Narzisstischer Suchtrupp

Serie «Search Party». USA 2016. Von Sarah-Violet Bliss, Charles Rogers und Michael Showalter. Mit Alia Shawkat, John Early und Brandon Micheal Hall. 

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Die vier New Yorker Freunde sind narzisstische Egoisten, denen jedes Mittel recht ist, um im Mittelpunkt zu stehen. Elliott hat eine Firma gegründet, die Wasserflaschen verziert. «Und für jede Flasche, die hier verkauft wird, schenken wir einem afrikanischen Dorf eine», erklärt er voller Stolz auf einer Party. Seine Gesprächspartnerin guckt ihn entgeistert an: «Ganz offensichtlich sind das Problem in Afrika nicht die fehlenden Wasserflaschen, sondern das fehlende Wasser.» – «Und auch darum werden wir uns kümmern», entgegnet er entnervt. Als ihre ehemalige Studienkollegin Chantal verschwindet, an die sich kaum jemand erinnern kann, bekunden die Freunde tränenreich auf Twitter ihre Bestürztheit, inklusive #IamChantal. Und schliesslich machen sie sich ein Spiel daraus, herauszufinden, was mit ihr passiert ist.

Die erste Staffel wurde in den USA allseits hochgelobt, ist aber bis jetzt kaum im Mainstream angekommen. Ein schwerer Fehler. Denn die bitterböse Comedy-Serie ist vor allem eine genaue Beobachterin unserer Zeit. Treffender hat noch keine andere Serie die Auswüchse der Beileidsbekundungen im Internet inszeniert oder die voyeuristische Obsession des Publikums mit True-Crime-Serien in den Mittelpunkt gestellt. So oberflächlich die Figuren sind, so komplex sind die angesprochenen Fragen nach der Moral unserer Gesellschaft, dem Charakter der Millennial-Generation oder der Schwierigkeit, sich verletzlich zu zeigen. Die erste Staffel gibt’s auf Amazon, die zweite beginnt heute Sonntagabend auf dem US-Sender TBS.  

Abgelutschte Geschichte

Serie «Alias Grace». USA 2017. Von Sarah Polley. Mit Sarah Gadon, Edward Holcroft, Anna Paquin und David Cronenberg.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Die Literatur des 19.Jahrhunderts ist voll von diesen Geschichten: Oliver Twist, der im Waisenhaus hungert, Jane Eyre, die ungerecht behandelt wird und ihre einzige Freundin an den Typhus verliert, oder Effi Briest, die nach ihrem Ehebruch verstossen wird. 1996 verarbeitete auch die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood das Schicksal einer Rechtlosen in ihrem feministischen Roman «Alias Grace». Der realen Dienstmagd Grace Marks wurde 1843 vorgeworfen, zusammen mit dem Stallburschen ihren Arbeitgeber und seine Hausangestellte ermordet zu haben. Dafür kam sie ins Gefängnis. Aber bis heute ist nicht klar, ob sie nur zur Tatzeit anwesend oder aktiv am Mord beteiligt war. Atwood schrieb eine fiktive Version der Geschehnisse, die nach «The Handmaid’s Tale» die zweite serielle Verfilmung ihres Werkes ist. Erzählt wird Grace’ Geschichte in Rückblicken in Form von sechs Therapiesitzungen, in denen Grace (Polley) ihrem Psychiater (Holcroft) von ihrem schweren Leben erzählt. Die sechs Teile entsprechen etwa drei Filmen: Der erste widmet sich der Immigration der irischen Familie nach Kanada, der zweite dreht sich um die Arbeits- und Sozialsituation im kanadischen Toronto, und im dritten Teil kommt der feministische Unterton voll zum Tragen, wenn es darum geht, ob einer der männlichen Ärzte oder sie selber die Deutungshoheit über ihre Geschichte hat. Wer schon immer etwas über kanadische Geschichte wissen wollte, ist hier richtig. Wer genug hat von den immergleichen Geschichten über das 19.Jahrhundert, sollte einen Bogen um die Serie machen. 

Die Missverstandene

Bild: Flickr / Eva Rinaldi

Taylor Swift gibt sich gern als moderne Feministin und Kämpferin für die Rechte von Künstlern. Dabei ist sie vor allem eines: eine knallharte Geschäftsfrau, die nur eigene Interessen verfolgt.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Eigentlich will Taylor Swift nur nett sein und ihre Kunst machen. Aber die anderen sind gemein und verstehen sie falsch. Deshalb ist sie immer wieder gezwungen, Songs zu schreiben mit ­Botschaften wie «Ich lass mich nicht unterkriegen». Ungerechtigkeiten wollen eben verarbeitet sein. Das neuste Beispiel dafür ist die neue Single «Look What You Made Me Do» (Sieh, wozu du mich gezwungen hast). Über die Jahre hat sie sich so einen Ruf eingehandelt, der ihr nicht gefällt. Das neue Album heisst dann zur grossen Über­raschung aller: «Reputation».

