Die Stadt der Träume

Ein Paar tanzt frisch verliebt durch Los Angeles im Musical «La La Land». Dafür gab es sieben Golden Globes, ein Rekord – und ein gutes Omen für die Oscars.

Von Murièle Weber (Züritipp)

Schon zweimal zuvor haben sich der Jazzpianist Sebastian (Ryan Gosling) und die aufstrebende Schauspielerin Mia (Emma Stone) zufällig getroffen. Und nun laufen sie nach einer Party gemeinsam zu ihren Autos, die parkiert sind auf einem Hügel über dem Lichtermeer von Los Angeles. Es herrscht jene magische Viertelstunde vor der Dunkelheit, wenn der Himmel aussieht, als wäre er mit farbigem Zucker übergossen. Und was machen zwei Menschen, deren Leben sich in einem Musical abspielt, in einem romantischen Augenblick wie diesem? Genau, sie singen und steppen.

Aber ganz so harmonisch ist es dann doch nicht. Während Sebastian sich von der Szenerie einnehmen lässt, stellt Mia gleich klar, verlieben werden sie sich nicht. Stattdessen necken sich die beiden auf einer Parkbank, bevor sie beginnen «A Lovely Night» zu singen – eine Hommage von unzähligen an das klassische Hollywood und Musicals insbesondere. Fred Astaire und Ginger Rogers haben die Idee von «sie liebten und sie neckten sich» bereits in den Dreissigerjahren perfektioniert. In der Musiknummer «Isn’t This a Lovely Day» aus dem Film «Top Hat» (1935) flirten die beiden – Sie erraten es – auf einer Parkbank, bevor sie in einen Paarungstanz verfallen.

Später tanzen Sebastian und Mia, nun doch ein Paar, über ein Filmset auf dem Studiogelände, wo Mia als Kaffeeverkäuferin arbeitet. Das wiederum ist ein Verweis auf «Singin’ in the Rain» (1952) mit Gene Kelly und Debbie Reynolds – diesem grossartigsten aller Musicals, das sich selbstreflexiv mit der hollywoodschen Traumfabrik auseinandersetzte, indem es einen Blick hinter dessen Kulissen warf.

Auch Mia und Sebastian haben ihre Träume – sie will eine berühmte Schauspielerin werden, er hingegen einen eigenen Jazzclub eröffnen. In diesen Träumen bestärken sie sich gegenseitig. Aber kann man im Leben beides haben, Liebe und Karriere? Und was von beidem würde man eher opfern?

Neben den klassischen Vorbildern hat der französisch-amerikanische Regisseur und Drehbuchautor Damien Chazelle («Whiplash») auch französischen Musicals ein Denkmal gesetzt – besonders der 60er-Jahre-Trilogie von Jacques Demy. Mit «Lola» (1961), «Les parapluies de Cherbourg» (1964) und «Les Demoiselles de Rochefort» (1967) hat Demy eine fantastische Welt geschaffen, in der Menschen zwar versuchen ihren Träumen und ihrer Liebe treu zu bleiben, aber allzu oft daran scheitern. Nicht nur die Thematik des Films fand hier ihre Inspiration, sondern vor allem auch die Musik. Chazells Jugendfreund Justin Hurwitz («Whiplash») hat Stücke komponiert, die stark an die französischen Jazzmusicals erinnern, insbesondere die Eröffnungstanznummer, die Kameramann Linus Sandgren eindrücklich in einer durchgehenden Aufnahme auf einem Highway gefilmt hat.

Der Film hat bereits sieben Golden Globes gewonnen – mehr als jemals ein Film zuvor – und wird dementsprechend für mehrere Oscars gehandelt. Es ist besonders der Schluss, der Filmkritiker ins Schwärmen bringt. Ohne zu viel zu verraten, sei hier noch eine letzte Hommage erwähnt, an «Casablanca» und Humphrey Bogarts Satz: «We’ll always have Paris.»

So war die Revolution

Die letzten neuen musikalischen Stilrichtungen entstanden in den siebziger und achtziger Jahren. Zwei neue TV-Serien und ein Film zeigen die aufregenden Anfänge.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Zugedröhnt sitzt Musikmogul Richie in seinem Auto in einer Seitenstrasse im New York des Jahres 1973. Ästhetisch in Szene gesetzt von Martin Scorsese für die HBO-Serie «Vinyl». Eben hat Richie die Telefonnummer eines Polizisten der Mordkommission gewählt. Doch bevor er etwas sagen kann, springen Leute auf sein Auto und rennen kreischend auf ein Abbruchgebäude zu. Wie unter Trance folgt Richie ihnen. 

