Gemeinschaft der Ungleichen

In «Roma» finden die Dame des Hauses und ihr Dienstmädchen zusammen.

Von Murièle Weber (Surprise)

Die unterschiedlichen Lebensbedingungen verschiedener sozialer Schichten ziehen sich wie ein roter Faden durch die Handlung von «Roma». Und nicht umsonst beginnt Regisseur Alfonso Cuarón seinen persönlichsten Film, basierend auf seinen Kindheitserinnerungen, mit der Arbeit der sehr jungen Hausmädchen im Hause seiner Eltern im Jahr 1970. Cleo schrubbt den Boden, während sich ein Flugzeug, das gerade über das Haus fliegt, in der Wasserlache spiegelt – als Sinnbild eines Lebens, das sie nie haben wird. Später begegnen wir Cleo immer wieder in ihrem kargen Bett über der Garage, das sie mit der anderen Hausangestellten teilt, oder wir sehen ihr zu, wie sie die Scheisse des Familienhundes vom Boden kratzt.

Aber auch die Mutter der Familie hat es nicht leicht, denn ihr Mann betrügt sie und verlässt die Familie, ohne für deren Unterhalt zu sorgen. Als dann Cleo auch noch ungewollt schwanger und von ihrem Freund verlassen wird, bilden die beiden Frauen eine Notgemeinschaft. Cuarón wollte den drei Dingen, die ihn am meisten geprägt haben, ein Denkmal setzen: seinem Heimatland, den Frauen und seiner Familie.

Entstanden ist ein liebevolles Sittenporträt einer Gesellschaft in Aufruhr, das Cuarón auch mittels des Corpus-ChristiMassakers darstellt – eines Studentenprotestes, der von der Geheimpolizei gewalttätig niedergeschlagen wurde. Umso mehr zeichnet sich im Vergleich dazu die Stärke der Mutter und die liebevolle Sanftmut von Cleo ab, die die Kinder in einer heilen Blase aufwachsen lassen. Das in Schwarz-Weiss verfilmte Werk betört mit langen Einstellungen. Diese entwickeln eine Sogwirkung, die den Zuschauer in ihren Bann zieht, weil man sich in dieser Welt mit ihren vielen kleinen Details verlieren kann. Völlig zu Recht wird der Film deshalb zu einem der besten des letzten Jahres erklärt und ist mit zehn Nominierungen Favorit bei den diesjährigen Oscars.

Wenn das Idol zum Rivalen wird

In der Nick-Hornby-Verfilmung «Juliet, Naked» ist Ethan Hawke als Rockstar zu sehen, der sich in die Freundin eines Fans verliebt.

Von Murièle Weber (Züritipp)

Es gibt ein paar Gruppen, die sicherheitshalber nie aufeinandertreffen sollten, weil die Chance für eine Katastrophe hoch ist. Bei Werwölfen und Vampiren ist das so, bei Mutterbären und aufdringlichen Touristen – oder bei besessenen Fans und ihren Idolen. Was passieren kann, wenn die letzten beiden Gruppen kollidieren, zeigt die neue Nick-Hornby-Verfilmung.

Eigentlich aber geht es zuerst einmal um Annie (Rose Byrne), eine Enddreissigerin, die in einer kleinen englischen Küstenstadt das lokale Museum leitet, und um ihren langjährigen Partner Duncan (phänomenal: Chris O’Dowd). Der ist normalerweise ein respektabler Unidozent, in seiner Freizeit lässt er aber seiner Fanliebe zum Neunzigerjahre-Indiemusiker Tucker Crowe (Ethan Hawke) freien Lauf. Und hier entstehen die Probleme; wenn er zum Beispiel auf seiner Fanwebsite stundenlang die wildesten Theorien mit anderen Männern mittleren Alters bespricht.

Als Duncan dann auch noch Crowes berühmtestes Album «Juliet» in einer Rohfassung als «Juliet, Naked» per Post zugeschickt wird und Annie sich das Album vor ihm anhört, ist die Hölle los. Deshalb verzieht er sich mit seinem tragbaren CD-Player auf eine einsame Parkbank, wo die Tränen zu den Liebesliedern ungestört fliessen können. Am nächsten Tag erdreistet sich die vernachlässigte Annie, auf Duncans Website «Juliet,Naked» zu kritisieren. Dafür erntet sie per Mail Applaus von Tucker Crowe höchstpersönlich – woraus eine tiefe Mailfreundschaft entsteht.

