Serie «Alias Grace». USA 2017. Von Sarah Polley. Mit Sarah Gadon, Edward Holcroft, Anna Paquin und David Cronenberg.
Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)
Die Literatur des 19.Jahrhunderts ist voll von diesen Geschichten: Oliver Twist, der im Waisenhaus hungert, Jane Eyre, die ungerecht behandelt wird und ihre einzige Freundin an den Typhus verliert, oder Effi Briest, die nach ihrem Ehebruch verstossen wird. 1996 verarbeitete auch die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood das Schicksal einer Rechtlosen in ihrem feministischen Roman «Alias Grace». Der realen Dienstmagd Grace Marks wurde 1843 vorgeworfen, zusammen mit dem Stallburschen ihren Arbeitgeber und seine Hausangestellte ermordet zu haben. Dafür kam sie ins Gefängnis. Aber bis heute ist nicht klar, ob sie nur zur Tatzeit anwesend oder aktiv am Mord beteiligt war. Atwood schrieb eine fiktive Version der Geschehnisse, die nach «The Handmaid’s Tale» die zweite serielle Verfilmung ihres Werkes ist. Erzählt wird Grace’ Geschichte in Rückblicken in Form von sechs Therapiesitzungen, in denen Grace (Polley) ihrem Psychiater (Holcroft) von ihrem schweren Leben erzählt. Die sechs Teile entsprechen etwa drei Filmen: Der erste widmet sich der Immigration der irischen Familie nach Kanada, der zweite dreht sich um die Arbeits- und Sozialsituation im kanadischen Toronto, und im dritten Teil kommt der feministische Unterton voll zum Tragen, wenn es darum geht, ob einer der männlichen Ärzte oder sie selber die Deutungshoheit über ihre Geschichte hat. Wer schon immer etwas über kanadische Geschichte wissen wollte, ist hier richtig. Wer genug hat von den immergleichen Geschichten über das 19.Jahrhundert, sollte einen Bogen um die Serie machen.
Ob im Kino, in der Musik oder in der Mode: Die Eighties sind omnipräsent, obwohl unsere Zeit eher von den Neunzigern besessen sein sollte. Warum fasziniert uns die Dekade mit den Föhnfrisuren und den kitschigen Sonnenuntergängen noch immer?
Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)
Zwei junge Frauen fahren im Cabriolet in den zartrosa Sonnenuntergang. Im Hintergrund erklingt dazu Belinda Carlisles sülziger Synthie-Hit «Heaven Is a Place on Earth». So endet die gerade mit zwei Emmys ausgezeichnete Episode «San Junipero» der Netflix-Serie «Black Mirror». Sie handelt vom Umgang mit neuen Technologien in der Zukunft. Denn eigentlich sind die beiden Frauen bereits tot, aber für ihr Jenseits haben sie sich eine simulierte Welt in den achtziger Jahren ausgesucht. Der Himmel ist eben doch ein Ort auf Erden, und er liegt anscheinend in den Achtzigern.
Das scheint auch für die Kultur der Gegenwart zu gelten. Wohin das wachsame Auge auch blickt, den achtziger Jahren lässt sich nicht ausweichen.
Trump bringt Reagan zurück
Sie suchen uns heim in der Form von Clown Pennywise in der Neuverfilmung des Horrorklassikers «It», der nächste Woche in die Kinos kommt. Sie gewinnen unser Herz mit drei Buben auf der Suche nach ihrem verschwundenen Freund in der Netflix-Serie «Stranger Things». Sie liegen uns in den Ohren mit «Brotherlove» vom Schweizer Musiker Crimer. Und sie zwinkern uns verschmitzt zu in Form von Dauerwellen, dicken Eyelinern und kitschig-grellen, glitzernden Kleidern an der Fashion-Show von Marc Jacobs.
Selbst Donald Trump mit seiner orangen Gesichtsfarbe, den wilden Haaren und seiner «America First»-Ideologie verkörpert eine rechtskonservative Wiedergeburt der achtziger Jahre mit ihrer Ich-Generation, der Kalten-Krieg-Rhetorik, dem Materialismus und seiner 1987 verfassten Bibel «The Art of the Deal».
