Verführ sie mit deinen Reimen

Rappender Teenager statt französischer Dichter: In «Das schönste Mädchen der Welt» mit der Zürcherin Luna Wedler wird ein Theaterstoff modern interpretiert.

Von Murièle Weber (Züritipp)

Jugendliche sind gemein. Als sich Cyril (Aaron Hilmer) im Car für den Schulausflug nach Berlin hinsetzen will, zeigen seine Mitschüler auf seine grosse Nase, keiner macht für ihn den Platz frei. Da steigt überraschend eine neue Schülerin zu: Roxy (Luna Wedler). Sie ist hübsch, sie ist frech, und sagen lässt sie sich erst recht nichts. «Du hast so einen grossen Mund. Wie viele Eier passen denn da rein?», fragt ein Junge. «Wie viele passen denn in deinen?», retourniert sie und hat die Lacher auf ihrer Seite. Sofort verliebt sich die halbe Klasse in sie. Setzen tut sie sich dann ausgerechnet neben Cyril.

«Das schönste Mädchen der Welt» ist eine lose Adaption von Edmond Rostands Drama «Cyrano de Bergerac» (1897). Auch Cyrano hatte einen grossen Zinken, getraute sich deswegen nicht, um seine Angebetete zu werben, und liess ihr seine Liebesgedichte stattdessen von einem schönen Jüngling vortragen. Jetzt im Film ist es der muskulöse Rick (Damian Hardung), der nichts, aber auch gar nichts im Kopf hat, was leider etwas zu plump dargestellt wird. Abgesehen von ein paar anderen Patzern – zum Beispiel, wenn die Mutter (Anke Engelke) Cyril zeigt, wie man den Gummi überstreift, bevor sie mit der Banane Oralsex simuliert –, ist der Film aber gut gelungen.

In dieser modernen Version gehts übrigens nicht mehr um Gedichte, sondern um Raptexte. Mit einer goldenen Maske geschützt, getraut sich Cyril in Berlin vor Publikum und tritt gegen andere Rapper an. Natürlich gewinnt er. Roxy, die den Auftritt sieht, aber denkt, Rick stecke hinter der Maske, verliebt sich in den Wortakrobaten. Die Verwechslungskomödie nimmt ihren Lauf. Bald schickt Cyril dem Mädchen im Namen von Rick wortgewandte Liebesbotschaften als Audiodatei und gewinnt damit erst recht ihr Herz. So funktioniert Verführung im 21. Jahrhundert.

Besonders hervorheben muss man auch die Mädchenfigur, die hier als Angebetete nicht einfach eine passive Projektionsfläche ist, sondern ihr Leben selbst in die Hand nimmt, sich irrt und Fehler macht, aber immer für sich und andere einsteht. Grossartig verkörpert wird sie von der Zürcherin Luna Wedler («Blue My Mind»).

Bezahlte Liebe für den guten Zweck

Oscar Wilde (Rupert Everett) in einem der wenigen glücklichen Momente mit Bosie nach seinem Gefängnisaufenthalt.

Rupert Everett stilisiert in seinem Film «The Happy Prince» den Protagonisten Oscar Wilde zu einem Märtyrer der Schwulenbewegung.

Von Murièle Weber (Züritipp)

«Meine Tapete und ich führen ein Duell bis zum Tode. Einer von uns beiden muss gehen», soll Oscar Wilde auf seinem Sterbebett über die hässliche Wandbekleidung im schäbigen Pariser Hotel gesagt haben. Kurze Zeit später, am 30. November 1900, starb er: ausgeschlossen aus der Gesellschaft, verarmt, einsam. Das war das Ergebnis seiner zweijährigen Gefängnisstrafe unter härtesten Bedingungen, zu der der englische Autor («The Importance of Being Earnest») verurteilt wurde, weil er Sex mit Männern hatte.

Rupert Everett, der auch Regie führt und die Hauptrolle spielt, konzentriert sich in seinem Drehbuch auf die drei Jahre nach dem Gefängnis. Die meisten anderen Filme über Wilde fokussieren auf die erfolgreichen Jahre, als er von der Londoner Gesellschaft hofiert wurde, auf die stürmische Liebe zu Lord Alfred Douglas und den folgenden Abstieg. Aber Everett stellt nicht das Genie Wildes in den Mittelpunkt, sondern die Tragik seines Lebens. Er zeigt den Mittvierziger als alten, gebrochenen, kranken Mann, der trotz Armut immer wieder genug Geld findet für ein paar Minuten mit einem jungen Stricher.