Der Film verfolgt zwei Storylines: die erblühende Romanze zwischen Annie und dem alternden Tucker und die Fanobsession von Duncan, die in einem desaströsen Treffen mit seinem Idol gipfelt. Der Film ist lustig und tiefgründig wie die Hornby-Adaption «About a Boy» und ähnlich besessen von Musik wie «High Fidelity». Und er wirft auf intelligente Art und Weise die Frage auf, wem Kunst gehört: dem Künstler oder seinen Fans? In einer philosophischen Diskussion zwischen Duncan und Tucker bringt es Duncan auf den Punkt: «Ich schätze dieses Album. Vielleicht mehr als alles andere, was ich je gehört habe. Nicht, weil es perfekt wäre, sondern für das, was es mir bedeutet. Was es Ihnen bedeutet, ist mir letzten Endes egal.» Recht hat er.

Lachen übers Alter

Netflix entdeckt die Senioren: Nach dem Frauen-Knüller «Grace and Frankie» erhalten mit «The Kominsky Method» nun auch die alten Herren ihre eigene Sitcom. Darin brillieren Michael Douglas und Alan Arkin als Buddy-Gespann.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Das Alter ist kein Ort für Weicheier», soll Bette Davis an ihrem 70. Geburtstag auf ein Kissen gestickt haben. Das ist auch die Prämisse der neuen Netflix-Serie «The Kominsky Method», in der sich Sandy Kominsky (Michael Douglas) und sein bester Freund Norman (Alan Arkin) mit den Auswirkungen des hohen Alters herumschlagen müssen. Sandy ist ein gescheiteter Schauspieler, der sich seit Jahrzehnten als Schauspiellehrer über Wasser hält. Norman ist ein erfolgreicher Agent, der es aber nicht schafft, Sandy neue Rollen zu beschaffen. Deshalb lügt er ganz oft: «Du willst doch nicht in einer Sitcom mitspielen. Du bist einer der grossen, klassischen Schauspiellehrer, wie sähe das denn aus?»

Ein Grossteil des Humors ergibt sich denn auch aus dem Alter der Protagonisten. Dabei ist besonders die Prostata ein beliebtes Thema. Als Norman sich länger auf der Toilette aufhält, fragt Sandy durch die Türe, ob es ein Problem gebe. «Nein, nein, ich uriniere nur gerade in Morsezeichen, alles in kurzen Signalen und langen Pausen.» Und als einige Folgen später Sandy ähnliche Probleme hat, steckt ihm der Urologe (Danny DeVito) über Minuten den Finger in den Hintern, was für die Zuschauer genauso unangenehm ist wie für Sandy – DeVito spielt die Szene mit einem teuflischen Grinsen. 

Tief hängende Eier

Es ist köstlich, wie sich die beiden Oscarpreisträger Michael Douglas, 74, und Alan Arkin, 84, die Bälle zuspielen. Sie erinnern dabei an Walter Matthau und Jack Lemmon im Klassiker «Grumpy Old Men». Wenn Sandy zu spät zu einem Essen kommt und Norman sich darüber lustig macht, dass dieser zu viel Zeit vor dem Spiegel verbracht habe, entgegnet Sandy: «Echt jetzt? Kaum bin ich hier, greifst du schon nach meinen Eiern?» Worauf Norman antwortet: «Na ja, sie hängen so tief, da sind sie gut erreichbar.»

Chuck Lorre, der Schöpfer von «The Kominsky Method», wurde reich und berühmt dank klassischen Sitcoms wie «The Big Bang Theory» und «Two and a Half Men», deren Dialoge jeweils auf eine Pointe herauslaufen. Die neue Sitcom ist bereits die zweite, die er für Netflix realisierte, nach der gescheiterten «Disjointed» (2017), in der Kathy Bates eine Verkäuferin von legalem Cannabis verkörpert. Diese Serie funktionierte vor allem deshalb nicht, weil jeder Dialog nur auf die nächste Pointe ausgerichtet war. Das liess die Figuren wie Stehaufmännchen aussehen, die hochspringen, ihre Zeile aufsagen, auf den Lacher warten und wieder in der Versenkung verschwinden.

