«Bosch». Detektivserie. Amazon. 4 Staffeln zu 10 Folgen, je 60 Min. Von Eric Overmyer. Mit Titus Welliver, Jamie Hector, Amy Aquino, Lance Reddick.
Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)
Ein wortkarger, brütender Polizist, der Probleme hat,sich zu beherrschen, eine ungerechtfertigte Anschuldigung, die wie ein Damoklesschwert über ihm hängt, und eine düstere Stadt, in der das Böse hinter jeder Ecke zu lauern scheint und immer die Schwachen trifft – das sind bekannte Bestandteile des Film noir seit seiner Glanzzeit in den 1940er Jahren. Die Amazon-Serie «Bosch», der Polizist heisst mit vollem Namen tatsächlich Hieronymus Bosch, spielt mit genau diesen Elementen und bringt nicht wirklich etwas Neues ein. Das ist aber auch gar nicht nötig, weil die Noir-Elemente eben immer noch funktionieren, egal ob in den Future-Noir-Versionen von «Blade Runner 2049» oder «Altered Carbon» von Netflix, im Radioformat «Philip Maloney» oder in der Bücherserie «Bosch» von Michael Connelly, die als Vorlage für die Webserie dient.
Bereits drei grosse Fälle hat Bosch in drei Staffeln zusammen mit seinem Partner gelöst, und ab 13. April macht er sich an seinen vierten. Darin ermittelt Bosch mit seiner neuen Partnerin den Mord an einem Menschenrechtsanwalt, der die Polizei von Los Angeles wegen Brutalität und Foltervorwürfen verklagt hat. Er muss versuchen, den Mörder zu finden, bevor es einen Aufstand in der Stadt gibt. Ausserdem sucht er noch immer nach dem Mörder seiner Mutter. Der Bosch-Darsteller Welliver («Lost», «Deadwood») hat schon viele harte Typen gespielt und passt mit seinem Gesicht, dem man das Leid der Vergangenheit ansieht, perfekt in die Rolle. Auch Jamie Hector und Lance Reddick haben sich bereits in «The Wire» bewiesen.
Serie «The Defiant Ones». 4 Folgen à 60 Min. Von Allen Hughes. Mit Dr. Dre, Jimmy Iovine, Patti Smith, Bruce Springsteen. Auf Netflix.
Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)
Was wird aus zwei jungen Männern aus dem Arbeiterviertel, die miserabel in der Schule sind? Genau, sie werden Musikmogule und hundertfache Millionäre. Die Netflix-Serie «The Defiant Ones» erzählt die klassische vom Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichte, und für einmal ist sie sogar in der Realität wahr geworden. Dr. Dre kommt aus Compton, dem Ghetto in Los Angeles, war Mitglied der Rapgruppe N.W.A. und ist Musikproduzent. Jimmy Iovine fing als Putzhilfe in einem Musikstudio an und stieg zum Produzenten von Bruce Springsteen, Patti Smith und U2 auf. Schliesslich aber hatte Iovine genug von den langen Arbeitszeiten im Studio und beschloss, als Studioboss reich zu werden.Mit der Finanzierung von kontroversem Rap über das berühmte Label Death Row Records gelang ihm genau das, und er beförderte die Karrieren von Tupac Shakur, Snoop Dogg und Eminem. Wichtigster Produzent für diese Erfolge war Dr. Dre. Dieser hat die Nase fürs Talent und Iovine fürs Geschäft. Zusammen wurden sie unschlagbar. Die Macher der Dokumentarserie konnten viele berühmte Gesichter vor die Kamera ziehen, und die vier Folgen lassen erahnen, wie viele Leben die beiden verändert haben. Dabei kommt es über weite Strecke zu einer Verklärung der beiden als Götter im Musikolymp. Immerhin wird erwähnt, dass Iovine nicht aus purer Nächstenliebe so viel Macht akkumulierte und auch nicht immer korrekt vorging. Trotzdem nimmt man es der Darstellung ab, dass hier zwei Musiknerds ihre grössten Träume verwirklicht haben und dabei den Künstlern grösstmögliche kreative Freiheiten gelassen haben. Schön ist’s.