Dabei hält sich Everett einerseits an die biografischen Details und verbindet den Abstieg andererseits mit Wildes Kurzgeschichte «The Happy Prince» über eine Statue, die einen Vogel bittet, die Diamanten, die sie als Augen trägt, herauszupicken, um armen Menschen damit zu helfen. Der Katholik Everett macht Wilde so zu einem Märtyrer, der für den Befreiungskampf der Schwulen gelitten hat – einem Schutzheiligen. Das funktioniert leider nur für die Zuschauer, die bereits etwas Vorwissen über Wilde mitbringen; ansonsten wird Wilde hier zu einem erbärmlichen alten Mann, dessen Bedeutung unbe­greiflich bleibt.

Von Spider-Man zum Gelähmten

Andrew Garfield 2011 am Comic Con. Bild: flickr

Als agiler Spider-Man wurde Andrew Garfield weltberühmt, in «Breathe» spielt er einen Mann, der gegen seine Kinderlähmung kämpft. Wir haben den Darsteller getroffen.

Von Murièle Weber (Züritipp)

Andrew Garfield will offensichtlich alles richtig machen. «Der Dreh zu ‹Breathe› war eine Herausforderung», erzählt er uns am vergangenen ZFF. Das Team hatte nur sieben Wochen zum Filmen, und Garfield musste die ganze Zeit völlig reglos daliegen. «Aber natürlich bin ich auch sehr dankbar für die Möglichkeiten, die ich bekommen habe», relativiert er sogleich.

Es war bestimmt nicht einfach, Robin Cavendish zu spielen: Der Engländer erkrankte mit 28 Jahren an Kinderlähmung und war vom Hals abwärts gelähmt. Zum Atmen war er auf eine Maschine angewiesen, die seinen Bewegungsradius stark einschränkte. Cavendish aber liess sich nicht behindern und war einer der Ersten, die sich einen Rollstuhl mit Beatmungsmaschine bauen liessen. Damit ging er auf Weltreise. Jetzt hat sein Sohn Jonathan als Produzent das Leben des Vaters auf die Leinwand gebracht, mithilfe seines Freunds Andy Serkis. «Breathe» ist das Regiedebüt des Gollum-Darstellers («The Lord of the Rings»).

Herausfordernd beim Dreh war für Garfield vor allem die Atmung: Diese musste er an den Rhythmus der Beatmungsmaschine anpassen. Aber weil das Teil so viel Lärm machte, stellten es die Filmemacher in den nächsten Raum. «Ich trug dann einen Sender im Ohr, damit ich die Maschine hörte. In den zwei Monaten der Vorbereitung habe ich einen Grossteil der Zeit darauf verwendet, den Rhythmus einzuüben.» Wie war es, den Sohn von Cavendish am Set dabeizuhaben? «Das war hilfreich, aber natürlich auch ein ziemlicher Druck», erzählt er.

Geboren wurde Garfield in Los Angeles, der Vater ein Amerikaner, die Mutter eine Britin – als er drei war, zog Garfields Familie nach England. Angefangen hat der 34-Jährige als Theaterschauspieler, bevor er erste Rollen im Fernsehen bekam. Seinen Durchbruch hatte er in David Finchers «The Social Network» – er spielte Mark Zuckerbergs Weggefährten Eduardo Saverin, war als bester Nebendarsteller für einen Golden Globe nominiert. Einem breiten Publikum bekannt wurde er dank «The Amazing Spider-Man».

