Patti Cake$

Pattie Cake$

Von Murièle Weber (FRAME)

Pattis Leben ist eines von der üblen Sorte: Das Grossmaul (Danielle Macdonald) wohnt im schäbigen New Jersey, der Vater ist weg, die Mutter (Bridget Everett) trinkt viel und zeigt gerne ihre Brüste; ihre Abende enden meist mit dem Kopf über der Kloschüssel – in der Bar, in der Patti arbeitet. Kommt hinzu: Patti ist so richtig fett. «Du bist die weisse Precious», sagt ein junger Mann, den sie mag, zu ihr, bevor er ihr eine Kopfnuss verpasst. Aber Patti hat Träume so gross wie Wolkenkratzer. Und sie kann rappen. Deshalb träumt sie vom Übervater des Genres, der sie zur neuen Rap-Queen küren soll. Dafür übt sie regelmässig mit ihrem besten Freund Jheri und hofft auf den Durchbruch. «Patti Cake$» liegt inhaltlich auf halber Strecke zwischen «Scott Pilgram vs. the World» (2010) mit seinen jugendlichen Heldenphantasien und «8 Mile» (2002) mit seiner Vom-Tellerwäscher-zum-Rapmillionär-Geschichte. Man kennt solche Storys, aber das macht nichts. Denn «Patti Cake$» ist so charmant, dass Film und Figuren jedes Herz erwärmen. Die grandiosen Raptexte stammen von Regisseur Geremy Jasper selbst, Danielle Macdonald rotzt sie runter wie ein Profi und trifft auch schauspielerisch immer die richtige Note. Während Patti noch für Ruhm und Ehre schuften muss, hat Macdonald es geschafft.

Hure oder Heilige?

In dieser Verfilmung eines englischen Schauerromans «My Cousin Rachel» verdreht eine Frau den Männern den Kopf – und lehrt sie zugleich das Fürchten.

Von Murièle Weber (Züritipp)

Hat sie es getan? Hat sie ihn umgebracht? Der Verdacht wird früh geäussert und hängt wie ein Schatten über allen weiteren Szenen. Dabei ist Rachel (Rachel Weisz) eine grossartige Frau: hübsch, mit einer einnehmenden Persönlichkeit. Intelligent und unkompliziert. Ein Mensch, den man gerne um sich hat. Vielleicht etwas zu stark freiheitsliebend für das 19. Jahrhundert. Aber macht nicht gerade das Rachels Reiz aus? Oder macht sie gerade das zur Mörderin?

Nach dem Tod seiner Eltern wächst Philip (Sam Claflin) bei seinem eigenbrötlerischen Cousin Ambrose in einem reinen Männerhaushalt auf. Als dieser krank wird, raten ihm die Ärzte, ins südliche Klima zu ziehen. In der Ferne heiratet Ambrose überraschend seine verwitwete Cousine Rachel. In seinen Briefen an Philip beschreibt er sie zunächst als «die Quelle all meines Glücks», aber kurze Zeit später verdächtigt er sie als Verursacherin seines schlechten Gesundheitszustandes. Als Ambrose stirbt, ist für Philip die Sache klar. Aber dann zieht Rachel zu Philip nach England. Konfrontiert mit ihrer einnehmenden Persönlichkeit, ist Philip nun überzeugt, dass Ambrose sich geirrt hat. Solch ein göttliches Wesen kann keine Mörderin sein. Doch dann wird Philip selbst krank.

Nie nimmt die Geschichte, nach dem gleichnamigen Roman von Daphne du Maurier («Rebecca»), die Perspektive der Frau ein. Man sieht Rachel stets durch die Augen der Männer, fast so, als würde sie nur in deren Vorstellung existieren. Ist sie eine Heilige, die ihren kranken Mann bis zum Tode aufopferungsvoll gepflegt hat, oder eine Hure, die ihn vergiftet hat, um mit ihrem Liebhaber an sein Geld zu kommen

In der englischen Schauerliteratur sind die Frauen so unergründlich wie die Natur und auch genauso schlecht zu bändigen. In wunderschönen Bildern fängt Regisseur Roger Michell («Notting Hill») Frau und Landschaften ein. Rachel Weisz gibt dafür eine ihrer besten Darbietungen, nimmt das Publikum für sich ein und lässt es gleichzeitig zweifeln. Aber wichtig ist die Antwort auf die schwelende Frage ohnehin nicht. Denn Reiz und Erotik der Rachel liegen genau in der Ungewissheit.

Soul in den Rädern

Edgar Wright hat seinen Lieblingssongs dem Actionfilm «Baby Driver» auf den Leib geschrieben.