Einst als Audioversion des Blogging belächelt, sind Podcasts in kürzester Zeit zu einem Industriezweig herangewachsen. Jetzt generieren sie alleine bei Apple über zehn Milliarden Downloads pro Jahr.
Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)
Seit ein paar Jahren sind Podcasts die Paninibilder der gutgebildeten Grossstädter. Wer Freunde trifft, zückt das Smartphone und tauscht Tipps aus. Die neueste Entdeckung wird dabei genauso stolz präsentiert wie das begehrteste Klebebildchen. Wer hat welchen Podcast schon gehört? Welche Sendung ist gerade besonders heiss? Auch auf Facebook gibt es entsprechende Gruppen. Doch wie ist es dazu gekommen?
Zuerst waren ein paar technische Neuerungen nötig. Ende der neunziger Jahre war es zum ersten Mal möglich, Audiodateien übers Internet zu teilen. Ab dann konnte jeder in seinem Keller mit wenig Aufwand und Geld eine Aufnahme machen und in die Welt schicken. Es war die Blog-Version für schreibfaule Mitteilungsbedürftige. Damit war der Podcast (aus iPod und broadcast = Sendung) geboren.
2005 suchte Apple erstmals 3000 verschiedene Podcasts zusammen und stellte sie über iTunes gratis zum Herunterladen bereit. Und als man ab 2008 die Audiodateien per Knopfdruck direkt aufs Smartphone laden konnte, stieg das Interesse sowohl der Zuhörer wie auch der Macher. Die Anzahl der Podcasts wuchs exponentiell auf heute über 500 000 weltweit, die letztes Jahr alleine über iTunes mehr als zehn-Milliarden-mal angehört wurden.
Krimi aus dem Keller
Der Erfolg hängt auch mit Überschneidungen zwischen Radio und Podcasts zusammen. Journalisten, die vom Radio und Fernsehen kamen, erstellten privat ihre eigenen Audiodateien. Und Radiosendungen wurden nach der Ausstrahlung zum Herunterladen angeboten. So werden sie selber zu Podcasts, an denen sich die Amateure messen müssen.
Die Macher der Radiosendung «This American Life» aus New York sind darin besonders erfolgreich. Jede Woche bringen sie eine einstündige Reportage zu so unterschiedlichen Themen wie Gang-Kriegen in Chicago, Wörtern, die man nicht sagen kann, oder dem Operator eines Lügendetektors. Dabei werden oft anhand persönlicher Geschichten politische Zusammenhänge erörtert. Man investiert in den Aufbau der Geschichten und in die eigens komponierte Musik. Seit 2006 kann die Sendung heruntergeladen werden, seither wurde sie zur Urform und zum Massstab der heutigen Podcasts.
Der grosse Erfolg kam Ende 2014 mit dem Podcast «Serial». Die Journalistin Sarah Koenig von «This American Life» wurde auf den Mord an einer 17-jährigen Schülerin aufmerksam gemacht. Ihr Ex-Freund bekam dafür lebenslänglich. Seine Angehörigen hatten aber Zweifel an seiner Schuld und baten Koenig, den Fall genauer anzusehen.
Sie nahm Kontakt mit allen Beteiligten auf, stoppte die Fahrtzeit zwischen Tatort und Schule, an der zur Tatzeit gewesen zu sein der Ex vorgab, erstellte Diagramme und liess sich erklären, wie Handy-Ortung funktioniert. In ihrem Keller bastelte sie zusammen mit einer Kollegin eine Sendung, die in zwölf einstündigen Episoden den Fall nochmals aufrollte. Jede Woche veröffentlichten sie eine Folge übers Internet, und die Begeisterung der Hörer stieg kontinuierlich. Als die erste Staffel von «Serial» drei Monate später endete, waren die Folgen knapp 50 Millionen Mal heruntergeladen worden. Das sind mehr Zuhörer, als viele Serien Zuschauer haben. Eine neue Obsession war geboren.