Garfield wird selten auf Listen der besten Schauspieler seiner Generation geführt, dabei wurde er schon für alle grossen Filmpreise nominiert und hat mit einigen der Grössten aus der Branche gearbeitet. «Andy Serkis hat es am Set gerne fröhlich und aufgestellt und lässt seinen Schauspielern viel Raum. Martin Scorsese arbeitet sehr akribisch und wollte absolute Ruhe bei den Dreharbeiten zu ‹Silence›, was natürlich auch am Thema das Filmes lag.» Garfield spielte da einen von zwei portugiesischen Pfarrern, die im 17. Jahrhundert heimlich in Japan missionieren. Und wie war es mit Mel Gibson beim Kriegsdrama «Hacksaw Ridge»? «Er arbeitet sehr aus dem Bauch heraus, instinktiv. Oft kann er nicht in Worte fassen, was er genau meint, aber wenn es stimmt, sieht er es sofort.» Garfield brachte die Zusammenarbeit mit Gibson eine Oscarnominierung als bester Hauptdarsteller ein.

Vorerst spielt Garfield aber in «Angels in America» am Broadway. Was danach kommt, weiss er noch nicht. «Ich denke, es gibt Zyklen im Leben, und wenn einer abgeschlossen ist, dann beginnt der nächste. Ich bewundere Schauspieler, die sie selber bleiben, wie Mark Ruffalo», sagt Garfield. «Die nächste Geschichte, die ich erzähle, soll etwas ganz anderes sein – vielleicht in einer Fernsehserie.»

Meister der Weltflucht

Steven Spielberg am Comic Con 2017. Bild: flickr

Steven Spielberg liebt das klassische Hollywood und taucht gern in fremde Welten ein. Das Er liebt das klassische Hollywood, hat das moderne Blockbusterkino mitbegründet und taucht gern in fremde Welten ein: Das Xenix widmet Steven Spielberg eine Retrospektive.

Von Murièle Weber (Züritipp)

Mit grossen Augen und aufgerissenem Mund steht ein Dreijähriger in «Close Encounters of the Third Kind» am Fenster und blickt fasziniert auf die Lichter des UFO am Himmel. Die Fokussierung auf das Gesicht vermittelt dem Publikum die Emotionalität der Szene. Sie zeigt aber auch Steven Spielbergs eigene kindliche Faszination mit dem Medium, die er an das Publikum weitergeben will: Das Kino soll die Zuschauer zum Staunen bringen.

Spielberg orientiert sich an der Vergangenheit, an den Dreissiger- bis Fünfzigerjahren. Vor allem die Regisseure John Ford («The Searchers») und David Lean («Lawrence of Arabia») haben es ihm angetan. Wie im klassischen Kino bevorzugt er schön komponierte Bilder und zieht selten die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf die Kunst des Filmemachens, sondern hilft ihnen in die Filmwelt. Er macht Eskapismusfilme, oft getränkt in Sentimentalität. Diese erzeugt er nicht nur durch die Themenwahl, sondern gern auch mit ebendieser Fokussierung der Kamera auf Gesichter, unterlegt mit pathetischer Musik. Deshalb wird er mitunter Meister der Zuschauermanipulation genannt. Aber bei aller berechtigten Kritik, seine Filme halten, was sie versprechen: eine Flucht aus dem Alltag und das Eintauchen in eine andere Welt. Damit wurde Spielberg, der diesen Dezember 71 wird, zumindest finanziell gesehen, der erfolgreichste Regisseur seiner Generation.

Als Spielberg Ende der Sechzigerjahre seine ersten Schritte machte, brach gerade die Ära des New Hollywood an. Seine Zeitgenossen waren Francis Ford Coppola, Terrence Malick oder John Carpenter. Die meist jungen Regisseure fanden ihre Inspiration in Europa, vor allem in den Filmen der Nouvelle Vague, und sie definierten sich selber als Künstler. Aber während Coppola und Malick diesem Verständnis von Film als Kunst – meistens – treu blieben und Carpenter seine Nische im Genrekino fand, begründete Spielberg die nächste grosse Veränderung in Hollywood: das Blockbusterkino.

