Sie feiern die Nacht

Bild: flickr / Vladimir

Die New Yorker Hipster-Band Hercules & Love Affair legen mit «Omnion» ein wunderbares Album vor, das Lust zum Tanzen macht.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Andrew Butler macht Musik für die Nacht: tanzbar, wehmütig und mit einem tragenden Beat. Die Stücke des kreativen Kopfes der US-Band Hercules & Love Affair beschwören die farbigen Nächte der Discozeit des New Yorker Nachtklubs Studio 54 herauf, als die Party endlos erschien und alle irgendwie gleich waren. Aber so ganz scheint er sich selber nicht zu glauben, denn immer schwingt auch eine Melancholie mit, die nur allzu menschlich ist: Wie wenn im Rausche der Feier plötzlich die Lichter angingen und jeder unter dem zerlaufenen Make-up des anderen die eigene Unsicherheit widerspiegelt sähe. So klingt das Titelstück «Omnion», in dem die Amerikanerin Sharon Van Etten mit bald fragiler, bald kräftiger Stimme an eine übersinnliche helfende Macht appelliert.

Für den Tonkünstler Andrew Butler ist die Nacht ein Versprechen, wie es wohl jeder Nachtschwärmer gerne glauben möchte. Aber für den schwulen Jungen aus einer problemreichen Familie war sie vor allem auch Zufluchtsort und Gegenwelt. Bereits mit fünfzehn Jahren legte er als DJ in einer Lederbar in seiner Heimatstadt Denver auf. Als das Lokal von der Polizei kontrolliert wurde, versteckte er sich in der Toilette. Diese Kindheit hat er im Track «Blind» verarbeitet, den Anohni von Antony and the Johnson einsang und der 2008 von verschiedenen Musikzeitschriften zum besten Song des Jahres gekürt wurde.

Butler hat immer Persönliches in seine Musik einfliessen lassen und die vielen Musiker, die auf seinen Alben mitwirken, zu gleichem ermutigt. 2011 verarbeitete John Grant in «I Try To Talk To You» auf dem Vorläuferalbum «The Feast of the Broken Heart» seine HIV-Ansteckung. In «Fools Wear Crowns» besingt Butler seine eigene Drogen- und Alkoholsucht und muss sich selber eingestehen, dass er ein Idiot war, als er deswegen über Monate immer wieder in die Notaufnahme eingeliefert wurde. Es ist der einzige Song, den Butler auf dem neuen Album «Omnion» selber singt. Und dieses Stück berührt am meisten, nicht der Thematik wegen, sondern weil die Musik seine heiser gesungene Beichte nur sanft pulsierend unterstützt, aber nie überdröhnt. 

Anders als auf dem Vorläufer experimentiert Butler auf seinem vierten Album stärker. Er bleibt seinem Mix aus Untergrund-Disco der siebziger und frühem Chicagoer House der achtziger Jahre treu. Aber in «Controller» webt er auch Synthesizerklänge aus New-Wave-Zeiten hinein. Faris Badwan, der Sänger der Garage-Rock-Band The Horrors, singt die Zeilen zu gleichen Teilen verführerisch und dominant. So als wolle er Beherrscher und Unterworfener gleichzeitig sein. 

In «Rejoice» setzt Butler auf die harten Beats der Industrial Music. Dazu passt die kräftige Stimme von Rouge Mary, dem zweiten Mitglied der Band, die über die stürmischen Klänge kratzt. In «Are You Still Certain» hat Butler mit der libanesischen Gruppe Mashrou’ Leila zusammengearbeitet, die der Musik arabische Worte und einen orientalischen Singsang verleiht, die an durchtanzte Nächte in Beirut erinnern. 

Grossartige Kunst ist selten einseitig. Und so lässt sich auch «Omnion» auf zwei Arten geniessen. Die Musik der New Yorker hält ihr Versprechen, sich tanzend mit anderen schwitzenden Körpern in der bunten Finsternis zu verlieren, aber wenn das Licht angeht, lässt sie einen nicht allein und hat noch immer etwas von Bedeutung zu erzählen.

Soul in den Rädern

Edgar Wright hat seinen Lieblingssongs dem Actionfilm «Baby Driver» auf den Leib geschrieben.

Von Murièle Weber (Züritipp)

Zum brechend harten Sound der Punkband The Damned springen die drei Bankräuber aus dem Auto und auf einen Geldtransporter. Genau zum Einsatz des Gesangs schlagen die Gangster den Wächter nieder, bevor sie mit Geld beladen zum Auto zurückstürmen und die Flucht antreten. Regisseur und Drehbuchautor Edgar Wright («Shaun of the Dead») hat jede Szene bis ins letzte Detail durchchoreografiert, sodass alle Handlungen genau zur Musik passen. Während zwanzig Jahren hat er sich zu seinen Lieblingssongs Überfallsund Verfolgungsszenen ausgedacht, die im Rhythmus der Songs inszeniert und geschnitten werden. Das Skript hat er der Musik quasi auf den Leib geschrieben. So ist «Baby Driver» entstanden, der zu zeigen weiss, was grosse Filmkunst erreichen kann: die himmlisch-perfekte Symbiose von Bild und Ton.

Erzählt wird die Geschichte von Baby (Ansel Elgort, «The Fault in Our Stars»), der vom kriminellen Superhirn Doc (Kevin Spacey) als Fluchtwagenfahrer für Banküberfälle angeheuert wird. Weil er aber an einem schlimmen Tinnitus leidet, hört sich Baby über Kopfhörer konstant Musik an, passend zur jeweiligen Situation. Und so tänzelt er geschmeidig zum Soulstück «Harlem Shuffle» von Bob & Earl durch die Strassen Atlantas und flüchtet vor der Polizei zum rockoper-artigen «Hocus Pocus» der Band Focus.