Taylor Swift – «Look What You Made Me Do»

Swift vermarktet sich gern als Unschuld oder als Opfer. Im Lied «Dear John», adressiert an ihren 12 Jahre älteren Ex-Freund John Mayer, singt sie: «Denkst du nicht, dass ich mit 19 Jahren zu jung war, um deine dunklen, verdorbenen Spiele mit mir zu spielen?» Mayer war natürlich zutiefst beschämt über diese musikalische Huldigung.

Auch die unhöfliche Behandlung durch Kanye West 2009 an den MTV Awards verarbeitete Swift musikalisch. Er stürmte die Bühne, während sie ihre Dankesrede hielt, um zu erklären, Beyoncé habe eigentlich die Auszeichnung verdient. Damit sprach er an, was andere eloquenter formuliert haben: dass weisse Girls mehr Chancen als schwarze Frauen haben, Preise zu gewinnen.

Als Swift (*1989) ein Jahr später ihren Song «Innocent» (unschuldig) an den MTV Awards vorstellte, lief ein Videoclip dieser Szene, bevor sie herablassend sang, West müsse mit seinen 32 Jahren noch erwachsen werden. Dass sie sich dazu als verletzliche weisse Geschädigte eines schwarzen Mannes inszenierte, legten ihr einige Kommentatoren als Rassismus aus.

Taylor Swift – «Innocent»

Seit einiger Zeit wird Taylor Swift auch von der Alt-Right-Bewegung vereinnahmt und als «arische Göttin» gepriesen. Darüber ist Swift so aufgebracht, dass sie sich öffentlich… Nein, bis jetzt schweigt sie dazu. Aber 2014 war sie so erzürnt, dass sie eine ganze Nacht lang wach lag und sich morgens um 4Uhr genötigt sah, einen offenen Brief zu schreiben. Apple Music hatte beschlossen, den Künstlern ihre angeklickten Songs erst nach drei Monaten zu vergüten, weil Kunden den Dienst während einer Probezeit drei Monate lang gratis nutzen können.

Spott von Spotify

«Hier geht es nicht um mich», schrieb die 280-fache Dollarmillionärin. «Ich kann mich mit Konzerten finanzieren. Es geht um Künstler, die ihre erste Single veröffentlichen und dafür nicht bezahlt werden.» Ein Jahr zuvor hatte sie ihre Abneigung gegenüber Gratis-Streaming-Diensten bereits in einem Artikel im «Wall Street Journal» mit den Worten begründet: «Musik ist Kunst, und Kunst ist wertvoll. Wertvolle Dinge sollten bezahlt werden.» Sie sah ihre Songs durch diese Dienste entwertet. Deshalb entzog sie Spotify 2014 all ihre Musik – sehr zum Entsetzen ihrer vielen jungen Fans –, was die Firma zur Playlist «What to Play While Taylor’s Away» inspirierte.

Aber schliesslich kam alles gut. Apple Music lenkte innerhalb von 24 Stunden ein. Und Frau Swift rühmte sich in einem Interview mit «Vanity Fair» ihrer Heldentat und erwähnte die vielen Glückwünsche anderer Künstlerinnen. Frau Swift sieht sich auch gern als Verfechterin von Frauenrechten. 2012 erklärte sie noch, Feminismus sage ihr gar nichts. Ihre Eltern hätten ihr beigebracht: «Wenn du so hart wie die Jungs arbeitest, kannst du es weit bringen im Leben.» Womit sie jeder Feministin aus tiefstem Herzen sprach. Aber schliesslich sah auch Frau Swift das violette Licht. «Eigentlich bin ich schon immer eine Feministin gewesen», erklärte sie 2014. Schliesslich sei sie seit Jahren mit Lena Dunham befreundet, der Vorzeigefeministin der Millennials. Das färbt ab. Und so schreibt Frau Swift gern über die grossen Themen der Welt, wie die Rache am Ex oder den vom Ex ausgelösten Herzschmerz. 

Kritik daran konterte sie so: «Wenn eine Frau über ihre Gefühle schreibt, wird sie oft als wahnsinnig dargestellt. Das verdreht etwas, das gefeiert werden sollte, in etwas Sexistisches.» Richtig, schon die ersten Feministinnen legten Wert darauf, über ihre Beziehungen zu Männern definiert zu werden. Und als sich die Komikerinnen Tina Fey und Amy Poehler 2013 an den Golden Globes erfrechten, sich über Frau Swifts Verschleiss an Männern lustig zu machen, antwortete diese mit einem Zitat der ehemaligen US-Aussenministerin ­Madeleine Albright: «In der Hölle gibt es einen ganz speziellen Ort für Frauen, die andere Frauen nicht unterstützen.» Die Ironie ging leider komplett an Frau Swift vorbei, als sie 2014 in ihrem Video zu «Bad Blood» die Hälfte ihrer hauptsächlich aus Models bestehenden Frauentruppe ver­sammelte und musikalische Rache an ihrer Gegenspielerin, Katy Perry, nahm. 

Taylor Swift – «Bad Blood»

Die Kultur, und in ganz besonderem Masse die Pop-Kultur, lebt von Appropriation, der Aneignung von «fremden» Stilen, Werken, Ideen, Melodien zur Erschaffung neuer Kunst. Die Rockmusik wäre ohne den afroamerikanischen Blues nicht möglich gewesen, und die späten Beatles hätten anders geklungen, wären sie nicht mit indischer Musik in Kontakt gekommen. Aber sich die Melodie von «I’m Too Sexy» von Right Said Fred für «Look What You Made Me Do» anzueignen, ist das eine; sich als Hüterin der Rechte von Künstlern emporzustilisieren und sich den Mantel des Feminismus überzustreifen, während man völlig eigennützige Ziele verfolgt, ist etwas ganz anderes. 