«Jaws» (dt. «Der Weisse Hai») war der erste Film, der in den USA 100 Millionen einspielte. Es folgten viele weitere, die Spielberg selber einmal als «fast food movies» bezeichnete, wie die Teile der «Indiana Jones»-Reihe. Zugleich machte er immer wieder anspruchsvollere Filme, die ihm am Herz lagen. Das berühmteste Beispiel hierfür ist das Holocaustdrama «Schindler’s List», aber auch «The Color Purple» gehört dazu, über das harte Leben einer jungen schwarzen Frau (Whoopi Goldberg) zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Für seinen nächsten Film, der bei uns im Februar anläuft, blickt Spielberg ebenfalls in die Vergangenheit zurück: «The Post» handelt davon, wie 1971 die «New York Times» und die «Washington Post» Teile der sogenannten Pentagon-Papiere veröffentlichten – und damit aufdeckten, dass die US-Regierung die Bevölkerung in Bezug auf den Vietnamkrieg belogen hatte.

Keine Wahl

Zahira (Lina El Arabi) soll heiraten.

Freiheit gegen arrangierte Ehe: Das belgische Drama «Noces» ist unser Tipp für das Human Rights Festival in Zürich.

Von Murièle Weber (Züritipp)

Bevor das Leben beginnt, soll es schon wieder vorbei sein. So jedenfalls empfindet das Zahira. Sie ist 18 und hat von ihren pakistanischen Eltern die Fotos von drei Männern bekommen. Sie darf wählen, so grosszügig sind die Eltern. Aber einen der drei muss Zahira in den nächsten Wochen heiraten, da gibt es keine Widerrede, denn sie ist schwanger von ihrem Freund. Aber der will sie nicht heiraten. Deshalb soll sie so schnell wie möglich abtreiben lassen, symbolische 2.50 Euro kostet das in Belgien. Aber Zahira will jung sein und auskosten, was das Leben in Europa zu bieten hat.

Die Geschichte klingt abgelutscht: Traditionelle und westliche Welt kollidieren miteinander, und die Frau ist das Opfer. Aber Regisseur Stephan Streker gibt sich sehr viel Mühe, die Motivationen der Figuren herauszuarbeiten: den Freiheitsdrang der Tochter, die Sorgen der Eltern, die Verzweiflung des Bruders. Streker sagt, er wollte eine griechische Tragödie schaffen, in der die Situation monströs ist, nicht aber die Figuren. Keinen Bösewicht solle es in seinem Film geben, so der Regisseur – obwohl am Ende das Böse dann doch in seiner menschlichen Form auftaucht. Vor allem aber zeigt «Noces», dass Immigration ohne Assimilation zu unerträglichen Spannungen führen kann, an der die zweite Generation schmerzhaft zerbricht.

Für Kameramann Grimm Vandekerckhove ist es der erste Film; trotzdem findet er immer wieder einen interessanten Blickwinkel auf die Geschichte, zum Beispiel, wenn er bei der Abtreibung lediglich Zahira zeigt und das Spitalpersonal bloss zu hören ist. Auch die Schauspielerin Lina El Arabi in der Hauptrolle ist ein Neuling. An ihr hängt der ganze Film; sie ist fantastisch in den lauten und den leisen Szenen und in allen dazwischen.

Die Frau und der Krieg

Nada (Golshifteh Farahani) erinnert sich im alten Haus an die Vergangenheit.

In «Go Home» kehrt eine Frau in den Libanon zurück, wo einst ihre Familie lebte – bis der Bürgerkrieg ausbrach. Welche Rolle spielte damals ihr Grossvater? 

Von Murièle Weber (Züritipp)

Verwüstet und etwas verloren steht das Haus auf einer kleinen Anhöhe in dem libanesischen Dorf. Ähnlich einem Gerippe. Nada (Golshifteh Farahani) kehrt in dieses Haus ihrer Familie zurück, aus dem sie der Bürgerkrieg der Siebziger und Achtziger vertrieben hat. Inzwischen haben im Garten fremde Leute ihren Unrat hinterlassen. Die Wände sind mit obszönen Graffiti verschmiert, und am Boden klebt etwas, das Blut sein könnte.

Nada putzt und mistet aus und versucht dabei an eine Vergangenheit anzuknüpfen, zu der sie die Verbindung vor Jahren verloren hat. Nadas Kindheitserinnerungen drehen sich nicht nur um ihre Abenteuer mit dem kleinen Bruder, sondern immer auch um die Frage, was mit dem verschwundenen Grossvater passiert ist. Und je länger Nada in dem Haus verweilt, um so weniger kann sie ihrem eigenen Gedächtnis trauen. War der Grossvater gut, und wurde er von seinen Feinden verschleppt? Oder war er selbst ein Verbrecher im Bürgerkrieg und ist geflüchtet? 