Aber leider hat Wright bei der Entwicklung der Handlung nicht die gleiche Sorgfalt angewendet: Eine unmotivierte Liebesgeschichte zwischen Baby und Debora (Lily James, «Downton Abbey») soll eine Entscheidung Babys gegen Filmende glaubwürdig machen, wirkt aber genauso unverständlich wie die Verwandlung des eiskalten Doc zur väterlichen Beschützerfigur.

Zum Heulen schön

Sitcoms werden von Sadcoms abgelöst. Dieses schwarze Comedy-Format ist nahe an der Realität, hat oft mehr Substanz und behandelt ernste Themen mit Empathie und Humor.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Wann hat eine Comedy-Serie Sie das letzte Mal zum Lachen gebracht? Eben. Seit einiger Zeit spricht man nicht mehr von Sitcom, einer Comedy, bei der der Witz aus der Situation entsteht, sondern von Sadcom, einer traurigen Komödie. Tod, Depressionen, Krankheiten, Misserfolge und das eigene Scheitern stehen im Mittelpunkt. Da bleibt einem als Zuschauer oft das Lachen im Halse stecken. 

Zum Beispiel, wenn die Protagonistin aus «Fleabag» einem Taxifahrer vom Tode ihrer besten Freundin erzählt. «Es ist eine ziemlich lustige Geschichte», beginnt sie die Schilderung. Die Freundin wollte ihren fremdgehenden Partner bestrafen und beabsichtigte, sich selbst zu verletzen und ihm dann zu verbieten, sie im Spital zu besuchen. Deshalb lief sie vor ein Fahrrad, wurde aber auf die Strasse geschleudert und verstarb. Zusammen mit zwei weiteren Personen. «Sie ist so ein Arsch!», beendet Fleabag ihre Geschichte lachend. Der Taxifahrer schweigt. Es ist kein Witz in Sicht, der einen aus diesem Elend reissen würde. Nur dieses betretene Schweigen. 

Während sich Dramaserien (die der Tragödie entstammen) den grossen Themen und Zusammenhängen widmen, behandelt die Sitcom (abstammend von der Komödie) zwar auch solchen Stoff, konzentriert sich dabei aber auf den Alltag der Protagonisten. «The Wire» zeigt während mehrerer Staffeln die Zusammenhänge zwischen Armut und Drogenhandel auf, während «The Cosby Show» in einer Folge den Umgang mit Drogen im Alltag behandelt, als Theos Mutter bei ihm einen Joint findet. Nach knapp 30 Minuten ist das Thema abgehakt, und die Serie widmet sich der nächsten Thematik. 

Evolution der Sitcom

Seither hat sich das Format stark verändert. Serien wie «Cheers», «The Cosby Show», «Friends» oder derzeit noch «The Big Bang Theory» wurden vor Publikum aufgezeichnet, ähnlich einem Theaterstück. Das brachte Einschränkungen mit sich. Es konnten nur wenige Kulissen verwendet werden, weshalb diese Geschichten sich meist auf zwei bis drei Orte konzentrierten. Die Schauspieler mussten innehalten, während das Publikum lachte, was den Szenen einen gestellten Ausdruck verlieh. Und der Humor sollte möglichst viele Menschen ansprechen, weshalb die Witze selten gewagt waren. Dafür konnte jede Szene mit mehreren Kameras gleichzeitig gefilmt werden, was sie billig in der Herstellung macht, weil eine Szene schneller im Kasten ist. Dazu muss der Raum gut ausgeleuchtet sein, was die Szenen wiederum künstlich wirken lässt. Denn wann fehlt im richtigen Leben schon mal der Schatten? Das bezieht sich auch auf die Art der Handhabung der Themen. Der Inhalt durfte ernst sein, aber der Umgang damit nicht. 

Ohne Publikum geht es besser

Mit «The Office» entstand das neue Format einer ernsteren Sitcom. Ein fiktives Fernsehteam verfolgt darin den Alltag in einem Büro mit einem zutiefst verabscheuungswürdigen Chef und inkompetenten Mitarbeitern. Ernstere Serien wie «Arrested Development», «New Girl» oder «Modern Family» werden wie Kinofilme gedreht. Sie haben komplexere Drehbücher und einen subtileren Humor, weil ohne Publikum mehrere Einstellungen möglich sind und so auf Feinheiten in der Darstellung besser eingegangen werden kann, was Zwischentöne erlaubt. Doch wenn Szenen mehrmals aus verschiedenen Positionen gefilmt werden, wird die Herstellung teurer. 

Digitale Kameras trugen deshalb auch zur Weiterentwicklung bei, weil das Filmen mit ihnen billiger wurde. Ebenfalls wichtig waren die vielen neuen Fernseh- und Internetsender, die ihr Profil schärfen wollen und deshalb bereit sind, für gute Produkte Geld auszugeben. Gleichzeitig verkleinert das breite Angebot die Grösse des Publikums pro Serie. Als sich in den USA der Markt Ende der 1980er noch auf einige wenige Fernsehsender konzentrierte, musste eine Serie über fünf Millionen Zuschauer erreichen, sonst galt sie als Misserfolg. Heutzutage braucht eine Serie nicht mehr zwingend siebenstellige Zuschauerzahlen. Das erlaubt Nischenprodukte und bereichert die Vielfalt. 

