Hier spielt der Nachwuchs

Seit 20 Jahren fördert das m4music-Festival junge Schweizer Musikerinnen und Musiker. Es ist viel bedeutender als die pompöseren Swiss Music Awards.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Die Swiss Music Awards (SMA) mussten auch dieses Jahr wieder Prügel ein­stecken. Jahrelang hat sich der Grossanlass kaum für Frauenförderung interessiert, und nun organisierte er ein Panel zur Frage, ob die Schweizer Pop-Musik ein Frauenproblem habe. Hohn und Spott aus den Reihen der Musikjournalisten und des aufmerksamen Publikums war den Veranstaltern genauso sicher wie das Stirnrunzeln in der Musikbranche.

Die Kritiker spielten die Swiss Music Awards gegen ein anderes Festival aus: das M4Music. Jedes Jahr organisiert das Migros-Kulturprozent an drei Tagen ein Festival, an dem Schweizer Musik im Zentrum steht. Am Donnerstag ist der Anlass jeweils in Lausanne präsent, wobei die Sender Couleur 3 und Virus die Konzerte übertragen, und am Freitag und Samstag trifft sich das gut gestylte Partyvolk im Zürcher Schiffbau. Aber was macht das M4Music richtig, dass so viele Kritiker des Lobes voll sind?

Während die SMA ein Anlass der grossen Labels sind, den die People-Journalisten ausschlachten, treffen sich am M4Music vor allem die kleineren Labels und Künstler. Und da gibt es viel zu reden. Seit seinen Anfängen 1998 setzt das Festival nachmittags deshalb auch auf Panels und Workshops, die öffentlich und gratis sind. Und seit die Musiktauschbörse Napster 1999 online ging, als nur wenige voraussahen, wie sich der Musikkonsum entwickeln würde, organisiert das M4Music Panels zur Digitalisierung der Musik. 2011 wurde dann auch Peter Sunde vom Internetportal The Pirate Bay, das Musik gratis zugänglich macht, eingeladen.

«Die Musikbranche hat mich fast erwürgt», erzählt Festivalleiter Philipp Schnyder, «niemand wollte dem Feind zuhören.» Er und sein Festival bewiesen jedoch mit der Einladung Weitsicht, sie verstanden, wohin sich die Musik bewegte. Während letztes Jahr noch viele Zeitungen in das immergleiche Klagelied einstimmten, Streaming raube der Musik die Seele, stellte das M4Music ein Panel zusammen, das die Vorteile und die Chancen davon aufzeigte. «Wir verwenden viel Zeit darauf, die Conference vorzubereiten», erklärt Schnyder.

Und was sagen die Leute aus der Musikbranche? Die schätzen den Anlass vor allem als Treffpunkt, an dem fast jeder aus dem Schweizer Business und sogar einige Vertreter aus dem Ausland anzutreffen sind, was bei einem kleinen Land wie der Schweiz nicht selbstverständlich ist. Und doch wird moniert, das M4Music möge sich noch etwas mehr um Kontakte zum Ausland bemühen. «Anfangs haben wir sehr europäisch gedacht», gesteht Schnyder. Dann sei ihnen bewusst geworden, dass sie zuerst die Leute aus der Schweiz an einem Ort vereinen mussten. Von Anfang an setzten sie auch auf gute Kontakte in die Romandie, Branchenvertreter aus dem Ausland kamen dann sporadisch dazu.

Wichtig war den M4Music-Organisatoren von Anfang an, dass abends ebenfalls internationale Acts auftraten, was natürlich auch mit der Attraktivität zu tun hat. Ohne die Unterstützung des Migros-Kulturprozents wäre der Anlass nicht möglich. Aber die Karten müssen trotzdem verkauft werden, da braucht es Namen, die ziehen. «Wir wollten aber auch, dass die hiesigen Künstler sich mit internationalen Acts vergleichen und messen können. Und wir haben extra einen grossen Backstagebereich, wo sich die verschiedenen Musiker treffen. So sollen auch neue Kontakte entstehen», erklärt Schnyder. Denn die Künstler reisen mit Management und Agenten von Veranstaltern an, die sich oft auch die anderen Konzerte anhören. 

Und was tut das Festival für den Nachwuchs? Da hat sich die Demotape Clinic etabliert. Jedes Jahr reichen 700 bis 800 Schweizer Künstler ihre Songs ein, dieses Jahr waren es 797. Diese Demos werden dann von drei Jurys beurteilt, die voneinander unabhängig sind. Die erste M4Music-interne Jury wählt für alle vier Kategorien – Pop, Rock, Electronic und Urban – jeweils die 15 vielversprechendsten Songs aus, welche an den Nachmittagen in Zürich live der zweiten Jury jeder Kategorie vorgespielt werden. Diese diskutieren die Lieder vor Publikum und wählen dann das beste aus. Die dritte Jury schliesslich wählt aus allen vier Gewinnern das Demo of the Year.