Aufgewachsen ist die französisch-libanesische Regisseurin Jihane Chouaib in Mexiko, nachdem ihre eigene Familie 1976 aus Beirut flüchtete. Für ihr Studium kam Chouaib nach Frankreich und lebt nun dort. «Die Berge von Abfall im Garten, die Nada versucht zu entsorgen, sind wie Deckel, die auf den Erinnerungen an den Krieg platziert wurden», erzählt Chouaib. «Ich wollte dieser kollektiven Amnesie der Libanesen entgegentreten.» Der Film adressiert dieses Trauma mit ruhigen, oft metaphorischen Bildern. Egal, wie oft Nada die Wände putzt und den Boden schrubbt oder den Garten von Unrat befreit, sie bleibt fremd in diesem Dorf und bei diesen Leuten. Niemand will ihr dabei helfen, herauszufinden, was mit dem Grossvater geschah. 

«In diesem Land verschwanden während des Kriegs 17’000 Menschen, die wie Geister umherwandeln. Es ist unmöglich, um sie zu trauern. Deshalb sucht Nada nach dem Leichnam des Grossvaters unter dem Gerümpel.» Chouaib geht nicht nur auf die Auswirkungen ein, die ein Krieg auf die Psyche eines Landes hat. Sie zeigt auch, was der Bürgerkrieg mit den Leuten macht, die geflüchtet sind und jetzt zurückkehren: Sie erleben Entfremdung und die Aussichtslosigkeit, im Ursprungsland wieder ein Gefühl der Heimat herzustellen. Auch sie werden zu wandelnden Geistern, denen Chouaib hiermit ein Denkmal gesetzt hat.

Hure oder Heilige?

In dieser Verfilmung eines englischen Schauerromans «My Cousin Rachel» verdreht eine Frau den Männern den Kopf – und lehrt sie zugleich das Fürchten.

Von Murièle Weber (Züritipp)

Hat sie es getan? Hat sie ihn umgebracht? Der Verdacht wird früh geäussert und hängt wie ein Schatten über allen weiteren Szenen. Dabei ist Rachel (Rachel Weisz) eine grossartige Frau: hübsch, mit einer einnehmenden Persönlichkeit. Intelligent und unkompliziert. Ein Mensch, den man gerne um sich hat. Vielleicht etwas zu stark freiheitsliebend für das 19. Jahrhundert. Aber macht nicht gerade das Rachels Reiz aus? Oder macht sie gerade das zur Mörderin?

Nach dem Tod seiner Eltern wächst Philip (Sam Claflin) bei seinem eigenbrötlerischen Cousin Ambrose in einem reinen Männerhaushalt auf. Als dieser krank wird, raten ihm die Ärzte, ins südliche Klima zu ziehen. In der Ferne heiratet Ambrose überraschend seine verwitwete Cousine Rachel. In seinen Briefen an Philip beschreibt er sie zunächst als «die Quelle all meines Glücks», aber kurze Zeit später verdächtigt er sie als Verursacherin seines schlechten Gesundheitszustandes. Als Ambrose stirbt, ist für Philip die Sache klar. Aber dann zieht Rachel zu Philip nach England. Konfrontiert mit ihrer einnehmenden Persönlichkeit, ist Philip nun überzeugt, dass Ambrose sich geirrt hat. Solch ein göttliches Wesen kann keine Mörderin sein. Doch dann wird Philip selbst krank.

Nie nimmt die Geschichte, nach dem gleichnamigen Roman von Daphne du Maurier («Rebecca»), die Perspektive der Frau ein. Man sieht Rachel stets durch die Augen der Männer, fast so, als würde sie nur in deren Vorstellung existieren. Ist sie eine Heilige, die ihren kranken Mann bis zum Tode aufopferungsvoll gepflegt hat, oder eine Hure, die ihn vergiftet hat, um mit ihrem Liebhaber an sein Geld zu kommen

In der englischen Schauerliteratur sind die Frauen so unergründlich wie die Natur und auch genauso schlecht zu bändigen. In wunderschönen Bildern fängt Regisseur Roger Michell («Notting Hill») Frau und Landschaften ein. Rachel Weisz gibt dafür eine ihrer besten Darbietungen, nimmt das Publikum für sich ein und lässt es gleichzeitig zweifeln. Aber wichtig ist die Antwort auf die schwelende Frage ohnehin nicht. Denn Reiz und Erotik der Rachel liegen genau in der Ungewissheit.