Drinnen spielen die New York Dolls «Personality Crisis». In kollektiver Ekstase tanzen die Leute um Richie herum, der nur noch staunt angesichts von so viel Energie. Durch das Stampfen der Leute regnet es Putz von der Decke, bevor schliesslich das Haus in sich zusammenstürzt und Richie wie ein Phoenix aus der Asche zwischen Staub und Trümmerteilen hervortritt. 

Was Richie noch nicht weiss: Er wird gerade Zeuge der Geburt einer neuen Musikrichtung: Punk – mit seinem vorwärtspeitschenden Beat. «Es ist schnell, es ist dreckig, es ist, wie wenn dir jemand eins über den Schädel zieht», beschreibt er die Konzerterfahrung. «Du hast auch eins auf den Kopf bekommen, als das Haus einstürzte», sagt sein Arbeitskollege. «Na und? Ich habe die verdammte Zukunft gehört.»

Blütezeit der Musik

Das war die Zeit, als sich Musik ständig neu erfand. Zwischen dem Ende der sechziger Jahre und der Mitte der Achtziger wurden nicht nur die Grundsteine für Punk und Disco gelegt, sondern auch für Reggae, Rap, Synthi-Pop, New Wave, House, Techno und den Beginn des visuellen Musikkonsums. Die Serien «Vinyl», «The Get Down» und der Film «Sing Street» führen uns an die Geburtsstätten dieser Musikstile. Es ist die aufregende Zeit, die Musikjournalist Simon Reynolds in seinem Buch «Retromania» heute vermisst. Seither, bemängelt er, zitiert sich die Pop-Musik selbst, und alte Musikstile feiern ein Revival nach dem anderen. Die Band Hurts klingt nach dem Synthi-Pop der achtziger Jahre, Adele nach dem Soul der Sechziger. Das hat sich bewährt.

Diese Erfahrung macht auch Richie, als er seinen Musikmanager beauftragt, eine Punkband auf ein Vorspielen einzustimmen. Dieser lässt die Gruppe klingen wie eine Coverband der Kinks. Immerhin hatten die noch so etwas wie eine Melodie, findet er. Aber das ist nicht das, was Richie gesucht hat: «Die klingen wie Hafermehlbrei. Du hast alles weggerieben, was an denen interessant war. Die waren roh, frisch. Was hast du dir nur gedacht?» Das ist es auch, was Simon Reynolds in «Retromania» beanstandet: Mit der Stagnation oder gar Rückbesinnung auf vergangene Trends geht der Musik der rebellische Unterton verloren. Dabei treiben gesellschaftliche Rebellionen und technische Innovationen die Musik vorwärts und beeinflussen sich gegenseitig.

In der South Bronx regieren 1977 Disco und Korruption. Ganze Strassenzüge werden gesäumt von zerfallenen Häusern, von denen oft nur Trümmerteile übrig bleiben. Die Stadt ist bankrott, die Gewalt rekordverdächtig hoch, und die meisten Politiker scheren sich nicht um die Armen.

Sprachrohr einer Minderheit

«Ich komme aus der gefährlichsten Stadt der Welt. Tag für Tag ein weiteres Drama, dem wir uns nicht entziehen konnten. Die Musik war der einzige Ausweg. Denn wir waren im verfallenen Magen einer hungrigen Bestie», rappt der Protagonist der Netflix-Serie «The Get Down» über seine Kindheit im Ghetto. An einer Untergrund-Party hört der Teenager zum ersten Mal Rapmusik. Grandmaster Flash höchstpersönlich legt auf. Rap entstand, als DJs auffiel, dass die Leute während der kurzen, oft nur zehn Sekunden dauernden Schlagzeug-Sequenzen von Funksongs ausflippten. Deshalb begannen sie diese Sequenzen zu minutenlangen Musikstücken zusammenzuhängen. Die Technik dazu wird «Get Down» genannt.

Was als neuer Musikstil begann, wurde bald zur Grundlage für die rappenden Master of Ceremonies. «Solange der Beat andauert, so lange kann der Wortschmied weitermachen», wird dem Jungen erklärt. Der MC wurde zum Sprachrohr einer ungehörten Minderheit. Mit ihm bekam der Rap eine revolutionäre und politische Note.

