versuchen sie herauszu­finden, ob es noch einen Ort gibt, wohin man flüchten könnte. Langsam dämmert den Geschwistern, dass der Vater etwas über das bevorstehende Unglück gewusst haben muss, und machen sich deshalb auf die Suche nach ihm. Die dänische Serie ist schön düster, hat höchst interessante Figuren mit Konfliktpotenzial und hält ihren Spannungsbogen bis zum Schluss.

Detektiv mit Einhorn

«Happy». Comedyserie. Netflix. 8 Folgen à 45 min. Von Grant Morrison und Darick Robertson. Mit ­Christopher Meloni, Patton Oswalt, Lili Mirojnick. 

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Nick Sax ist versoffen und mürrisch. Er hat weder seine Blase noch seine aggressiven Gefühlsschwankungen im Griff. Ausserdem hat er das Talent, mit jedem Menschen, den er trifft, in Streit zu geraten. So strolcht der Privatdetektiv rülpsend und um sich tretend durch New York. Das Einzige, was den ehemaligen Polizisten ab und zu auf den rechten Weg bringt, ist das dunkelblaue Einhorn Happy. Dieses schwebt über seiner Schulter und flüstert ihm ins Ohr, steppt ihm den Hoffnungstanz vor oder singt Weihnachtslieder. Happy ist der Phantasiefreund der Tochter. Die wurde von einem bösen Nikolaus verschleppt, und das Einhorn versucht nun, den versoffenen Detektiv, der bis vor kurzem noch nichts von seinen Vaterfreuden wusste, auf die Spur des entführten Nachwuchses zu lotsen. Wirklich einfach ist das nicht.

Die Serie «Happy» ist eine Adaption der gleichnamigen Comicbuchserie. Sie spielt in einem rabenschwarzen New York voller Gewalt und Abgründe, gleichzeitig verspottet sie positive Gefühle und noble Handlungen. Alles ist etwas übertrieben, die Gewalt und der Gefühlskitsch. Als Nick seiner Gefühle und über die Nachricht, eine Tochter zu haben, Herr zu werden versucht, versetzt ihn die Serie in den Wahnsinn einer Jerry-Springer-Show, wo er vor einer grölenden Meute versucht, seine Empfindungen in Worte zu fassen. Die Serie nimmt sich und ihre Figuren nicht wirklich ernst. Und das ist eine grosse Erleichterung. Serien ohne ausufernde Gewaltdarstellungen gibt es heute fast keine mehr. Erträglich ist das nur noch, wenn alles ein Witz ist. 

Schrecken im ewigen Eis

Serie «The Terror». Horrorserie. 10 Folgen à 45 Minuten. Von David Kajganich und Ridley Scott. Mit Ciaran Hinds, Jared Harris, Paul Ready u. a. Amazon Prime. 

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

1845 brachen die britischen Schiffe «Terror» und «Erebus» auf, um die Nordwestpassage in der Arktis zu durchsegeln und so für das Grossreich einen schnelleren Weg nach Asien zu finden. Keiner kehrte je zurück. Mehrere Expeditionen versuchten über 150 Jahre hinweg herauszufinden, was mit den 129 Männern an Bord geschah. Aber bis heute weiss man nur, dass alle umkamen und dass Kannibalismus eine Rolle spielte. Der Amerikaner Dan Simmons nutzte die spärliche Informationslage, um seine eigenen Ideen über das Los der Expedition in einem Roman zu verarbeiten, zu dem auch ein übernatürliches Element gehört.

Die Serie ist eine besonders brutale und blutige Version des politisch unkorrekten Kinderspiels «10 kleine Negerlein», in der der Zuschauer über 10 Folgen zusehen kann, auf welche phantasievolle Art und Weise ein Mann nach dem anderen umkommt. Obwohl die Schiffe in der weiten Arktis segeln, ist die Atmosphäre klaustrophobisch. Der dabei entstehende Schrecken fühlt sich an wie ein langsames Ersticken in der Desorientierung von Weiss und noch mehr Weiss. Die Serie ist so virtuos gefilmt, dass ihre ganze Pracht eigentlich auf die Leinwand gehörte. Als zum Beispiel Sir John Franklin, der Kapitän der Expedition, von einer Kreatur angegriffen wird, sieht man die Attacke aus der Perspektive seiner ihm zu Hilfe eilenden Männer, aus seiner eigenen Sicht und aus einer Art Vogelperspektive, aber nie wird klar, was da eigentlich angreift. Das verstärkt den Horror. Im Endeffekt ist die Serie eine Parabel über das Thema «Mensch gegen Natur», und wer da das letzte, blutige Wort hat, ist klar.