Soul in den Rädern

Edgar Wright hat seinen Lieblingssongs dem Actionfilm «Baby Driver» auf den Leib geschrieben.

Von Murièle Weber (Züritipp)

Zum brechend harten Sound der Punkband The Damned springen die drei Bankräuber aus dem Auto und auf einen Geldtransporter. Genau zum Einsatz des Gesangs schlagen die Gangster den Wächter nieder, bevor sie mit Geld beladen zum Auto zurückstürmen und die Flucht antreten. Regisseur und Drehbuchautor Edgar Wright («Shaun of the Dead») hat jede Szene bis ins letzte Detail durchchoreografiert, sodass alle Handlungen genau zur Musik passen. Während zwanzig Jahren hat er sich zu seinen Lieblingssongs Überfallsund Verfolgungsszenen ausgedacht, die im Rhythmus der Songs inszeniert und geschnitten werden. Das Skript hat er der Musik quasi auf den Leib geschrieben. So ist «Baby Driver» entstanden, der zu zeigen weiss, was grosse Filmkunst erreichen kann: die himmlisch-perfekte Symbiose von Bild und Ton.

Erzählt wird die Geschichte von Baby (Ansel Elgort, «The Fault in Our Stars»), der vom kriminellen Superhirn Doc (Kevin Spacey) als Fluchtwagenfahrer für Banküberfälle angeheuert wird. Weil er aber an einem schlimmen Tinnitus leidet, hört sich Baby über Kopfhörer konstant Musik an, passend zur jeweiligen Situation. Und so tänzelt er geschmeidig zum Soulstück «Harlem Shuffle» von Bob & Earl durch die Strassen Atlantas und flüchtet vor der Polizei zum rockoper-artigen «Hocus Pocus» der Band Focus.

Aber leider hat Wright bei der Entwicklung der Handlung nicht die gleiche Sorgfalt angewendet: Eine unmotivierte Liebesgeschichte zwischen Baby und Debora (Lily James, «Downton Abbey») soll eine Entscheidung Babys gegen Filmende glaubwürdig machen, wirkt aber genauso unverständlich wie die Verwandlung des eiskalten Doc zur väterlichen Beschützerfigur.

Rückkehr der Dilettanten

Im Film «Guardians of the Galaxy Vol. 2» machen diese tollpatschigen Helden, beim Versuch, das Universum zu retten, vor allem eines: alles kaputt.

Von Murièle Weber (Züritipp)

Nicht weniger als das Schicksal der Menschheit liegt auf ihren Schultern. Schlechter hätte es die Menschheit kaum treffen können – legt die Söldnertruppe um Peter Quill alias Star-Lord (Chris Pratt) in ihrer Inkompetenz doch gerne alles in Schutt und Asche, was ihnen vor den Bug des lottrigen Raumschiffs kommt. Wenn sie am Schluss den Tag doch retten, ist eher Zufall; die Schicksalsgöttin scheint es irgendwie gut mit ihnen zu meinen. Wahrscheinlich hat das wankelmütige Weib das Gefühl, den Sonderlingen etwas zu schulden nach dem Horror, den die einzelnen Mitglieder durchgemacht haben: Folter, Tierversuche, Tod und Entführung.

Aber jetzt nimmt es die Gruppe mit allen auf. Zuerst sollen sie einer genetisch veränderten ausserirdischen Rasse gegen einen gefrässigen Riesenwurm helfen – woraufhin aber der diebische Waschbär Rocket (Stimme: Bradley Cooper) den endlosen Zorn der Überwesen auf die Truppe zieht. Dann werden sie in eine Meuterei jener Bande verwickelt, die Quill damals von der Erde entführt hat. Nebula (Karen Gillan), die Schwester der Amazone Gamora (Zoe Saldana), spielt sich auch in den Mittelpunkt. Und schliesslich taucht noch der liebe Papa (Kurt Russell) von Quill auf. Wie das so ist: Die Familientreffen bringen allerlei emotionalen Zündstoff mit sich. Wieso hast du meine Mutter verlassen, warum willst du mich immer umbringen? Das Übliche eben. Die fünf Gefühlsphobiker müssen sich deshalb mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen und sich gleichzeitig fragen, wer sie in Zukunft sein wollen. Zum Glück bringt der Soundtrack genug Gelegenheit, sich tänzelnd aus der Situation zu schleichen.