Das nostalgische Zelebrieren von Kultur aus vergangenen Dekaden gibt es normalerweise im Abstand von zwanzig Jahren. Die siebziger Jahre waren fasziniert von den Fünfzigern mit Filmen wie «American Graffiti» und dem Musical «Grease». Die achtziger Jahre verherrlichten die unschuldigeren Sechziger mit «Dirty Dancing» oder der Serie «Wunderbare Jahre». Und die neunziger Jahre bezogen sich auf die Seventies mit der Sitcom «Die wilden Siebziger» oder dem Kultfilm der Dekade, «Pulp Fiction», in dem Tarantino auf Seventies-Funk setzt und John Travolta, dem vergessenen Star aus «Saturday Night Fever» (1977), ein Comeback ermöglichte. Dieser Logik entsprechend, sollte unsere Dekade besessen sein von den Neunzigern. Warum nur dreht sich dann noch immer alles um die Achtziger?
Der erste und wichtigste Grund ist: Mit der Zeit steigt die Wertschätzung, und es beginnt die Verklärung. Sind genug Jahre verstrichen, vergessen wir gerne, was wir damals alles nicht mochten. Richtig: neonfarbene Pulswärmer, Spandex-Anzüge und hohe Schulterpolster. Darin sieht nicht einmal Ryan Gosling gut aus, wie sein Auftritt mit einer Achtziger-Band in «La La Land» zeigt. Dafür dürfen seit einigen Jahren wieder weisse Turnschuhe von Adidas und Superga getragen werden, was nicht nur die Aargauer freut. Und weil man solche Mode-Statements sehen soll, sind auch die hochgekrempelten Hosen wieder im Trend. Aber wer denkt, dass es reicht, einfach die Hosenbeine hochzurollen, der irrt. Man muss zuerst die Innennaht umbiegen, einwickeln und dann von der anderen Seite her… Ach, sehen Sie sich einfach das Youtube-Video «How to Pinroll» an.
Die Generation X hat die Macht
Der zweite Grund ist die Generation X, der in den 1960ern und 1970ern Geborene angehören. Wann haben Sie das letzte Mal von der gehört? Das Pew Research Center bezeichnete sie kürzlich als «das übersehene mittlere Kind». Denn sie liegt eingequetscht zwischen zwei viel grösseren Generationen: jener der Babyboomer, die schon langsam aufs Altersheim zuhinkt, und derjenigen der noch zahlreicheren Millennials, die noch damit beschäftigt sind, etwas ungeschickt in die Arbeitswelt zu stolpern. Das Kind der achtziger Jahre ist zwar so unauffällig, dass man der Generation nur einen Platzhalter als Namen verschafft hat. Dafür sitzen ihre Vertreter heute an den Schalthebeln der Macht, auch im Kulturbereich, wo sie Filme, Serien und Musik im Stil ihrer Jugendzeit durchwinken.
Aber dass Produzenten in weissen Adidas-Turnschuhen solche Projekte bewilligen, erklärt noch nicht, warum sich die Jugendlichen letzten Sommer auf die Serie «Stranger Things» stürzten, warum Achtziger-Jahre-Playlists auf Spotify am häufigsten von der Altersgruppe 25 bis 34 und am zweithäufigsten von 18- bis 24-Jährigen angehört werden oder warum Menschen, die die Achtziger nicht oder kaum erlebt haben, wie «Stranger Things»-Schöpfer Matt und Ross Duffer (*1984), die Band Hurts (*1985 und *1986) oder Musiker Crimer (*1989), von den Achtzigern inspirierte Kunst machen.
Das Onlinemagazin «Vulture» unterstellte der Generation X kürzlich in einem Artikel, sie hege als übersehenes mittleres Kind Rachegelüste, weshalb sie ihre Kinder, Nichten und Neffen mit den Schätzen der eigenen Kindheit indoktriniere, auf dass die Achtziger ewig währen. Richtig ist auf jeden Fall, dass es heute einfacher ist, die Artefakte der Vergangenheit zugänglich zu machen. Während Babyboomer eine Schallplatte kaufen mussten, um dem Nachwuchs den Klang ihrer Jugend vorzuführen, klickt der Mittvierziger heute am iPad auf ein Youtube-Video von Duran Duran.