«Das ist ein sinnvolles Gefäss», sagt David Burger von der Musikagentur Radicalis, «weil es sich vertieft mit dem derzeitigen Befinden der Schweizer Musiklandschaft auseinandersetzt und eigentlich immer ein sehr direktes Bild zeigt, in welche Richtung sich das musikalische Schaffen weiterentwickelt.» Radicalis ist deshalb wie andere Agenturen und Labels am Festival auf der Suche nach neuen Künstlern. Letztes Jahr hat es auf diese Art Meimuna entdeckt, die Gewinnerin der Kategorie Pop, welche dieses Jahr am M4Music auftritt. Wer also wissen möchte, was die Branche beschäftigt und was die musikalische Jugend macht, sollte deshalb bereits am Nachmittag in den Schiffbau pilgern.

Der Mörder unter uns

Serie

Serie «Retribution». Drama. Netflix. 4 Folgen à 60 Min. Von Harry und Jack Williams. Mit Juliet Stevenson, Gary Lewis u. a.

Retribution. Drama. Netflix. 4 Folgen à 60 Min. Von Harry und Jack Williams. Mit Juliet Stevenson, Gary Lewis u. a.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Während strömenden Regens kommt im nächtlichen schottischen Hochland ein Auto von der Strasse ab. Die herbeigeeilte Familie aus der Nachbarschaft nimmt den verletzten Mann mit auf ihren Hof und will ihn pflegen, bis ein Krankenauto eintrifft. Bald stellt sich jedoch heraus, dass es sich beim Verletzten wahrscheinlich um den Mörder des Sohnes der Familie handelt. Die ebenfalls ermordete Ehefrau des Sohnes ist die Tochter der Nachbarsfamilie, die mitbekommt, wer sich da blutend und verwirrt auf dem Hof befindet. Jetzt stellen sich die beiden Familien die Frage: Was soll mit dem Mörder ihrer Kinder passieren? 

Im Verlaufe der vier Folgen, die von der BBC produziert wurden und nun von Netflix ausgestrahlt werden, kommen allerlei verborgene Geheimnisse der Familienmitglieder ans Licht, und der Verdacht drängt sich auf, dass jemand von ihnen an der Ermordung des Ehepaars beteiligt gewesen sein könnte. 

Die Schöpfer der Serie, die englischen Brüder Harry und Jack Williams, haben bereits so spannende Serien wie «Liar» (2017) über einen Arzt, der im Verdacht steht, ein Vergewaltiger zu sein oder «The Missing» (2014) über ein Ehepaar dessen fünfjähriger Sohn im Urlaub verschwindet, entwickelt und waren an der bitterbösen Satireserie «Fleabag» beteiligt. «Retribution» (Originaltitel «One of Us») spielt mit bekannten Motiven, hat aber unterschiedliche Handlungsstränge und genügend unerwartete Wendungen, um das Publikum zu unterhalten. Ausserdem ist es beeindruckend zu sehen, wie die Macher in vier Folgen eine komplexe Geschichte zu erzählen vermögen. 

Bärte trimmen

Reality Show «Queer Eye». Netflix, 2018. 8 Folgen à 45 min. Von David Collins. Mit Tan France, Karamo Brown, Jonathan Van Ness, Antoni Porowski, Bobby Berk.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Reality-Shows kann man lieben oder hassen, aber man sollte sie nicht im Vorhinein verteufeln. Als 2003 die Vorläufersendung «Queer Eye for the Straight Guy» ausgestrahlt wurde, war das Aufheben gross. Fünf schwule Männer krempelten in jeder Folge das Leben eines hoffnungslosen Hetero um. Sie trimmten ihnen die Bärte, steckten sie in vorteilhafte Kleider und räumten ihre Wohnungen auf. Nach 45 Minuten wurde aus dem Höhlenmensch ein ansehnlicher Schwan, der endlich eine Chance bei Frauen hatte. Etwas zugespitzt war die Prämisse: Schwule Männer helfen Heteros, Frauen flachzulegen. Dann verschwanden sie wieder.

Nun sind die fabelhaften fünf in anderer Besetzung zurück. Und noch immer geht es darum, Bärte zu trimmen und hässliche Hemden zu entsorgen. Während sie früher aber Heteros zum Glück verhalfen, stehen sie nun für sich selber ein. Wie in allen Komödienformaten geht es auch hier um die persönlichen Begegnungen zwischen Menschen, nicht um grössere politische Zusammenhänge. Aber genau darin liegt die Faszination der Show. Da erklärt beispielsweise der schwule Afroamerikaner Karamo einem Klienten, einem weissen Polizisten, wie schwierig es für ihn ist, einen Polizisten und Trump-Wähler zu unterstützen, und was das bei ihm auslöst, worauf sich ein ehrliches Gespräch über Polizeibrutalität entwickelt. Die Serie enthält viele solcher Momente. Natürlich wird sie nicht die Welt ­verändern, aber sie bringt Menschen aus unterschiedlichen Schichten ins Gespräch miteinander. Und mehr kann man von unterhaltsamem Fernsehen nicht erwarten.