Der zweite Evolutionsschritt geht auf den Komiker Louis C. K. und seine autobiografische Serie «Louie» zurück. Der Komiker entwickelte damit eine Fernsehversion von Woody Allens Stadtneurotiker. Ein verunsicherter und ernüchterter Mittvierziger, der sein Geld als Stand-up-Komiker verdient und sich das Sorgerecht für die beiden Töchter mit der Ex-Frau teilt. Die Serie erzählt keine grossen Geschichten, sondern reiht kleine, nicht zusammenhängende Szenen aus Louies Leben und seiner Auseinandersetzung mit sich und dem oft frustrierenden Alltag aneinander. Wenn es sich anbietet, dann ist eine Szene lustig, aber sie muss es nicht sein. 

Die daraus resultierende Sadcom teilt viele Merkmale mit ihrer Vorläuferin, der Sitcom: das halbstündige Format, die exzentrischen Figuren, den Humor, der an die Grenzen geht, die Konzentration auf den Alltag der Figuren und ein Auge für die Details. Aber sie muss nicht mehr zwingend lustig sein. Ein weiterer Unterschied liegt in ihrer unterschiedlichen Struktur. 

Schon Aristoteles schrieb, dass in einer Komödie trotz allen Turbulenzen der Status-quo gefestigt wird, während es in einer Tragödie zu sozialen Umwälzungen kommt. Auch die klassischen Sitcoms beginnen nach jeder Folge wieder beim Urzustand. Das Extrembeispiel sind die Familienmitglieder der «Simpsons», die seit über zwanzig Jahren keinen Tag gealtert sind und noch immer die gleiche Familiendynamik haben. In «The Wire» dagegen wird am Ende der ersten Staffel die Sondereinheit trotz Erfolgen aufgelöst und der Kampf gegen die Drogen ultimativ geschwächt. In der Sadcom «Transparent» führt das Geständnis von Vater Mort, eine Trans-Frau zu sein, nicht zu einigen billigen Lachern auf ihre Kosten, sondern zu tiefen Umwälzungen innerhalb der Familie. 

Momente der Intimität

Auch in der Handhabung ernster Themen und dem Bezug zur Realität unterscheiden sich Sitcom und Sadcom. In der semiautobiografischen Serie «One Mississippi» von Komikerin Tig Notaro (Produzent ist Louis C. K.) sieht man die Frau in der ersten Folge von Toilette zu Toilette eilen. Sie hat eine Darmkrankheit. Aber anstatt diese Ausgangslage für Fäkalhumor zu nutzen, zeigen die Macher das Elend der Situation. Witzig wird es erst, als ihr ein Spezialist zu einer Fäkaltransplantation rät. Wer würde sich nicht auch im richtigen Leben darüber amüsieren? 

Ganz anders mit dem Thema geht die Sitcom «How I Met Your Mother» um. Marshall hat Mühe, sich auf öffentlichen Toiletten zu erleichtern, bis er eine verlassene Toilette in seinem Bürokomplex findet, nur um dann beim Thronen von einem Vorschlaghammer, der durch die Seitenwand bricht, überrascht zu werden. Wie das im richtigen Leben eben so passiert. 

Besonders deprimierend geht es dem erfolglosen Clown Chip (Zach Galifianakis) in «Baskets» (Produzent ist erneut Louis C. K.). Er hat nur eine Stelle als Rodeo-Clown bekommen und wird nun des Öftern von einem Stier auf die Hörner genommen. Zwischen seinen Auftritten zwingt er einen herzensguten Versicherungsangestellten ihn durch die Stadt zu kutschieren, und streitet sich mit seiner Mutter (grossartig: Komiker Louie Anderson). 

Aber auch wenn alles trostlos wirkt, gibt es Momente aufrichtiger Intimität. Als Chips Mutter von ihrer Mutter wegen ihres Gewichts gehänselt wird und sie es daraufhin nicht mehr wagt, ein Stück Torte zu essen, reicht ihr Chip dafür seinen Vorrat an Bonbons. Das ändert nichts an der verkorksten Beziehung der drei untereinander oder an ihrer jeweiligen Einsamkeit. Aber für einen kurzen Augenblick berühren sich ihre beiden Leben. Und das bewegt. Ganz wie im richtigen Leben.

immer die gleiche Familiendynamik. 

Ausgewählte Highlights 

Die besten Sadcoms 

You’re the Worst

One Mississippi

Baskets

Atlanta

Flowers

Fleabag

Better Things

Togetherness

Master of None

Love

BoJack Horseman

Crashing

United States of Tara

Weeds

Schauen bringt mehr als verbieten

Die kontroverse Netflix-Serie «13 Reasons Why» behandelt die Themen Suizid und sexuelle Gewalt von Teenies. Erwachsene, die dagegen Sturm laufen, sind scheinheilig.

Von Murièle Weber

Wenn ein junger Mensch Suizid begeht, muss jemand schuld sein. Darum geht es in der neuen Netflix-Serie «13 Reasons Why», über die zurzeit kontrovers diskutiert wird. Die 13 Gründe im Titel stehen für 13 Menschen, die dazu beigetragen haben sollen, dass sich die (fiktive) Hannah Baker (Katherine Langford) mit 17 Jahren das Leben nahm. Das Jugendbuch, auf dem die Serie basiert, wird seit Jahren in den amerikanischen Highschools gelesen. Es behandelt die Auswirkungen von Internet-Mobbing, des Reduzierens von Mädchen auf Sexobjekte, von Stalking, Ausgrenzung, Vergewaltigung und dem sozialen Stigma, das damit einhergeht. 