Das Feld der Podcasts ist weit. Das Angebot reicht von Informationssendungen wie «Stuff You Should Know» über Neuigkeiten aus der Popkultur wie «Pop Culture Happy Hour», Comedy-Labershows wie «Fest & Flauschig» von Jan Böhmermann und Olli Schulz, bis zu Politsendungen wie «Slow Burn», in der der Watergate-Skandal über die persönlichen Geschichten der Betroffenen betrachtet wird. Nur ein Bruchteil der Audiodateien erzählt fiktive Geschichten.
Der Erfolg der Podcasts hat mit unserer Sucht nach Selbstoptimierung zu tun. Während Fernsehen und Zeitungen unseren Blickkontakt erfordern, können Podcasts auch beim Kochen gehört werden. Will man beim Pendeln noch schnell etwas Englisch üben, hört man sich einfach «6 Minutes English» und das «Word of the Day» an.
Podcasts bilden in den USA inzwischen einen eigenen Industriezweig. Einnahmen werden hauptsächlich auf drei Arten generiert. «Serial» bekam Geld aus dem Budget des Radioprogramms «This American Life». Die Informationssendung «Theory of Everything» finanziert sich zu grossen Teilen durch Hörerspenden. Und fast alle Podcasts enthalten Werbung. Häufig lesen die Moderatoren die Werbetexte gleich selber vor. Eine von PricewaterhouseCoopers überwachte Studie fand heraus, dass die Werbebranche letztes Jahr in den USA 220 Millionen Dollar in Podcasts investiert hat. Das ist vergleichsweise wenig, Radios nahmen in der gleichen Zeit 14 Milliarden Dollar ein.
Aber Hilfe ist in Sicht. Durch iTunes ist es Apple nun möglich, genauere Daten über den Podcast-Konsum zu liefern. Zusammen mit den Messinstituten Nielsen Media Research und Edison Research hat man herausgefunden, dass die meisten Zuhörer überdurchschnittlich gebildet und vermögend sind und zu 80 Prozent eine Folge ganz oder fast vollständig anhören. Diese Argumente werden den Machern bei zukünftigen Verhandlungen mit der Werbebranche helfen.
Schweizer lieben Nachrichten
Das grosse Potenzial von Podcasts haben kürzlich zwei weitere Industriezweige entdeckt: die Musik- und die Fernsehindustrie. Die fiktiven Formate «Homecoming» und «Limetown» werden beide als Serien verfilmt. Für das erstere konnte Julia Roberts gewonnen werden. Die Streamingplattformen Spotify und Google Play Music haben dazu ihren eigenen Podcast lanciert, in dem sich die Moderatoren mit Künstlern über Musik unterhalten und auf die Playlists aus dem gleichen Haus verweisen. So wird Werbung als Information getarnt.
Dabei unterscheidet sich das Hörverhalten von Amerikanern und Europäern. In den USA laufen vor allem Reportageformate wie «Serial» gut. Deutsche hingegen haben eine eigene kleine Podcast-Industrie, viele Sendungen sind in den Top Ten bei iTunes vertreten. Neben Politsendungen erfreut man sich besonders an Talkshows ober- und unterhalb der Gürtellinie: In «Besser als Sex» reden zwei Frauen über körperliche Liebe, und in «Beste Freundinnen» sind es zwei Männer. Der Grossteil der Schweizer hingegen schaut kaum über den Tellerrand hinaus und setzt auf bewährte Radiosendungen wie «Echo der Zeit» oder hält sich an Podcasts etablierter Institutionen wie «Global News» von BBC oder «The Daily» der New York Times.