Von Murièle Weber (Züritipp)

Zum brechend harten Sound der Punkband The Damned springen die drei Bankräuber aus dem Auto und auf einen Geldtransporter. Genau zum Einsatz des Gesangs schlagen die Gangster den Wächter nieder, bevor sie mit Geld beladen zum Auto zurückstürmen und die Flucht antreten. Regisseur und Drehbuchautor Edgar Wright («Shaun of the Dead») hat jede Szene bis ins letzte Detail durchchoreografiert, sodass alle Handlungen genau zur Musik passen. Während zwanzig Jahren hat er sich zu seinen Lieblingssongs Überfallsund Verfolgungsszenen ausgedacht, die im Rhythmus der Songs inszeniert und geschnitten werden. Das Skript hat er der Musik quasi auf den Leib geschrieben. So ist «Baby Driver» entstanden, der zu zeigen weiss, was grosse Filmkunst erreichen kann: die himmlisch-perfekte Symbiose von Bild und Ton.

Erzählt wird die Geschichte von Baby (Ansel Elgort, «The Fault in Our Stars»), der vom kriminellen Superhirn Doc (Kevin Spacey) als Fluchtwagenfahrer für Banküberfälle angeheuert wird. Weil er aber an einem schlimmen Tinnitus leidet, hört sich Baby über Kopfhörer konstant Musik an, passend zur jeweiligen Situation. Und so tänzelt er geschmeidig zum Soulstück «Harlem Shuffle» von Bob & Earl durch die Strassen Atlantas und flüchtet vor der Polizei zum rockoper-artigen «Hocus Pocus» der Band Focus.

Aber leider hat Wright bei der Entwicklung der Handlung nicht die gleiche Sorgfalt angewendet: Eine unmotivierte Liebesgeschichte zwischen Baby und Debora (Lily James, «Downton Abbey») soll eine Entscheidung Babys gegen Filmende glaubwürdig machen, wirkt aber genauso unverständlich wie die Verwandlung des eiskalten Doc zur väterlichen Beschützerfigur.

Rückkehr der Dilettanten

Im Film «Guardians of the Galaxy Vol. 2» machen diese tollpatschigen Helden, beim Versuch, das Universum zu retten, vor allem eines: alles kaputt.

Von Murièle Weber (Züritipp)

Nicht weniger als das Schicksal der Menschheit liegt auf ihren Schultern. Schlechter hätte es die Menschheit kaum treffen können – legt die Söldnertruppe um Peter Quill alias Star-Lord (Chris Pratt) in ihrer Inkompetenz doch gerne alles in Schutt und Asche, was ihnen vor den Bug des lottrigen Raumschiffs kommt. Wenn sie am Schluss den Tag doch retten, ist eher Zufall; die Schicksalsgöttin scheint es irgendwie gut mit ihnen zu meinen. Wahrscheinlich hat das wankelmütige Weib das Gefühl, den Sonderlingen etwas zu schulden nach dem Horror, den die einzelnen Mitglieder durchgemacht haben: Folter, Tierversuche, Tod und Entführung.

Aber jetzt nimmt es die Gruppe mit allen auf. Zuerst sollen sie einer genetisch veränderten ausserirdischen Rasse gegen einen gefrässigen Riesenwurm helfen – woraufhin aber der diebische Waschbär Rocket (Stimme: Bradley Cooper) den endlosen Zorn der Überwesen auf die Truppe zieht. Dann werden sie in eine Meuterei jener Bande verwickelt, die Quill damals von der Erde entführt hat. Nebula (Karen Gillan), die Schwester der Amazone Gamora (Zoe Saldana), spielt sich auch in den Mittelpunkt. Und schliesslich taucht noch der liebe Papa (Kurt Russell) von Quill auf. Wie das so ist: Die Familientreffen bringen allerlei emotionalen Zündstoff mit sich. Wieso hast du meine Mutter verlassen, warum willst du mich immer umbringen? Das Übliche eben. Die fünf Gefühlsphobiker müssen sich deshalb mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen und sich gleichzeitig fragen, wer sie in Zukunft sein wollen. Zum Glück bringt der Soundtrack genug Gelegenheit, sich tänzelnd aus der Situation zu schleichen.