Beleidigung ist alles

Foto: Pexels, Aleksandr Neplokhov (Symbolbild)

Beim Battle-Rap geht es darum, den Gegner verbal niederzumachen. Diese Disziplin gerät nun wegen Antisemitismusvorwürfen in Verruf.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Hip-Hop ist die dominierende Jugendkultur. Noch immer. Die Punks gab es nur ein paar Jahre, Grunge auch, und die Techno-­Bewegung macht mit der Street Parade in Zürich noch einmal im Jahr als grösstes öffentliches Besäufnis von sich reden. Aber die Rapper halten sich seit den 1980ern. Und trotzdem gibt es immer noch relativ wenig Wissen über dieses Musikgenre.

Jetzt ist es der Battle-Rap, der die Schlagzeilen beherrscht. Kollegah und Farid Bang haben für ihr Album «Jung, brutal, gutaussehend 3» einen Echo-Preis in der Sparte «Hip Hop/Urban national» bekommen. Weil in ihrem Song «0815» die Zeile vorkommt «mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen», haben andere Preisträger aus ­Protest gegen die antisemitische Äusserung ihren Echo retourniert. Verteidigt wird die Zeile von den Rappern mit dem Hinweis, es handle sich hier um Battle-Rap.

Rap entstand aus sprachlichen Traditionen der Afroamerikaner. Das Spiel der «Dozens» ist ein verbaler Schlagabtausch zwischen zwei Gegnern, eine Art sprachliches Boxen, wobei die eigenen Fähigkeiten und der Selbstwert überhöht und der Gegner beleidigt und herabgesetzt wird. Jeder versucht den anderen mit noch grösseren Beleidigungen, verpackt in intelligenten Sprachwitz, zu übertreffen und die Zuschauer auf seine Seite zu ziehen. Kollegah und der jüdische Rapper Spongebozz haben sich schon oft Schlagabtausche geliefert, die beiden waren sogar befreundet, haben mehrere Songs gemeinsam aufgenommen. Die Tradition der rituellen Beleidigungen stammt aus Westafrika, wo sie noch heute praktiziert werden. So sollen Konflikte und sogar gewalttätige Übergriffe verhindert werden. 

Die «Dozens» leben weiter in den heutigen Rap-Battles. Diese sind quasi die Urform des Hitparadenraps. Diese Battles gibt es auf der ganzen Welt. Wer dort besteht, steigt in den Rap-Olymp auf. Eminem hat sich seinen Ruf und seine Karriere hier erarbeitet. Kool Savas, einer der wichtigsten Rapper Deutschlands, begann so. Und auch Kollegah hat so seine ersten Schritte gemacht. Traditionell werden Rap-Battles live vor Publikum ausgetragen. Das berühmteste ist «Rap am Mittwoch» in Berlin. Es gibt mehrere Runden, einige darf man vorbereiten, im Allgemeinen aber muss improvisiert werden. Es gewinnt, wer mit seinen Reimen den Gegner besonders gewitzt und kunstvoll beleidigt. Das Publikum kürt über Johlen und Klatschen den Gewinner. 

Tabu ist bei diesem Abkanzeln nichts. Es darf über das Aussehen, die sexuelle Orientierung, die Freundin, die Mutter, die Schwester, die Religion, die Nationalität, die Hautfarbe des Gegners hergezogen werden. Und das klingt dann bei Pillath so: «Erzähl mir nicht, dass du weisst, wie man Knete macht, Mädels knackt. Dein Gesicht beweist, dass selbst Gott manchmal Fehler macht.» Das ist im Vergleich ein harmloser Diss. Neben dem Aussehen ist besonders oft die Mutter das Ziel. Das klingt beim deutschen Rapper mit afrikanischen Wurzeln Ssynic dann so: «Dann fick ich deine Mutter wie ein Tier im Stehn. Ich geb ihr nen Klaps wie nem Gaul und reite sie, bis wir Sterne sehn. Du kommst rein, bleibst verärgert stehn. Ich sag, was ist los, hast du noch nie nen Nigger auf nem Pferd gesehn?»