Da ist es erfreulich, dass nicht nur viele amerikanische Institutionen Kurse in Podcasting anbieten, sondern auch die Journalistenschule MAZ in Luzern. Denn eines hat sich gezeigt: Podcasts sind kein Nischenphänomen mehr, sondern eine eigene Industrie mit Talent, Potenzial und Einfluss.
Unsere Favoriten
In «S-Town» zeigen die Macher von «Serial» die dunklen Seiten eines Südstaatenidylls.
In den Folgen von «Song Exploder» analysieren die Musiker detailgenau einen ihrer Songs.
«Missing Richard Simmons»: Ein Fan sucht nach dem verschwundenen Abnehmpapst.
«More Perfect» widmet sich Urteilen des Obersten US-Gerichts und deren Auswirkungen.
Gerichtsdrama «The Good Fight». CBS. 13 Folgen à 45 Min., 2017. Von Michelle und Robert King. Mit Christine Baranski, Cush Jumbo, Rose Leslie und Delroy Lindo.
Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)
Bereits mit der Vorläufer-Serie «The Good Wife» zeigten die Macher ihr grosses Interesse an politischen Entwicklungen und den Wunsch, mit ihren Geschichten aktuell zu sein. In einer Storyline informierten sie die breite Öffentlichkeit über systematische Polizei-Folter in illegalen Gefängnissen in Chicago oder machten auf die ausufernde Überwachung des amerikanischen Staates aufmerksam. In ihrer Spin-off-Serie steht die weisse Anwältin Diane Lockhart im Zentrum. Nachdem diese wegen der Betrügereien des Vater ihres Patenkindes ihr gesamtes Vermögen verloren hat, muss Diane eine neue Stelle annehmen. Angeworben wird sie von einer afroamerikanischen Anwaltskanzlei. Dort erfahren sie, ihre Patentochter und ihre Assistentin als Weisse das Leben einer Minderheit.
Weil niemand in der Produktion mit dem Sieg von Donald Trump gerechnet hatte, musste die Eröffnungsszene, in der Diane den Sieg von Hillary Clinton feiert, neu gefilmt werden. Das Thema Trump wird dann mehrfach angesprochen, zum Beispiel als bekannt wird, dass einer der afroamerikanischen Anwälte für ihn gestimmt hat, was ihn zum Aussätzigen macht.
Gerichtsdramen eignen sich gut, um kontroverse Themen zu beleuchten, weil eine Verhandlung dramaturgisch die Möglichkeit bietet, zwei unterschiedliche Meinungen argumentativ aufeinandertreffen zu lassen. So hilft in einer Folge ein Arzt bei einer Operation eines bekannten Terroristen mit. Das führt zur Frage ,ob jemand bereits ein Terrorist ist, wenn er einem Terroristen Hilfe gewährt. Die erste Staffel gibt es zu kaufen, die zweite läuft derzeit in den USA.
Seit 20 Jahren fördert das m4music-Festival junge Schweizer Musikerinnen und Musiker. Es ist viel bedeutender als die pompöseren Swiss Music Awards.
Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)
Die Swiss Music Awards (SMA) mussten auch dieses Jahr wieder Prügel einstecken. Jahrelang hat sich der Grossanlass kaum für Frauenförderung interessiert, und nun organisierte er ein Panel zur Frage, ob die Schweizer Pop-Musik ein Frauenproblem habe. Hohn und Spott aus den Reihen der Musikjournalisten und des aufmerksamen Publikums war den Veranstaltern genauso sicher wie das Stirnrunzeln in der Musikbranche.
Die Kritiker spielten die Swiss Music Awards gegen ein anderes Festival aus: das M4Music. Jedes Jahr organisiert das Migros-Kulturprozent an drei Tagen ein Festival, an dem Schweizer Musik im Zentrum steht. Am Donnerstag ist der Anlass jeweils in Lausanne präsent, wobei die Sender Couleur 3 und Virus die Konzerte übertragen, und am Freitag und Samstag trifft sich das gut gestylte Partyvolk im Zürcher Schiffbau. Aber was macht das M4Music richtig, dass so viele Kritiker des Lobes voll sind?