Oder da muss Rocket mitten im Laserbombardement dem neu gewachsenen und deswegen noch kleinen, sprechenden Baum Groot (Stimme: Vin Diesel) erklären, welchen Knopf er auf keinen Fall drücken darf, damit sie nicht alle in die Luft fliegen. Als er schliesslich Quill nach einem Klebstreifen fragt, um den tödlichen Knopf abzukleben, brüllen die beiden sich minutenlang an. «Ihr seid keine Freunde, ihr schreit euch immer an», stellt Nebula fest. «Richtig, wir sind eine Familie», lautet die Antwort.

Die Rolle des Zeugen

James Baldwin am Albert Memorial. Bild: Wiki Commons

Der haitianische Regisseur Raoul Peck erzählt im Film «I Am Not Your Negro» vom afroamerikanischen Autor James Baldwin. Dieser analysierte die Rolle der Schwarzen im Amerika.

Von Murièle Weber (Züritipp)

Ein afroamerikanisches Mädchen wird angespuckt auf dem Weg in eine weisse Schule. Dieses Foto hing 1957 an allen Zeitungsständen in Paris und veranlasste Autor James Baldwin (1921–1987) zur Rückkehr in die USA. «Jeder leistete seinen Beitrag, und das wollte ich auch tun», schrieb er. In den Südstaaten begleitete er deshalb Bürgerrechtsaktivisten und entdeckt dabei seine Rolle: «Als Zeuge musste ich mich so frei wie möglich bewegen, um die Geschichte zu schreiben und an die Öffentlichkeit zu bringen.» Deshalb schloss sich der Afroamerikaner nie einer politischen Bewegung an, sondern war in Kontakt mit vielen Aktivisten: Martin Luther King, Malcolm X oder Medgar Evers.

Über diese drei wollte Baldwin ein Buch schreiben, das aufgrund seines Todes leider ein Fragment blieb. Dieses nahm der haitianische Regisseur Raoul Peck als Ausgangspunkt seines Dokumentarfilms. «Ich wusste, ich wollte niemand anderen zu Wort kommen lassen als Baldwin. Niemand, der ihn interpretiert. Ich wollte in seinem Kopf sein», erzählt Peck. Deshalb bat er Samuel L. Jackson darum, Baldwins Texte vorzulesen, wo der Autor mithilfe von Archivmaterial nicht gleich selbst spricht. Dabei konzentriert sich Peck auf Baldwins Texte über die Rolle der Schwarzen und ignoriert leider dessen Schaffen über Homosexualität. «Die Geschichte der Schwarzen in Amerika ist die Geschichte von Amerika, und es ist keine schöne Geschichte», schrieb Baldwin. Peck unterlegt das mit Grossaufnahmen von gelynchten Menschen. Zur Visualisierung von Baldwins Worten benutzt er aber auch Stereotype aus Comics, Werbungen und Filmausschnitte: die dicke schwarze Mammy, die über einen Kühlschrank staunt, oder den distinguierten, älteren schwarzen Diener, der seinem Herrn einen Drink reicht. Und Peck zeigt Sidney Poitier, der sich am Schluss von «The Defiant Ones» (1958) für seinen weissen Mitgefangenen aufopfert. «Dem weissen Publikum sollte damit vermittelt werden, dass die Schwarzen ihnen trotz aller Verbrechen nicht böse waren», analysiert Filmfan Baldwin.

Er ist eine wichtige, manchmal schon fast vergessene amerikanische Stimme, einer, der genau beobachtete und scharfsinnig berichtete. Raoul Pecks Entscheidung, sich vollständig auf Baldwins Worte zu verlassen, war richtig.

Wer steckt denn hier noch im Ghetto?

Mit «Brokeback Mountain» und «Carol» sind die Lesben und Schwulen längst im Mainstreamkino angekommen. Warum braucht es da immer noch ein Festival zum Queer Cinema?

Von Murièle Weber (Züritipp)

Selbst Jackie Kennedy sass damals im Publikum. Als das Theaterstück «The Boys in the Band» 1968 in New York anlief, standen die Leute mehrere Hundert Meter im Nieselregen für Tickets an. Alle wollten den scharfzüngigen Schwulen Harold sehen, der mit seinen Freunden Geburtstag feiert. Und für einmal starb auch niemand, bevor der Vorhang fiel: Jahrzehntelang waren Homosexuelle auf Mörder oder Opfer reduziert worden, aber nun feierten sie.