Die Serie wurde Ende März veröffentlicht und ist unter Jugendlichen ein Hit. Nun melden sich mit einigen Wochen Verspätung auch die Erwachsenen zu Wort. Psychologen warnen, die Serie werde zu Nachahmungen inspirieren. Und Schulen in Amerika und Australien raten Eltern in Briefen, ihren Nachwuchs von der Serie fernzuhalten. Tatsächlich beweisen wissenschaftliche Untersuchungen, dass in den Medien geschilderte Suizide zu Nachahmungen führen können. Allerdings findet, wer sucht, im Internet ohnehin alles. Selbstmorde geschehen nicht wie ein Blitzschlag vom Himmel, sondern haben eine Vorgeschichte. Eine solche wird in der Serie aufgerollt, und das ist gut so. Aber die Produzenten machen es sich zu einfach, wenn sie denken, ihre Serie könne Jugendliche vom Freitod abhalten. Allerdings haben auch Kritiker unrecht, welche die Serie verbieten wollen, anstatt auf die angesprochenen Probleme einzugehen. 

Dabei ist Kritik durchaus angebracht. Aber nicht wegen der Inszenierung, sondern wegen der Botschaft. Die Serie suggeriert, dass man einfach etwas netter sein muss und ab und zu miteinander reden sollte, um Suizide zu verhindern. Psychische Probleme sind aber ein Fall für Fachpersonen. Die derzeitige Kontroverse ist vor allem scheinheilig. Mit Internet-Mobbing und sexueller Objektivierung von Frauen imitieren die Jugendlichen Erwachsene. Davor kann kein Teenager beschützt werden, erst recht nicht, indem man ihm das Schauen der Serie verbietet. Das ist wie sexuelle Abstinenz zu predigen, anstatt in eine Packung Kondome zu investieren und dem Nachwuchs den Gebrauch der Gummis zu erklären. Die Frage ist daher nicht, ob sich Teenager diese Serie ansehen sollten, sondern warum sich Eltern und Lehrer sie nicht ansehen. Warum gibt es noch kein Schulfach für den Umgang mit neuen Medien? Warum haben die meisten Schulen keine Psychologen angestellt? In den Elternbriefen sollte nicht stehen: «Halten Sie Ihr Kind von dieser Serie fern.» Sondern: «Das unternehmen wir und das können Sie tun, um Ihr Kind vor ähnlichen Situationen zu schützen.»

Rückkehr der Dilettanten

Im Film «Guardians of the Galaxy Vol. 2» machen diese tollpatschigen Helden, beim Versuch, das Universum zu retten, vor allem eines: alles kaputt.

Von Murièle Weber (Züritipp)

Nicht weniger als das Schicksal der Menschheit liegt auf ihren Schultern. Schlechter hätte es die Menschheit kaum treffen können – legt die Söldnertruppe um Peter Quill alias Star-Lord (Chris Pratt) in ihrer Inkompetenz doch gerne alles in Schutt und Asche, was ihnen vor den Bug des lottrigen Raumschiffs kommt. Wenn sie am Schluss den Tag doch retten, ist eher Zufall; die Schicksalsgöttin scheint es irgendwie gut mit ihnen zu meinen. Wahrscheinlich hat das wankelmütige Weib das Gefühl, den Sonderlingen etwas zu schulden nach dem Horror, den die einzelnen Mitglieder durchgemacht haben: Folter, Tierversuche, Tod und Entführung.

Aber jetzt nimmt es die Gruppe mit allen auf. Zuerst sollen sie einer genetisch veränderten ausserirdischen Rasse gegen einen gefrässigen Riesenwurm helfen – woraufhin aber der diebische Waschbär Rocket (Stimme: Bradley Cooper) den endlosen Zorn der Überwesen auf die Truppe zieht. Dann werden sie in eine Meuterei jener Bande verwickelt, die Quill damals von der Erde entführt hat. Nebula (Karen Gillan), die Schwester der Amazone Gamora (Zoe Saldana), spielt sich auch in den Mittelpunkt. Und schliesslich taucht noch der liebe Papa (Kurt Russell) von Quill auf. Wie das so ist: Die Familientreffen bringen allerlei emotionalen Zündstoff mit sich. Wieso hast du meine Mutter verlassen, warum willst du mich immer umbringen? Das Übliche eben. Die fünf Gefühlsphobiker müssen sich deshalb mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen und sich gleichzeitig fragen, wer sie in Zukunft sein wollen. Zum Glück bringt der Soundtrack genug Gelegenheit, sich tänzelnd aus der Situation zu schleichen.

Oder da muss Rocket mitten im Laserbombardement dem neu gewachsenen und deswegen noch kleinen, sprechenden Baum Groot (Stimme: Vin Diesel) erklären, welchen Knopf er auf keinen Fall drücken darf, damit sie nicht alle in die Luft fliegen. Als er schliesslich Quill nach einem Klebstreifen fragt, um den tödlichen Knopf abzukleben, brüllen die beiden sich minutenlang an. «Ihr seid keine Freunde, ihr schreit euch immer an», stellt Nebula fest. «Richtig, wir sind eine Familie», lautet die Antwort.

«Seid bescheiden!»

Kendrick Lamar während einem Konzert 2013. Bild: flickr

Das sehnlich erwartete neue Album des Rappers Kendrick Lamar ist da. Es überzeugt mit hitzigem Hip-Hop und dringlichen Texten. 

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Noch ist das Konzeptalbum nicht tot. Auch wenn der Rapper Drake, der ganz auf das Geschäftsmodell Streaming setzt, gerade emsig am Sarg für Tonträger als Gesamtkunstwerke bastelt. Aber Kendrick Lamar als bester zeitgenössischer Rapper hält erfolgreich und ohne grosse Mühen die Stellung. Das mag daran liegen, dass sich Lamar selber als Schriftsteller sieht. Seine Alben hören sich deshalb an wie vertonte Gedichte. 