Das Leben als Superheld ist hart

Serie «The Tick». 12 Folgen à 30 Min. Von Ben Edlund. Mit Peter Serafinowicz, Griffin Newman, Valorie Curry. Läuft auf Amazon.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Der Tick ist blau und hat Fühler, die Reflexe einer olympiatauglichen Dschungelkatze, ist so stark wie eine ganze Bushaltestelle voller Männer, und das Schicksal spricht direkt zu ihm. Das ist wenig überraschend, denn er ist ein Superheld. Natürlich ist er unverwundbar. Dafür herrscht in seinem Oberstübchen gähnende Leere. Deshalb benötigt er einen Sidekick, und den findet er im unscheinbaren Buchhalter Arthur. Dieser wiederum hat psychische Probleme, weil der Bösewicht Terror seinen Vater getötet hat, als er noch ein Kind war. Eher widerwillig stimmt Arthur zu, mit Tick zusammenzuarbeiten, um es mit der Unterwelt in ihrer Stadt aufzunehmen. 

Der Engländer Christopher Nolan hat das Superhelden-Genre mit seiner Batman-Trilogie düsterer gemacht. An dem kommt auch Tick nicht vorbei. 1986 als Comic von Ben Edlund im Teenageralter erschaffen, wurde die Superhelden-Parodie bereits zweimal in eine Serie verpackt: 1994 in eine animierte und 2001 in einer Realverfilmung. Die Version von 2001 ist absurder und daher lustiger, dafür orientiert sich die Amazon-Serie mehr an der Realität: Die Welt ist hart und brutal, und auch Superhelden sind nur fehlerhafte Menschen. Der Film «Deadpool» hat 2016 dem Mainstreampublikum die Absurdität von Superhelden aufgezeigt, «The Tick» baut diese Einsicht aus. Und so wird Arthur vom intelligenten Schiff Dangerboat, das in ihn verliebt ist, in der Dusche mit einem Wasserstrahl sexuell belästigt oder von Tick in einem Anzug mit Flügeln aus dem Fenster geworfen, um wie ein toter Schmetterling auf dem Dach eines Autos zu landen. 

Unzufrieden im Zürcher Oberland

Serie «Seitentriebe». Drama. 8 Folgen. SRF. Von Güzin Kar. Mit Vera Bommer, Nicola Mastroberardino, Leonardo Nigro, Wanda Wylowa, Sunnyi Melles.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Eine Beziehung geht nicht Knall auf Fall in die Brüche, sondern schleichend. Routine tötet auch noch die spannendste Romanze, und irgendwann sind es drei Jahre her, seit man das letzte Mal Sex hatte. Nele und Gianni sind Ende Dreissig an diesem Punkt angekommen. Er will der grosse Macker sein, den sie sich wünscht, und scheitert konstant an ihren Ansprüchen. Sie ist frustriert, weil sie es als Künstlerin zu nichts gebracht hat und jetzt Käsehäppchen im Shoppingcenter anpreist. Und da nörgelt es sich leicht am Alten herum.

Bei der Entstehung dieser Geschichte liess sich Güzin Kar von der Frage leiten, warum in einem der reichsten Länder der Welt die Menschen auf die Frage «Bist du glücklich?» meistens antworten «Nicht glücklich, aber zufrieden». Sie interessiert sich für den Nicht-Ort zwischen Komfort und Orientierungslosigkeit und hat die Geschichte deshalb im Zürcher Oberland angesiedelt, das für sie die Seelenlandschaft der Protagonisten widerspiegelt.

Neben Nele und Gianni begegnen wir noch Monika und Heinz mit ihrem pubertierenden Sohn Timo sowie Anton und Clara, die bald pensioniert werden. Nach zwei Folgen lässt sich sagen: Die Serie ist interessant und unterhaltsam und kann mit internationalen Produktionen mithalten. Aber Nele nervt. Man möchte Gianni zuschreien, dass er überall eine Nettere findet als die. Aber für den Abgang ist er wohl zu feige. Die Familie von Monika wird etwas gar zu bünzlig dargestellt, dafür sind Anton und Clara phantastisch. Man kann nur hoffen, dass in den nächsten sechs Folgen mehr von den beiden und weniger von Nele zu sehen ist.  

Unerschrockene Kämpferin

Gloria Allred am Women’s March 2019. Bild: flickr

Der Film «Seeing Allred» porträtiert die bekannten Frauenrechtlerin Gloria Allred und schwierigen jahrzehntelangen Kampf.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Gloria Allred (*1941) hat früh verstanden, dass man als Frau nicht weiterkommt, wenn man einfach nur nett ist. Die berühmte US-Frauenrechtlerin und Anwältin weiss, dass man laut und bestimmt sein muss, präsent in den Medien, und keinen Kampf scheuen darf. Ihre eigene absolute Hingabe für gesellschaftlichen Wandel erwartete sie auch von allen anderen Frauen, was oft zu Unverständnis und Kritik führte. Seit den 1970er hat sie zahlreiche prominente und kontroverse Fälle in den USA vor Gericht vertreten und sich dabei auch für andere Minderheiten starkgemacht. 