Oder da muss Rocket mitten im Laserbombardement dem neu gewachsenen und deswegen noch kleinen, sprechenden Baum Groot (Stimme: Vin Diesel) erklären, welchen Knopf er auf keinen Fall drücken darf, damit sie nicht alle in die Luft fliegen. Als er schliesslich Quill nach einem Klebstreifen fragt, um den tödlichen Knopf abzukleben, brüllen die beiden sich minutenlang an. «Ihr seid keine Freunde, ihr schreit euch immer an», stellt Nebula fest. «Richtig, wir sind eine Familie», lautet die Antwort.

Die Rolle des Zeugen

James Baldwin am Albert Memorial. Bild: Wiki Commons

Der haitianische Regisseur Raoul Peck erzählt im Film «I Am Not Your Negro» vom afroamerikanischen Autor James Baldwin. Dieser analysierte die Rolle der Schwarzen im Amerika.

Von Murièle Weber (Züritipp)

Ein afroamerikanisches Mädchen wird angespuckt auf dem Weg in eine weisse Schule. Dieses Foto hing 1957 an allen Zeitungsständen in Paris und veranlasste Autor James Baldwin (1921–1987) zur Rückkehr in die USA. «Jeder leistete seinen Beitrag, und das wollte ich auch tun», schrieb er. In den Südstaaten begleitete er deshalb Bürgerrechtsaktivisten und entdeckt dabei seine Rolle: «Als Zeuge musste ich mich so frei wie möglich bewegen, um die Geschichte zu schreiben und an die Öffentlichkeit zu bringen.» Deshalb schloss sich der Afroamerikaner nie einer politischen Bewegung an, sondern war in Kontakt mit vielen Aktivisten: Martin Luther King, Malcolm X oder Medgar Evers.

Über diese drei wollte Baldwin ein Buch schreiben, das aufgrund seines Todes leider ein Fragment blieb. Dieses nahm der haitianische Regisseur Raoul Peck als Ausgangspunkt seines Dokumentarfilms. «Ich wusste, ich wollte niemand anderen zu Wort kommen lassen als Baldwin. Niemand, der ihn interpretiert. Ich wollte in seinem Kopf sein», erzählt Peck. Deshalb bat er Samuel L. Jackson darum, Baldwins Texte vorzulesen, wo der Autor mithilfe von Archivmaterial nicht gleich selbst spricht. Dabei konzentriert sich Peck auf Baldwins Texte über die Rolle der Schwarzen und ignoriert leider dessen Schaffen über Homosexualität. «Die Geschichte der Schwarzen in Amerika ist die Geschichte von Amerika, und es ist keine schöne Geschichte», schrieb Baldwin. Peck unterlegt das mit Grossaufnahmen von gelynchten Menschen. Zur Visualisierung von Baldwins Worten benutzt er aber auch Stereotype aus Comics, Werbungen und Filmausschnitte: die dicke schwarze Mammy, die über einen Kühlschrank staunt, oder den distinguierten, älteren schwarzen Diener, der seinem Herrn einen Drink reicht. Und Peck zeigt Sidney Poitier, der sich am Schluss von «The Defiant Ones» (1958) für seinen weissen Mitgefangenen aufopfert. «Dem weissen Publikum sollte damit vermittelt werden, dass die Schwarzen ihnen trotz aller Verbrechen nicht böse waren», analysiert Filmfan Baldwin.

Er ist eine wichtige, manchmal schon fast vergessene amerikanische Stimme, einer, der genau beobachtete und scharfsinnig berichtete. Raoul Pecks Entscheidung, sich vollständig auf Baldwins Worte zu verlassen, war richtig.