Reiner Opportunismus

Da hat Frau Swift mit der «reappropriation», der Wiederaneignung, schon mehr Talent bewiesen. Als sie beteuerte, Kanye West kein Einverständnis gegeben zu haben, in seinem Song «Famous» über sie zu singen, und Wests Frau Kim Kardashian mit einem Video das Gegenteil bewies, wurde Swift mit Bildern von Schlangen eingedeckt. In «Look What You Made Me Do» nun wendet sie dieses Image ins Positive und präsentiert sich als Schlangenkönigin. Das ist richtig, richtig lustig. Nicht jeder Künstler muss sich zu allem äussern. Aber wenn Swift sich darüber auslässt, wie sie unter dem ungerechten Bezahlsystem eines Streaming-Dienstes leidet, aber kein Wort darüber verliert, dass sie von der rassistischen Rechten als «arische Göttin» gepriesen wird, erweist sie sich als Opportunistin. Das tut Frau Swift auch in ihrem neuen Song «Look What You Made Me Do», wo im Finale 14 Versionen der Sängerin zu sehen sind. Eine sagt: «I would very much like to be excluded from this narrative.» Und die anderen antworten treffend: «Oh, shut up.»

Neues Album

«Reputation», das 6. Studioalbum von Taylor Swift, kommt am 10. 11.2017 heraus. Am Freitag hat sie den Clip zum Song «Ready For It?» veröffentlicht. Es ist ein für sie ungewöhnlich harter Elektro-Song mit peitschenden Beats. 

Leidenschaft ist ihr Lebenselixier

Bild: wiki commons

Auf ihrem neuen Album «Beautiful Trauma» singt Pink vom Zerstechen von Autoreifen und spinnt eine witzige Rachegeschichte mit Eminem. Leider sind die anderen Songs zu farblos. 

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Pink ist eine leidenschaftliche Person. Direkt, provokativ, ehrlich. Während andere Sängerinnen versuchen, fast körperlos übermenschlich zu sein, roch Pink in ihrem Video zu «Get the Party Started», einem Song von der Platte «Missundaztood» (2001), provo­kativ an ihrer Achselhöhle. Dabei verzog sie angeekelt das Gesicht. 

Sie will eigentlich nichts anderes sein als zutiefst menschlich – üble Körpergerüche, Fehler und Gedanken der Unzulänglichkeit inklusive. Deshalb klingen viele ihre Lieder wie Tagebucheinträge, zum Beispiel das Stück «Secrets» vom neuen Album «Beautiful Trauma»: «Was geben wir preis? Was verheimlichen wir? Was stimmt nicht mit mir?», fragt sie.

Pink ist es nie peinlich, stark, ja fast schon aggressiv aufzutreten. Das tat sie bereits zu Beginn ihrer Karriere um 2001, als die Pop-Welt von Britney Spears und Konsorten dominiert wurde und lange bevor Beyoncé mit einem Baseballschläger in der Hand Autofensterscheiben einschlug. Die 38-jährige Pink ist aber keine eigentliche Vorreiterin für solches Auftreten. Sie macht einfach ihr Ding: Wie dieses Jahr an den MTV Awards, als sie den Vanguard Award für ihr Lebenswerk bekam und keinem Kollegen für die Unterstützung dankte, sondern sich an ihre Tochter richtete und ihr mitteilte, sie sei schön und solle nie daran zweifeln.

Die wohl wichtigste Beziehung in ihrem Leben ist diejenige zu Ehemann Carey Hart. Als sie dachte, er betrüge sie, zerstach sie seine Autoreifen. Bei anderer Gelegenheit boxte er dafür vor Wut zu Hause in eine Wand. Pink, die mit bürgerlichem Namen Alecia Moore heisst, gefiel dieser Ausdruck männlicher Stärke so sehr, dass sie einen Bilderrahmen dafür kaufte und den Abdruck seiner Faust einrahmte. 

Sie hat diese turbulente Beziehung auch gleich in mehreren Songs auf ihrem neuen Album verewigt, unter anderem im titelgebenden «Beautiful Trauma», das so heisst, weil, mit Shakespeares Worten ausgedrückt, das Leben «bittersüss» ist.

Pink ist immer dann am besten, wenn sie sich nicht zügelt. Wie im Lied «I Am Here» mit seinem stampfenden Beat: Sie schreit, sie verführt und nimmt den Hörer mit ihrer Präsenz ein. Genauso grossartig ist ihr witziger Song «Revenge», den der Rapper Eminem zur Hälfte schrieb. Darin nehmen sie und ihr imaginärer Liebhaber auf wunderbar bösartige Art Rache aneinander. «Ich wünschte, ich wäre eine Anwältin, dann würde ich dich verklagen, dir deinen Hund, dein Haus, deine Schuhe und dein Herz nehmen», singt sie. Eminem kontert: «Wenn du zu seinem Haus fährst und mich unterwegs triffst, während ich zu ihr fahre, erinnere dich daran, dass du mich zuerst betrogen hast. – You’re a whore, you’re a whore, this is war.»