Sie stellte sich auf die Seite der vom Komiker Bill Cosby vergewaltigten Frauen, sie ­bekämpfte Trump, als er eine Transfrau von einem Schönheitswettbewerb ausschloss, und sie organisierte Demonstrationen, um Spielzeug geschlechtsneutral zu vermarkten.

So freimütig die 76-Jährige über ihre Kämpfe spricht, so verschlossen ist sie, wenn es um ihr Privatleben geht. Sie erzählt freimütig von ihrer Vergewaltigung und der illegalen Abtreibung, an der sie fast gestorben wäre, aber sie verweigert die Aussage, wenn es um ihre Scheidung geht oder andere Aspekte ihrer Privatsphäre. Der Film vermittelt den Eindruck, als hätten sie all die Kämpfe einsam gemacht, so als bestünde ihr soziales Umfeld nur aus den gerade aktuellen Klientinnen, bevor sie weiterzieht, zum nächsten Kampf. Viele Hollywoodfilme leben vom Mythos eines einsamen Helden, der sich selbstlos für das Recht der Opfer einsetzt. Zu wissen, dass Gloria Allred aus Fleisch und Blut besteht und sich irgendwo da draussen für uns einsetzt, ist ein beruhigender Gedanke.

Dokumentarfilm «Seeing Allred». USA 2018. Netflix. Von Roberta Grossman, Sophie Sartain. Mit Gloria Allred. 

Ihre Wut treibt sie an

Bild: Pexels / Emre Kuzu

Junge Punk-Musikerinnen hauchen dem Altherren-Genre Rockmusik neues Leben ein. Sie singen davon, was sie wollen – oder eben nicht. Und begeistern damit auch Männer.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Bono von U2 sagte kürzlich dem Magazin «Rolling Stone»: «Ich denke, die Musik ist zu mädchenhaft geworden. Als ich 16 war, hatte ich eine Menge Wut in mir. Du musst einen Platz für sie finden und für die Gitarren. Sobald etwas konserviert wird, ist es verdammt noch mal vorbei. Denn was ist Rock’n’Roll im Kern? Wut!» 

Bei allem Sexismus, dessen sich Bono schuldig macht, muss man sagen: Der Mann hat recht. Am Anfang guter Rockmusik steht Wut. Und wer hat davon am meisten? Junge Frauen. Bono hat nämlich übersehen, dass der Rock nicht generell konserviert wird, sondern dass sich sehr viel tut auf dem Feld der Gitarrenmusik. Die Altherren-Musik bekommt gerade frisches Blut aus der Punkszene. Jenem Genre also, das die Rockmusik schon einmal gerettet hat. Und in dessen pulsierendem Innersten stehen junge Frauen mit viel Wut und noch mehr Talent. 

Als die Punks Ende der siebziger Jahre schreiend und ihre Gitarren schrammend auf der Weltbühne polterten, war die Rockmusik am Ende. Sie hatte sich in seichte Melodien mit kitschigen Texten verrannt und wartete Dornröschen ähnlich auf ihre Wiederbelebung. Die Punks wollten dem Rock’n’Roll die Seele zurückgeben: die einfachen harten Gitarrenriffs, die schnellen Beats eines Schlagzeugs und einen kurzen prägnanten Text, den man mitgröhlen konnte – und eben die Wut. Damit küssten sie Dornröschen nicht zärtlich wach, sondern traten ihm ziemlich unsanft mit ihren Doc-MartensSchuhen in den Allerwertesten. 

Do-it-yourself-Philosophie

Die Wirtschaftskrise der 1970er und die konservative politische Wende mit Ronald Reagan und Margaret Thatcher gaben genug Stoff her für wütende Texte gegen die Staatsmacht. Die Ramones schrien in «Blitzkrieg Bop»: «Schiesst ihnen in den Rücken.» Dabei erklärten sie nie, um wen es sich bei diesem «ihnen» handelte, aber allen war klar: die Polizei. Und The Clash sangen in «I Fought the Law»: «Ich bekämpfte die Staatsgewalt und ich verlor.» 

The Clash – «I Fought the Law»

Punk war immer der Ort für junge Wut, weil die Musik schnell und hart ist. Aber vor allem auch, weil Punk zum Einstieg keine grossen musikalischen Fertigkeiten verlangt; trotzdem sind viele Punkmusiker grossartige Talente. Im Zentrum steht die Do-it-yourself-Philosophie: Jeder kann zwei Gitarrenakkorde lernen und aufs Schlagzeug einhauen. Bis heute wird vor allem der politische Punk wahrgenommen, dabei drehen sich viele Songs um Wut und Verletzungen im privaten Bereich. Die Buzzcocks sangen in «What Do I Get»: «Ich will eine Geliebte, wie jeder andere auch. Aber was bekomme ich? Nur eine platonische Freundin.»

