So frei wie Prince

Foto: Joe Mabel

Mit ihrem vierten Album, «Dirty Computer», führt Janelle Monáe uns in ihre Traumwelt und feiert ihre afroamerikanische Herkunft.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Musiker stehen im Spannungsfeld zwischen Authentizität und Künstlichkeit. Ein Rapper muss aus dem Ghetto kommen, sonst ist er für sein junges Publikum nicht glaubhaft, und ein Countrysänger sollte zumindest wissen, wie Kuhdung riecht. Gleichzeitig werden sie für ihre Kunstfiguren verehrt. David Bowie ist noch immer am präsentesten als Ziggy Stardust, und der Name Stefani Germanotta sagt den meisten nichts ohne den Zusatz Lady Gaga. 

Diese Figuren werden von den Künstlern genutzt, um die eigene Person zu schützen, wie im Fall von Germanotta, oder die eigene Persönlichkeit zu unterstreichen, wie bei Ziggy Stardust – dem androgynen, bisexuellen Ausserirdischen. In Interviews zum gleichnamigen Album outete sich Bowie nämlich als bisexuell.

Die zierliche, 1,55 Meter grosse Afroamerikanerin Janelle Monáe hat gleich zwei Alter Egos. Für ihre drei ersten Alben kreierte sie Cindi Mayweather, einen rebellischen Androiden, der sich in einen männlichen Maschinenmensch verliebt und gegen eine böse Macht kämpft. Cindi basiert auf dem Roboter Maria aus Fritz Langs Stummfilm «Metropolis». Monáes Androide ist eine Jesus-ähnliche Figur, die ihre Leute retten und zwischen Menschen und Maschinen vermitteln will. Auf Fragen nach ihrer Sexualität antwortete Monáe kryptisch: «Ich verliebe mich nur in Androiden.»

Computer in Menschenform

Seit ihrem letzten Album, «The Electric Lady», sind fünf Jahre vergangen. In der ­Zwischenzeit hat sie ihre Schauspielkarriere lanciert: als Freundin des Drogendealers in «Moonlight» und als eine der drei Wissenschafterinnen in «Hidden Figures». Für ihr neustes Album, «Dirty Computer», hat sie ein 48-minütiges Video gedreht. Monáe nennt es ein «emotion picture», weil der Film Emotionen auslösen soll. Wie seine Vorgänger erzählt es eine Geschichte.

Monáe feiert in «Dirty Computer» und dem dazugehörigen Film ihre afroamerika­nische Identität und das Frausein, genau wie Beyoncé in «Lemonade». Aber sie bleibt ihrem Afrofuture-Stil treu. Im Afrofuturismus mischen sich Visionen über die Zukunft und die Ästhetik des Science-Fiction-Genres mit afrikanischen Traditionen und Ausdrucksformen sowie der festen Überzeugung von einer besseren Zukunft aller afrikanischstämmigen Menschen. Häufig werden auch nichtwestliche Entstehungsgeschichten der Welt eingeflochten. Besonders einflussreich war der amerikanische Musiker Sun Ra (1914–1993), der sich in seinen Jazzkompositionen mit dem afrikanischen Erbe befasste und sich als Ausserirdischer inszenierte, der auf die Welt kam, um für Frieden zu sorgen. Der Kino-Hit «Black Panther» machte dieses Jahr schliesslich das bereits 60-jährige Genre einem breiten Publikum bekannt.

Für ihr viertes Album, «Dirty Computer», hat die R’n’B-Sängerin die Figur Jane, einen Computer in Menschenform, kreiert. Die Herrscher in diesem Universum behaupten, sie sei mit Viren verseucht, und wollen sie deshalb säubern. Dazu löscht eine Maschine all ihre Erinnerung, damit sie mit sauberer Festplatte neu aufgebaut werden kann.

Sexuelles Comingout

Im Film bestehen ihre Erinnerungen aus den Musikvideos zu ihrem neuen Album, die in die Rahmenhandlung eingearbeitet werden. Wir erfahren, dass Jane eine Frau geliebt hat – deshalb der Säuberungsvorgang. In den Interviews zum neuen Album erklärte Monáe dann zum ersten Mal, pansexuell zu sein, also alle Geschlechter zu lieben. Dies machte «pansexuell» für ein paar Tage zum meistgegoogelten Wort in den USA.