Leider sind diese drei Songs zusammen mit der eindringlichen Politikballade «What About Us» auch schon die Highlights des neuen Albums. Die weiteren Stücke dümpeln vor sich hin, und wenn man nicht aufmerksam zuhört, läuft ein Song unbemerkt in den nächsten über.

Vielleicht hat die Elternschaft Pink zahmer werden lassen. Vielleicht haben ihre Pro­duzenten die Lieder glattgeschliffen. Und vielleicht ist das einfach nicht ihr bestes Album. Aber wenige Sängerinnen haben sich so lange im Business halten können wie sie. Und deshalb ist eines gewiss: Das waren nicht Pinks letzte Worte. 

Die Frau und der Krieg

Nada (Golshifteh Farahani) erinnert sich im alten Haus an die Vergangenheit.

In «Go Home» kehrt eine Frau in den Libanon zurück, wo einst ihre Familie lebte – bis der Bürgerkrieg ausbrach. Welche Rolle spielte damals ihr Grossvater? 

Von Murièle Weber (Züritipp)

Verwüstet und etwas verloren steht das Haus auf einer kleinen Anhöhe in dem libanesischen Dorf. Ähnlich einem Gerippe. Nada (Golshifteh Farahani) kehrt in dieses Haus ihrer Familie zurück, aus dem sie der Bürgerkrieg der Siebziger und Achtziger vertrieben hat. Inzwischen haben im Garten fremde Leute ihren Unrat hinterlassen. Die Wände sind mit obszönen Graffiti verschmiert, und am Boden klebt etwas, das Blut sein könnte.

Nada putzt und mistet aus und versucht dabei an eine Vergangenheit anzuknüpfen, zu der sie die Verbindung vor Jahren verloren hat. Nadas Kindheitserinnerungen drehen sich nicht nur um ihre Abenteuer mit dem kleinen Bruder, sondern immer auch um die Frage, was mit dem verschwundenen Grossvater passiert ist. Und je länger Nada in dem Haus verweilt, um so weniger kann sie ihrem eigenen Gedächtnis trauen. War der Grossvater gut, und wurde er von seinen Feinden verschleppt? Oder war er selbst ein Verbrecher im Bürgerkrieg und ist geflüchtet? 

Aufgewachsen ist die französisch-libanesische Regisseurin Jihane Chouaib in Mexiko, nachdem ihre eigene Familie 1976 aus Beirut flüchtete. Für ihr Studium kam Chouaib nach Frankreich und lebt nun dort. «Die Berge von Abfall im Garten, die Nada versucht zu entsorgen, sind wie Deckel, die auf den Erinnerungen an den Krieg platziert wurden», erzählt Chouaib. «Ich wollte dieser kollektiven Amnesie der Libanesen entgegentreten.» Der Film adressiert dieses Trauma mit ruhigen, oft metaphorischen Bildern. Egal, wie oft Nada die Wände putzt und den Boden schrubbt oder den Garten von Unrat befreit, sie bleibt fremd in diesem Dorf und bei diesen Leuten. Niemand will ihr dabei helfen, herauszufinden, was mit dem Grossvater geschah. 

«In diesem Land verschwanden während des Kriegs 17’000 Menschen, die wie Geister umherwandeln. Es ist unmöglich, um sie zu trauern. Deshalb sucht Nada nach dem Leichnam des Grossvaters unter dem Gerümpel.» Chouaib geht nicht nur auf die Auswirkungen ein, die ein Krieg auf die Psyche eines Landes hat. Sie zeigt auch, was der Bürgerkrieg mit den Leuten macht, die geflüchtet sind und jetzt zurückkehren: Sie erleben Entfremdung und die Aussichtslosigkeit, im Ursprungsland wieder ein Gefühl der Heimat herzustellen. Auch sie werden zu wandelnden Geistern, denen Chouaib hiermit ein Denkmal gesetzt hat.

Die ewigen 80er

Bild: Pexels, VictoriaBorodinova

Ob im Kino, in der Musik oder in der Mode: Die Eighties sind omnipräsent, obwohl unsere Zeit eher von den Neunzigern besessen sein sollte. Warum fasziniert uns die Dekade mit den Föhnfrisuren und den kitschigen Sonnenuntergängen noch immer? 

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Zwei junge Frauen fahren im Cabriolet in den zartrosa ­Sonnenuntergang. Im Hintergrund erklingt dazu Belinda Carlisles sülziger Synthie-Hit «Heaven Is a Place on Earth». So endet die gerade mit zwei Emmys ausgezeichnete Episode «San Junipero» der Netflix-Serie «Black Mirror». Sie handelt vom Umgang mit neuen Technologien in der Zukunft. Denn eigentlich sind die beiden Frauen bereits tot, aber für ihr Jenseits haben sie sich eine simulierte Welt in den achtziger Jahren ausgesucht. Der Himmel ist eben doch ein Ort auf Erden, und er liegt anscheinend in den Achtzigern.