Anfang der 1980er wurde Punk zwar für tot erklärt, aber er lebte an den Rändern des Pops weiter und stimulierte die Gitarrenmusik. So auch jetzt. Bands wie Sheer Mag, Snail Mail, Daddy Issues, Diet Cig oder Sad13 und viele weitere bestehen ganz oder hauptsächlich aus Frauen und machen intelligente und elektrifizierende Gitarrenmusik im Garagen- und Lo-Fi-Stil. 

War on Women – «Capture the Flag»

Die meisten dieser Bands waren bereits am prestigeträchtigen South-by-SouthwestMusikfestival (SXSW), aber im Mainstream sind sie noch nicht angekommen. Gerade das macht ihren Charme aus. Ihre Musik ist noch nicht geglättet, sondern rau, verschroben, zerbrechlich. Dabei reicht ihr Spektrum vom harten und wütenden Punksound von War on Women über den lüpfigen Punk von Diet Cig bis zur sanfteren Indiemusik mit Vagabon oder Cayetana und allem dazwischen. 

Da ist zum Beispiel die vom Siebziger-Jahre-Punk inspirierte Band Sheer Mag aus Philadelphia mit Frontfrau Tina Halladay. Die machen vor allem politische Musik für unsere Zeit. In «Expect the Bayonet» singen sie intelligent analysierend: «Aus dem Leid schufen wir einen fragilen Staat aus Blut und Launen, gemacht für reiche Männer in ihrer weissen Haut, aber Leute, mutigere als ich, standen auf gegen die Lüge. Wenn ihr uns nicht das Recht zu wählen gebt, dann erwartet euch das Bajonett.» Auf dem gleichen Album «Need to Feel Your Love» haben sie mit «(Say Goodbye to) Sophie Scholl», der hingerichteten deutschen Studentin, die mit ihrer Widerstandsgruppe Weisse Rose gegen die Naziherrschaft kämpfte, ein Denkmal in Form eines Protestsongs gesetzt.

Sheer Mag – «Expect the Bayonet»

Ohne moralische Predigten

Dabei ist nicht nur die Botschaft wichtig, sondern auch die physische Präsenz. In der «New York Times» sagte Tina Halladay von Sheer Mag: «Ich denke, viele Frauen sind an sich politisch, einfach weil sie als Frontfrau auf der Bühne stehen.» Und Sophie Allison von Soccer Mommy beschrieb im gleichen Interview das Publikum an vielen Konzerten von Frauenbands: «All diese Männer, die laut die Texte mitsingen über Liebe und alles andere. Ich denke, dass hilft bei der Demontage von toxischer Maskulinität.» 

Es handelt sich bei diesen Bands und ihren Zuhörern eben nicht um eine feministische, männerfreie Blase. Sheer Mag zum Beispiel besteht aus vier langhaarigen Typen, aber an vorderster Front steht eine Frau. Und auch im Publikum finden sich viele Männer. Aber interessanterweise sind die meisten anderen Bands dieser Musikwelle fast ausnahmslos weiblich. Es könnte ein Zufall sein, dass Frauen gerade die interessantere Gitarrenmusik machen, oder es ist eben die Wut, die diese Frauen antreibt und von der Frauen noch immer genügend haben. 

Selbstverständlich tragen die Bands auch etwas zur MeToo-Debatte bei – nicht mit moralischen Predigten; sie sagen ihrem männlichen Publikum im Detail, was sie und die meisten Frauen wollen oder eben nicht. «Du läufst auf mich zu, streitsüchtig, und erlaubst mir noch, meinen Satz zu beenden. Deine Gegenwart lenkt mich ab. Du schreist über jeden Satz. Du stehst zu nahe», singt Allison Crutchfield aus Alabama in «Mile Away». Und die Dichterin Sadie Dupuis singt unter dem Pseudonym Sad13 in «Get a Yes»: «Leg mir bloss keine Worte in den Mund. Du kannst nicht einfach wissen, was ich will. Deshalb versuche ich es dir zu sagen, was ich will. Ich sage Ja zum Kleid, wenn ich es anziehe. Ich sage Ja, wenn du es mir ausziehen willst. Ich sage Ja zu deiner Berührung, wenn ich deine Berührung will.» 

Die Musikerinnen schreiben auch über Beziehungen. Manchmal ist es eine amüsante Abrechnung mit dem Ex. Daddy Issues aus Nashville singen in «Dog Years»: «Wir werden nie Freunde sein. In Hundejahren bist du bereits tot.» Cayetana aus Philadelphia wiederum sind selbstkritisch: «Du siehst meine hässlichen Teile, die ich dir nie zeigen wollte. Wirst du mich noch lieben, mit all diesen kranken Gedanken im Kopf?» 