Aber das gilt für alle alten Dekaden. Was ist der Reiz der Achtziger? «Das Jahrzehnt war stark geprägt von Ronald Reagan und Margaret Thatcher», sagt Steve Blame, der in den Achtzigern seine Karriere als VJ auf MTV Europe begann. «Es war politisch und gesellschaftlich sehr repressiv und konservativ. Das setzte aber auch Kreativität frei. In der Gesellschaft konnte man sich nicht ausleben, also tat man es in der Kunst: zum Beispiel Boy George, der sich lange Zeit nicht als homosexuell outete, aber ein sehr flamboyantes Auftreten hatte.» Die achtziger Jahre sahen auch den Beginn von Girl-Power mit Madonna und den Mix von Pop-Kitsch mit Traurigkeit von Bands wie The Cure.
Von dieser Mischung fühlt sich auch der Ostschweizer Crimer angezogen. «Die Sounds sind sehr überspitzt. Der Schlagzeug-Sound hat diese riesige Hallfahne.» Man denke nur an «When Doves Cry» von Prince oder an «Born in the USA» von Bruce Springsteen. Sie klingen ein wenig wie ein harter Schlag auf Wasser. Dieser nervöse Klang, genannt gated reverb, wurde 1980 durch Zufall bei einer Studioaufnahme von Phil Collins’ Schlagzeug entdeckt und später durch eine Drum-Maschine rekonstruiert. Neben den Synthesizern ist es das auffälligste musikalische Merkmal der achtziger Jahre. Nachdem er zwanzig Jahre aus der Musik verschwunden war, ist er nun zurück: Taylor Swift hat ihn in «Blank Space» genutzt und Lorde in «Louvre».
Für die Duffer-Brüder wiederum ist es die Ästhetik der Achtziger-Jahre-Filme, wie das neblige Übernatürliche in «E.T.» und die Kameradschaft in «Stand by Me». «Unsere Serie ist eine Hommage an diese Filme, mit denen wir aufgewachsen sind», sagt Matt Duffer. «Wir waren die letzte Generation, die ohne Internet und Handy aufgewachsen ist. Wir gehen gerne zurück in eine Zeit, als wir draussen mit unseren Freunden spielten und das Gefühl hatten, wir würden uns in einem grossen Abenteuer verlieren. Da schwingt definitiv Nostalgie mit.»
In den 1980ern wurde der Jugendfilm neu erfunden mit «The Breakfast Club» oder «The Goonies». Der Sommer und die Freundschaft versprachen darin allen Widrigkeiten zum Trotz ewig zu währen. Dies ist auch der Grund, warum gewisse an die Achtziger angelehnte Produktionen funktionieren und andere nicht. Als die Serie «Knight Rider» 2008 neu aufgegossen wurde, floppte sie. Die Macher hatten Versatzstücke wie das sprechende Auto und den einsamen Helden in polierter «Fast and the Furious»-Manier zurück auf den Bildschirm gebracht, aber ohne Herz.
Besser gemacht hat das der Schwede David Sandberg mit seinem über Kickstarter finanzierten Film «Kung Fury», der bis jetzt auf Youtube 30 Millionen Mal angeklickt wurde. Ein Polizist aus Miami wird von einem Blitz getroffen und von einer Schlange gebissen und hat plötzlich übernatürliche Kräfte. Die meisten Szenen entstanden vor einem Green Screen, bei dem man die Umgebung der Figuren später am Computer erstellt. Die Ästhetik des Films erinnert an die grosspixeligen Games der achtziger Jahre. Es ist Kitsch voller Pathos.
Die originalen Vorbilder «Knight Rider» und «Kung Fury» haben Kultcharakter. Kult muss nicht gut sein, aber mit Leidenschaft gestaltet. Schon Aristoteles wusste, dass Rhetorik ohne Pathos nicht funktioniert, weil sie das Publikum kaltlässt. Die Eighties boten in vielen Bereichen Kitsch mit viel Pathos: in der Musik, im Kino, in Serien oder in der Mode. Das ist es, was bis heute nachklingt: das Herz, die Leidenschaft.