Auf seinem neuesten, «Damn», finden sich thematische Pendants. Der alles verzehrenden «Lust» wird die beständige «Love» entgegengesetzt, und auf «Fear» folgt «God». Vor allem aber spinnt Lamar seine Erzählung weiter. Während er sich auf seinem zweiten Album, «Good Kid, M.a.a.d. City», fragte, wie er es aus Compton, dem Ghetto von Los Angeles, heraus schaffen solle, stürzte ihn der folgende Reichtum auf «To Pimp a Butterfly» in eine Identitätskrise. Gleichzeitig war es auch eine Brandrede auf die Lebensbedingungen der Afroamerikaner. Auf «Damn» hat er seine Rolle als Sprecher seiner Community angenommen. «‹To Pimp a Butterfly› sprach das Problem an, das will ich nun nicht mehr machen», sagte Lamar der «New York Times». «Lernen, etwas zu akzeptieren, und nicht wegrennen. So will ich, dass sich das Album anfühlt.»

Während der 29-Jährige seinen Blick zuvor auf die Staatsgewalt und die Versuchungen von aussen gerichtet hatte, so konzentriert er sich nun auf sich selber und sein nahes Umfeld. In «DNA» erzählt er zu einem packenden Beat von seiner Herkunft als Afroamerikaner. Im Video zur Single versucht Don Cheadle als Polizist dem verhafteten Lamar durch seine DNA etwas nachzuweisen, bevor er selber dessen Sicht einnimmt und rappt: «I got loyalty, got royalty inside my DNA» («ich habe Loyalität und königliche Herkunft in meiner DNA»), aber auch sardonisch: «Sex, money, murder – our DNA.» Für diese Haltung, das Problem nicht nur in einem korrupten politischen System zu suchen, sondern mit einem ehrlichen Blick auf sich selber zu beginnen und auch Ängste und Zweifel zuzulassen, wurde er in der Vergangenheit des Öfteren kritisiert.

Nach dem Blick auf seine Community nimmt er es in «Humble» mit der Rap-Gemeinschaft auf. Im Videoclip zeigt Lamar, wie das Model ohne Make-up aussehen würde, und rappt dazu: «I’m so fuckin’ sick and tired of the Photoshop / Show me somethin’ natural like ass with some stretch marks» («Ich habe genug von Photoshop, zeig mir etwas Natürliches wie einen Hintern mit Dehnungsstreifen»). Dann schmettert er mehrfach «be humble» («seid bescheiden») hinaus.

Es ist ein einfaches Album, das ohne viel Brimborium auskommt, auch wenn Lamar auf raffinierte Weise Stimmen montiert. Es gibt keinen Begleitfilm, und die Musik funktioniert dieses Mal ohne den grossartigen Jazz des letzten, sondern setzt ganz auf Hip-Hop-Beats, auf den Soul der 1970er Jahre und auf Elektro-Elemente. Einfach Kendrick, sein Blick auf die Welt und seine berauschende Fähigkeit, Worte einzusetzen. Genau deshalb kann das Album allen Ansprüchen standhalten. Damit beweist Lamar, dass er der Beste seiner Zunft ist. Da ist etwas Häme in Richtung Drake durchaus angebracht. «My left stroke just went viral», liess er ihn wissen («Mein linker Hieb hat sich online gerade wie ein Virus verbreitet»). Und: «Get the fuck off my stage.» Recht hat der Mann. 

Die Rolle des Zeugen

James Baldwin am Albert Memorial. Bild: Wiki Commons

Der haitianische Regisseur Raoul Peck erzählt im Film «I Am Not Your Negro» vom afroamerikanischen Autor James Baldwin. Dieser analysierte die Rolle der Schwarzen im Amerika.

Von Murièle Weber (Züritipp)

Ein afroamerikanisches Mädchen wird angespuckt auf dem Weg in eine weisse Schule. Dieses Foto hing 1957 an allen Zeitungsständen in Paris und veranlasste Autor James Baldwin (1921–1987) zur Rückkehr in die USA. «Jeder leistete seinen Beitrag, und das wollte ich auch tun», schrieb er. In den Südstaaten begleitete er deshalb Bürgerrechtsaktivisten und entdeckt dabei seine Rolle: «Als Zeuge musste ich mich so frei wie möglich bewegen, um die Geschichte zu schreiben und an die Öffentlichkeit zu bringen.» Deshalb schloss sich der Afroamerikaner nie einer politischen Bewegung an, sondern war in Kontakt mit vielen Aktivisten: Martin Luther King, Malcolm X oder Medgar Evers.

Über diese drei wollte Baldwin ein Buch schreiben, das aufgrund seines Todes leider ein Fragment blieb. Dieses nahm der haitianische Regisseur Raoul Peck als Ausgangspunkt seines Dokumentarfilms. «Ich wusste, ich wollte niemand anderen zu Wort kommen lassen als Baldwin. Niemand, der ihn interpretiert. Ich wollte in seinem Kopf sein», erzählt Peck. Deshalb bat er Samuel L. Jackson darum, Baldwins Texte vorzulesen, wo der Autor mithilfe von Archivmaterial nicht gleich selbst spricht. Dabei konzentriert sich Peck auf Baldwins Texte über die Rolle der Schwarzen und ignoriert leider dessen Schaffen über Homosexualität. «Die Geschichte der Schwarzen in Amerika ist die Geschichte von Amerika, und es ist keine schöne Geschichte», schrieb Baldwin. Peck unterlegt das mit Grossaufnahmen von gelynchten Menschen. Zur Visualisierung von Baldwins Worten benutzt er aber auch Stereotype aus Comics, Werbungen und Filmausschnitte: die dicke schwarze Mammy, die über einen Kühlschrank staunt, oder den distinguierten, älteren schwarzen Diener, der seinem Herrn einen Drink reicht. Und Peck zeigt Sidney Poitier, der sich am Schluss von «The Defiant Ones» (1958) für seinen weissen Mitgefangenen aufopfert. «Dem weissen Publikum sollte damit vermittelt werden, dass die Schwarzen ihnen trotz aller Verbrechen nicht böse waren», analysiert Filmfan Baldwin.