Daddy Issues – «Dog Years»

Wie von Bono gewünscht, kommen auch die Teenager zu Wort. Lindsey Jordan von Snail Mail ist 17 Jahre alt und war schon am SXSW. In «Thinning» schrammen die Gitarren, bevor sie davon singt, ein unsicherer und ratloser Teenager zu sein: «Ich frage mich die ganze Zeit: Bin ich das wirklich? Und ich weiss es nicht. Und ich fühle mich eklig.»

Hier wird nichts konserviert. Die Wut ist da, genauso wie das musikalische Talent, die politische Botschaft, die nachdenkliche Analyse, der frische Wind und das Können. Bono guckt nur am falschen Ort. Die Frauen haben schon immer eine Rolle gespielt in der Rockmusik, man denke nur an Pattie Smith oder Blondie. Und auch dieses Mal werden die jungen Frauen die Gitarrenmusik mit frischem Blut versorgen.

SXSW-Festival

Das South-by-Southwest-Festival im ­texanischen Austin ist ein wichtiges Sprungbrett für Indie-Rock-Musiker. Es findet seit 1987 statt, mit Programmen zu Musik, Film, Comedy und Neue Medien. Snail Mail schafften 2017 am SXSW den Durchbruch.

Snail Mail – «Thinning»

Die Popmusik wird langsamer

Bild: pexels / John Tekeridis

Unter Einfluss von Elektro- und Rapsounds findet eine Entschleunigung statt. Dies zeigen die Top-Songs von Spotify. 

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Niemand wurde 2017 auf Spotify so oft gestreamt wie Ed Sheeran. Damit hat er Drake entthront. Warum das interessant ist? Sheeran ist bekannt für seine Schmusesongs, derzeit steht er gerade mit «Perfect» auf Platz 1 der Hitparade. Aber nicht dieser Song wurde im laufenden Jahr bei Spotify am häufigsten angeklickt, sondern «Shape of You», ein Song mit Dancehall-Elementen. Auch die anderen Songs der Top-Ten-Liste auf Spotify enthalten Bestandteile elektronischer Musik. Damit bildet sich ab, was sich seit einigen Jahren in der Pop-Musik vollzieht: Electronic Dance Music (EDM) gewinnt an Einfluss.

Unter EDM werden sehr unterschiedliche Genres zusammengefasst, zum Beispiel der melodiöse House aus Chicago, der mechanisch klingende Techno mit dem harten Beat aus Detroit, der schnelle Jungle mit Sprechgesang aus dem Süden Londons oder der vom Reggae inspirierte moderne Dancehall aus Jamaica.

Seit Jahrzehnten gibt es Künstler, die mit Pop und EDM experimentieren, aber erst seit einigen Jahren nimmt der Einfluss auf die Pop-Musik zu. Die französische Band Daft Punk mischt seit den neunziger Jahren House und Techno mit Synthiepop und Funk. Als sie 2006 am Open Air Coachella auftrat, begeisterte sie mit ihrem Mix auch das Rockmusikpublikum in den USA. Wichtig für den Einfluss von EDM war auch ein weiterer Franzose: DJ David Guetta. Mit seinem vierten Album «One Love» schaffte er 2009 den Durchbruch in den USA mit dem Stück «I Gotta Feeling» von The Black Eyed Peas.

Seither hat sich der Einfluss der EDM auf die Pop-Musik laufend verstärkt. Mittlerweile ist er im Grossteil der aktuellen Songs zu hören: Taylor Swift nutzt die schweren Beats der Industrial Music für «…Ready For It?» und Justin Bieber den Danceball für «Sorry». Die Rockband Imagine Dragons (in der Schweiz am vierthäufigsten gestreamt) hat ihren Song «Thunder» mit EDM-Rhythmen unterlegt. Und Coldplay, die mit Gitarrenrock berühmt wurden, sind gleich mit zwei Songs mit EDM-Einflüssen in den besten Listen bei Spotify vertreten: «Hymn for the Weekend» und «Something Just Like This». 

Diese Einflüsse verändern den Pop-Song nicht nur musikalisch, sondern auch strukturell. Der Refrain ist traditionell die wichtigste Stelle. Musikalisch und erzählerisch läuft alles auf diesen Höhepunkt hinaus. Auf diesen Teil wartet jeder und alle können ihn mitsingen: «Oops, I did it again, got lost in the game». Traditionell funktionieren EDM-Tracks ohne Stimme. Sie haben anstelle des Refrains aber ein gut erkennbares melodiöses Stück, den sogenannten Drop, der das Tanzpublikum in Ekstase versetzt. In der Popmusik ersetzt nun dieser Pop-Drop den Refrain.

Das Stück «Closer» der Chainsmokers, der Könige des Pop-Drops, ist typisch für die neue Art der Songstruktur: Es beginnt mit einer Strophe, dann kommt ein Teil, der später nochmals wiederholt wird, das wäre traditionell der Refrain, aber das Stück steigert sich musikalisch weiter bis zum melodiösen Teil, dem Pop-Drop, den alle nun nicht mehr mitsingen, aber mitsummen und dazu die Arme in die Höhe reissen.