Neben dem Afrofuturismus betont Monáe dieses Mal vor allem ihre Sexualität. In «Pynk» tanzt sie mit anderen Frauen in Leggins, die wie übergrosse Schamlippen aussehen. Die Schauspielerin Tessa Thompson (die Walküre in «Thor: Ragnarok»), von der gemunkelt wird, sie sei Monáes Liebhaberin, steckt ihren Kopf schliesslich zwischen Monáes Beinen hervor, die aussehen wie eine übergrosse Vagina. Und in «Make Me Feel» singt Monáe von Gefühlen, die sie nicht so leicht in Worte fassen kann. «Baby, don’t make me spell it out for you / All of the feelings that I’ve got for you / Can’t be explained, but I can try for you.» Das Musikstück, an dem auch ihr Mentor Prince mit­gearbeitet hat, klingt musikalisch dann verdächtig nach dessen Song «Kiss».

In Interviews erklärt Monáe, das Album mit einer musikalischen Mischung aus R’n’B, Elektro und Rap habe vier Teile. Die ersten fünf Songs stehen für die Abrechnung: Man merkt, als Teil einer Minderheit nicht dazuzugehören. In den nächsten fünf Liedern zelebriert sie das Anderssein als Minderheit. Dann folgen zwei Stücke, in denen sie nochmals Angst hat, ihre wahre Persönlichkeit zu zeigen. Der letzte Track, «Americans», steht für die Rückgewinnung. «Ich bin auch eine Amerikanerin, und ich werde nicht nach Kanada auswandern, sondern bleibe hier in den USA», kommentierte sie den Song.

Die Maske Cindi, die Monáe lange trug, hat sie auf «Dirty Computer» abgelegt. Sie zeigt mehr von sich, traut sich aber nicht, als sie selbst aufzutreten. Deshalb gibt es Jane. Aber Monáe ist dabei, sich zu befreien. Sie sagt: «Ich will totale Freiheit haben, aber Freiheit bekommt man nicht gratis.» Und: «Prince hatte seine eigene verdammte Kategorie. Das will ich auch.» Man würde es ihr gönnen.

Aus den Wolken

Dramaserie «The Rain». Netflix. 8 Folgen à 45 Min. Von Jenny Ann Balverde, Esben Toft Jacobsen, Christian Potalivo. Mit Alba August, Mikkel Følsgaard, Lucas Lynggaard.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

1986 kam der Tod aus der Wolke. Über Monate hinweg war ganz Westeuropa in Angst, etwas von der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl abzubekommen. Der Himmel wurde misstrauisch beäugt, denn das radioaktive Material konnte in einer Wolke kilometerweit reisen und sich im Regen über ein weites Gebiet ergiessen. Die literarische Ver­arbeitung im Jugendbuch «Die Wolke» (1987) bescherte einer ganzen Generation Heranwachsender Albträume. Und jetzt ist die Wolke zurück, zur Ängstigung der nächsten Generation. Dieses Mal ergiesst sich im Regen kein radioaktives Material, sondern ein Virus, das die Menschen nicht in Zombies verwandelt, sondern unter viel Grunzen und Stöhnen und seltsamen Verrenkungen tötet. Simone und Rasmus werden von ihrem Vater, einem Wissenschafter, in einem geheimen Bunker versteckt, wo sie sechs Jahre ausharren, bevor das Essen aus ist und sie sich in der entvölkerten Landschaft durchschlagen müssen. 

Wie in allen Apokalypse-Geschichten geht es auch hier um eine Welt, in der keine Institu­tionen mehr funktionieren und jeder Mensch eher Feind als Freund ist. Wie üblich in solchen Szenarien finden sie eine Handvoll Überlebende, mit denen sie sich zusammenraufen. Gemeinsam versuchen sie herauszu­finden, ob es noch einen Ort gibt, wohin man flüchten könnte. Langsam dämmert den Geschwistern, dass der Vater etwas über das bevorstehende Unglück gewusst haben muss, und machen sich deshalb auf die Suche nach ihm. Die dänische Serie ist schön düster, hat höchst interessante Figuren mit Konfliktpotenzial und hält ihren Spannungsbogen bis zum Schluss.

Detektiv mit Einhorn

«Happy». Comedyserie. Netflix. 8 Folgen à 45 min. Von Grant Morrison und Darick Robertson. Mit ­Christopher Meloni, Patton Oswalt, Lili Mirojnick. 