Für «The Kominsky Method» geht Lorre nun einen anderen Weg und probiert sich zum ersten Mal am neueren Sitcom-Format, das auf subtileren Humor und tiefgründigere Geschichten setzt. Leider schafft es Lorre noch nicht, auf alle Einzeiler zu verzichten. Was Sandy beim Essen von Churros dazu verleitet, zu erklären, Trumps Mauer sollte nicht gebaut werden, weil Immigranten die bessere Patisserie herstellten.

Chuck Lorre wird zu Recht vorgeworfen, keine guten Frauenrollen zu schreiben. In «The Big Bang Theory» gab es zu Beginn neben den vier komplexen Nerds nur das dumme Blondchen von nebenan. In «The Kominsky Method» werden die Frauen zu sehr darauf reduziert, die Probleme der Männer zu lösen, etwa wenn Normans Frau (Susan Sullivan) an Krebs stirbt und fortan als Geist seine Probleme anhören muss. Oder sie sorgen für ein paar Lacher, etwa wenn Normans Tochter Phoebe (Lisa Edelstein) als Mittvierzigerin betrunken Normans Freunde anmacht, wobei Edelstein, bekannt als Dr.House’ dominante Chefin, das grossartig macht. Trotzdem sieht man den Fortschritt und das Potenzial der weiblichen Rollen.

Neben den Frauen sind auch die Millennials als Sandys Schauspielschüler unterentwickelt. Sie werden reduziert auf ihre Identität: der Schwule, die Schwarze, die Anwältin der politischen Korrektheit. Für ihre Anliegen hat Sandy nur ein Augenrollen übrig und den unsäglichen Rat: «In unserem Inneren sind wir alle gleich.»

Trotz einigen Schwachstellen ist die Serie amüsant und herzerwärmend. Besonders gut ist sie immer dann, wenn Michael Douglas und Alan Arkin genug Raum für ihr Schauspiel erhalten. Douglas war zunächst unsicher, ob er auch fürs Komödienfach tauge, aber er macht seine Arbeit sehr gut. Wirklich grossartig jedoch ist Arkin. Sein Talent zum Griesgram hat er bereits in «Little Miss Sunshine» als vulgärer Grossvater und in «Argo» als abgehalfterter Produzent bewiesen. Sein Norman scheint an den fiktiven Misanthropen Larry David aus der Sitcom «Curb Your Enthusiasm» angelehnt.

Jüdischer Humor

Wie in «Curb Your Enthusiasm» gibt es auch in «The Kominsky Method» immer wieder Gastauftritte von Schwergewichten der Branche, die sich häufig gleich selber spielen. Elliot Gould will Norman ein Drehbuch vorschlagen, Jay Leno führt mit vielen Lachern durch die Beerdigung von Normans Frau und Patti LaBelle singt am gleichen Anlass «Lady Marmalade». Und wie «Curb Your Enthusiasm» setzt «The Kominsky Method» auf jüdischen Humor: Auch in traurigen Situationen wird schallend gelacht, wie etwa an der Beerdigung von Normans Frau; man nimmt sich selber nicht so ernst, Sexwitze werden ausgereizt, und die Familie steht im Mittelpunkt. Und so bekommt Norman nicht nur Besuch von seiner toten Frau, sondern auch von allen anderen verstorbenen Frauen seiner Familie, die sich über seinen Kopf hinweg angiften, was er ergeben kommentiert mit: «Das ist alles mein Fehler. Sprichst du mit einem Geist, bist du plötzlich in einer jiddischen Version von Macbeth.»

Die Serie weist grosses Potenzial für weitere Staffeln auf. Man kann nur hoffen, dass Netflix diese produziert, damit die Rollen der Frauen und der Millennials ausgebaut werden und die Komik des Schauspielunterrichts voll ausgereizt wird. Vor allem aber will man mehr griesgrämigen Schlagabtausch zwischen Sandy und Norman sehen. Denn das Alter ist zwar kein Witz, aber nur mit Witz erträglich.