Eine weitere Entwicklung, die sich seit Jahren abzeichnet: Der Einfluss an World Music nimmt zu. Diesen Trend hat besonders Drake befeuert, indem er Afrobeats aus Westafrika und Dancehall aus Jamaica in seine Musik einfliessen liess. Dieses Jahr war der Einfluss von Lateinamerika spürbar, mit dem Sommerhit «Despacito» des Puertoricaners Luis Fonsi aus Salsa und Reggaeton-Elementen. In «Unforgettable» von French Montana wiederum finden sich Einflüsse aus Afrika und Jamaica. Und dieses Jahr zeigt sich erneut, dass die Pop-Musik insgesamt langsamer wird. Ältere Pop-Musikstücke haben eine Geschwindigkeit von 130 bis 170 Schlägen pro Minute. Die am häufigsten angeklickten Songs 2017 liegen fast alle unter 100 Schlägen pro Minute. Yakov Vorobyev hat mit einer selbstprogrammierten App die 25 am häufigsten gestreamten Songs zwischen 2012 und 2017 untersucht und herausgefunden, dass in diesen fünf Jahren das durchschnittliche Tempo um 23 Schläge pro Minute gesunken ist.

Diese Verlangsamung wird hauptsächlich dem verstärkten Einfluss der langsameren Rap-Musik zugeschrieben. Diese Entwicklungen machen die Pop-Musik konstant interessant und zeigen sie als Abbild der Gesellschaft. Wir leben in einer globalisierten Welt, logisch, dass sich die Musikstile so noch schneller mischen als bis anhin. Daraus entstehen dann wirklich gelungene Stücke wie «Shape of You», aber leider auch total misslungene wie «Something Just Like This», ein melodiöses Gitarrenstück, das völlig unnötig durch ätzende quietschende Beats verhunzt wird. Nun, die am häufigsten gestreamten Songs sind zwar ein Indikator für die Entwicklung der Pop-Musik, aber nicht immer für guten Geschmack.

Top-Musiker 2017 auf Spotify Schweiz

1.

Ed Sheeran: Der Engländer spielt auf seinem neuen Album «÷» mit verschiedenen Musikstilen von irischem Folk, über Hip Hop bis zu Dancehall, mit dem Stück «Shape of You» ist er am erfolgreichsten.

2.

Drake: Der kanadische Rapper arbeitet sehr erfolgreich mit EDM und Worldmusic-Stilen. «Passionfruit» wurde 2017 am häufigsten ge­streamt. Es ist eine Mischung aus Club-House und R’n’B. 

3.

The Chainsmokers: Die Amerikaner dominieren mit ihren eintönigen EDM-untermauerten Popsongs seit Jahren die Charts. Mit ihrem ersten Album «Memories … Do Not Open» waren sie nicht so erfolgreich, nur neun Wochen war es in der Hitparade.

Religiöse Motive

Serie «The Sinner» Drama. Netflix. USA 2017. Von Derek Simonds. Mit Jessica Biel, Bill Pullman, Christopher Abbott. 

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Am Ufer eines Sees nimmt Cora (Jessica Biel) das Messer, mit dem sie eben noch die Birne für ihren vierjährigen Sohn geschnitten hat, steht auf und sticht einen Mann nieder. Panik bricht aus, die Polizei wird gerufen. Und die Täterin bleibt in Blut getränkt neben der Leiche sitzen. Warum hat sie das gemacht? Sie bestreitet die Tat nicht, aber eine Erklärung dafür hat sie nicht. Es hat irgendetwas mit der Musik zu tun, welche die Frau des Mannes kurz vor der Tat laut gespielt hat. Detective Ambrose (Bill Pullman) übernimmt den Fall. Er hat es im Moment auch nicht leicht. Da seine eigene Ehe in Scherben liegt, holt er sich etwas Erleichterung bei einer Domina. Er stürzt sich sofort mit Besessenheit in die Aufklärung des Falles, als könnte er sich selber und seine zerbröckelnde Ehe retten, wenn er denn nur die Antworten für den Ausraster der Frau fände. 

Die Serie beruht auf dem Roman «Die Sünderin» der deutsche Autorin Petra Hammesfahr. Die Geschichte dreht sich um die katholischen Motive von Sünde, Beichte und Selbstkasteiung. In Flashbacks erinnert sich Cora immer wieder an Erlebnisse in ihrem tiefreligiösen Elternhaus und an die schwerkranke kleine Schwester, mit der sie eine symbiotische Beziehung verband. Anfangs ist der religiös begründete Missbrauch in Coras Elternhaus kaum auszuhalten. Zusätzlich spielt «The Sinner» noch mit anderen Sujets wie einem Geheimklub und einem übergriffigen Freund. Aber wer bis zum Ende durchhält, wird belohnt. Denn schliesslich lässt die Serie die bekannten Beweggründe hinter sich und stellt eine eigenständige Theorie für Coras Verhalten auf, die tatsächlich zu überraschen und zu überzeugen vermag.

