Hier spielt der Nachwuchs

Seit 20 Jahren fördert das m4music-Festival junge Schweizer Musikerinnen und Musiker. Es ist viel bedeutender als die pompöseren Swiss Music Awards.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Die Swiss Music Awards (SMA) mussten auch dieses Jahr wieder Prügel ein­stecken. Jahrelang hat sich der Grossanlass kaum für Frauenförderung interessiert, und nun organisierte er ein Panel zur Frage, ob die Schweizer Pop-Musik ein Frauenproblem habe. Hohn und Spott aus den Reihen der Musikjournalisten und des aufmerksamen Publikums war den Veranstaltern genauso sicher wie das Stirnrunzeln in der Musikbranche.

Die Kritiker spielten die Swiss Music Awards gegen ein anderes Festival aus: das M4Music. Jedes Jahr organisiert das Migros-Kulturprozent an drei Tagen ein Festival, an dem Schweizer Musik im Zentrum steht. Am Donnerstag ist der Anlass jeweils in Lausanne präsent, wobei die Sender Couleur 3 und Virus die Konzerte übertragen, und am Freitag und Samstag trifft sich das gut gestylte Partyvolk im Zürcher Schiffbau. Aber was macht das M4Music richtig, dass so viele Kritiker des Lobes voll sind?

Während die SMA ein Anlass der grossen Labels sind, den die People-Journalisten ausschlachten, treffen sich am M4Music vor allem die kleineren Labels und Künstler. Und da gibt es viel zu reden. Seit seinen Anfängen 1998 setzt das Festival nachmittags deshalb auch auf Panels und Workshops, die öffentlich und gratis sind. Und seit die Musiktauschbörse Napster 1999 online ging, als nur wenige voraussahen, wie sich der Musikkonsum entwickeln würde, organisiert das M4Music Panels zur Digitalisierung der Musik. 2011 wurde dann auch Peter Sunde vom Internetportal The Pirate Bay, das Musik gratis zugänglich macht, eingeladen.

«Die Musikbranche hat mich fast erwürgt», erzählt Festivalleiter Philipp Schnyder, «niemand wollte dem Feind zuhören.» Er und sein Festival bewiesen jedoch mit der Einladung Weitsicht, sie verstanden, wohin sich die Musik bewegte. Während letztes Jahr noch viele Zeitungen in das immergleiche Klagelied einstimmten, Streaming raube der Musik die Seele, stellte das M4Music ein Panel zusammen, das die Vorteile und die Chancen davon aufzeigte. «Wir verwenden viel Zeit darauf, die Conference vorzubereiten», erklärt Schnyder.

Und was sagen die Leute aus der Musikbranche? Die schätzen den Anlass vor allem als Treffpunkt, an dem fast jeder aus dem Schweizer Business und sogar einige Vertreter aus dem Ausland anzutreffen sind, was bei einem kleinen Land wie der Schweiz nicht selbstverständlich ist. Und doch wird moniert, das M4Music möge sich noch etwas mehr um Kontakte zum Ausland bemühen. «Anfangs haben wir sehr europäisch gedacht», gesteht Schnyder. Dann sei ihnen bewusst geworden, dass sie zuerst die Leute aus der Schweiz an einem Ort vereinen mussten. Von Anfang an setzten sie auch auf gute Kontakte in die Romandie, Branchenvertreter aus dem Ausland kamen dann sporadisch dazu.

Wichtig war den M4Music-Organisatoren von Anfang an, dass abends ebenfalls internationale Acts auftraten, was natürlich auch mit der Attraktivität zu tun hat. Ohne die Unterstützung des Migros-Kulturprozents wäre der Anlass nicht möglich. Aber die Karten müssen trotzdem verkauft werden, da braucht es Namen, die ziehen. «Wir wollten aber auch, dass die hiesigen Künstler sich mit internationalen Acts vergleichen und messen können. Und wir haben extra einen grossen Backstagebereich, wo sich die verschiedenen Musiker treffen. So sollen auch neue Kontakte entstehen», erklärt Schnyder. Denn die Künstler reisen mit Management und Agenten von Veranstaltern an, die sich oft auch die anderen Konzerte anhören. 