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Nick Sax ist versoffen und mürrisch. Er hat weder seine Blase noch seine aggressiven Gefühlsschwankungen im Griff. Ausserdem hat er das Talent, mit jedem Menschen, den er trifft, in Streit zu geraten. So strolcht der Privatdetektiv rülpsend und um sich tretend durch New York. Das Einzige, was den ehemaligen Polizisten ab und zu auf den rechten Weg bringt, ist das dunkelblaue Einhorn Happy. Dieses schwebt über seiner Schulter und flüstert ihm ins Ohr, steppt ihm den Hoffnungstanz vor oder singt Weihnachtslieder. Happy ist der Phantasiefreund der Tochter. Die wurde von einem bösen Nikolaus verschleppt, und das Einhorn versucht nun, den versoffenen Detektiv, der bis vor kurzem noch nichts von seinen Vaterfreuden wusste, auf die Spur des entführten Nachwuchses zu lotsen. Wirklich einfach ist das nicht.

Die Serie «Happy» ist eine Adaption der gleichnamigen Comicbuchserie. Sie spielt in einem rabenschwarzen New York voller Gewalt und Abgründe, gleichzeitig verspottet sie positive Gefühle und noble Handlungen. Alles ist etwas übertrieben, die Gewalt und der Gefühlskitsch. Als Nick seiner Gefühle und über die Nachricht, eine Tochter zu haben, Herr zu werden versucht, versetzt ihn die Serie in den Wahnsinn einer Jerry-Springer-Show, wo er vor einer grölenden Meute versucht, seine Empfindungen in Worte zu fassen. Die Serie nimmt sich und ihre Figuren nicht wirklich ernst. Und das ist eine grosse Erleichterung. Serien ohne ausufernde Gewaltdarstellungen gibt es heute fast keine mehr. Erträglich ist das nur noch, wenn alles ein Witz ist. 

Schrecken im ewigen Eis

Serie «The Terror». Horrorserie. 10 Folgen à 45 Minuten. Von David Kajganich und Ridley Scott. Mit Ciaran Hinds, Jared Harris, Paul Ready u. a. Amazon Prime. 

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

1845 brachen die britischen Schiffe «Terror» und «Erebus» auf, um die Nordwestpassage in der Arktis zu durchsegeln und so für das Grossreich einen schnelleren Weg nach Asien zu finden. Keiner kehrte je zurück. Mehrere Expeditionen versuchten über 150 Jahre hinweg herauszufinden, was mit den 129 Männern an Bord geschah. Aber bis heute weiss man nur, dass alle umkamen und dass Kannibalismus eine Rolle spielte. Der Amerikaner Dan Simmons nutzte die spärliche Informationslage, um seine eigenen Ideen über das Los der Expedition in einem Roman zu verarbeiten, zu dem auch ein übernatürliches Element gehört.

Die Serie ist eine besonders brutale und blutige Version des politisch unkorrekten Kinderspiels «10 kleine Negerlein», in der der Zuschauer über 10 Folgen zusehen kann, auf welche phantasievolle Art und Weise ein Mann nach dem anderen umkommt. Obwohl die Schiffe in der weiten Arktis segeln, ist die Atmosphäre klaustrophobisch. Der dabei entstehende Schrecken fühlt sich an wie ein langsames Ersticken in der Desorientierung von Weiss und noch mehr Weiss. Die Serie ist so virtuos gefilmt, dass ihre ganze Pracht eigentlich auf die Leinwand gehörte. Als zum Beispiel Sir John Franklin, der Kapitän der Expedition, von einer Kreatur angegriffen wird, sieht man die Attacke aus der Perspektive seiner ihm zu Hilfe eilenden Männer, aus seiner eigenen Sicht und aus einer Art Vogelperspektive, aber nie wird klar, was da eigentlich angreift. Das verstärkt den Horror. Im Endeffekt ist die Serie eine Parabel über das Thema «Mensch gegen Natur», und wer da das letzte, blutige Wort hat, ist klar.

Beleidigung ist alles

Foto: Pexels, Aleksandr Neplokhov (Symbolbild)

Beim Battle-Rap geht es darum, den Gegner verbal niederzumachen. Diese Disziplin gerät nun wegen Antisemitismusvorwürfen in Verruf.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Hip-Hop ist die dominierende Jugendkultur. Noch immer. Die Punks gab es nur ein paar Jahre, Grunge auch, und die Techno-­Bewegung macht mit der Street Parade in Zürich noch einmal im Jahr als grösstes öffentliches Besäufnis von sich reden. Aber die Rapper halten sich seit den 1980ern. Und trotzdem gibt es immer noch relativ wenig Wissen über dieses Musikgenre.