Picnic at Hanging Rock

Kreiert von Larysa Kondracki, mit Natalie Dormer, Lily Sullivan, Lola Bessis, Samara Weaving, Dauer 6 folgen à 51 Minuten, Sender amazon prime

Von Murièle Weber (FRAME)

In der Nähe der Felsformation Hanging Rock im australischen Busch verschwinden 1900 drei junge Frauen und eine Lehrerin aus einem Mädcheninternat, das von der gestrengen Mrs. Appleyard (Natalie Dormer) geführt wird. Diese gibt sich als Witwe aus, erzählt dem Publikum aber bereits in den ersten Minuten, dass sie auf der Flucht vor einem Mann sei, der sie hier niemals finden könne. Die Mädchen werden im Internat auf ein Leben als Ehefrau und Mutter der oberen Mittelschicht vorbereitet. Obwohl sie sich nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmung sehnen, werden sie in Korsetts und weisse Handschuhe gesteckt.

«Picnic at Hanging Rock» basiert auf dem gleichnamigen Roman von Joan Lindsay von 1967, der eine fiktive Geschichte im Stile eines pseudohistorischen Ereignisses erzählt und sich auf die mysteriöse Stimmung und die Geheimnisse aller Beteiligten konzentriert, die durch die Suche nach den Mädchen ans Licht kommen. Auch die Rolle der Weissen in einem ihnen fremden Land wird thematisiert. 

Die Serie setzt die mysteriöse Stimmung in wunderschönen Bildern um und stellt der einengenden Atmosphäre der viktorianischen Zivilisation die lockende, wilde Natur Australiens gegenüber. In der Neuinterpretation des Stoffes werden die weiblichen Rollen aktualisiert, und es schwingt oft eine homoerotische Note zwischen den Schülerinnen und Lehrerinnen mit, die in diesem zutiefst femininen Biotop leben, abgeschieden von männlichen Einflüssen. Neben dem Rätsel um den Verbleib der ­Verschwundenen ist die Serie deshalb vor allem eine Studie über das sexuelle Erwachen junger Frauen.

Maniac

Kreiert von Cary Joji Fukunaga, mit Emma stone, Jonah Hill, Billy Magnussen, Sonoya Mizuno, Dauer 10 Folgen à 60 Minuten, Sender Netflix 

Von Murièle Weber (FRAME)

Die Idee, dass mit moderner Medizin fast alles kuriert werden kann, wird in dieser Serie um die psychologische Ebene erweitert. Ein japanischer Pharmakonzern forscht an einer Möglichkeit mittels drei Pillen und Mikrowellenstrahlen emotionale Traumata zu beheben. Eine anstrengende und oft schmerzhafte Gesprächstherapie würde so überflüssig.

Bei dieser Studie treffen sich Annie (Emma Stone) und Owen (Jonah Hill). Er ist der jüngste Sohn eines Grossindustriellen, der von seinen Brüdern gepiesackt wird und offensichtlich an einer schweren Schizophrenie leidet. Sie trauert über den Verlust ihrer Schwester und scheint eine Borderline-Störung zu haben. Owen ist davon überzeugt, dass Annie die Kontaktperson für seine Mission ist, um die Welt zu retten, während Annie den seltsamen Kauz lieber loswerden möchte. Per Computersimulation werden die beiden mit ihren Traumata konfrontiert. Aber weil der weibliche Computer an Depressionen leidet, tröstet sie sich damit, dass sie Annie und Owen einander in ihren Phantasien treffen lässt. 

Diese Phantasien sind allesamt Filmhommagen und erinnern an «Lord of the Rings»-ähnliche Abenteuer, Mafiafamiliendramen, einen Krimi im Stil der 1920er und ein Unterschichtendrama inklusive Tierdiebstahl im Stil der 1980er. Die Serie basiert lose auf einem gleichnamigen norwegischen Vorbild, in dem der Protagonist als Psychiatriepatient der Held seiner eigenen Tagträume ist, während er im normalen Leben als Versager durch die Welt geht. Im Original wie in der Neuverfilmung geht es um die Frage: Ist es besser, im Alltag zu leiden oder in der Phantasie glücklich zu sein? Der 1977 geborene Regisseur Cary Fukunaga hat von seiner Arbeit an «True Detective» bereits Erfahrung mit existenziellen Themen in Serien. Die dunkle Komödie «Maniac» enthält viele kleine, interessante Details für die Weltbildung und wechselt zwischen dystopischem Science-Fiction, Verschwörungs-Thriller, Familiendrama und Liebesgeschichte, wobei man bis zum Schluss nicht genau weiss, worauf alles hinausläuft. 