Und was tut das Festival für den Nachwuchs? Da hat sich die Demotape Clinic etabliert. Jedes Jahr reichen 700 bis 800 Schweizer Künstler ihre Songs ein, dieses Jahr waren es 797. Diese Demos werden dann von drei Jurys beurteilt, die voneinander unabhängig sind. Die erste M4Music-interne Jury wählt für alle vier Kategorien – Pop, Rock, Electronic und Urban – jeweils die 15 vielversprechendsten Songs aus, welche an den Nachmittagen in Zürich live der zweiten Jury jeder Kategorie vorgespielt werden. Diese diskutieren die Lieder vor Publikum und wählen dann das beste aus. Die dritte Jury schliesslich wählt aus allen vier Gewinnern das Demo of the Year.

«Das ist ein sinnvolles Gefäss», sagt David Burger von der Musikagentur Radicalis, «weil es sich vertieft mit dem derzeitigen Befinden der Schweizer Musiklandschaft auseinandersetzt und eigentlich immer ein sehr direktes Bild zeigt, in welche Richtung sich das musikalische Schaffen weiterentwickelt.» Radicalis ist deshalb wie andere Agenturen und Labels am Festival auf der Suche nach neuen Künstlern. Letztes Jahr hat es auf diese Art Meimuna entdeckt, die Gewinnerin der Kategorie Pop, welche dieses Jahr am M4Music auftritt. Wer also wissen möchte, was die Branche beschäftigt und was die musikalische Jugend macht, sollte deshalb bereits am Nachmittag in den Schiffbau pilgern.

Erwachsen geworden

Die britische Rockband The Vaccines wurde 2010 auf einen Schlag berühmt. Drei Alben später klingt sie weniger spassig, dafür differenzierter. Am Festival m4music spielt sie in Zürich.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Als die Band im August 2010 ihre erste Single «If You Wanna» online stellte, schlug diese ein wie eine Bombe. Der Aufruf von Sänger Justin Young an eine Ex-Freundin, begleitet von peitschendem Surf-Rock, traf einen Nerv. «Ich will am Morgen nicht allein aufwachen, aber ich muss mich dem Tag stellen. Das sagen jedenfalls alle Freunde, die ich nicht so gut wie dich mag», sang er. 

Die liebeskummergetränkte Deklaration in tanzbarem Indierock bescherte den Newcomern Konzerteinladungen in ganz Grossbritannien. Ein Londoner Auftritt einige Monate später bekam in den Erzählungen der Anwesenden (hauptsächlich Journalisten und andere Musiker) später Kultstatus. Und es animierte einen Musikjournalisten im Magazin «Clash» dazu, eine neue Ära der Gitarrenmusik auszurufen. Die Band begründete zwar keine neue Welle, aber die damals erst Anfang-zwanzig-Jährigen erspielten sich innerhalb von Monaten ihren festen Platz in der Musikszene. 

Songschreiber und Sänger Justin Young ist ein Grübler. Das hört man auch den Songs an, die er im Alleingang schreibt. Während er in «Wetsuit» noch die Angst vor dem Altern besingt – «Um Gottes willen lasst uns jung bleiben, denn es wird immer schwieriger, der Zeit davonzulaufen» –, steht in «Minimal Affection» vier Jahre später die Angst vor der Beziehungslosigkeit im Vordergrund: «Du vergisst, wie man eine Verbindung eingeht, wenn du schon so lange eine wolltest.»

Besonders zu Beginn der Bandkarriere hatte Young den Ruf, so distanziert zu sein, dass sich Interviews mit ihm schwierig gestalteten. Diesen Eindruck hinterlässt er bei uns nicht, als wir kürzlich mit ihm telefonieren. Die Band befindet sich gerade in Madrid, wo sie am Abend auftritt. Young bemüht sich, die Fragen detailliert zu beantworten. Dabei lacht er regelmässig, aber so sanft, dass man genau hinhören muss, um es nicht zu überhören. 