Während die SMA ein Anlass der grossen Labels sind, den die People-Journalisten ausschlachten, treffen sich am M4Music vor allem die kleineren Labels und Künstler. Und da gibt es viel zu reden. Seit seinen Anfängen 1998 setzt das Festival nachmittags deshalb auch auf Panels und Workshops, die öffentlich und gratis sind. Und seit die Musiktauschbörse Napster 1999 online ging, als nur wenige voraussahen, wie sich der Musikkonsum entwickeln würde, organisiert das M4Music Panels zur Digitalisierung der Musik. 2011 wurde dann auch Peter Sunde vom Internetportal The Pirate Bay, das Musik gratis zugänglich macht, eingeladen.
«Die Musikbranche hat mich fast erwürgt», erzählt Festivalleiter Philipp Schnyder, «niemand wollte dem Feind zuhören.» Er und sein Festival bewiesen jedoch mit der Einladung Weitsicht, sie verstanden, wohin sich die Musik bewegte. Während letztes Jahr noch viele Zeitungen in das immergleiche Klagelied einstimmten, Streaming raube der Musik die Seele, stellte das M4Music ein Panel zusammen, das die Vorteile und die Chancen davon aufzeigte. «Wir verwenden viel Zeit darauf, die Conference vorzubereiten», erklärt Schnyder.
Und was sagen die Leute aus der Musikbranche? Die schätzen den Anlass vor allem als Treffpunkt, an dem fast jeder aus dem Schweizer Business und sogar einige Vertreter aus dem Ausland anzutreffen sind, was bei einem kleinen Land wie der Schweiz nicht selbstverständlich ist. Und doch wird moniert, das M4Music möge sich noch etwas mehr um Kontakte zum Ausland bemühen. «Anfangs haben wir sehr europäisch gedacht», gesteht Schnyder. Dann sei ihnen bewusst geworden, dass sie zuerst die Leute aus der Schweiz an einem Ort vereinen mussten. Von Anfang an setzten sie auch auf gute Kontakte in die Romandie, Branchenvertreter aus dem Ausland kamen dann sporadisch dazu.
Wichtig war den M4Music-Organisatoren von Anfang an, dass abends ebenfalls internationale Acts auftraten, was natürlich auch mit der Attraktivität zu tun hat. Ohne die Unterstützung des Migros-Kulturprozents wäre der Anlass nicht möglich. Aber die Karten müssen trotzdem verkauft werden, da braucht es Namen, die ziehen. «Wir wollten aber auch, dass die hiesigen Künstler sich mit internationalen Acts vergleichen und messen können. Und wir haben extra einen grossen Backstagebereich, wo sich die verschiedenen Musiker treffen. So sollen auch neue Kontakte entstehen», erklärt Schnyder. Denn die Künstler reisen mit Management und Agenten von Veranstaltern an, die sich oft auch die anderen Konzerte anhören.
Und was tut das Festival für den Nachwuchs? Da hat sich die Demotape Clinic etabliert. Jedes Jahr reichen 700 bis 800 Schweizer Künstler ihre Songs ein, dieses Jahr waren es 797. Diese Demos werden dann von drei Jurys beurteilt, die voneinander unabhängig sind. Die erste M4Music-interne Jury wählt für alle vier Kategorien – Pop, Rock, Electronic und Urban – jeweils die 15 vielversprechendsten Songs aus, welche an den Nachmittagen in Zürich live der zweiten Jury jeder Kategorie vorgespielt werden. Diese diskutieren die Lieder vor Publikum und wählen dann das beste aus. Die dritte Jury schliesslich wählt aus allen vier Gewinnern das Demo of the Year.