Er ist eine wichtige, manchmal schon fast vergessene amerikanische Stimme, einer, der genau beobachtete und scharfsinnig berichtete. Raoul Pecks Entscheidung, sich vollständig auf Baldwins Worte zu verlassen, war richtig.

Wer steckt denn hier noch im Ghetto?

Mit «Brokeback Mountain» und «Carol» sind die Lesben und Schwulen längst im Mainstreamkino angekommen. Warum braucht es da immer noch ein Festival zum Queer Cinema?

Von Murièle Weber (Züritipp)

Selbst Jackie Kennedy sass damals im Publikum. Als das Theaterstück «The Boys in the Band» 1968 in New York anlief, standen die Leute mehrere Hundert Meter im Nieselregen für Tickets an. Alle wollten den scharfzüngigen Schwulen Harold sehen, der mit seinen Freunden Geburtstag feiert. Und für einmal starb auch niemand, bevor der Vorhang fiel: Jahrzehntelang waren Homosexuelle auf Mörder oder Opfer reduziert worden, aber nun feierten sie.

Als die Verfilmung 1970 in die Kinos kam, hatte die Welt sich verändert. Die Stonewall-Ausschreitungen führten zu neuem Selbstbewusstsein und politischem Aktivismus. «The Boys in the Band» wurde von Schwulenaktivisten boykottiert. Denn schliesslich zeigte der Film Schwule, die nach jahrelanger, gesellschaftlicher Ablehnung an Selbsthass leiden. Repräsentation reichte nicht mehr, man wollte stolze Homosexuelle mit positiven Geschichten sehen. Während Hollywood in den Achtzigerjahren nur zögerlich Fortschritte machte, zeigten unabhängige Filmemacher wie Rob Epstein und Jeffrey Friedman, die dieses Jahr am Pink Apple ausgezeichnet werden, selbstbewusstes homosexuelles Leben. Und als Aids sich zur Epidemie ausweitete und Hollywood das Thema bis zu «Philadelphia» (1993) ignorierte, erzählte das Fernsehen mit «An Early Frost» (1985) von Ron Cowen und Daniel Lipman von einem Anwalt, der zum Sterben zu seinen Eltern zieht. Cowen und Lipman waren später mit der Serie «Queer as Folk» erfolgreich.

Trotzdem dauerte es bis zu Beginn der Neunzigerjahre, bis von einem eigenständigen Genre – dem Queer Cinema – gesprochen wurde. Hier kreuzten sich die Ästhetik von Andy Warhol und John Waters mit der selbstsicheren Attitüde von Filmemachern wie Gus Van Sant («My Own Private Idaho») oder Derek Jarman («Edward II»), die den Politaktivisten den Mittelfinger zeigten, indem sie schwul-lesbisches Leben in all seiner Verkorkstheit am Rande der Gesellschaft zeigten. Das Schimpfwort queer (in etwa «seltsam») wurde jetzt stolz getragen.

Seither ist viel passiert. Schwule, Lesben und Transgender sind im Mainstream angekommen mit «Brokeback Mountain», «Carol» oder «The Danish Girl». Braucht es da das Queer Cinema überhaupt noch? Ja, auf jeden Fall. In «The Danish Girl» zum Beispiel geht es weniger um das Leben einer Transfrau, als um die Sicht der Heteros auf sie. In der Leitkultur vertreten zu sein, ist nicht das Gleiche, wie eigene Ausdrücke für das eigene Leben zu finden. Junge, homosexuelle Filmemacher wie Andrew Haigh («The Weekend»), Xavier Dolan («Juste la fin du monde») oder Dee Rees («Pariah») machen nicht nur berührende Filme, sondern experimentieren auch mit einer eigenen Ästhetik. Sie zeigen ihre Identität, ihre Welt, ihre Geschichten. Das ist bereichernd für alle. Dass diese Filme im Kino laufen, ist grossartig. Sie gehören aber auch an ein schwul-lesbisches Filmfestival, das nicht im Ghetto stattfindet, sondern im öffentlichen Raum mitten in der Stadt. So sollte es auch sein.

HIGHLIGHTS

STRIKE A POSE

Geschichte von Madonnas ehemaligen Tänzern Arthouse Movie Do 27.4., 17 Uhr Fr 28.4., 21 Uhr

HANDSOME DEVIL

Zwischen Outsider und Rugby-Star entwickelt sich eine zärtliche Freundschaft Arthouse Movie Sa 29.4., 21 Uhr Mo 1.5., 14.30 Uhr

SUICIDE KALE

Neues Paar trifft sich mit langjährigem Paar und findet eine schriftliche Suiziddrohung Arthouse Movie So 30.4., 19.15 Uhr

STEVE BLAME: GAY – THE 80’S MUSIC AND ME

Vortrag des ehemaligen MTV-Moderators über den Einfluss der Musik auf die LGBT-Bewegung Kulturhaus Helferei Fr 28.4., 19 Uhr

Alben sterben aus, jetzt kommt die Playlist

Rapper Drake ist zurzeit der am meisten gehörte Musiker der Welt. Der 30-Jährige hat begriffen, wie der Streaming-Markt funktioniert.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Streaming verändert die Musik. Jetzt gerade in diesem Moment. Nicht nur die Art, wie wir sie uns anhören, sondern die Musik an sich. Und der kanadische Rapper Drake forciert den Wandel wie kein anderer. Er ist der am meisten gestreamte Künstler der Welt. Alleine bei Spotify wurde seine Musik über neun Milliarden Mal angeklickt. 