«Ich habe mich schon immer mit der Musik verbunden gefühlt», erzählt er. «Songs zu schreiben fällt mir leicht. Ich fand stets, der beste Weg, mit Menschen in Verbindung zu treten, ist, ihnen ehrlich zu sagen, was man fühlt und wie man die Welt sieht.»

Unter dem Druck von Fans und Kritikern, nach dem Erfolg von «If You Wanna» ein Debütalbum nachzuliefern, zog sich die Band ins Studio zurück. Fast zeitgleich tingelte sie monatelang durch Grossbritannien und spielte in Pubs, die nach ihrem schnellen Erfolg für die Fans oft zu klein waren. Allfällige Kritik vorwegnehmend, nannten sie ihr Album im März 2011 herausfordernd «What Did You Expect From the Vaccines?». 

Während es in den Songs des ersten Albums noch mehr um Spass und Sex ging, zeigten sie sich auf ihrem nächsten Album «Come of Age» (Erwachsen geworden) achtzehn Monate später selbstkritischer. In «Teenage Icon» analysierte Young den plötzlich Ruhm kritisch: «Ich bin keine Teenager-Ikone. Distanziert und schüchtern, nur ein Durchschnittstyp, untrainiert, mit fettigen Haaren. Ich bin nicht magnetisch oder mythisch. Ich bin nur vorstädtisch und typisch. Ich wurde von allem überwältigt.» 

Das Debütalbum wurde begeistert aufgenommen. In der zweiten CD sahen viele Kritiker dagegen nur eine Verlängerung der ersten. Sie bemängelten das Fehlen einer musikalischen Entwicklung. Über die Jahre entstand auch innerhalb der Band der Wunsch nach Veränderung, und sie beschloss, sich mehr an zeitgenössischer Musik zu orientieren. «Von unserem dritten Album, ‹English Graffiti›, wollten wir, dass es nicht mehr so zeitlos klingt wie die ersten beiden. Es sollte klingen wie ein Produkt seiner Zeit», erklärt Young.

Das Ergebnis dieser musikalischen Frischzellenkur erinnert streckenweise an Popsongs der achtziger Jahre. Und die Sehnsucht nach Verbundenheit, die sich auf allen drei Alben als zentrales Thema findet, bekommt auf dem dritten eine stärker melancholische Note. Zum Glück blitzt dazwischen die jugendliche Lebensfreude der ersten beiden Alben auf. Die Verbundenheit als Thema finde sich auch im Titel des Albums, erklärt Young. «Als ich in Peru war, sah ich viele englische Graffiti, während ich in einem deutschen Auto sass, eine Cola trank und im Radio amerikanische Popmusik hörte. Die Welt ist auf so vielfältige Art verbunden. Über diesen Mix aus Verbundenheit und Abgrenzung, der sich auch im Versuch, eine bedeutungsvolle Beziehung zu haben, zeigt, dachte ich viel nach. ‹English Graffiti› fasst das alles für mich zusammen.» 

Wer nun befürchtet, sich bei einem Auftritt der Vaccines wie an einem Popkonzert zu fühlen, den beruhigt Young: «Wir sind noch immer eine Rockband. Die Gitarre steht weiterhin im Mittelpunkt. Aber es hat etwas Magisches, wenn der ganze Raum mitsingt. Wir spielen deshalb gerne unsere Hits.» 

Auf Zürich angesprochen, erinnert er sich an einen ganz speziellen Moment. «Unser erstes und bisher einziges Konzert in Zürich fand im Dezember 2012 statt. Es war eiskalt. Wir hatten den Tag über nichts zu tun und haben einen Schneemann gebaut. Dann haben wir ihm ein Vaccines-T-Shirt angezogen, sind alle um ihn herumgestanden und haben eine Foto gemacht. Fast so eine Art offizielle Familienfoto, wie an Weihnachten. Ich habe es noch immer auf dem Handy.»