Das finanziell gebeutelte Dublin der achtziger Jahre ist die Kulisse für den Film «Sing Street». Darin will der fünfzehnjährige Conor ein Mädchen beeindrucken. Also gründet er eine Band und dreht mit ihr ein Musikvideo. Es ist die Zeit der New-Wave-Gruppen wie Duran Duran und die Blütezeit der Musikclips. «Wenn das die Zukunft ist, sind wir alle am Arsch. Die bewegen ja nur die Lippen», kommentiert der Vater einen Musikclip der Band. Der ältere Bruder rollt genervt mit den Augen: «Das ist Kunst, die perfekte Kombination zwischen Musik und Ästhetik», ruft er zurück. Und der Jüngere plant bereits die musikalische Revolution an seiner katholischen Schule inklusive blonder Strähnchen und blauem Lidschatten.

Wer sich für Musikgeschichte interessiert, bekommt mit den drei Serien einen Einblick in eine ihrer kreativsten Perioden. «Vinyl» zeigt neben Punk auch Bob Marley oder Alice Cooper. «The Get Down» setzt den Kampf zwischen den rivalisierenden DJs Grandmaster Flash und DJ Kool Herc in Szene. Und «Sing Street» zeigt den Einfluss von New Wave und Musikvideos auf die Kultur. Vor allem aber sind es die Energie, die Aufbruchstimmung und die Begeisterung, Zeuge von etwas Neuem zu sein, die sie auszeichnen und zu einem Seh-Ereignis machen.

Er ist Englands grösster Herzensbrecher

Hugh Grant begeistert in Komödien als charmanter, verklemmter Brite. Jetzt stellt er am ZFF seinen neuen Film, «Florence Foster Jenkins», vor und erhält den Golden Icon Award für seine Karriere.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Auf dem Weg zurück von den Malediven brach Hugh Grant plötzlich in Tränen aus. «Ich sass im Flugzeug und konnte während Stunden nicht aufhören zu weinen. Das ging noch drei Wochen so weiter», erzählte er kürzlich in der «Late Late Show with James Corden». «Und was hast du getan?», fragte Corden. «Ich besuchte einen Hypnotiseur.» – «Hat es etwas gebracht?» – «Natürlich nicht. Er sagte Dinge wie: ‹Du bist jetzt ganz entspannt.› Ich dachte nur: Ich bin überhaupt nicht entspannt. Ich bin so verkrampft wie eine Kröte. Aber ich bin viel zu Englisch, um ihm das zu sagen. Also sagte ich am Schluss: ‹Das war grossartig. Danke.›» 

Der 56-jährige Londoner hatte eigentlich nicht vor, Schauspieler zu werden. Als er in Oxford dank einem Stipendium Englisch und Kunstgeschichte studierte, machte er in Foto-Liebesgeschichten mit, um sein Taschengeld aufzubessern. Als sich bereits nach seiner ersten Rolle im Studentenfilm «Privileged» (1982) ein Agent bei ihm meldete, entschloss er sich, seine Doktorarbeit in Kunstgeschichte zu verschieben, um mit Film etwas Geld zu verdienen. «Aber weil ich so schlecht war, sagte ich mir, ich mach noch einen, um allen zu beweisen, dass ich es doch kann. Daraus wurden dann 35 Jahre», erzählte Grant in einem Interview mit der «Daily News». Der Brite ist so etwas wie der König der witzigen Anekdoten. «Er weiss, wie man eine Pointe setzt», sagt der Filmjournalist Mark Kermode über Grants Schauspielstil. 

Sie lieben oder sie hassen ihn

Das gilt auch für das öffentliche Auftreten des Briten. Er macht gerne ein Geheimnis aus seinem Privatleben und gibt immer nur gerade so viel preis, dass man das Gefühl hat, ihn etwas kennenzulernen, bevor er mit einer seiner Anekdoten wieder von sich ablenkt. Darum weiss man nur so viel: Mittlerweile hat der Junggeselle vier Kinder mit zwei verschiedenen Frauen, über die er selten spricht. Nur in Cordens Show erzählte er kürzlich unter hysterischem Gelächter des Publikums, wie er für seinen Sohn eine Geisterjägerin aufbot, weil der Kleine dachte, es spuke im Haus. 

Zur Presse hat Grant ein angespanntes Verhältnis. «Er prüft jede Frage wie ein Bombenentschärfungsexperte», schrieb eine Journalistin im «Guardian» über Grants Verhalten während eines Gesprächs. Seit 2011 sitzt er im Vorstand der Initiative «Hacked Off», die von vielen Prominenten unterstützt wird. Nach mehreren Abhörskandalen und der Schliessung der Sonntagszeitung «News of the World» kämpft die Initiative für eine bessere Kontrolle der Boulevardpresse in Grossbritannien. 