In Medienberichten über Streaming wird gerne die Kurzlebigkeit und mangelnde Qualität von heutiger Musik beklagt. Dabei ist es genau umgekehrt. Früher zählten die Anzahl Albumverkäufe für die Hitparade. Dabei wusste niemand, was mit einem Album nach dem Kauf geschah, ob es überhaupt gehört wurde. Es war durchaus möglich, dass man ein Album nur wegen zwei, drei Songs kaufte, überprüfen konnte das niemand. Trotzdem wurde gerechnet, als würde sich die Person das ganze Album anhören.

CD im freien Fall

Seit Drake ganz auf Streaming setzt, sind seine Alben länger geworden. Die letzten beiden enthalten 20 oder mehr Songs und sind über als 80 Minuten lang, die maximal bespielbare Länge einer CD. Das trifft auch auf andere Künstler zu. Logisch, je mehr Songs sie veröffentlichen, umso höher ist die Chance auf einen Hitparadenplatz. In den USA entsprechen 150 Streams einem Single-Kauf (in der Schweiz sind es 108), und 1500 Streams sind das Äquivalent eines Albums. Die Musik muss folglich länger überzeugen. Und jeder Song muss bestehen können. Erst, wenn man sich von einem Stück 30 Sekunden angehört hat, wird der Stream gezählt. Gleichzeitig kann ein Künstler bei 20 Songs auch mehr Risiken eingehen, als wenn er nur 12 auf eine CD packen muss, und dann über Monate beobachten, was bei den Fans ankommt. 

Das in sich kohärente Album wird unter diesen Umständen zum Exoten. Eine der grössten aktuellen Veränderungen betrifft die Vorstellung davon, was ein Album ist. 2016 war ein aufschlussreiches Jahr: Frank Ocean gab mit «Endless» ein visuelles Album heraus, das man sich nur als Video-Stream anhören kann und das es nie auf CD gab. Heute setzen viele Popstars auf Streaming und behandeln den Verkauf physischer CD und Downloads als Nebensache, wenn sie denn überhaupt noch daran denken. 

Frank Ocean – visual album «Endless»

Das liegt einerseits daran, dass CD-Verkäufe und Downloads dramatisch sinken, Streaming aber explosionsartig wächst, 2016 in der Schweiz allein um 50 Prozent gegenüber Vorjahr, in den USA sogar um 68 Prozent. Andererseits zählt Streaming seit einigen Jahren auch zur Berechnung der Hitparadenposition. Wenn ein Album nicht sofort auf CD gepresst wird, muss es auch nicht zwingend fertig sein. Kanye West veröffentlichte mit «The Life of Pablo» ein unfertiges Album, woran er noch Monate arbeitete und es mehrmals aktualisiert herausgab. Und Drake, der erfolgreichste Künstler im Streaming-Bereich, spricht von «More Life» als einer Playlist. Das ist nicht nur eine rhetorische Entscheidung, sondern zeigt, dass er die Zeiten verstanden hat. 

George Ergatoudis verkündete schon 2014 auf Twitter: «Mit wenigen Ausnahmen stehen die Alben vor dem Aussterben. Playlisten sind die Zukunft.» Damals arbeitete er noch als Musikverantwortlicher für Radio BBC1, in der Zwischenzeit hat er zu Spotify gewechselt und kuratiert dort Playlisten. Aber ist es klug, dass der Rapper aus Toronto «More Life» eine Playlist nennt? Ja, auch wenn es ihm hauptsächlich um Aufmerksamkeit geht. Playlisten gleichen einer Compilation-CD wie «Bravo Hits» oder «Kuschel-Rock». Sie werden entweder von einem Algorithmus erzeugt, von einem Nutzer erstellt oder von einem Kurator eines Streaming-Service gestaltet. 

Drake arbeitet häufig mit anderen Musikern zusammen. Er nutzt Songs aus Afrika oder der afrikanischen Diaspora als Grundlage für seine Musik (sogenanntes Sampling). Seinen Mitmusikern gibt der Kanadier viel Raum, besonders auf seinem neuen Werk. Wenn man nicht weiss, dass es sich dabei um ein Album von einem einzelnen Künstler handelt, wäre man versucht, es als zusammengestellte Playlist im Hip-Hop- und Dance-Hall-Bereich einzuordnen. Das liegt nur schon daran, dass man unterschiedliche Stimmen hört, unter anderem Sampha oder Young Thug. Und die Musik klingt abwechselnd nach jamaicanischem Dance Hall, Londoner Grime (eine Mischung aus Jungle und Ragga) oder südafrikanischem Elektro. 

Die Popmusik verändert sich aber auch ästhetisch. Hubert Léveillé Gauvin von der Ohio State University untersuchte in den USA die Top-10-Songs der letzten 30 Jahre. Er fand heraus, dass das Intro von durchschnittlich 20 Sekunden in den 1980ern auf 5 heute geschrumpft ist. «Das ist sinnvoll», erklärt er, «denn die Stimme ist am effektivsten, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.» Spotify gibt an, dass ein Viertel der Songs nach fünf Sekunden übersprungen wird. Es bleibt also nicht viel Zeit, um zu überzeugen.