Andere Beispiele wie die Serie «The Americans» kommen ohne Kitsch aus. Ein sowjetisches Agentenpaar mordet unentdeckt im Namen einer grösseren Ideologie im Amerika der 1980er. Man nannte das nicht Terrorismus, sondern Kalten Krieg. Laut Steve Blame gibt es weitere Parallelen zwischen damals und heute: «Als Reagan gewählt wurde, dachten wir, die Welt gehe unter. Ich war auf sehr vielen Protestmärschen. Ich verstehe die Angst der Leute wegen Trump, aber wenn wir Glück haben, führt die Repression zum gleichen phantastischen Kulturschaffen wie damals.» Die Achtziger sollte man nicht nur mit Nostalgie, Kitsch und Pathos assoziieren, sie lehren uns vielmehr, wohin man seine Energie in Zeiten des Konformismus lenken kann: in Kreativität.
Die Achtziger sollte man nicht nur mit Nostalgie, Kitsch und Pathos in Verbindung bringen, sondern auch mit kreativer Kultur.
Hier leben die achtziger Jahre wieder auf «It»
Die Neuverfilmung von Stephen Kings Bestseller von 1986 bringt den Horror zurück in die Kleinstadt. Bill Skarsgård spielt den Clown, der Jagd auf Kinder macht. In den USA der Hit der Saison. Läuft bei uns ab
28.9. im Kino.
«GLOW»
Die Netflix-Serie erzählt die Story der weiblichen Wrestling-Gruppe namens GLOW. Spandex-Anzüge, Neonlichter und Föhnfrisuren – mehr 80s geht gar nicht. Ein Beispiel, wie man Kitsch zur Kunst erhebt.
«White Gold»
Die Netflix-Serie dreht sich um einen arroganten Handelsvertreter (Ed Westwick, l.) in Essex, der ähnlich wie Michael Douglas in «Wall Street» das «Geiz ist geil»-Credo verkündet. Eine Serie über die Gier nach Geld.
Hurts
Die Synthie-Pop-Band aus Manchester hat 2010 mit ihrem Debütalbum «Happiness» als eine der ersten das Comeback des 80er Pop à la Pet Shop Boys eingeleitet. Am 29.9. erscheint ihr neues Album: «Desire».
«Blade Runner 2049»
Denis Villeneuve hat die Fortsetzung des stilbildenden 80er Kultfilms «Blade Runner» gedreht. Die Hauptrolle spielt Ryan Gosling (l.), der Trailer verspricht viel Nebel und Neonlicht. Ab 5.10. im Kino.
Serie «American Vandal». USA 2017. Regie: Dan Perrault, Tony Yacenda. Mit Tyler Alvarez, Griffin Gluck. Auf Netflix.
Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)
Dass ein Genre sich etabliert hat, merkt man spätestens, wenn es parodiert wird. «Scream» revolutionierte 1996 den Horrorfilm und begründete ein eigenes Genre, die des Meta-Horrorfilms, worin die Figuren die Regeln des Genres kennen und doch dem Mörder nicht entkommen. Ab 2000 wurde es von der «Scary Movie»-Reihe parodiert. Der Podcast «Serial» hat 2014 über mehrere Folgen hinweg einen Mordfall aufgerollt und ist der Frage nachgegangen, ob der verurteilte Mörder wirklich schuldig ist. Viele weitere Serien folgten, unter anderem «Making a Murderer». Nun parodiert «American Vandal» diese rückwärtsgewandte Mördersuche.
An der Hanover High School, die verdächtig nach «Hangover» klingt, werden auf Autos von Lehrern Penisse gesprayt. Sofort steht der Schuldige fest: Jimmy Tatro, Bad Boy der Schule. Aber zwei Jungen des Videoklubs glauben das nicht und machen sich daran, den Fall nochmals aufzurollen. Dabei entdecken sie viele kleine, schmutzige Geheimnisse ihrer Mitschüler.
Die Serie ist genial. Die Regisseure Dan Perrault und Tony Yacenda haben bereits Erfahrungen mit Satire aus Videos für «Funny or Die» und «College Humor». Aber auch die bestgeschriebene Parodie funktioniert nur, wenn die Schauspieler den richtigen Ton treffen und ihre Rollen ernsthaft spielen. Obwohl die meisten noch sehr jung sind, gelingt ihnen das in «American Vandal» phänomenal. Ob man das Genre kennt oder nicht, spielt keine Rolle. Die Parodie ist treffend und bietet für Insider viele Seitenhiebe auf Vorbilder. Aber die Serie funktioniert auch einfach wie ein Krimi, der sich um die Frage dreht, wer der Täter ist.