Wer mit Hugh Grant gearbeitet hat, liebt oder hasst ihn offenbar. Sandra Bullock, mit der er in «Two Weeks Notice» (2002) spielte, sagte über ihn: «Auf einem Filmset mit hundert Leuten konnte er jeden beim Namen nennen.» Und über seine Mitarbeit in «Sense and Sensibility» (1995) sagte Emma Thompson: «Er übernahm die Rolle für eine kleine Gage, weil er nett ist.» Von Drew Barrymore («Music and Lyrics») und Julianne Moore («Nine Months») hingegen gibt Grant freimütig zu: «Die hassen mich.» 

Worüber sich alle einig sind: Grant ist ein Arbeitstier. Viele beschreiben ihn als Perfektionisten mit Hang zur Kontrolle. «Er liess uns keinen Moment Ruhe. Er war nie zufrieden», erzählte Bullock. Grant gibt selber zu, sich in alle Aspekte der Filmproduktion einzumischen: Er schreibe Anmerkungen zum Drehbuch, diskutiere mit dem Regisseur über die Position der Kamera und sei bei allen Test-Screenings dabei. Als die Pointe aus einem Filmclip zu «Did You Hear about the Morgans?» herausgeschnitten wurde, der in der «Daily Show with Jon Stewart» lief, bekam er einen Wutanfall. Was wiederum Stewart dazu brachte, öffentlich zu erklären, Grant sei sein unliebsamster Gast gewesen: «Und ich habe Diktatoren interviewt.» Grant gibt zu, dass Stewarts Beschreibung der Szene korrekt ist. 

Das ist vielleicht das Erfrischendste am Briten: Er sucht für sein Verhalten keine Ausreden, er steht zu allen Fehltritten – bevor er sie für die nächste Pointe ausschlachtet. Als er 1995 beim Sex mit einer Prostituierten verhaftet wurde, sprach er bereits wenige Tage später bei Jay Leno zerknirscht darüber, dass die Leute alle möglichen psychologischen Erklärungen für sein Verhalten fänden. «Aber das ist Blödsinn», sagte er, «denn eigentlich ist es so: Du weisst, was gut und was schlecht ist. Und ich habe etwas Schlechtes getan. So einfach ist das.» Natürlich entzieht er sich mit dieser entwaffnenden Ehrlichkeit einer Erörterung der Gründe für sein Verhalten und damit einer Analyse seiner Person. Während er offen über Fehltritte, den Nervenzusammenbruch im Flugzeug oder Panikattacken auf dem Filmset spricht, folgt eine das Tragische ins Lustige verkehrende Pointe meist so schnell, dass weiteres Nachfragen im Gelächter des Publikums untergeht.

Über Grants Freunde ist wenig bekannt, umso mehr dafür über seine beste Freundin Liz Hurley, mit der er eine zwölfjährige Beziehung führte. Die beiden erklären, dass der jeweils andere die wichtigste Person im eigenen Leben sei. Auf die Gründe für das Ende der Beziehung angesprochen, sagte Hurley: «Er hat mich unglaublich genervt. Ich liebe ihn. Aber er kann so mürrisch sein. Meine Freunde nannten ihn Grummelstilzchen.»

Jetzt kommt Hugh Grant ans Zurich Film Festival und stellt seinen neuen Film «Florence Foster Jenkins» von Stephen Frears vor. Die Komödie erzählt die wahre Geschichte der exzentrischen Millionärin Foster Jenkins (Meryl Streep), die als schlechteste Sängerin aller Zeiten im New York der 1930er Kultstatus erlangte. Jenkins’ jüngerer Lebenspartner (Grant) wiederum war ein gescheiterter Schauspieler, der für sie eine Parallelwelt kreierte. Penibel wachte er darüber, dass nur eingefleischte Fans Tickets zu ihren Konzerten erhielten. Und er bestach Musikkritiker, um seine Frau im Glauben zu lassen, sie könne wirklich singen. Frears sagte: «Ich fand schon immer, dass Grant ein brillanter Schauspieler ist. Aber ich habe keine Ahnung, warum er die Filme macht, die er macht. Nicht dass ich diese gesehen hätte.» 