Wird man vom Gegner beleidigt, ist es die höchste Kunst, die Beleidigung umzu­drehen. «Bei meinem Anblick werden sogar Emos wieder lebensfroh. Doch bei seinem Anblick werden sogar Schwule wieder hetero.» – «Schwule werden wieder hetero. Denkst du, sprengst hier mal die Grenze. Hey, nach einer Nacht mit mir, lutschen selbst Lesben wieder Schwänze.»

Man muss einiges aushalten können. Dass die Kontrahenten unter die Gürtellinie gehen, ist nicht nur akzeptiert, es wird erwartet. Da wird behauptet, man habe mehr «Tonträger verkauft als ein afrikanischer Sklavenmarkt». Einem arabischen Kontrahenten wird gesagt, er sei so arm, er müsse sich einen Sprengstoffgürtel teilen. Und dem jüdischen Gegner wird ins Gesicht geschleudert: «Ich würd dich gerne batteln, aber die Gasrechnung wär zu hoch.» Aus dieser Tradition, in der es nur um das (gewitzte) Sprachbild geht, entstammt die Zeile «Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen».

Aber was die Verteidiger des Battle-Raps nicht verstanden haben: Ein Battle entsteht nie im luftleeren Raum. Das Publikum entscheidet, wer gewinnt. Und wer zu weit geht, wird gnadenlos ausgebuht. Es findet eine soziale Kontrolle und Korrektur statt – sofort, unmittelbar. Und so äusserten die Zuschauer beim Reim über die «Gasrechnung» ihren Unmut, und der Rapper hat sich entschuldigt.

Werden Zeilen aus dem Battle-Rap nicht live vor Zuschauern vorgetragen, sondern über Songs verbreitet, fungiert die Öffentlichkeit als Publikum. Und die hat Kollegah und Farid Bang nachträglich die rote Karte gezeigt. Der Schrecken über das Leid der Holocaust-Opfer ist in der Gesellschaft zu Recht unverändert präsent. Natürlich können sich Rapper wie Kollegah auf Kunstfreiheit berufen und alles sagen in Songs und Interviews. Aber das Publikum an den Battles akzeptiert nicht alles und die Öffentlichkeit erst recht nicht. 

Spongebozz

2005

Der jüdische Rapper und Kollegah lernen sich über die Online-Plattform Reimliga Battle Arena kennen und freunden sich an. Kollegah lädt Spongebozz ein, auf dem Stück «Showtime» seines ersten Albums «Zuhältertape» mitzurappen. 

2018

Spongebozz veröffentlicht mit «Yellow Bar Mitzvah» (224 S., 29 Fr.) seine Memoiren. Darin schreibt er auch von seiner Freundschaft und Feindschaft mit Kollegah.

Von Spider-Man zum Gelähmten

Andrew Garfield 2011 am Comic Con. Bild: flickr

Als agiler Spider-Man wurde Andrew Garfield weltberühmt, in «Breathe» spielt er einen Mann, der gegen seine Kinderlähmung kämpft. Wir haben den Darsteller getroffen.

Von Murièle Weber (Züritipp)

Andrew Garfield will offensichtlich alles richtig machen. «Der Dreh zu ‹Breathe› war eine Herausforderung», erzählt er uns am vergangenen ZFF. Das Team hatte nur sieben Wochen zum Filmen, und Garfield musste die ganze Zeit völlig reglos daliegen. «Aber natürlich bin ich auch sehr dankbar für die Möglichkeiten, die ich bekommen habe», relativiert er sogleich.

Es war bestimmt nicht einfach, Robin Cavendish zu spielen: Der Engländer erkrankte mit 28 Jahren an Kinderlähmung und war vom Hals abwärts gelähmt. Zum Atmen war er auf eine Maschine angewiesen, die seinen Bewegungsradius stark einschränkte. Cavendish aber liess sich nicht behindern und war einer der Ersten, die sich einen Rollstuhl mit Beatmungsmaschine bauen liessen. Damit ging er auf Weltreise. Jetzt hat sein Sohn Jonathan als Produzent das Leben des Vaters auf die Leinwand gebracht, mithilfe seines Freunds Andy Serkis. «Breathe» ist das Regiedebüt des Gollum-Darstellers («The Lord of the Rings»).

Herausfordernd beim Dreh war für Garfield vor allem die Atmung: Diese musste er an den Rhythmus der Beatmungsmaschine anpassen. Aber weil das Teil so viel Lärm machte, stellten es die Filmemacher in den nächsten Raum. «Ich trug dann einen Sender im Ohr, damit ich die Maschine hörte. In den zwei Monaten der Vorbereitung habe ich einen Grossteil der Zeit darauf verwendet, den Rhythmus einzuüben.» Wie war es, den Sohn von Cavendish am Set dabeizuhaben? «Das war hilfreich, aber natürlich auch ein ziemlicher Druck», erzählt er.