Das scheint auch für die Kultur der Gegenwart zu gelten. Wohin das wachsame Auge auch blickt, den achtziger Jahren lässt sich nicht ausweichen. 

Trump bringt Reagan zurück

Sie suchen uns heim in der Form von Clown Pennywise in der Neuverfilmung des Horrorklassikers «It», der nächste Woche in die Kinos kommt. Sie gewinnen unser Herz mit drei Buben auf der Suche nach ihrem verschwundenen Freund in der Netflix-Serie «Stranger Things». Sie liegen uns in den Ohren mit «Brotherlove» vom Schweizer Musiker Crimer. Und sie zwinkern uns verschmitzt zu in Form von Dauerwellen, dicken Eyelinern und kitschig-grellen, glitzernden Kleidern an der Fashion-Show von Marc Jacobs. 

Selbst Donald Trump mit seiner orangen Gesichtsfarbe, den wilden Haaren und seiner «America First»-Ideologie verkörpert eine rechtskonservative Wiedergeburt der achtziger Jahre mit ihrer Ich-Generation, der Kalten-Krieg-Rhetorik, dem Materia­lismus und seiner 1987 verfassten Bibel «The Art of the Deal».

Das nostalgische Zelebrieren von Kultur aus vergangenen Dekaden gibt es normalerweise im Abstand von zwanzig Jahren. Die siebziger Jahre waren fasziniert von den Fünfzigern mit Filmen wie «American Graffiti» und dem Musical «Grease». Die achtziger Jahre verherrlichten die unschuldigeren Sechziger mit «Dirty Dancing» oder der Serie «Wunderbare Jahre». Und die neunziger Jahre bezogen sich auf die Seventies mit der Sitcom «Die wilden Siebziger» oder dem Kultfilm der Dekade, «Pulp Fiction», in dem Tarantino auf Seventies-Funk setzt und John Travolta, dem vergessenen Star aus «Saturday Night Fever» (1977), ein Comeback ermöglichte. Dieser Logik entsprechend, sollte unsere Dekade besessen sein von den Neunzigern. Warum nur dreht sich dann noch immer alles um die Achtziger?

Der erste und wichtigste Grund ist: Mit der Zeit steigt die Wertschätzung, und es beginnt die Verklärung. Sind genug Jahre verstrichen, vergessen wir gerne, was wir damals alles nicht mochten. Richtig: neonfarbene Pulswärmer, Spandex-Anzüge und hohe Schulterpolster. Darin sieht nicht einmal Ryan Gosling gut aus, wie sein Auftritt mit einer Achtziger-Band in «La La Land» zeigt. Dafür dürfen seit einigen Jahren wieder weisse Turnschuhe von Adidas und Superga getragen werden, was nicht nur die Aargauer freut. Und weil man solche Mode-Statements sehen soll, sind auch die hochgekrempelten Hosen wieder im Trend. Aber wer denkt, dass es reicht, einfach die Hosenbeine hochzurollen, der irrt. Man muss zuerst die Innennaht umbiegen, einwickeln und dann von der anderen Seite her… Ach, sehen Sie sich einfach das Youtube-Video «How to Pinroll» an.

Die Generation X hat die Macht

Der zweite Grund ist die Generation X, der in den 1960ern und 1970ern Geborene angehören. Wann haben Sie das letzte Mal von der gehört? Das Pew Research Center bezeichnete sie kürzlich als «das übersehene mittlere Kind». Denn sie liegt eingequetscht zwischen zwei viel grösseren Generationen: jener der Babyboomer, die schon langsam aufs Altersheim zuhinkt, und derjenigen der noch zahlreicheren Millennials, die noch damit beschäftigt sind, etwas ungeschickt in die Arbeitswelt zu stolpern. Das Kind der achtziger Jahre ist zwar so unauffällig, dass man der Generation nur einen Platzhalter als Namen verschafft hat. Dafür sitzen ihre Vertreter heute an den Schalthebeln der Macht, auch im Kulturbereich, wo sie Filme, Serien und Musik im Stil ihrer Jugendzeit durchwinken.

Aber dass Produzenten in weissen Adidas-Turnschuhen solche Projekte bewilligen, erklärt noch nicht, warum sich die Jugendlichen letzten Sommer auf die Serie «Stranger Things» stürzten, warum Achtziger-Jahre-Playlists auf Spotify am häufigsten von der Altersgruppe 25 bis 34 und am zweithäufigsten von 18- bis 24-Jährigen angehört werden oder warum Menschen, die die Achtziger nicht oder kaum erlebt haben, wie «Stranger Things»-Schöpfer Matt und Ross Duffer (*1984), die Band Hurts (*1985 und *1986) oder Musiker Crimer (*1989), von den Achtzigern inspirierte Kunst machen.

Das Onlinemagazin «Vulture» unterstellte der Generation X kürzlich in einem Artikel, sie hege als übersehenes mittleres Kind Rachegelüste, weshalb sie ihre Kinder, Nichten und Neffen mit den Schätzen der eigenen Kindheit indoktriniere, auf dass die Achtziger ewig währen. Richtig ist auf jeden Fall, dass es heute einfacher ist, die Artefakte der Vergangenheit zugänglich zu machen. Während Babyboomer eine Schallplatte kaufen mussten, um dem Nachwuchs den Klang ihrer Jugend vorzuführen, klickt der Mittvierziger heute am iPad auf ein Youtube-Video von Duran Duran.