Musiker als Marken

Und was ist mit den Einnahmen? Taylor Swift und andere Künstler haben sich über die niedrigen Tantièmen von Streaming-Diensten beschwert. Nun, jedes System bietet Möglichkeiten. Die amerikanische Funkband Vulfpeck war besonders geschickt. 2014 veröffentlichten sie mit «Sleepify» ein stilles Album, das zehnmal dreissig Sekunden Nichts enthielt. Sie forderte Fans auf, das Album während des Schlafens ununterbrochen zu streamen. Damit verdienten sie 20 000 Dollar. Danach nahm Spotify das Album aus dem Sortiment.

Stars wie Justin Bieber oder Rihanna machen, was Forscher Gauvin als generelle Tendenz bezeichnet: Anstatt nur auf Einnahmen aus dem Streaming zu setzen, nutzen sie die Plattformen, um sich als Marke zu etablieren und Fans an Konzerte zu locken. Damit verdienen sie Geld. Drake geht noch einen Schritt weiter. Er hat zwar ein Label, aber auch einen exklusiven Deal mit Apple Music. Das ist die Zukunft: Streaming-Services produzieren Musik direkt – sie folgen dem Beispiel von Amazon und Netflix, die selber erfolgreich Serien produzieren.

Kino der Schatten

Zwischen den beiden Weltkriegen entstanden in Deutschland Filme, die sich seinerzeit auch mit Hollywood messen konnten. Das Schaffen von Regisseuren wie Fritz Lang oder F. W. Murnau wirkt bis heute nach.

Von Murièle Weber (Züritipp)

«Du musst Caligari werden!», stand 1920 auf vielen Plakatsäulen in ganz Deutschland. Nein, das bewarb keine Sekte, sondern ein Meisterwerk des expressionistischen Films: «Das Cabinet des Dr. Caligari». Das zentrale Merkmal dieser Filme ist das gemalte Set, dem sich selbst die Darsteller unterordnen mussten. Mit verzerrten Perspektiven, abstrakten Naturlandschaften und Treppen, die scheinbar ins Nichts führen, widerspiegelt das expressionistische Kino den inneren Zustand der Figuren, was besonders nach dem Schrecken des Ersten Weltkriegs grossen Anklang fand. Und so taumelt der Schlafwandler Cesare durch eine Stadt der schiefen Häuser, um im Auftrag seines Herren Dr. Caligari Morde zu begehen. Diese Stimmung der konstanten Bedrohung, der Stadt als einem Labyrinth und Ort des Verbrechens, wurde später ein wichtiger Aspekt im Film noir.

Gerade mal fünfzehn Jahre dauerte das Weimarer Kino, vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zur Machtergreifung der Nazis. In der jungen Republik, die Inflation und Gewalt erlebte, aber auch von einer Aufbruchstimmung und einer vergnügungsfreudigen Jugend geprägt war, entstand ein Kino, das zu dieser Zeit als einziges mit Hollywood konkurrieren konnte – sowohl in der Anzahl der Werke als auch in seinem künstlerischen Ausdruck.

Mit Neugier und Experimentierfreude revolutionierten die deutschen Filmemacher das Medium. Für «Der letzte Mann» (1924) erfand F. W. Murnau mit Kameramann Karl Freund Möglichkeiten, die Kamera aus ihrer bis dahin starren Stellung zu befreien. In der Eröffnungsszene versetzten die beiden das Publikum in Staunen, als sie das Kameraauge scheinbar mühelos durch eine Hotellobby gleiten liessen. Dafür schoben sie den Apparat an ein Fahrrad gebunden durch den Raum.

Besonders einflussreich war auch Fritz Lang, der Genrespezialist. Neben der Fantasy («Die Nibelungen») und dem Abenteuerfilm («Die Spinnen») prägte Lang die Science-Fiction und den Krimi. «Metropolis» (1927) war sein politischstes Werk. In einer Stadt der Zukunft leben die Reichen an der Oberfläche, während die Armen unter der dunklen Erde schuften – bis es zu einem Aufstand kommt. Die grandiose Architektur mit ihrem imposanten Turm zu Babel und der Robotermensch Maria beflügelten unzählige futuristische Nachfolger wie «Blade Runner» oder «The Fifth Element». Dem Krimi drückte Lang mit den Mabuse-Filmen sowie seinem ersten Tonfilm «M – Eine Stadt sucht einen Mörder» (1931) den Stempel auf. Er nahm den Film noir vorweg, indem er eine Welt der verschwommenen Moral zwischen Polizei und Unterwelt zeigte.

Als Reaktion auf die Extravaganzen des expressionistischen Films entstand Ende der 20er-Jahre die Neue Sachlichkeit. Man wollte weg von den verzerrten Perspektiven und hin zur realistischen Darstellung. So entstand 1925 «Die freudlose Gasse», die das Elend der Unterschicht zeigt, aus dem sich für Frauen oft nur die Prostitution als Ausweg anbot. Einzig Grete (gespielt von der jungen Greta Garbo) wird von diesem Schicksal bewahrt. Mit etwas mehr Leichtigkeit erzählt «Menschen am Sonntag» (1929) vom Leben einer Gruppe junger Leute, die ihren freien Tag am See verbringen. Hier sammelte Billy Wilder Erfahrungen als Drehbuchautor.

Als die Nazis 1933 an die Macht kamen, wurde das Weimarer Kino als entartete Kunst gebrandmarkt; viele der Filmemacher mussten emigrieren. Aber dem Einfluss dieser Künstler, ihrer Werke und ihrer Ästhetik konnten die Nazis nichts mehr anhaben. Der Weimarer Film hatte bereits die Welt erobert.