Als die Verfilmung 1970 in die Kinos kam, hatte die Welt sich verändert. Die Stonewall-Ausschreitungen führten zu neuem Selbstbewusstsein und politischem Aktivismus. «The Boys in the Band» wurde von Schwulenaktivisten boykottiert. Denn schliesslich zeigte der Film Schwule, die nach jahrelanger, gesellschaftlicher Ablehnung an Selbsthass leiden. Repräsentation reichte nicht mehr, man wollte stolze Homosexuelle mit positiven Geschichten sehen. Während Hollywood in den Achtzigerjahren nur zögerlich Fortschritte machte, zeigten unabhängige Filmemacher wie Rob Epstein und Jeffrey Friedman, die dieses Jahr am Pink Apple ausgezeichnet werden, selbstbewusstes homosexuelles Leben. Und als Aids sich zur Epidemie ausweitete und Hollywood das Thema bis zu «Philadelphia» (1993) ignorierte, erzählte das Fernsehen mit «An Early Frost» (1985) von Ron Cowen und Daniel Lipman von einem Anwalt, der zum Sterben zu seinen Eltern zieht. Cowen und Lipman waren später mit der Serie «Queer as Folk» erfolgreich.

Trotzdem dauerte es bis zu Beginn der Neunzigerjahre, bis von einem eigenständigen Genre – dem Queer Cinema – gesprochen wurde. Hier kreuzten sich die Ästhetik von Andy Warhol und John Waters mit der selbstsicheren Attitüde von Filmemachern wie Gus Van Sant («My Own Private Idaho») oder Derek Jarman («Edward II»), die den Politaktivisten den Mittelfinger zeigten, indem sie schwul-lesbisches Leben in all seiner Verkorkstheit am Rande der Gesellschaft zeigten. Das Schimpfwort queer (in etwa «seltsam») wurde jetzt stolz getragen.

Seither ist viel passiert. Schwule, Lesben und Transgender sind im Mainstream angekommen mit «Brokeback Mountain», «Carol» oder «The Danish Girl». Braucht es da das Queer Cinema überhaupt noch? Ja, auf jeden Fall. In «The Danish Girl» zum Beispiel geht es weniger um das Leben einer Transfrau, als um die Sicht der Heteros auf sie. In der Leitkultur vertreten zu sein, ist nicht das Gleiche, wie eigene Ausdrücke für das eigene Leben zu finden. Junge, homosexuelle Filmemacher wie Andrew Haigh («The Weekend»), Xavier Dolan («Juste la fin du monde») oder Dee Rees («Pariah») machen nicht nur berührende Filme, sondern experimentieren auch mit einer eigenen Ästhetik. Sie zeigen ihre Identität, ihre Welt, ihre Geschichten. Das ist bereichernd für alle. Dass diese Filme im Kino laufen, ist grossartig. Sie gehören aber auch an ein schwul-lesbisches Filmfestival, das nicht im Ghetto stattfindet, sondern im öffentlichen Raum mitten in der Stadt. So sollte es auch sein.

HIGHLIGHTS

STRIKE A POSE

Geschichte von Madonnas ehemaligen Tänzern Arthouse Movie Do 27.4., 17 Uhr Fr 28.4., 21 Uhr

HANDSOME DEVIL

Zwischen Outsider und Rugby-Star entwickelt sich eine zärtliche Freundschaft Arthouse Movie Sa 29.4., 21 Uhr Mo 1.5., 14.30 Uhr

SUICIDE KALE

Neues Paar trifft sich mit langjährigem Paar und findet eine schriftliche Suiziddrohung Arthouse Movie So 30.4., 19.15 Uhr

STEVE BLAME: GAY – THE 80’S MUSIC AND ME

Vortrag des ehemaligen MTV-Moderators über den Einfluss der Musik auf die LGBT-Bewegung Kulturhaus Helferei Fr 28.4., 19 Uhr

Kino der Schatten

Zwischen den beiden Weltkriegen entstanden in Deutschland Filme, die sich seinerzeit auch mit Hollywood messen konnten. Das Schaffen von Regisseuren wie Fritz Lang oder F. W. Murnau wirkt bis heute nach.

Von Murièle Weber (Züritipp)

«Du musst Caligari werden!», stand 1920 auf vielen Plakatsäulen in ganz Deutschland. Nein, das bewarb keine Sekte, sondern ein Meisterwerk des expressionistischen Films: «Das Cabinet des Dr. Caligari». Das zentrale Merkmal dieser Filme ist das gemalte Set, dem sich selbst die Darsteller unterordnen mussten. Mit verzerrten Perspektiven, abstrakten Naturlandschaften und Treppen, die scheinbar ins Nichts führen, widerspiegelt das expressionistische Kino den inneren Zustand der Figuren, was besonders nach dem Schrecken des Ersten Weltkriegs grossen Anklang fand. Und so taumelt der Schlafwandler Cesare durch eine Stadt der schiefen Häuser, um im Auftrag seines Herren Dr. Caligari Morde zu begehen. Diese Stimmung der konstanten Bedrohung, der Stadt als einem Labyrinth und Ort des Verbrechens, wurde später ein wichtiger Aspekt im Film noir.