Jetzt ist es der Battle-Rap, der die Schlagzeilen beherrscht. Kollegah und Farid Bang haben für ihr Album «Jung, brutal, gutaussehend 3» einen Echo-Preis in der Sparte «Hip Hop/Urban national» bekommen. Weil in ihrem Song «0815» die Zeile vorkommt «mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen», haben andere Preisträger aus ­Protest gegen die antisemitische Äusserung ihren Echo retourniert. Verteidigt wird die Zeile von den Rappern mit dem Hinweis, es handle sich hier um Battle-Rap.

Rap entstand aus sprachlichen Traditionen der Afroamerikaner. Das Spiel der «Dozens» ist ein verbaler Schlagabtausch zwischen zwei Gegnern, eine Art sprachliches Boxen, wobei die eigenen Fähigkeiten und der Selbstwert überhöht und der Gegner beleidigt und herabgesetzt wird. Jeder versucht den anderen mit noch grösseren Beleidigungen, verpackt in intelligenten Sprachwitz, zu übertreffen und die Zuschauer auf seine Seite zu ziehen. Kollegah und der jüdische Rapper Spongebozz haben sich schon oft Schlagabtausche geliefert, die beiden waren sogar befreundet, haben mehrere Songs gemeinsam aufgenommen. Die Tradition der rituellen Beleidigungen stammt aus Westafrika, wo sie noch heute praktiziert werden. So sollen Konflikte und sogar gewalttätige Übergriffe verhindert werden. 

Die «Dozens» leben weiter in den heutigen Rap-Battles. Diese sind quasi die Urform des Hitparadenraps. Diese Battles gibt es auf der ganzen Welt. Wer dort besteht, steigt in den Rap-Olymp auf. Eminem hat sich seinen Ruf und seine Karriere hier erarbeitet. Kool Savas, einer der wichtigsten Rapper Deutschlands, begann so. Und auch Kollegah hat so seine ersten Schritte gemacht. Traditionell werden Rap-Battles live vor Publikum ausgetragen. Das berühmteste ist «Rap am Mittwoch» in Berlin. Es gibt mehrere Runden, einige darf man vorbereiten, im Allgemeinen aber muss improvisiert werden. Es gewinnt, wer mit seinen Reimen den Gegner besonders gewitzt und kunstvoll beleidigt. Das Publikum kürt über Johlen und Klatschen den Gewinner. 

Tabu ist bei diesem Abkanzeln nichts. Es darf über das Aussehen, die sexuelle Orientierung, die Freundin, die Mutter, die Schwester, die Religion, die Nationalität, die Hautfarbe des Gegners hergezogen werden. Und das klingt dann bei Pillath so: «Erzähl mir nicht, dass du weisst, wie man Knete macht, Mädels knackt. Dein Gesicht beweist, dass selbst Gott manchmal Fehler macht.» Das ist im Vergleich ein harmloser Diss. Neben dem Aussehen ist besonders oft die Mutter das Ziel. Das klingt beim deutschen Rapper mit afrikanischen Wurzeln Ssynic dann so: «Dann fick ich deine Mutter wie ein Tier im Stehn. Ich geb ihr nen Klaps wie nem Gaul und reite sie, bis wir Sterne sehn. Du kommst rein, bleibst verärgert stehn. Ich sag, was ist los, hast du noch nie nen Nigger auf nem Pferd gesehn?»

Wird man vom Gegner beleidigt, ist es die höchste Kunst, die Beleidigung umzu­drehen. «Bei meinem Anblick werden sogar Emos wieder lebensfroh. Doch bei seinem Anblick werden sogar Schwule wieder hetero.» – «Schwule werden wieder hetero. Denkst du, sprengst hier mal die Grenze. Hey, nach einer Nacht mit mir, lutschen selbst Lesben wieder Schwänze.»

Man muss einiges aushalten können. Dass die Kontrahenten unter die Gürtellinie gehen, ist nicht nur akzeptiert, es wird erwartet. Da wird behauptet, man habe mehr «Tonträger verkauft als ein afrikanischer Sklavenmarkt». Einem arabischen Kontrahenten wird gesagt, er sei so arm, er müsse sich einen Sprengstoffgürtel teilen. Und dem jüdischen Gegner wird ins Gesicht geschleudert: «Ich würd dich gerne batteln, aber die Gasrechnung wär zu hoch.» Aus dieser Tradition, in der es nur um das (gewitzte) Sprachbild geht, entstammt die Zeile «Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen».