Serie «Top of the Lake». Australien, seit 2013. Von Jane Campion. Mit Elisabeth Moss, Nicole Kidman, Gwendoline Christie, David Dencik.
Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)
Vier Jahre mussten die begeisterten Fans von «Top of the Lake» auf die zweite Staffel ihrer Serie warten. Die vielgepriesene Neo-Noir-Ästhetik ist die gleiche geblieben, nur die Geografie hat sich geändert: Die düsteren Wälder Neuseelands wurden durch schäbige Häuserzeilen in Sydney ersetzt.
Nachdem die Polizistin Robin (Elisabeth Moss) in der ersten Staffel das Verschwinden eines 12-jährigen schwangeren Mädchens aufgeklärt hat, ist sie nun in Sydney gelandet – und gleich mit einer weiblichen Leiche konfrontiert. Diese wurde in einem Reisekoffer im Meer entsorgt. Bald stellt sich heraus: Die tote Asiatin arbeitete in einem Bordell. Dort trifft die psychisch angeschlagene Polizistin auf den undurchsichtigen ehemaligen Uni-Dozenten Puss (David Dencik). Der 42-jährige Chauvinist will die 17-jährige Tochter einer Feministin (Nicole Kidman) heiraten, das treibt deren liberale Eltern verständlicherweise in den Wahnsinn.
Wie schon in der ersten Staffel geht es auch in der zweiten um die Objektivierung der Frau in der westlichen Gesellschaft. In der ersten Folge sitzen Männer in einem Café und benoten die Prostituierten, mit denen sie Sex hatten. Die eine bläst ganz gut, aber es hat kaum Parkplätze vor ihrem Haus, also gibt es keine gute Note. Als einer dieser Männer versucht, mit der Kellnerin des Cafés einen freundschaftlichen Umgang zu pflegen, wird diese Annäherung von der Gruppe sabotiert. Damit zeigt Regisseurin Jane Campion, dass auch Männer Opfer dieser grausamen Objektivierung sind. Denn auch ihnen wird verwehrt, was sie sich insgeheim wünschen: echte Verbundenheit mit einem anderen Menschen.
Die New Yorker Hipster-Band Hercules & Love Affair legen mit «Omnion» ein wunderbares Album vor, das Lust zum Tanzen macht.
Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)
Andrew Butler macht Musik für die Nacht: tanzbar, wehmütig und mit einem tragenden Beat. Die Stücke des kreativen Kopfes der US-Band Hercules & Love Affair beschwören die farbigen Nächte der Discozeit des New Yorker Nachtklubs Studio 54 herauf, als die Party endlos erschien und alle irgendwie gleich waren. Aber so ganz scheint er sich selber nicht zu glauben, denn immer schwingt auch eine Melancholie mit, die nur allzu menschlich ist: Wie wenn im Rausche der Feier plötzlich die Lichter angingen und jeder unter dem zerlaufenen Make-up des anderen die eigene Unsicherheit widerspiegelt sähe. So klingt das Titelstück «Omnion», in dem die Amerikanerin Sharon Van Etten mit bald fragiler, bald kräftiger Stimme an eine übersinnliche helfende Macht appelliert.
Für den Tonkünstler Andrew Butler ist die Nacht ein Versprechen, wie es wohl jeder Nachtschwärmer gerne glauben möchte. Aber für den schwulen Jungen aus einer problemreichen Familie war sie vor allem auch Zufluchtsort und Gegenwelt. Bereits mit fünfzehn Jahren legte er als DJ in einer Lederbar in seiner Heimatstadt Denver auf. Als das Lokal von der Polizei kontrolliert wurde, versteckte er sich in der Toilette. Diese Kindheit hat er im Track «Blind» verarbeitet, den Anohni von Antony and the Johnson einsang und der 2008 von verschiedenen Musikzeitschriften zum besten Song des Jahres gekürt wurde.