Geboren wurde Garfield in Los Angeles, der Vater ein Amerikaner, die Mutter eine Britin – als er drei war, zog Garfields Familie nach England. Angefangen hat der 34-Jährige als Theaterschauspieler, bevor er erste Rollen im Fernsehen bekam. Seinen Durchbruch hatte er in David Finchers «The Social Network» – er spielte Mark Zuckerbergs Weggefährten Eduardo Saverin, war als bester Nebendarsteller für einen Golden Globe nominiert. Einem breiten Publikum bekannt wurde er dank «The Amazing Spider-Man».

Garfield wird selten auf Listen der besten Schauspieler seiner Generation geführt, dabei wurde er schon für alle grossen Filmpreise nominiert und hat mit einigen der Grössten aus der Branche gearbeitet. «Andy Serkis hat es am Set gerne fröhlich und aufgestellt und lässt seinen Schauspielern viel Raum. Martin Scorsese arbeitet sehr akribisch und wollte absolute Ruhe bei den Dreharbeiten zu ‹Silence›, was natürlich auch am Thema das Filmes lag.» Garfield spielte da einen von zwei portugiesischen Pfarrern, die im 17. Jahrhundert heimlich in Japan missionieren. Und wie war es mit Mel Gibson beim Kriegsdrama «Hacksaw Ridge»? «Er arbeitet sehr aus dem Bauch heraus, instinktiv. Oft kann er nicht in Worte fassen, was er genau meint, aber wenn es stimmt, sieht er es sofort.» Garfield brachte die Zusammenarbeit mit Gibson eine Oscarnominierung als bester Hauptdarsteller ein.

Vorerst spielt Garfield aber in «Angels in America» am Broadway. Was danach kommt, weiss er noch nicht. «Ich denke, es gibt Zyklen im Leben, und wenn einer abgeschlossen ist, dann beginnt der nächste. Ich bewundere Schauspieler, die sie selber bleiben, wie Mark Ruffalo», sagt Garfield. «Die nächste Geschichte, die ich erzähle, soll etwas ganz anderes sein – vielleicht in einer Fernsehserie.»

Hölle auf Erden

Serie «The Alienist». Detektivserie. Netflix. 8 Folgen à 50 min. Von Hossein Amini und Eric Roth. Mit Daniel Brühl, Luke Evans und Dakota Fanning. 

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Früher war nicht einfach alles besser. Es gab auch damals die Hölle auf Erden. Dass diese grässliche Vergangenheit überhaupt jemand überlebt hat, erstaunt einen immer wieder, wenn man deutsche Literatur liest oder sich Serien wie «The Alienist» ansieht. Hier leben die Menschen Ende des 19. Jahrhunderts in New York in rattenverseuchten Baracken. Sie haben keine Arbeit, und wenn sie doch einmal etwas Geld auftreiben, verspielen sie es sofort. Die Männer schlagen ihre Frauen und empfinden ihre Kinder nur als lästiges Übel. Der einzige gangbare Ausweg aus diesem Elend ist dann selbstverständlich die Prostitution. Und so gibt es überall in dieser fiktiven Version von New York Kinderbordelle, in denen sich Jungen als Mädchen verkleidet den Männern der oberen Tausend zur Befriedigung anbieten. 

So weit das Klischee. Diese Jungen werden nun aber in einer Jack-the-Ripper-Manier ermordet und ihre kleinen verstümmelten Körper überall in der Stadt kunstvoll in Szene gesetzt. Diese Gewaltexzesse schlagen dem Zuschauer leider auf den Magen. Ansonsten gibt es nicht viel auszusetzen an der Serie. Adaptiert wurde sie nach dem gleichnamigen Roman von Caleb Carr. Das alte New York wurde in Prag gefilmt und sieht faszinierend authentisch aus. Brühl als kalter, deutscher Psychologe, der versucht, den Mörder zu finden, wirkt realistisch, und Fanning als moderne, rauchende Frau, die noch dazu eine Pistole zu bedienen weiss, ist grossartig. Das Drehbuch schwächelt ab und zu in Bezug auf die Plausibilität, aber das Ambiente und die Figuren halten einen bis zum Schluss trotzdem bei der Stange.