Verführ sie mit deinen Reimen

Rappender Teenager statt französischer Dichter: In «Das schönste Mädchen der Welt» mit der Zürcherin Luna Wedler wird ein Theaterstoff modern interpretiert.

Von Murièle Weber (Züritipp)

Jugendliche sind gemein. Als sich Cyril (Aaron Hilmer) im Car für den Schulausflug nach Berlin hinsetzen will, zeigen seine Mitschüler auf seine grosse Nase, keiner macht für ihn den Platz frei. Da steigt überraschend eine neue Schülerin zu: Roxy (Luna Wedler). Sie ist hübsch, sie ist frech, und sagen lässt sie sich erst recht nichts. «Du hast so einen grossen Mund. Wie viele Eier passen denn da rein?», fragt ein Junge. «Wie viele passen denn in deinen?», retourniert sie und hat die Lacher auf ihrer Seite. Sofort verliebt sich die halbe Klasse in sie. Setzen tut sie sich dann ausgerechnet neben Cyril.

«Das schönste Mädchen der Welt» ist eine lose Adaption von Edmond Rostands Drama «Cyrano de Bergerac» (1897). Auch Cyrano hatte einen grossen Zinken, getraute sich deswegen nicht, um seine Angebetete zu werben, und liess ihr seine Liebesgedichte stattdessen von einem schönen Jüngling vortragen. Jetzt im Film ist es der muskulöse Rick (Damian Hardung), der nichts, aber auch gar nichts im Kopf hat, was leider etwas zu plump dargestellt wird. Abgesehen von ein paar anderen Patzern – zum Beispiel, wenn die Mutter (Anke Engelke) Cyril zeigt, wie man den Gummi überstreift, bevor sie mit der Banane Oralsex simuliert –, ist der Film aber gut gelungen.

In dieser modernen Version gehts übrigens nicht mehr um Gedichte, sondern um Raptexte. Mit einer goldenen Maske geschützt, getraut sich Cyril in Berlin vor Publikum und tritt gegen andere Rapper an. Natürlich gewinnt er. Roxy, die den Auftritt sieht, aber denkt, Rick stecke hinter der Maske, verliebt sich in den Wortakrobaten. Die Verwechslungskomödie nimmt ihren Lauf. Bald schickt Cyril dem Mädchen im Namen von Rick wortgewandte Liebesbotschaften als Audiodatei und gewinnt damit erst recht ihr Herz. So funktioniert Verführung im 21. Jahrhundert.

Besonders hervorheben muss man auch die Mädchenfigur, die hier als Angebetete nicht einfach eine passive Projektionsfläche ist, sondern ihr Leben selbst in die Hand nimmt, sich irrt und Fehler macht, aber immer für sich und andere einsteht. Grossartig verkörpert wird sie von der Zürcherin Luna Wedler («Blue My Mind»).

Safe

Kreiert von Harlan Coben, mit Amy James-Kelly, Amanda Abbington, Michael C. Hall, Dauer 8 Folgen à 60 Minuten, Sender Netflix 

Von Murièle Weber (FRAME)

Eine Grillparty unter Nachbarn: Die Kinder spielen Fussball, die Frauen richten das Essen, und die Männer gönnen sich ein Bier. Alles scheint harmonisch in dieser kleinen bewachten Wohnanlage irgendwo in Grossbritannien. Dann kommt die 16-jährige Tochter von Tom (Michael C. Hall) nach einer Party nicht mehr nach Hause. 

Auf der Suche nach ihr stolpert der Vater über die Leiche ihres Freundes und unzählige kryptische Whatsapp-Nachrichten zwischen den beiden. Bald wird Tom mit der ihm unbekannten Vergangenheit seiner toten Frau konfrontiert, und der Verdacht kommt auf, dass jemand aus dieser Vergangenheit auch für das Verschwinden der Tochter verantwortlich ist.