Gerade mal fünfzehn Jahre dauerte das Weimarer Kino, vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zur Machtergreifung der Nazis. In der jungen Republik, die Inflation und Gewalt erlebte, aber auch von einer Aufbruchstimmung und einer vergnügungsfreudigen Jugend geprägt war, entstand ein Kino, das zu dieser Zeit als einziges mit Hollywood konkurrieren konnte – sowohl in der Anzahl der Werke als auch in seinem künstlerischen Ausdruck.

Mit Neugier und Experimentierfreude revolutionierten die deutschen Filmemacher das Medium. Für «Der letzte Mann» (1924) erfand F. W. Murnau mit Kameramann Karl Freund Möglichkeiten, die Kamera aus ihrer bis dahin starren Stellung zu befreien. In der Eröffnungsszene versetzten die beiden das Publikum in Staunen, als sie das Kameraauge scheinbar mühelos durch eine Hotellobby gleiten liessen. Dafür schoben sie den Apparat an ein Fahrrad gebunden durch den Raum.

Besonders einflussreich war auch Fritz Lang, der Genrespezialist. Neben der Fantasy («Die Nibelungen») und dem Abenteuerfilm («Die Spinnen») prägte Lang die Science-Fiction und den Krimi. «Metropolis» (1927) war sein politischstes Werk. In einer Stadt der Zukunft leben die Reichen an der Oberfläche, während die Armen unter der dunklen Erde schuften – bis es zu einem Aufstand kommt. Die grandiose Architektur mit ihrem imposanten Turm zu Babel und der Robotermensch Maria beflügelten unzählige futuristische Nachfolger wie «Blade Runner» oder «The Fifth Element». Dem Krimi drückte Lang mit den Mabuse-Filmen sowie seinem ersten Tonfilm «M – Eine Stadt sucht einen Mörder» (1931) den Stempel auf. Er nahm den Film noir vorweg, indem er eine Welt der verschwommenen Moral zwischen Polizei und Unterwelt zeigte.

Als Reaktion auf die Extravaganzen des expressionistischen Films entstand Ende der 20er-Jahre die Neue Sachlichkeit. Man wollte weg von den verzerrten Perspektiven und hin zur realistischen Darstellung. So entstand 1925 «Die freudlose Gasse», die das Elend der Unterschicht zeigt, aus dem sich für Frauen oft nur die Prostitution als Ausweg anbot. Einzig Grete (gespielt von der jungen Greta Garbo) wird von diesem Schicksal bewahrt. Mit etwas mehr Leichtigkeit erzählt «Menschen am Sonntag» (1929) vom Leben einer Gruppe junger Leute, die ihren freien Tag am See verbringen. Hier sammelte Billy Wilder Erfahrungen als Drehbuchautor.

Als die Nazis 1933 an die Macht kamen, wurde das Weimarer Kino als entartete Kunst gebrandmarkt; viele der Filmemacher mussten emigrieren. Aber dem Einfluss dieser Künstler, ihrer Werke und ihrer Ästhetik konnten die Nazis nichts mehr anhaben. Der Weimarer Film hatte bereits die Welt erobert.

Affe braucht Liebe

Vor über achtzig Jahren kletterte King Kong erstmals auf einen Wolkenkratzer, jetzt kommt er im Film «Kong: Skull Island» einmal mehr in einer neuen Version auf die Leinwand. Über den berühmten Affen und seine Frauengeschichten.

Von Murièle Weber (Züritipp)

Zu Rockmusik der 60er-Jahre lassen US-Soldaten Bomben aus Helikoptern fallen, unter ihnen geht der Dschungel in Flammen auf. Für einen Moment wähnt man sich in «Apocalypse Now» (1979). Das auch später, als sich die Crew zu einer Reise in einem lottrigen Boot auf einem Fluss aufmacht. Aber nein, wir sind im neuesten King-Kong-Film. Der Riesenaffe ist ziemlich erbost, weil die Bomben die bösartigen Monstereidechsen aufgeweckt haben, die ihn immer angreifen. Deshalb holt er die Helikopter mit einem Faustschlag vom Himmel. Das wiederum kann Colonel Packard (Samuel L. Jackson) nicht auf sich sitzen lassen und zieht in die Schlacht gegen den Primaten.