Aber das gilt für alle alten Dekaden. Was ist der Reiz der Achtziger? «Das Jahrzehnt war stark geprägt von Ronald Reagan und Margaret Thatcher», sagt Steve Blame, der in den Achtzigern seine Karriere als VJ auf MTV Europe begann. «Es war politisch und gesellschaftlich sehr repressiv und konservativ. Das setzte aber auch Kreativität frei. In der Gesellschaft konnte man sich nicht ausleben, also tat man es in der Kunst: zum Beispiel Boy George, der sich lange Zeit nicht als homosexuell outete, aber ein sehr flamboyantes Auftreten hatte.» Die achtziger Jahre sahen auch den Beginn von Girl-Power mit Madonna und den Mix von Pop-Kitsch mit Traurigkeit von Bands wie The Cure.

Von dieser Mischung fühlt sich auch der Ostschweizer Crimer angezogen. «Die Sounds sind sehr überspitzt. Der Schlagzeug-Sound hat diese riesige Hallfahne.» Man denke nur an «When Doves Cry» von Prince oder an «Born in the USA» von Bruce Springsteen. Sie klingen ein wenig wie ein harter Schlag auf Wasser. Dieser nervöse Klang, genannt gated reverb, wurde 1980 durch Zufall bei einer Studioaufnahme von Phil Collins’ Schlagzeug entdeckt und später durch eine Drum-Maschine rekonstruiert. Neben den Synthesizern ist es das auffälligste musikalische Merkmal der achtziger Jahre. Nachdem er zwanzig Jahre aus der Musik verschwunden war, ist er nun zurück: Taylor Swift hat ihn in «Blank Space» genutzt und Lorde in «Louvre».

Für die Duffer-Brüder wiederum ist es die Ästhetik der Achtziger-Jahre-Filme, wie das neblige Übernatürliche in «E.T.» und die Kameradschaft in «Stand by Me». «Unsere Serie ist eine Hommage an diese Filme, mit denen wir aufgewachsen sind», sagt Matt Duffer. «Wir waren die letzte Generation, die ohne Internet und Handy aufgewachsen ist. Wir gehen gerne zurück in eine Zeit, als wir draussen mit unseren Freunden spielten und das Gefühl hatten, wir würden uns in einem grossen Abenteuer verlieren. Da schwingt definitiv Nostalgie mit.»

In den 1980ern wurde der Jugendfilm neu erfunden mit «The Breakfast Club» oder «The Goonies». Der Sommer und die Freundschaft versprachen darin allen Widrigkeiten zum Trotz ewig zu währen. Dies ist auch der Grund, warum gewisse an die Achtziger angelehnte Produktionen funktionieren und andere nicht. Als die Serie «Knight Rider» 2008 neu aufgegossen wurde, floppte sie. Die Macher hatten Versatzstücke wie das sprechende Auto und den einsamen Helden in polierter «Fast and the Furious»-Manier zurück auf den Bildschirm gebracht, aber ohne Herz. 

Besser gemacht hat das der Schwede David Sandberg mit seinem über Kickstarter finanzierten Film «Kung Fury», der bis jetzt auf Youtube 30 Millionen Mal angeklickt wurde. Ein Polizist aus Miami wird von einem Blitz getroffen und von einer Schlange gebissen und hat plötzlich übernatürliche Kräfte. Die meisten Szenen entstanden vor einem Green Screen, bei dem man die Umgebung der Figuren später am Computer erstellt. Die Ästhetik des Films erinnert an die grosspixeligen Games der achtziger Jahre. Es ist Kitsch voller Pathos.

Die originalen Vorbilder «Knight Rider» und «Kung Fury» haben Kultcharakter. Kult muss nicht gut sein, aber mit Leidenschaft gestaltet. Schon Aristoteles wusste, dass Rhetorik ohne Pathos nicht funktioniert, weil sie das Publikum kaltlässt. Die Eighties boten in vielen Bereichen Kitsch mit viel Pathos: in der Musik, im Kino, in Serien oder in der Mode. Das ist es, was bis heute nachklingt: das Herz, die Leidenschaft.

Andere Beispiele wie die Serie «The Americans» kommen ohne Kitsch aus. Ein sowjetisches Agentenpaar mordet unentdeckt im Namen einer grösseren Ideologie im Amerika der 1980er. Man nannte das nicht Terrorismus, sondern Kalten Krieg. Laut Steve Blame gibt es weitere Parallelen zwischen damals und heute: «Als Reagan gewählt wurde, dachten wir, die Welt gehe unter. Ich war auf sehr vielen Protestmärschen. Ich verstehe die Angst der Leute wegen Trump, aber wenn wir Glück haben, führt die Repression zum gleichen phantastischen Kulturschaffen wie damals.» Die Achtziger sollte man nicht nur mit Nostalgie, Kitsch und Pathos assoziieren, sie lehren uns vielmehr, wohin man seine Energie in Zeiten des Konformismus lenken kann: in Kreativität.