Aber was die Verteidiger des Battle-Raps nicht verstanden haben: Ein Battle entsteht nie im luftleeren Raum. Das Publikum entscheidet, wer gewinnt. Und wer zu weit geht, wird gnadenlos ausgebuht. Es findet eine soziale Kontrolle und Korrektur statt – sofort, unmittelbar. Und so äusserten die Zuschauer beim Reim über die «Gasrechnung» ihren Unmut, und der Rapper hat sich entschuldigt.

Werden Zeilen aus dem Battle-Rap nicht live vor Zuschauern vorgetragen, sondern über Songs verbreitet, fungiert die Öffentlichkeit als Publikum. Und die hat Kollegah und Farid Bang nachträglich die rote Karte gezeigt. Der Schrecken über das Leid der Holocaust-Opfer ist in der Gesellschaft zu Recht unverändert präsent. Natürlich können sich Rapper wie Kollegah auf Kunstfreiheit berufen und alles sagen in Songs und Interviews. Aber das Publikum an den Battles akzeptiert nicht alles und die Öffentlichkeit erst recht nicht. 

Spongebozz

2005

Der jüdische Rapper und Kollegah lernen sich über die Online-Plattform Reimliga Battle Arena kennen und freunden sich an. Kollegah lädt Spongebozz ein, auf dem Stück «Showtime» seines ersten Albums «Zuhältertape» mitzurappen. 

2018

Spongebozz veröffentlicht mit «Yellow Bar Mitzvah» (224 S., 29 Fr.) seine Memoiren. Darin schreibt er auch von seiner Freundschaft und Feindschaft mit Kollegah.

Hölle auf Erden

Serie «The Alienist». Detektivserie. Netflix. 8 Folgen à 50 min. Von Hossein Amini und Eric Roth. Mit Daniel Brühl, Luke Evans und Dakota Fanning. 

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Früher war nicht einfach alles besser. Es gab auch damals die Hölle auf Erden. Dass diese grässliche Vergangenheit überhaupt jemand überlebt hat, erstaunt einen immer wieder, wenn man deutsche Literatur liest oder sich Serien wie «The Alienist» ansieht. Hier leben die Menschen Ende des 19. Jahrhunderts in New York in rattenverseuchten Baracken. Sie haben keine Arbeit, und wenn sie doch einmal etwas Geld auftreiben, verspielen sie es sofort. Die Männer schlagen ihre Frauen und empfinden ihre Kinder nur als lästiges Übel. Der einzige gangbare Ausweg aus diesem Elend ist dann selbstverständlich die Prostitution. Und so gibt es überall in dieser fiktiven Version von New York Kinderbordelle, in denen sich Jungen als Mädchen verkleidet den Männern der oberen Tausend zur Befriedigung anbieten. 

So weit das Klischee. Diese Jungen werden nun aber in einer Jack-the-Ripper-Manier ermordet und ihre kleinen verstümmelten Körper überall in der Stadt kunstvoll in Szene gesetzt. Diese Gewaltexzesse schlagen dem Zuschauer leider auf den Magen. Ansonsten gibt es nicht viel auszusetzen an der Serie. Adaptiert wurde sie nach dem gleichnamigen Roman von Caleb Carr. Das alte New York wurde in Prag gefilmt und sieht faszinierend authentisch aus. Brühl als kalter, deutscher Psychologe, der versucht, den Mörder zu finden, wirkt realistisch, und Fanning als moderne, rauchende Frau, die noch dazu eine Pistole zu bedienen weiss, ist grossartig. Das Drehbuch schwächelt ab und zu in Bezug auf die Plausibilität, aber das Ambiente und die Figuren halten einen bis zum Schluss trotzdem bei der Stange.  

Allein gegen das Böse

«Bosch». Detektivserie. Amazon. 4 Staffeln zu 10 Folgen, je 60 Min. Von Eric Overmyer. Mit Titus Welliver, Jamie Hector, Amy Aquino, Lance Reddick. 

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Ein wortkarger, brütender Polizist, der Probleme hat,sich zu beherrschen, eine ungerechtfertigte Anschuldigung, die wie ein Damoklesschwert über ihm hängt, und eine düstere Stadt, in der das Böse hinter jeder Ecke zu lauern scheint und immer die Schwachen trifft – das sind bekannte Bestandteile des Film noir seit seiner Glanzzeit in den 1940er Jahren. Die Amazon-Serie «Bosch», der Polizist heisst mit vollem Namen tatsächlich Hieronymus Bosch, spielt mit genau diesen Elementen und bringt nicht wirklich etwas Neues ein. Das ist aber auch gar nicht nötig, weil die Noir-Elemente eben immer noch funktionieren, egal ob in den Future-Noir-Versionen von «Blade Runner 2049» oder «Altered Carbon» von Netflix, im Radioformat «Philip Maloney» oder in der Bücherserie «Bosch» von Michael Connelly, die als Vorlage für die Webserie dient. 