Butler hat immer Persönliches in seine Musik einfliessen lassen und die vielen Musiker, die auf seinen Alben mitwirken, zu gleichem ermutigt. 2011 verarbeitete John Grant in «I Try To Talk To You» auf dem Vorläuferalbum «The Feast of the Broken Heart» seine HIV-Ansteckung. In «Fools Wear Crowns» besingt Butler seine eigene Drogen- und Alkoholsucht und muss sich selber eingestehen, dass er ein Idiot war, als er deswegen über Monate immer wieder in die Notaufnahme eingeliefert wurde. Es ist der einzige Song, den Butler auf dem neuen Album «Omnion» selber singt. Und dieses Stück berührt am meisten, nicht der Thematik wegen, sondern weil die Musik seine heiser gesungene Beichte nur sanft pulsierend unterstützt, aber nie überdröhnt.
Anders als auf dem Vorläufer experimentiert Butler auf seinem vierten Album stärker. Er bleibt seinem Mix aus Untergrund-Disco der siebziger und frühem Chicagoer House der achtziger Jahre treu. Aber in «Controller» webt er auch Synthesizerklänge aus New-Wave-Zeiten hinein. Faris Badwan, der Sänger der Garage-Rock-Band The Horrors, singt die Zeilen zu gleichen Teilen verführerisch und dominant. So als wolle er Beherrscher und Unterworfener gleichzeitig sein.
In «Rejoice» setzt Butler auf die harten Beats der Industrial Music. Dazu passt die kräftige Stimme von Rouge Mary, dem zweiten Mitglied der Band, die über die stürmischen Klänge kratzt. In «Are You Still Certain» hat Butler mit der libanesischen Gruppe Mashrou’ Leila zusammengearbeitet, die der Musik arabische Worte und einen orientalischen Singsang verleiht, die an durchtanzte Nächte in Beirut erinnern.
Grossartige Kunst ist selten einseitig. Und so lässt sich auch «Omnion» auf zwei Arten geniessen. Die Musik der New Yorker hält ihr Versprechen, sich tanzend mit anderen schwitzenden Körpern in der bunten Finsternis zu verlieren, aber wenn das Licht angeht, lässt sie einen nicht allein und hat noch immer etwas von Bedeutung zu erzählen.
Kendrick Lamar während einem Konzert 2013. Bild: flickr
Das sehnlich erwartete neue Album des Rappers Kendrick Lamar ist da. Es überzeugt mit hitzigem Hip-Hop und dringlichen Texten.
Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)
Noch ist das Konzeptalbum nicht tot. Auch wenn der Rapper Drake, der ganz auf das Geschäftsmodell Streaming setzt, gerade emsig am Sarg für Tonträger als Gesamtkunstwerke bastelt. Aber Kendrick Lamar als bester zeitgenössischer Rapper hält erfolgreich und ohne grosse Mühen die Stellung. Das mag daran liegen, dass sich Lamar selber als Schriftsteller sieht. Seine Alben hören sich deshalb an wie vertonte Gedichte.
Auf seinem neuesten, «Damn», finden sich thematische Pendants. Der alles verzehrenden «Lust» wird die beständige «Love» entgegengesetzt, und auf «Fear» folgt «God». Vor allem aber spinnt Lamar seine Erzählung weiter. Während er sich auf seinem zweiten Album, «Good Kid, M.a.a.d. City», fragte, wie er es aus Compton, dem Ghetto von Los Angeles, heraus schaffen solle, stürzte ihn der folgende Reichtum auf «To Pimp a Butterfly» in eine Identitätskrise. Gleichzeitig war es auch eine Brandrede auf die Lebensbedingungen der Afroamerikaner. Auf «Damn» hat er seine Rolle als Sprecher seiner Community angenommen. «‹To Pimp a Butterfly› sprach das Problem an, das will ich nun nicht mehr machen», sagte Lamar der «New York Times». «Lernen, etwas zu akzeptieren, und nicht wegrennen. So will ich, dass sich das Album anfühlt.»