Seit 2015 hat der amerikanische Krimiautor Harlan Coben jedes Jahr eine Serie verwirklicht. Wie in seinen früheren Serien sind auch in «Safe» die zentralen Themen eine verdrängte traumatische Vergangenheit, die Schuld aller Beteiligten daran und die Konsequenzen davon, die sich bis in die Gegenwart erstrecken. Es ist das klassische Motiv von Schauergeschichten, das Sigmund Freud mit dem Begriff des Unheimlichen beschrieben hat: Erst wenn die Vergangenheit ans Licht gezerrt wird, können die alten Geister ruhen. 

Während Cobens Serie «The Five» (2016) in sich stimmig war und den Spannungsbogen aufrechterhielt, wollen die einzelnen Teile in «Safe» nicht richtig zusammenpassen. Schon der Eröffnungssong, «Glitter & Gold» von Barns Courtney, wirkt mit seiner Mischung aus Rock, Country und Gospel nicht sehr britisch, der Akzent von «Dexter»-Darsteller Michael C. Hall lässt sich geografisch in Grossbritannien nicht verorten, und auch die bewachte Wohnanlage passt besser zu den USA als zu Europa. Hier wirkt alles irgendwie deplatziert. Auch legt die Serie mehr Wert auf die persönlichen Beziehungen zwischen den Figuren, denn auf die Aufklärung des Mordes und das Wiederfinden der Tochter. «Safe» bietet zwar kurzweilige Unterhaltung, ist aber zwischen all den Perlen auf dem aktuellen Serienmarkt nichts, das einem länger im Gedächtnis haften bliebe. 

Bezahlte Liebe für den guten Zweck

Oscar Wilde (Rupert Everett) in einem der wenigen glücklichen Momente mit Bosie nach seinem Gefängnisaufenthalt.

Rupert Everett stilisiert in seinem Film «The Happy Prince» den Protagonisten Oscar Wilde zu einem Märtyrer der Schwulenbewegung.

Von Murièle Weber (Züritipp)

«Meine Tapete und ich führen ein Duell bis zum Tode. Einer von uns beiden muss gehen», soll Oscar Wilde auf seinem Sterbebett über die hässliche Wandbekleidung im schäbigen Pariser Hotel gesagt haben. Kurze Zeit später, am 30. November 1900, starb er: ausgeschlossen aus der Gesellschaft, verarmt, einsam. Das war das Ergebnis seiner zweijährigen Gefängnisstrafe unter härtesten Bedingungen, zu der der englische Autor («The Importance of Being Earnest») verurteilt wurde, weil er Sex mit Männern hatte.

Rupert Everett, der auch Regie führt und die Hauptrolle spielt, konzentriert sich in seinem Drehbuch auf die drei Jahre nach dem Gefängnis. Die meisten anderen Filme über Wilde fokussieren auf die erfolgreichen Jahre, als er von der Londoner Gesellschaft hofiert wurde, auf die stürmische Liebe zu Lord Alfred Douglas und den folgenden Abstieg. Aber Everett stellt nicht das Genie Wildes in den Mittelpunkt, sondern die Tragik seines Lebens. Er zeigt den Mittvierziger als alten, gebrochenen, kranken Mann, der trotz Armut immer wieder genug Geld findet für ein paar Minuten mit einem jungen Stricher.

Dabei hält sich Everett einerseits an die biografischen Details und verbindet den Abstieg andererseits mit Wildes Kurzgeschichte «The Happy Prince» über eine Statue, die einen Vogel bittet, die Diamanten, die sie als Augen trägt, herauszupicken, um armen Menschen damit zu helfen. Der Katholik Everett macht Wilde so zu einem Märtyrer, der für den Befreiungskampf der Schwulen gelitten hat – einem Schutzheiligen. Das funktioniert leider nur für die Zuschauer, die bereits etwas Vorwissen über Wilde mitbringen; ansonsten wird Wilde hier zu einem erbärmlichen alten Mann, dessen Bedeutung unbe­greiflich bleibt.