Bereits drei grosse Fälle hat Bosch in drei Staffeln zusammen mit seinem Partner gelöst, und ab 13. April macht er sich an seinen vierten. Darin ermittelt Bosch mit seiner neuen Partnerin den Mord an einem Menschenrechtsanwalt, der die Polizei von Los Angeles wegen Brutalität und Foltervorwürfen verklagt hat. Er muss versuchen, den Mörder zu finden, bevor es einen Aufstand in der Stadt gibt. Ausserdem sucht er noch immer nach dem Mörder seiner Mutter. Der Bosch-Darsteller Welliver («Lost», «Deadwood») hat schon viele harte Typen gespielt und passt mit seinem Gesicht, dem man das Leid der Vergangenheit ansieht, perfekt in die Rolle. Auch Jamie Hector und Lance Reddick haben sich bereits in «The Wire» bewiesen. 

Die Musikmogule

Serie «The Defiant Ones». 4 Folgen à 60 Min. Von Allen Hughes. Mit Dr. Dre, Jimmy Iovine, Patti Smith, Bruce Springsteen. Auf Netflix.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Was wird aus zwei jungen Männern aus dem Arbeiterviertel, die miserabel in der Schule sind? Genau, sie werden Musikmogule und hundertfache Millionäre. Die Netflix-Serie «The Defiant Ones» erzählt die klassische vom Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichte, und für einmal ist sie sogar in der Realität wahr geworden. Dr. Dre kommt aus Compton, dem Ghetto in Los Angeles, war Mitglied der Rapgruppe N.W.A. und ist Musikproduzent. Jimmy Iovine fing als Putzhilfe in einem Musikstudio an und stieg zum Produzenten von Bruce Springsteen, Patti Smith und U2 auf. Schliesslich aber hatte Iovine genug von den langen Arbeitszeiten im Studio und beschloss, als Studioboss reich zu werden.Mit der Finanzierung von kontroversem Rap über das berühmte Label Death Row Records gelang ihm genau das, und er beförderte die Karrieren von Tupac Shakur, Snoop Dogg und Eminem. Wichtigster Produzent für diese Erfolge war Dr. Dre. Dieser hat die Nase fürs Talent und Iovine fürs Geschäft. Zusammen wurden sie unschlagbar. Die Macher der Dokumentarserie konnten viele berühmte Gesichter vor die Kamera ziehen, und die vier Folgen lassen erahnen, wie viele Leben die beiden verändert haben. Dabei kommt es über weite Strecke zu einer Verklärung der beiden als Götter im Musikolymp. Immerhin wird erwähnt, dass Iovine nicht aus purer Nächstenliebe so viel Macht akkumulierte und auch nicht immer korrekt vorging. Trotzdem nimmt man es der Darstellung ab, dass hier zwei Musiknerds ihre grössten Träume verwirklicht haben und dabei den Künstlern grösstmögliche kreative Freiheiten gelassen haben. Schön ist’s. 

Schlaue hören zu

Foto: Pexels, Magda Ehlers

Einst als Audioversion des Blogging belächelt, sind Podcasts in kürzester Zeit zu einem Industriezweig herangewachsen. Jetzt generieren sie alleine bei Apple über zehn Milliarden Downloads pro Jahr.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Seit ein paar Jahren sind Podcasts die Paninibilder der gutgebildeten Grossstädter. Wer Freunde trifft, zückt das Smartphone und tauscht Tipps aus. Die neueste Entdeckung wird dabei genauso stolz präsentiert wie das begehrteste Klebebildchen. Wer hat welchen Podcast schon gehört? Welche Sendung ist gerade besonders heiss? Auch auf Facebook gibt es entsprechende Gruppen. Doch wie ist es dazu gekommen? 

Zuerst waren ein paar technische Neuerungen nötig. Ende der neunziger Jahre war es zum ersten Mal möglich, Audiodateien übers Internet zu teilen. Ab dann konnte jeder in seinem Keller mit wenig Aufwand und Geld eine Aufnahme machen und in die Welt schicken. Es war die Blog-Version für schreibfaule Mitteilungsbedürftige. Damit war der Podcast (aus iPod und broadcast = Sendung) geboren.