Packard wurde von einem Wissenschaftler (John Goodman) gleich nach Ende des Vietnamkrieges 1973 zu dieser Erkundung aufgeboten. Und nachdem man den Colonel schon den Vietnamkrieg nicht gewinnen liess, will er zumindest den Affen besiegen. Der private Sicherheitsmann Conrad (Tom Hiddleston) und die Kriegsfotografin Weaver (Brie Larson) versuchen, Packard vom Affenmord abzuhalten, denn ohne Kong würden die Echsen die Erde übernehmen.

Die Geschichte um King Kong war schon immer beides: ein Monsterfilm und eine Liebesschnulze. 1933 beim ersten Kong-Film war das Publikum begeistert vom grossen Affen, der mit Dinosauriern rang, trotzdem ging vor allem der Schluss in die Populärkultur ein: Der Riesenaffe flüchtet aus der Gefangenschaft und hilft der in Bedrängnis geratenen blonden Ann (Fay Wray), indem er mit ihr auf das Empire State Building klettert, wo ihn eine Fliegerstaffel vom Hochhaus schiesst. Das führt zu einem der bekanntesten Filmzitate: «Die Schönheit tötete das Biest.»

Dieser Schluss rührte den kleinen Peter Jackson als Kind derart zu Tränen, dass es seine lebenslange Kong-Liebe begründete und ihn zu seinem «King Kong»-Remake von 2005 inspirierte. Dafür verwendete er auch Ideen von Kong-Erfinder Edgar Wallace, die 1933 unter den Tisch gefallen waren. Besonders aber betonte Jackson in faszinierenden Bildern die zärtlich-platonische Liebe zwischen der Frau (Naomi Watts) und dem Affen. Die-Schöne- und-das-Biest-Thematik wiederum griff das erste King-Kong-Remake von 1976 in plumper, übersexualisierter Weise auf, als der Affe Dawn (Jessica Lang) mit dem Fingernagel das Kleidchen vom Körper kratzen will.

Zur Darstellung des Riesenaffen gehört auch die jeweils aktuelle Filmtechnik. Der erste Kong wurde 1933 auf heute noch beeindruckende Art durch Stop-Motion zum Leben erweckt. 1976 setzten die Filmemacher zur allgemeinen Erheiterung auf einen Schauspieler im Gorillakostüm. Jackson setzte seine Erfahrungen mit dem Motion-Capture-Verfahren ein, die er bei der Arbeit an Gollum in «The Lord of the Rings» gewonnen hatte. Der neueste Riesenaffe schliesslich entstand vollständig am Computer.

In «Kong: Skull Island» bleiben die Menschen allesamt flache Abziehbildchen, abgesehen von John C. Reilly, der eine seiner gewohnten witzigen Figuren zum Bestem gibt. Nimmt man noch die überlangen Kampfszenen zwischen Affe und Eidechsen hinzu, denkt man bald sehnsüchtig an Jacksons Arbeit zurück. Wer trotzdem noch nicht genug hat: «Kong: Skull Island» ist nach «Godzilla» (2014) der zweite Teil der sogenannten Monsterverse-Reihe. 2019 wird sie mit «Godzilla: King of the Monsters» fortgesetzt, und 2020 folgt dann die finale Monsterprügelei in «Godzilla vs. Kong».

Krankes Kurhotel

Schweizer, die nur Hochdeutsch sprechen: Der neue Film von Gore Verbinski «A Cure for Wellness» nimmts nicht so genau und ist auch sonst eher ein Ärgernis.

Von Murièle Weber (Züritipp)

«Wir alle leiden an einer Krankheit, die wie Galle auf der Zunge brennt», liest der junge Manager Lockhart (Dana DeHaan) aus einem Brief seines Chefs vor. Dieser weilt seit Monaten in den Wellnessferien in den Schweizer Berger, wo er in den Genuss einer ominösen Kur kommt, und will nicht mehr heimkehren. Weil der Chef aber für eine anstehende Firmenfusion benötigt wird, soll der ehrgeizige Lockhart ihn zurückzuholen.

Am Kurort angekommen, wird Lockhart bewusst: Hier stimmt etwas nicht. Er darf den Chef nicht sehen, und um das sagenhafte Rezept der angepriesenen Kur wird ein grösseres Tamtam gemacht als um das von Ricola und Appenzeller Käse. Nach einem Unfall wacht Lockhart schliesslich im Kurhotel als Patient wieder auf und wird auf Anweisung von Dr. Volmer (Jason Isaacs) im Schloss festgehalten.