Aus den Wolken

Dramaserie «The Rain». Netflix. 8 Folgen à 45 Min. Von Jenny Ann Balverde, Esben Toft Jacobsen, Christian Potalivo. Mit Alba August, Mikkel Følsgaard, Lucas Lynggaard.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

1986 kam der Tod aus der Wolke. Über Monate hinweg war ganz Westeuropa in Angst, etwas von der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl abzubekommen. Der Himmel wurde misstrauisch beäugt, denn das radioaktive Material konnte in einer Wolke kilometerweit reisen und sich im Regen über ein weites Gebiet ergiessen. Die literarische Ver­arbeitung im Jugendbuch «Die Wolke» (1987) bescherte einer ganzen Generation Heranwachsender Albträume. Und jetzt ist die Wolke zurück, zur Ängstigung der nächsten Generation. Dieses Mal ergiesst sich im Regen kein radioaktives Material, sondern ein Virus, das die Menschen nicht in Zombies verwandelt, sondern unter viel Grunzen und Stöhnen und seltsamen Verrenkungen tötet. Simone und Rasmus werden von ihrem Vater, einem Wissenschafter, in einem geheimen Bunker versteckt, wo sie sechs Jahre ausharren, bevor das Essen aus ist und sie sich in der entvölkerten Landschaft durchschlagen müssen. 

Wie in allen Apokalypse-Geschichten geht es auch hier um eine Welt, in der keine Institu­tionen mehr funktionieren und jeder Mensch eher Feind als Freund ist. Wie üblich in solchen Szenarien finden sie eine Handvoll Überlebende, mit denen sie sich zusammenraufen. Gemeinsam versuchen sie herauszu­finden, ob es noch einen Ort gibt, wohin man flüchten könnte. Langsam dämmert den Geschwistern, dass der Vater etwas über das bevorstehende Unglück gewusst haben muss, und machen sich deshalb auf die Suche nach ihm. Die dänische Serie ist schön düster, hat höchst interessante Figuren mit Konfliktpotenzial und hält ihren Spannungsbogen bis zum Schluss.

Detektiv mit Einhorn

«Happy». Comedyserie. Netflix. 8 Folgen à 45 min. Von Grant Morrison und Darick Robertson. Mit ­Christopher Meloni, Patton Oswalt, Lili Mirojnick. 

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Nick Sax ist versoffen und mürrisch. Er hat weder seine Blase noch seine aggressiven Gefühlsschwankungen im Griff. Ausserdem hat er das Talent, mit jedem Menschen, den er trifft, in Streit zu geraten. So strolcht der Privatdetektiv rülpsend und um sich tretend durch New York. Das Einzige, was den ehemaligen Polizisten ab und zu auf den rechten Weg bringt, ist das dunkelblaue Einhorn Happy. Dieses schwebt über seiner Schulter und flüstert ihm ins Ohr, steppt ihm den Hoffnungstanz vor oder singt Weihnachtslieder. Happy ist der Phantasiefreund der Tochter. Die wurde von einem bösen Nikolaus verschleppt, und das Einhorn versucht nun, den versoffenen Detektiv, der bis vor kurzem noch nichts von seinen Vaterfreuden wusste, auf die Spur des entführten Nachwuchses zu lotsen. Wirklich einfach ist das nicht.

Die Serie «Happy» ist eine Adaption der gleichnamigen Comicbuchserie. Sie spielt in einem rabenschwarzen New York voller Gewalt und Abgründe, gleichzeitig verspottet sie positive Gefühle und noble Handlungen. Alles ist etwas übertrieben, die Gewalt und der Gefühlskitsch. Als Nick seiner Gefühle und über die Nachricht, eine Tochter zu haben, Herr zu werden versucht, versetzt ihn die Serie in den Wahnsinn einer Jerry-Springer-Show, wo er vor einer grölenden Meute versucht, seine Empfindungen in Worte zu fassen. Die Serie nimmt sich und ihre Figuren nicht wirklich ernst. Und das ist eine grosse Erleichterung. Serien ohne ausufernde Gewaltdarstellungen gibt es heute fast keine mehr. Erträglich ist das nur noch, wenn alles ein Witz ist.