2005 suchte Apple erstmals 3000 verschiedene Podcasts zusammen und stellte sie über iTunes gratis zum Herunterladen bereit. Und als man ab 2008 die Audiodateien per Knopfdruck direkt aufs Smartphone laden konnte, stieg das Interesse sowohl der Zuhörer wie auch der Macher. Die Anzahl der Podcasts wuchs exponentiell auf heute über 500 000 weltweit, die letztes Jahr alleine über iTunes mehr als zehn-Milliarden-mal angehört wurden.

Krimi aus dem Keller

Der Erfolg hängt auch mit Überschneidungen zwischen Radio und Podcasts zusammen. Journalisten, die vom Radio und Fernsehen kamen, erstellten privat ihre eigenen Audiodateien. Und Radiosendungen wurden nach der Ausstrahlung zum Herunterladen angeboten. So werden sie selber zu Podcasts, an denen sich die Amateure messen müssen.

Die Macher der Radiosendung «This American Life» aus New York sind darin besonders erfolgreich. Jede Woche bringen sie eine einstündige Reportage zu so unterschiedlichen Themen wie Gang-Kriegen in Chicago, Wörtern, die man nicht sagen kann, oder dem Operator eines Lügendetektors. Dabei werden oft anhand persönlicher Geschichten politische Zusammenhänge erörtert. Man investiert in den Aufbau der Geschichten und in die eigens komponierte Musik. Seit 2006 kann die Sendung heruntergeladen werden, seither wurde sie zur Urform und zum Massstab der heutigen Podcasts.

Der grosse Erfolg kam Ende 2014 mit dem Podcast «Serial». Die Journalistin Sarah Koenig von «This American Life» wurde auf den Mord an einer 17-jährigen Schülerin ­aufmerksam gemacht. Ihr Ex-Freund bekam dafür lebenslänglich. Seine Angehörigen hatten aber Zweifel an seiner Schuld und baten Koenig, den Fall genauer anzusehen.

Sie nahm Kontakt mit allen Beteiligten auf, stoppte die Fahrtzeit zwischen Tatort und Schule, an der zur Tatzeit gewesen zu sein der Ex vorgab, erstellte Diagramme und liess sich erklären, wie Handy-Ortung funktioniert. In ihrem Keller bastelte sie zusammen mit einer Kollegin eine Sendung, die in zwölf einstündigen Episoden den Fall nochmals aufrollte. Jede Woche veröffentlichten sie eine Folge übers Internet, und die Begeisterung der Hörer stieg kontinuierlich. Als die erste Staffel von «Serial» drei Monate später endete, waren die Folgen knapp 50 Millionen Mal heruntergeladen worden. Das sind mehr Zuhörer, als viele Serien Zuschauer haben. Eine neue Obsession war geboren.

Das Feld der Podcasts ist weit. Das Angebot reicht von Informationssendungen wie «Stuff You Should Know» über Neuigkeiten aus der Popkultur wie «Pop Culture Happy Hour», Comedy-Labershows wie «Fest & Flauschig» von Jan Böhmermann und Olli Schulz, bis zu Politsendungen wie «Slow Burn», in der der Watergate-Skandal über die persönlichen Geschichten der Betroffenen betrachtet wird. Nur ein Bruchteil der Audiodateien erzählt fiktive Geschichten. 

Der Erfolg der Podcasts hat mit unserer Sucht nach Selbstoptimierung zu tun. Während Fernsehen und Zeitungen unseren Blickkontakt erfordern, können Podcasts auch beim Kochen gehört werden. Will man beim Pendeln noch schnell etwas Englisch üben, hört man sich einfach «6 Minutes English» und das «Word of the Day» an.

Podcasts bilden in den USA inzwischen einen eigenen Industriezweig. Einnahmen werden hauptsächlich auf drei Arten generiert. «Serial» bekam Geld aus dem Budget des Radioprogramms «This American Life». Die Informationssendung «Theory of Everything» finanziert sich zu grossen Teilen durch Hörerspenden. Und fast alle Podcasts enthalten Werbung. Häufig lesen die Moderatoren die Werbetexte gleich selber vor. Eine von PricewaterhouseCoopers überwachte Studie fand heraus, dass die Werbebranche letztes Jahr in den USA 220 Millionen Dollar in Podcasts investiert hat. Das ist vergleichsweise wenig, Radios nahmen in der gleichen Zeit 14 Milliarden Dollar ein.

Aber Hilfe ist in Sicht. Durch iTunes ist es Apple nun möglich, genauere Daten über den Podcast-Konsum zu liefern. Zusammen mit den Messinstituten Nielsen Media Research und Edison Research hat man herausgefunden, dass die meisten Zuhörer überdurchschnittlich gebildet und vermögend sind und zu 80 Prozent eine Folge ganz oder fast vollständig anhören. Diese Argumente werden den Machern bei zukünftigen Verhandlungen mit der Werbebranche helfen.