Würden sich die europäischen Nationen endlich zur einheitlichen EU zusammenraufen, müssten sich die Amerikaner nicht mehr so viele Länder merken. Das scheint für sie eine unüberwindbare Herausforderung zu sein. Nur so lässt sich erklären, weshalb das Pflegepersonal und die Dörfler der nahen Ortschaft nicht nur akzentfreies Hochdeutsch sprechen, sondern sich auch als sadistische Teutonen herausstellen, die Gegenstände aus dem deutschen Kaiserreich sammeln. Ansonsten erscheint Europa als maroder Inzesthaufen. Denn das Kurhotel war früher das Schloss eines Schweizer Barons, der seinen Familienzweig rein halten wollte und deshalb seine Schwester heiratete. Als diese den deformierten Fötus nicht austragen konnte, suchte er nach einer Kur. 200 Jahre später profitieren davon alte amerikanische Geldsäcke, die vor allem an ihrem Ehrgeiz und der Gier leiden.

Das hätte vielleicht ein guter Film werden können: wenn Drehbuchautor Justin Haythe einige hochpeinliche Stellen gestrichen hätte; wenn die Schweiz nicht in Deutschland liegen würde; wenn sich Regisseur Gore Verbinski («The Ring») hätte entscheiden können, ob das ein Horrorfilm, ein Krimi oder ein Thriller sein soll, und wenn er sich darauf festgelegt hätte, was er kritisieren will – den amerikanischen Kapitalismus oder das marode Europa.

Männerfreundschaften

Sick Boy (Jonny Lee Miller) und Renten (Ewan McGregor) nach 20 Jahren wieder vereint.

Danny Boyle schafft es, mit «T2 Trainspotting» nicht nostalgisch zu werden. In der Neuauflage des Kulthits der neunziger Jahre wirft er einen frischen Blick auf die bösen Buben.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

«Was hast du die letzten 20 Jahre gemacht?», fragt Sick Boy seinen besten Freund Mark Renton, als dieser überraschend die schäbige Bar betritt. So lange ist es her, seit die beiden Junkies zusammen mit ihren Freunden Spud und Begbie zum peitschenden Beat von Iggy Pops «Lust for Life» durch die Strassen Edinburgs gerannt sind – auf der Flucht vor einem bürgerlichen Leben. Und so lange ist es auch her, seit Renton seine Freunde nach einem Drogendeal abzockte und mit dem Geld nach Amsterdam verschwand. Nun kommt er in «T2 Trainspotting» zurück und merkt bald: Wirklich etwas verändert hat sich hier nicht. 

1996, auf der Höhe des «Cool Britannia»-Hypes, als London Scharen von Partywütigen anzog und der Britpop mit Blur und Oasis seinen Zenit erreicht hatte, begeisterte «Trainspotting» Publikum und Kritiker gleichermassen. Der exzentrische visuelle Stil des bis dahin noch ziemlich unbekannten Regisseurs Danny Boyle in der Tradition von englischen Filmemachern wie Ken Russell («Tommy») und Nicolas Roeg («Don’t Look Now») elektrifizierte seine Zuschauer. Legendär bleibt die Szene, als Renton im schlimmsten Klo Schottlands zwei wegen Diarrhö verlorene Opiumzäpfchen aus einer eklig braunen Toilettenschüssel fischen muss. Dass die Sauerei mit Schokolade angerichtet wurde, mag heute beruhigen. 

Der Streifen wurde bald Kult, genauso wie der aus Punk, Britpop und Techno bestehende Soundtrack sowie das orangefarbene Poster von Rentons «Choose Life»-Monolog. Irvine Welsh, Autor der Romanvorlage, hatte sich dabei von einer Anti-Drogen-Kampagne der achtziger Jahre inspirieren lassen: Sag ja zum Leben im Gegensatz zum langsamen Tod durch Drogen. Aus Rentons Mund wurde sie zu einer beissenden Konsumkritik: «Sag Ja zum Leben, einer Karriere, einem verdammt grossen Fernseher, einem elektrischen Dosenöffner . . .» 

Harte Zeiten in England

Margaret Thatcher hatte in den Jahren zuvor ihr Land auf Neoliberalismus getrimmt, an dessen sozialem Leben nur teilhaben konnte, wer das Geld hatte, um zu konsumieren. Doch nun formierte sich Widerstand. Keine Studenten-WG durfte sich als solche bezeichnen ohne das Poster von Rentons Monolog, dessen Inhalt die meisten auch noch im betrunkenen Zustand herunterrasseln konnten. Es war die Stimme des Rebellen, des Verweigerers, des Punks. Im Zentrum des Films standen aber auch Männer und ihre Beziehungen zueinander.