Die Achtziger sollte man nicht nur mit Nostalgie, Kitsch und Pathos in Verbindung bringen, sondern auch mit kreativer Kultur.

Hier leben die achtziger Jahre wieder auf «It»

Die Neuverfilmung von Stephen Kings Bestseller von 1986 bringt den Horror zurück in die Kleinstadt. Bill Skarsgård spielt den Clown, der Jagd auf Kinder macht. In den USA der Hit der Saison. Läuft bei uns ab 

28.9. im Kino.

«GLOW»

Die Netflix-Serie erzählt die Story der weiblichen Wrestling-Gruppe namens GLOW. Spandex-Anzüge, Neonlichter und Föhnfrisuren – mehr 80s geht gar nicht. Ein Beispiel, wie man Kitsch zur Kunst erhebt.

«White Gold»

Die Netflix-Serie dreht sich um einen arroganten Handelsvertreter (Ed Westwick, l.) in Essex, der ähnlich wie Michael Douglas in «Wall Street» das «Geiz ist geil»-Credo verkündet. Eine Serie über die Gier nach Geld.

Hurts

Die Synthie-Pop-Band aus Manchester hat 2010 mit ihrem Debütalbum «Happiness» als eine der ersten das Comeback des 80er Pop à la Pet Shop Boys einge­leitet. Am 29.9. erscheint ihr neues Album: «Desire».

«Blade Runner 2049»

Denis Villeneuve hat die Fortsetzung des stilbildenden 80er Kultfilms «Blade Runner» gedreht. Die Hauptrolle spielt Ryan Gosling (l.), der ­Trailer verspricht viel Nebel und Neonlicht. Ab 5.10. im Kino.

Wer malt Penisse auf Autos?

Serie «American Vandal». USA 2017. Regie: Dan Perrault, Tony Yacenda. Mit Tyler Alvarez, Griffin Gluck. Auf Netflix.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Dass ein Genre sich etabliert hat, merkt man spätestens, wenn es parodiert wird. «Scream» revolutionierte 1996 den Horrorfilm und begründete ein eigenes Genre, die des Meta-Horrorfilms, worin die Figuren die Regeln des Genres kennen und doch dem Mörder nicht entkommen. Ab 2000 wurde es von der «Scary Movie»-Reihe parodiert. Der Podcast «Serial» hat 2014 über mehrere Folgen hinweg einen Mordfall aufgerollt und ist der Frage nachgegangen, ob der verurteilte Mörder wirklich schuldig ist. Viele weitere Serien folgten, unter anderem «Making a Murderer». Nun parodiert «American Vandal» diese rückwärtsgewandte Mördersuche.

An der Hanover High School, die verdächtig nach «Hangover» klingt, werden auf Autos von Lehrern Penisse gesprayt. Sofort steht der Schuldige fest: Jimmy Tatro, Bad Boy der Schule. Aber zwei Jungen des Videoklubs glauben das nicht und machen sich daran, den Fall nochmals aufzurollen. Dabei entdecken sie viele kleine, schmutzige Geheimnisse ihrer Mitschüler.

Die Serie ist genial. Die Regisseure Dan Perrault und Tony Yacenda haben bereits Erfahrungen mit Satire aus Videos für «Funny or Die» und «College Humor». Aber auch die bestgeschriebene Parodie funktioniert nur, wenn die Schauspieler den richtigen Ton treffen und ihre Rollen ernsthaft spielen. Obwohl die meisten noch sehr jung sind, gelingt ihnen das in «American Vandal» phänomenal. Ob man das Genre kennt oder nicht, spielt keine Rolle. Die Parodie ist treffend und bietet für Insider viele Seitenhiebe auf Vorbilder. Aber die Serie funktioniert auch einfach wie ein Krimi, der sich um die Frage dreht, wer der Täter ist. 

Patti Cake$

Pattie Cake$

Von Murièle Weber (FRAME)

Pattis Leben ist eines von der üblen Sorte: Das Grossmaul (Danielle Macdonald) wohnt im schäbigen New Jersey, der Vater ist weg, die Mutter (Bridget Everett) trinkt viel und zeigt gerne ihre Brüste; ihre Abende enden meist mit dem Kopf über der Kloschüssel – in der Bar, in der Patti arbeitet. Kommt hinzu: Patti ist so richtig fett. «Du bist die weisse Precious», sagt ein junger Mann, den sie mag, zu ihr, bevor er ihr eine Kopfnuss verpasst. Aber Patti hat Träume so gross wie Wolkenkratzer. Und sie kann rappen. Deshalb träumt sie vom Übervater des Genres, der sie zur neuen Rap-Queen küren soll. Dafür übt sie regelmässig mit ihrem besten Freund Jheri und hofft auf den Durchbruch. «Patti Cake$» liegt inhaltlich auf halber Strecke zwischen «Scott Pilgram vs. the World» (2010) mit seinen jugendlichen Heldenphantasien und «8 Mile» (2002) mit seiner Vom-Tellerwäscher-zum-Rapmillionär-Geschichte. Man kennt solche Storys, aber das macht nichts. Denn «Patti Cake$» ist so charmant, dass Film und Figuren jedes Herz erwärmen. Die grandiosen Raptexte stammen von Regisseur Geremy Jasper selbst, Danielle Macdonald rotzt sie runter wie ein Profi und trifft auch schauspielerisch immer die richtige Note. Während Patti noch für Ruhm und Ehre schuften muss, hat Macdonald es geschafft.