«Das ist ein sinnvolles Gefäss», sagt David Burger von der Musikagentur Radicalis, «weil es sich vertieft mit dem derzeitigen Befinden der Schweizer Musiklandschaft auseinandersetzt und eigentlich immer ein sehr direktes Bild zeigt, in welche Richtung sich das musikalische Schaffen weiterentwickelt.» Radicalis ist deshalb wie andere Agenturen und Labels am Festival auf der Suche nach neuen Künstlern. Letztes Jahr hat es auf diese Art Meimuna entdeckt, die Gewinnerin der Kategorie Pop, welche dieses Jahr am M4Music auftritt. Wer also wissen möchte, was die Branche beschäftigt und was die musikalische Jugend macht, sollte deshalb bereits am Nachmittag in den Schiffbau pilgern.
Serie «Retribution». Drama. Netflix. 4 Folgen à 60 Min. Von Harry und Jack Williams. Mit Juliet Stevenson, Gary Lewis u. a.
Retribution. Drama. Netflix. 4 Folgen à 60 Min. Von Harry und Jack Williams. Mit Juliet Stevenson, Gary Lewis u. a.
Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)
Während strömenden Regens kommt im nächtlichen schottischen Hochland ein Auto von der Strasse ab. Die herbeigeeilte Familie aus der Nachbarschaft nimmt den verletzten Mann mit auf ihren Hof und will ihn pflegen, bis ein Krankenauto eintrifft. Bald stellt sich jedoch heraus, dass es sich beim Verletzten wahrscheinlich um den Mörder des Sohnes der Familie handelt. Die ebenfalls ermordete Ehefrau des Sohnes ist die Tochter der Nachbarsfamilie, die mitbekommt, wer sich da blutend und verwirrt auf dem Hof befindet. Jetzt stellen sich die beiden Familien die Frage: Was soll mit dem Mörder ihrer Kinder passieren?
Im Verlaufe der vier Folgen, die von der BBC produziert wurden und nun von Netflix ausgestrahlt werden, kommen allerlei verborgene Geheimnisse der Familienmitglieder ans Licht, und der Verdacht drängt sich auf, dass jemand von ihnen an der Ermordung des Ehepaars beteiligt gewesen sein könnte.
Die Schöpfer der Serie, die englischen Brüder Harry und Jack Williams, haben bereits so spannende Serien wie «Liar» (2017) über einen Arzt, der im Verdacht steht, ein Vergewaltiger zu sein oder «The Missing» (2014) über ein Ehepaar dessen fünfjähriger Sohn im Urlaub verschwindet, entwickelt und waren an der bitterbösen Satireserie «Fleabag» beteiligt. «Retribution» (Originaltitel «One of Us») spielt mit bekannten Motiven, hat aber unterschiedliche Handlungsstränge und genügend unerwartete Wendungen, um das Publikum zu unterhalten. Ausserdem ist es beeindruckend zu sehen, wie die Macher in vier Folgen eine komplexe Geschichte zu erzählen vermögen.
Reality Show «Queer Eye». Netflix, 2018. 8 Folgen à 45 min. Von David Collins. Mit Tan France, Karamo Brown, Jonathan Van Ness, Antoni Porowski, Bobby Berk.
Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)
Reality-Shows kann man lieben oder hassen, aber man sollte sie nicht im Vorhinein verteufeln. Als 2003 die Vorläufersendung «Queer Eye for the Straight Guy» ausgestrahlt wurde, war das Aufheben gross. Fünf schwule Männer krempelten in jeder Folge das Leben eines hoffnungslosen Hetero um. Sie trimmten ihnen die Bärte, steckten sie in vorteilhafte Kleider und räumten ihre Wohnungen auf. Nach 45 Minuten wurde aus dem Höhlenmensch ein ansehnlicher Schwan, der endlich eine Chance bei Frauen hatte. Etwas zugespitzt war die Prämisse: Schwule Männer helfen Heteros, Frauen flachzulegen. Dann verschwanden sie wieder.