Väter waren meist abwesend, und als Vorbilder taugten sie erst recht nicht. Der Drogendealer «Mutter Oberin» empfing seine Schäfchen mit einer Tüte Toastbrot und einer gut gefüllten Spritze Heroin in einer Art pervertierter Form von Fürsorglichkeit. Begbie schlug aus Frustration über seine unterdrückte Homosexualität Männer brutal zusammen, Sick Boy liess in seinem Drogenrausch seine kleine Tochter verenden. Ob- wohl ihre Freundschaft schon seit dem Kindergarten bestand, reichte ihre Loyalität meist nur bis zum nächsten Schuss. Schliesslich war sich jeder selbst der Nächste. Ein treffendes Bild für die achtziger Jahre. Einen Film geschaffen zu haben, der für eine Dekade steht, ist für eine Fortsetzung eine schwere Hypothek. Die Erwartungen sind oft so überzogen, dass sie jeden Film unter sich begraben können. Boyle weiss, dass er dem Schatten des Originals nicht entfliehen kann, und spielt deshalb immer wieder liebevoll darauf an. Als Renton von Begbie verfolgt durch Edinburg rennt, wird auch die Eröffnungsszene des ersten Films eingespielt, in der Renton und Spud vor zwei Ladendetektiven flüchten mussten. Es ist ein konstantes Nicken in die Richtung des Publikums: «Wisst ihr noch?» Ach, und wie!

Gewicht der Erinnerung

Aber es ist keine eigentliche Nostalgie, die den Film beherrscht, obwohl Sick Boy dies seinen Freunden vorwirft, als er sie als Touristen ihrer eigenen Jugend bezeichnet. Vielmehr wissen der Film und mit ihm seine Figuren um ihre Wurzeln. Und so kommt zum ersten Mal Leben in ihre Freundschaft, als Renton und Sick Boy wie früher mit dem Gesetz in Konflikt kommen, als sie in einem Pub Portemonnaies klauen, damit Sick Boy das Startkapital für ein Bordell hat. 

Vor allem aber geht es ums Älterwerden. Der koksende Sick Boy arbeitet jetzt als amateurhafter Zuhälter, der die Freier seiner Freundin erpresst und sich über Rentons Rückkehr freut, weil er ihn aus Rache für den Verrat zurück in den Drogensumpf ziehen will. Spud hat seinen Job verloren, weil er mit der Umstellung auf die Sommerzeit nicht zurechtkam, weshalb er nun auch seinen Sohn nicht mehr sehen darf und sich überlegt, allem ein Ende zu setzen. Begbie lässt sich im Gefängnis verletzen, um dann aus dem Spital zu fliehen und sich an Renton für dessen Betrug zu rächen. Renton hat immerhin so etwas wie eine bürgerliche Idylle erschaffen, aus der er aber eher unsanft getreten wird, als seine Frau ihn verlässt und ihm die Kündigung droht. 

«Sag Ja zu unerfüllten Versprechen und dem Wunsch, du hättest alles anders gemacht. Sag Ja zur Aussöhnung mit dem, was du haben kannst, anstelle vom dem, was du dir immer erhofft hattest», sagt Renton im aktualisierten «Choose Life»-Monolog. 

Schliesslich aber sind es nicht Renton und die Nostalgie, die im Mittelpunkt stehen, sondern die Bedeutung von Erinnerungen. Nun wird Spud, der ewige Verlierer, der selbst unter seinen Aussenseiterfreunden ein Sonderling ist, zur Hauptfigur. Wie der Film zeigt, ist er der Herzschlag seines Freundeskreises und damit auch der Geschichte. Am Ende ist es Spud, der Worte findet für das, was war, und damit die Brücke schlägt zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass sich nicht alle Träume erfüllen lassen, aber dass es immer den Weg zurück gibt, dahin, wo alles begann, und dass gewisse Beziehungen, egal wie destruktiv sie sind, Bestand haben, weil man sich kennt, weil man sich nichts mehr beweisen muss. Und das berührt.

Der Soundtrack zum Film Starke Remixes 

Schon der Soundtrack zu «Trainspotting» war eine Kombination aus einem Blick zurück auf den Punk der siebziger Jahre, aktuellem Britpop und einem Ausblick auf den sich entwickelnden Techno. Die Musik zu «T2» glänzt mit Remixes der Klassiker, zeitgenössischer Musik der Young Fathers und der Fat White Family, aber auch experimentellerer Musik von den Rubberbandits und ihrem phantastischen Stück «Dad’s Best Friend». Murièle Weber