Frauenfeindliche Welt

Serie «Top of the Lake». Australien, seit 2013. Von Jane Campion. Mit Elisabeth Moss, Nicole Kidman, Gwendoline Christie, David Dencik. 

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Vier Jahre mussten die begeisterten Fans von «Top of the Lake» auf die zweite Staffel ihrer Serie warten. Die vielgepriesene Neo-Noir-Ästhetik ist die gleiche geblieben, nur die Geografie hat sich geändert: Die düsteren Wälder Neuseelands wurden durch schäbige Häuserzeilen in Sydney ersetzt.

Nachdem die Polizistin Robin (Elisabeth Moss) in der ersten Staffel das Verschwinden eines 12-jährigen schwangeren Mädchens aufgeklärt hat, ist sie nun in Sydney gelandet – und gleich mit einer weiblichen Leiche konfrontiert. Diese wurde in einem Reisekoffer im Meer entsorgt. Bald stellt sich heraus: Die tote Asiatin arbeitete in einem Bordell. Dort trifft die psychisch angeschlagene Polizistin auf den undurchsichtigen ehemaligen Uni-Dozenten Puss (David Dencik). Der 42-jährige Chauvinist will die 17-jährige Tochter einer Feministin (Nicole Kidman) heiraten, das treibt deren liberale Eltern verständlicherweise in den Wahnsinn.

Wie schon in der ersten Staffel geht es auch in der zweiten um die Objektivierung der Frau in der westlichen Gesellschaft. In der ersten Folge sitzen Männer in einem Café und benoten die Prostituierten, mit denen sie Sex hatten. Die eine bläst ganz gut, aber es hat kaum Parkplätze vor ihrem Haus, also gibt es keine gute Note. Als einer dieser Männer versucht, mit der Kellnerin des Cafés einen freundschaftlichen Umgang zu pflegen, wird diese Annäherung von der Gruppe sabotiert. Damit zeigt Regisseurin Jane Campion, dass auch Männer Opfer dieser grausamen Objektivierung sind. Denn auch ihnen wird verwehrt, was sie sich insgeheim wünschen: echte Verbundenheit mit einem anderen Menschen. 

Hure oder Heilige?

In dieser Verfilmung eines englischen Schauerromans «My Cousin Rachel» verdreht eine Frau den Männern den Kopf – und lehrt sie zugleich das Fürchten.

Von Murièle Weber (Züritipp)

Hat sie es getan? Hat sie ihn umgebracht? Der Verdacht wird früh geäussert und hängt wie ein Schatten über allen weiteren Szenen. Dabei ist Rachel (Rachel Weisz) eine grossartige Frau: hübsch, mit einer einnehmenden Persönlichkeit. Intelligent und unkompliziert. Ein Mensch, den man gerne um sich hat. Vielleicht etwas zu stark freiheitsliebend für das 19. Jahrhundert. Aber macht nicht gerade das Rachels Reiz aus? Oder macht sie gerade das zur Mörderin?

Nach dem Tod seiner Eltern wächst Philip (Sam Claflin) bei seinem eigenbrötlerischen Cousin Ambrose in einem reinen Männerhaushalt auf. Als dieser krank wird, raten ihm die Ärzte, ins südliche Klima zu ziehen. In der Ferne heiratet Ambrose überraschend seine verwitwete Cousine Rachel. In seinen Briefen an Philip beschreibt er sie zunächst als «die Quelle all meines Glücks», aber kurze Zeit später verdächtigt er sie als Verursacherin seines schlechten Gesundheitszustandes. Als Ambrose stirbt, ist für Philip die Sache klar. Aber dann zieht Rachel zu Philip nach England. Konfrontiert mit ihrer einnehmenden Persönlichkeit, ist Philip nun überzeugt, dass Ambrose sich geirrt hat. Solch ein göttliches Wesen kann keine Mörderin sein. Doch dann wird Philip selbst krank.

Nie nimmt die Geschichte, nach dem gleichnamigen Roman von Daphne du Maurier («Rebecca»), die Perspektive der Frau ein. Man sieht Rachel stets durch die Augen der Männer, fast so, als würde sie nur in deren Vorstellung existieren. Ist sie eine Heilige, die ihren kranken Mann bis zum Tode aufopferungsvoll gepflegt hat, oder eine Hure, die ihn vergiftet hat, um mit ihrem Liebhaber an sein Geld zu kommen

In der englischen Schauerliteratur sind die Frauen so unergründlich wie die Natur und auch genauso schlecht zu bändigen. In wunderschönen Bildern fängt Regisseur Roger Michell («Notting Hill») Frau und Landschaften ein. Rachel Weisz gibt dafür eine ihrer besten Darbietungen, nimmt das Publikum für sich ein und lässt es gleichzeitig zweifeln. Aber wichtig ist die Antwort auf die schwelende Frage ohnehin nicht. Denn Reiz und Erotik der Rachel liegen genau in der Ungewissheit.