Mütter stehen zu ihrer Lust

Neue Serien wie «Better Things» und «SMILF» zeigen Mütter von heute: Unvollkommen zwar und in Alltagskämpfe verwickelt, aber selbstbestimmt.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Mütter sind die asexu­ells­ten Kreaturen auf Gottes weitem Planeten. Ironischerweise, denn der Storch hat die Kinder nicht gebracht. Trotzdem hält sich in unserer Kultur der Archetypus der jungfräulichen Maria, die ihre Individualität und Sexualität aufgibt, um in der Mutterrolle aufzugehen.

Hollywoodfilme wie «The Graduate» (1967), «American Pie» (1999) und «Bad Moms» (2016) haben die Mutter zwar sexualisiert, aber immer aus der Sicht eines männlichen hormongesteuerten Teenagers zum hemmungslosen Sexobjekt stilisiert. Das ist quasi ein moderner Twist der Oedipus-Saga: Die Mutter des Freundes ist so erotisch, dass der Jugendliche gar nicht anders kann, als ihren Reizen zu erliegen. Selbstbestimmte weibliche Sexualität sieht anders aus.

Am Vater liegt es nie

Andererseits wird die Mutter gerne als Quell allen Übels eruiert. Läuft mit dem Nachwuchs etwas schief, gilt die allgemeingültige Prämisse: «Cherchez la femme». Die Serie «Mindhunter», in der es um die psychologische Analyse von Serienmördern geht, kommt zum Schluss, dass hinter jedem ­psychopathischen Mörder eine fehlerhafte Mutter steht. Am Vater liegt es nie.

Zwischen diesen beiden extremen Polen tut etwas mütterlicher Alltag not. Hier setzen die beiden Serien «SMILF» und «Better Things» ein. Beide wurden von ­Müttern ­konzipiert und umgesetzt. Denn während das Kino noch immer hauptsächlich die männliche Sicht zeigt, ist das Fernsehen ein Frauenmedium. Von Anfang an waren Frauen nicht nur inhaltlich in Serien und Seifenopern prominent, sondern auch hinter der Kamera, als Regisseurinnen, Autorinnen und Produzentinnen. Mit Serien wie «Girls» begann das Zeitalter der Alleskönnerin: der Frau, die ihre eigene Serie schreibt, Regie führt und die Hauptrolle spielt, um semi-autobiografische Geschichten zu erzählen. Während lange junge Frauen im Mittelpunkt standen, erobern nun die Mütter dieses Terrain.

In einer Szene in «SMILF» («Single Mother I’d Like to Fuck») sieht man die Protagonis-tin Bridgette (Frankie Shaw) mit Kind vor einem Wandgemälde von Maria mit Jesuskind im Arm stehen. Jemand hat Madonna zwei unproportionale Brüste aufsprayt. Das ist es, was diese Serien machen, sie überschreiten gerade die Vorstellungen von Mutterschaft mit selbstbestimmter Sexualität, ganz viel Dreistigkeit und Mut zur Unvollkommenheit.

Kein Sex seit der Geburt des Kindes

Bridgette ist nicht perfekt. Sie lässt ihren zweijährigen Sohn auch mal kurz alleine in der Wohnung zurück, um zum nächsten Laden zu rennen und sich mit Junkfood einzudecken. Als sie dort einen alten Bekannten trifft, reagiert dieser auf die Neuigkeit ihrer Elternschaft erstaunt: «Du bist jemandes Mami. Das ist total verrückt.» Der Einladung zum Sex bei ihr folgt er dann trotzdem sofort. Für Bridgette ist das eine grosse Sache, denn seit der Geburt des Kindes hatte sie keinen Sex mehr. Sie will sich vor allem selber davon überzeugen, dass mit ihrem Körper noch alles stimmt.

Während Bridgette ihre Alltagskämpfe um Kind und gegen Armut im Arbeiter­viertel South Boston austrägt, hat auch Samantha (Pamela Adlon) in ihrer Villa in Los Angeles ihre Mühe mit der Mutterrolle. Als sie es sich endlich erlaubt, einer auf­keimenden Romanze eine Chance zu geben und mit einem Mann für ein Wochenende zu verreisen, laufen ihre Töchter Sturm. Denn auf die Frage, ob sie in ihrer Abwe­sen­heit eine Party feiern dürfen, antwortet diese: «Macht, was ihr wollt.» Die gebotene Freiheit mögen die Kinder daher nicht geniessen – zu sehr sind sie entsetzt über den Mangel an mütterlicher Aufmerksamkeit gegenüber ihren eigenen Bedürfnissen. «Kindervernachlässigung», schreit die eine. «Jetzt sind wir Waisen», schreit die andere.

Bridgette und Samantha sind vor allem eines: Individuen geblieben. Im Guten wie im Schlechten. Ihre Kinder haben sie nicht zu vollkommeneren Menschen werden lassen. Sie geben sich selber nicht für diese auf. Aber sie gehen ihren Weg, und das ist hart genug. Um den Eindruck von aussen können sie sich nicht auch noch kümmern.