Schweizer lieben Nachrichten

Das grosse Potenzial von Podcasts haben kürzlich zwei weitere Industriezweige entdeckt: die Musik- und die Fernsehindustrie. Die fiktiven Formate «Homecoming» und «Limetown» werden beide als Serien verfilmt. Für das erstere konnte Julia Roberts gewonnen werden. Die Streamingplattformen Spotify und Google Play Music haben dazu ihren eigenen Podcast lanciert, in dem sich die Moderatoren mit Künstlern über Musik unterhalten und auf die Playlists aus dem gleichen Haus verweisen. So wird Werbung als Information getarnt.

Dabei unterscheidet sich das Hörverhalten von Amerikanern und Europäern. In den USA laufen vor allem Reportageformate wie «Serial» gut. Deutsche hingegen haben eine eigene kleine Podcast-Industrie, viele Sendungen sind in den Top Ten bei iTunes vertreten. Neben Politsendungen erfreut man sich besonders an Talkshows ober- und unterhalb der Gürtellinie: In «Besser als Sex» reden zwei Frauen über körperliche Liebe, und in «Beste Freundinnen» sind es zwei Männer. Der Grossteil der Schweizer hingegen schaut kaum über den Tellerrand hinaus und setzt auf bewährte Radiosendungen wie «Echo der Zeit» oder hält sich an Podcasts etablierter Institutionen wie «Global News» von BBC oder «The Daily» der New York Times.

Da ist es erfreulich, dass nicht nur viele amerikanische Institutionen Kurse in Podcasting anbieten, sondern auch die Journalistenschule MAZ in Luzern. Denn eines hat sich gezeigt: Podcasts sind kein Nischenphänomen mehr, sondern eine eigene Industrie mit Talent, Potenzial und Einfluss.

Unsere Favoriten

In «S-Town» zeigen die Macher von «Serial» die dunklen Seiten eines Südstaatenidylls.

In den Folgen von «Song Exploder» analysieren die Musiker detailgenau einen ihrer Songs.

«Missing Richard Simmons»: Ein Fan sucht nach dem ­verschwundenen Abnehmpapst.

«More Perfect» widmet sich Urteilen des Obersten US-Gerichts und deren Auswirkungen.

Kontrovers

Gerichtsdrama «The Good Fight». CBS. 13 Folgen à 45 Min., 2017. Von Michelle und Robert King. Mit Christine Baranski, Cush Jumbo, Rose Leslie und Delroy Lindo.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Bereits mit der Vorläufer-Serie «The Good Wife» zeigten die Macher ihr grosses Interesse an politischen Entwicklungen und den Wunsch, mit ihren Geschichten aktuell zu sein. In einer Storyline informierten sie die breite Öffentlichkeit über systematische Polizei-Folter in illegalen Gefängnissen in Chicago oder machten auf die ausufernde Überwachung des amerikanischen Staates aufmerksam. In ihrer Spin-off-Serie steht die weisse Anwältin Diane Lockhart im Zentrum. Nachdem diese wegen der Betrügereien des Vater ihres Patenkindes ihr gesamtes Vermögen verloren hat, muss Diane eine neue Stelle annehmen. Angeworben wird sie von einer afroamerikanischen Anwaltskanzlei. Dort erfahren sie, ihre Patentochter und ihre Assistentin als Weisse das Leben einer Minderheit.

Weil niemand in der Produktion mit dem Sieg von Donald Trump gerechnet hatte, musste die Eröffnungsszene, in der Diane den Sieg von Hillary Clinton feiert, neu gefilmt werden. Das Thema Trump wird dann mehrfach angesprochen, zum Beispiel als bekannt wird, dass einer der afroamerikanischen Anwälte für ihn gestimmt hat, was ihn zum Aussätzigen macht. 

Gerichtsdramen eignen sich gut, um kontroverse Themen zu beleuchten, weil eine Verhandlung dramaturgisch die Möglichkeit bietet, zwei unterschiedliche Meinungen argumentativ aufeinandertreffen zu lassen. So hilft in einer Folge ein Arzt bei einer Operation eines bekannten Terroristen mit. Das führt zur Frage ,ob jemand bereits ein Terrorist ist, wenn er einem Terroristen Hilfe gewährt. Die erste Staffel gibt es zu kaufen, die zweite läuft derzeit in den USA.