Nun sind die fabelhaften fünf in anderer Besetzung zurück. Und noch immer geht es darum, Bärte zu trimmen und hässliche Hemden zu entsorgen. Während sie früher aber Heteros zum Glück verhalfen, stehen sie nun für sich selber ein. Wie in allen Komödienformaten geht es auch hier um die persönlichen Begegnungen zwischen Menschen, nicht um grössere politische Zusammenhänge. Aber genau darin liegt die Faszination der Show. Da erklärt beispielsweise der schwule Afroamerikaner Karamo einem Klienten, einem weissen Polizisten, wie schwierig es für ihn ist, einen Polizisten und Trump-Wähler zu unterstützen, und was das bei ihm auslöst, worauf sich ein ehrliches Gespräch über Polizeibrutalität entwickelt. Die Serie enthält viele solcher Momente. Natürlich wird sie nicht die Welt verändern, aber sie bringt Menschen aus unterschiedlichen Schichten ins Gespräch miteinander. Und mehr kann man von unterhaltsamem Fernsehen nicht erwarten.
Serie «The Tick». 12 Folgen à 30 Min. Von Ben Edlund. Mit Peter Serafinowicz, Griffin Newman, Valorie Curry. Läuft auf Amazon.
Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)
Der Tick ist blau und hat Fühler, die Reflexe einer olympiatauglichen Dschungelkatze, ist so stark wie eine ganze Bushaltestelle voller Männer, und das Schicksal spricht direkt zu ihm. Das ist wenig überraschend, denn er ist ein Superheld. Natürlich ist er unverwundbar. Dafür herrscht in seinem Oberstübchen gähnende Leere. Deshalb benötigt er einen Sidekick, und den findet er im unscheinbaren Buchhalter Arthur. Dieser wiederum hat psychische Probleme, weil der Bösewicht Terror seinen Vater getötet hat, als er noch ein Kind war. Eher widerwillig stimmt Arthur zu, mit Tick zusammenzuarbeiten, um es mit der Unterwelt in ihrer Stadt aufzunehmen.
Der Engländer Christopher Nolan hat das Superhelden-Genre mit seiner Batman-Trilogie düsterer gemacht. An dem kommt auch Tick nicht vorbei. 1986 als Comic von Ben Edlund im Teenageralter erschaffen, wurde die Superhelden-Parodie bereits zweimal in eine Serie verpackt: 1994 in eine animierte und 2001 in einer Realverfilmung. Die Version von 2001 ist absurder und daher lustiger, dafür orientiert sich die Amazon-Serie mehr an der Realität: Die Welt ist hart und brutal, und auch Superhelden sind nur fehlerhafte Menschen. Der Film «Deadpool» hat 2016 dem Mainstreampublikum die Absurdität von Superhelden aufgezeigt, «The Tick» baut diese Einsicht aus. Und so wird Arthur vom intelligenten Schiff Dangerboat, das in ihn verliebt ist, in der Dusche mit einem Wasserstrahl sexuell belästigt oder von Tick in einem Anzug mit Flügeln aus dem Fenster geworfen, um wie ein toter Schmetterling auf dem Dach eines Autos zu landen.
Serie «Seitentriebe». Drama. 8 Folgen. SRF. Von Güzin Kar. Mit Vera Bommer, Nicola Mastroberardino, Leonardo Nigro, Wanda Wylowa, Sunnyi Melles.
Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)
Eine Beziehung geht nicht Knall auf Fall in die Brüche, sondern schleichend. Routine tötet auch noch die spannendste Romanze, und irgendwann sind es drei Jahre her, seit man das letzte Mal Sex hatte. Nele und Gianni sind Ende Dreissig an diesem Punkt angekommen. Er will der grosse Macker sein, den sie sich wünscht, und scheitert konstant an ihren Ansprüchen. Sie ist frustriert, weil sie es als Künstlerin zu nichts gebracht hat und jetzt Käsehäppchen im Shoppingcenter anpreist. Und da nörgelt es sich leicht am Alten herum.