Er wird unterschätzt

Bekannt geworden ist Grant mit Komödien wie «Four Weddings and a Funeral» (1994) oder «Notting Hill» (1999). Mit der Rolle des Charles im Ersteren wurde er zum Inbegriff des charmanten, verklemmten und ironischen Briten. Über die Jahre hat er diesen Typus in unzähligen weiteren Filmen verkörpert. Seine Person verschmolz im Auge der Öffentlichkeit mit dieser Rolle, obwohl er unablässig betonte, kein Charles zu sein. Dass er in diesen Komödien mitwirkte – wobei sich gute und schlechte etwa die Waage halten –, muss der Hauptgrund dafür sein, dass man sein schauspielerisches Können gerne unterschätzt. Dabei sagte Grant in einem Interview mit dem «Hollywood Reporter»: «Es ist verdammt schwierig und unglaublich technisch, eine Komödie zu machen. Bei einem Drama gibt es viele Schattierungen, bei einer Komödie gibt es nur Schwarz und Weiss. Entweder man bringt das Publikum zum Lachen oder nicht. Und das ist furchterregend. Warum denken die Leute, intensiv, düster und unglücklich sei besser als leicht, unterhaltsam und erbaulich?»

Während er zugibt, mehr Komödien gemacht zu haben, als er vorhatte, sagt er zu seiner Rollenauswahl auch: «Wenn mich ein Drehbuch überzeugt, mache ich im Film mit.» Und dabei kennt der Brite seine Fähigkeiten: «Verbal bin ich stark. Aber was ich wirklich fürchte, sind diese Juliette-Binoche-artigen französischen Filme, wo die Kamera auf dein Gesicht zoomt und du ohne Text von glücklich zu weinend wechseln musst. Da mache ich mir in die Hose.» Trotzdem wagte er immer wieder den Schritt aus seiner Wohlfühlzone heraus – zuletzt, als er in «Cloud Atlas» (2012) fünf weiteren Rollen den Häuptling eines Kannibalenstammes spielte. Ganz ohne Text. Und obwohl er auch auf dem Set eine Panikattacke hatte, hat sich die Arbeit gelohnt. 

Das Gleiche gilt für seine neueste Rolle. Seine berührende Darstellung des treu ergebenen Partners von Foster Jenkins zeigt seine breiten dramatischen Fähigkeiten – etwa wenn er an ihrem Bett sitzt und sich auf seinem Gesicht Sorge und Liebe spiegeln, während andere Szenen genug Platz für sein komödiantisches Talent bieten. «Nach zwanzig Jahren habe ich meine Lieblingsart von Film gefunden. Es ist diese Kombination aus Komödie und Drama wie ‹Florence Foster Jenkins›.»Hugh Grant wird am 27. 9. im Kino Corso 1 mit dem GolGolden Icon Award asugezeichnet.

United States of Love

Von Murièle Weber (FRAME)

Die seelenlose Plattenbausiedlung mit Sowjet-Chic liegt irgendwo im polnischen Hinterland. Hier kreuzen sich die Wege von Frauen, die in den vier Episoden dieses Dramas auftreten. Es ist das Jahr 1990. Das Land öffnet sich langsam. Erste deutsche Touristen kommen zur Kur. Es gibt Jeans und Kaugummi zu kaufen, und die Russischlehrerin an der Schule wird durch eine Englischlehrerin ersetzt. Aber bis in den Intimbereich der Familie dringen diese sozialen Veränderungen und die Aufbruchstimmung noch nicht vor. Und so steckt die verheiratete Agata in der Vorhölle einer unerwiderten Liebe zu ihrem Priester fest. Schuldirektorin Iza hingegen führt seit Jahren eine Beziehung zu einem verheirateten Arzt. Die Lehrerin Renata sucht mehr als freundschaftliche Nähe zu Marzena, die wiederum von einer Karriere als Model im Westen träumt. Da Tomasz Wasilewskis Vater wie viele andere Männer einige Jahre im Ausland gearbeitet hat, ist der Regisseur vor allem mit Frauen aufgewachsen, wie er an der Pressekonferenz an der Berlinale erzählte. Das merkt man dem Film auch an: Er ist wie der Blick eines neugierigen Knaben auf die unverständliche Welt der Erwachsenen. Wasilewski mag Frauen, fühlt sich ihnen verbunden, versteht sie und ihre Welt und will ihren Schmerz und ihre stille Verzweiflung zeigen. Aber leider setzt er, wie schon in seinem zweiten Spielfilm, «Floating Skyscrapers» (2013), auf viel zu viele Klischees. Die ehemalige Schönheitskönigin wird prompt vom Fotografen vergewaltigt, die Lehrerin lebt als alte Jungfer in ihrer Wohnung zusammen mit, nein, nicht Katzen, sondern 20 Vögeln. Es ist deshalb nicht ganz verständlich, wie der Film an der diesjährigen Berlinale zu einem Silbernen Bären gekommen ist.