Bei der Entstehung dieser Geschichte liess sich Güzin Kar von der Frage leiten, warum in einem der reichsten Länder der Welt die Menschen auf die Frage «Bist du glücklich?» meistens antworten «Nicht glücklich, aber zufrieden». Sie interessiert sich für den Nicht-Ort zwischen Komfort und Orientierungslosigkeit und hat die Geschichte deshalb im Zürcher Oberland angesiedelt, das für sie die Seelenlandschaft der Protagonisten widerspiegelt.
Neben Nele und Gianni begegnen wir noch Monika und Heinz mit ihrem pubertierenden Sohn Timo sowie Anton und Clara, die bald pensioniert werden. Nach zwei Folgen lässt sich sagen: Die Serie ist interessant und unterhaltsam und kann mit internationalen Produktionen mithalten. Aber Nele nervt. Man möchte Gianni zuschreien, dass er überall eine Nettere findet als die. Aber für den Abgang ist er wohl zu feige. Die Familie von Monika wird etwas gar zu bünzlig dargestellt, dafür sind Anton und Clara phantastisch. Man kann nur hoffen, dass in den nächsten sechs Folgen mehr von den beiden und weniger von Nele zu sehen ist.
Kreiert von Laeta Kalogridis, mit Joel Kinnaman, James Purefoy, Martha Higareda , Dauer 10 Episoden à 46–66 minuten, Sender Netflix
Von Murièle Weber (FRAME)
Im 26. Jahrhundert sind die Menschen Götter. Durch eine neue Technik kann das Bewusstsein eines Einzelnen in immer neue Körper transferiert werden. Wer es sich leisten kann, wird unsterblich. Der ehemalige Freiheitskämpfer Takeshi Kovacs, halb Japaner, halb Osteuropäer, bekommt 250 Jahre nach seinem Tod den Körper eines Weissen, damit er einen Mordanschlag auf den mächtigen Laurens Bancroft aufklären kann. Dafür muss Kovacs seine Prinzipien verraten, indem er sich zum Eigentum eines jener mächtigen Männer machen lässt, die ewig leben und die Kovacs vor seinem Tod bekämpft hat.
Das ist nur einer der komplexen Handlungsstränge dieser Serie. Wer nicht von der ersten Minute an aufmerksam ist, verpasst Informationen, die erst mehrere Folgen später relevant werden.
1982 hatte Ridley Scott mit dem Spielfilm «Blade Runner» ein neues Genre begründet: Future Noir. Darin wurden Elemente des Film Noir – der abgebrühte Detektiv, die Femme fatale, die düstere Stadt, die dystopischen Zustände – mit Bestandteilen der Science-Fiction verbunden – die Gesellschaft in der Zukunft, neue technische Errungenschaften, der Aufbau einer neu durchdachten Gesellschaft.
«Altered Carbon» sieht sich in dieser Tradition, zieht aber auch Inspiration aus unzähligen weiteren Science-Fiction-Filmen wie «The Fifth Element» oder Büchern wie jenen von William Gibson, der das Genre des Cyperpunks begründet hat.
Wenn der Mensch unsterblich ist, verliert der Tod seinen Schrecken. Das hat Folgen. Ob man sein ungehorsames Kind zu Tode prügelt oder eine Prostituierte beim Sex ersticht, solange man den Toten neue Körper kauft, kommt man ungestraft davon. Gewalt ist deshalb in dieser Welt in ihren brutalsten Formen allgegenwärtig.Wer sich davon nicht abschrecken lässt, bekommt Zugang zu einer Welt mit vielen interessanten Figuren und einer unterhaltsamen Mördersuche, gespickt mit philosophischen Fragen über das Leben nach dem Tod, den Wert des Lebens an sich, über Identität und Moral.