Während der 29-Jährige seinen Blick zuvor auf die Staatsgewalt und die Versuchungen von aussen gerichtet hatte, so konzentriert er sich nun auf sich selber und sein nahes Umfeld. In «DNA» erzählt er zu einem packenden Beat von seiner Herkunft als Afroamerikaner. Im Video zur Single versucht Don Cheadle als Polizist dem verhafteten Lamar durch seine DNA etwas nachzuweisen, bevor er selber dessen Sicht einnimmt und rappt: «I got loyalty, got royalty inside my DNA» («ich habe Loyalität und königliche Herkunft in meiner DNA»), aber auch sardonisch: «Sex, money, murder – our DNA.» Für diese Haltung, das Problem nicht nur in einem korrupten politischen System zu suchen, sondern mit einem ehrlichen Blick auf sich selber zu beginnen und auch Ängste und Zweifel zuzulassen, wurde er in der Vergangenheit des Öfteren kritisiert.
Nach dem Blick auf seine Community nimmt er es in «Humble» mit der Rap-Gemeinschaft auf. Im Videoclip zeigt Lamar, wie das Model ohne Make-up aussehen würde, und rappt dazu: «I’m so fuckin’ sick and tired of the Photoshop / Show me somethin’ natural like ass with some stretch marks» («Ich habe genug von Photoshop, zeig mir etwas Natürliches wie einen Hintern mit Dehnungsstreifen»). Dann schmettert er mehrfach «be humble» («seid bescheiden») hinaus.
Es ist ein einfaches Album, das ohne viel Brimborium auskommt, auch wenn Lamar auf raffinierte Weise Stimmen montiert. Es gibt keinen Begleitfilm, und die Musik funktioniert dieses Mal ohne den grossartigen Jazz des letzten, sondern setzt ganz auf Hip-Hop-Beats, auf den Soul der 1970er Jahre und auf Elektro-Elemente. Einfach Kendrick, sein Blick auf die Welt und seine berauschende Fähigkeit, Worte einzusetzen. Genau deshalb kann das Album allen Ansprüchen standhalten. Damit beweist Lamar, dass er der Beste seiner Zunft ist. Da ist etwas Häme in Richtung Drake durchaus angebracht. «My left stroke just went viral», liess er ihn wissen («Mein linker Hieb hat sich online gerade wie ein Virus verbreitet»). Und: «Get the fuck off my stage.» Recht hat der Mann.
TV-Serie Community. Von Dan Harmon, mit John Oliver, auf DVD.
Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)
Weil der findige Anwalt Jeff kein Anwaltspatent hat und deswegen auffliegt, muss er zurück an die Universität. Es reicht allerdings nur für ein Community College, sozusagen für den Keller des amerikanischen Bildungssystems. Und so sitzt Jeff bald im gleichen Klassenzimmer wie der ehemalige Sportstar Troy, die alleinerziehende Mutter Shirley oder der Rentner Pierce (Chevy Chase). Und das auch noch beim frustrierten Spanischlehrer Senior Chang. Um sich das Leben leichter zu machen, gründet Jeff eine Studiengruppe, aus der bald eine enge Familie wird. Gestört werden sie laufend vom Rektor der Universität, der in wechselnden Kostümen, gerne auch einmal im Baströckchen mit Kokosnussschalen-Bikini, auftaucht und belanglose Informationen zum Besten gibt. Und Unterstützung finden sie in Professor Duncan (dem grossartigen John Oliver).
«Community» ist die mit Abstand intelligenteste und amüsanteste Comedy-Serie, die vor allem von ihren exzentrischen Figuren lebt, die sich im Tempo eines Hochgeschwindigkeitszuges das Popkultur-Wissen um die Ohren hauen. In der Folge «Für eine Handvoll Paintballs» duellieren sich die Studenten mit Paintball-Pistolen im Stile eines Spaghettiwesterns auf dem Unigelände. Das ist ein solcher Erfolg, dass Abed, der Filmnerd der Gruppe, dem Hausmeister beichtet, keine Ahnung zu haben, wie sie diesen Spass jemals übertreffen könnten. Worauf der trocken antwortet: «Warum Pistolen benutzen? Nehmt das nächste Mal doch gleich einen Schlauch und sprüht das ganze Gebäude mit Farbe voll.» Worauf Abed entgegnet: «Das haben wir doch. Waren Sie noch nicht in der Bibliothek?» Dann gibt es die Folge im Stile eines Bürgerkriegsdramas, die Glee-Episode, das Mafia-Drama, die Zombie-Nummer oder den Star-Wars-Krieg. – Lachen hilft gegen die Dunkelheit. Gönnen Sie sich dieses Vergnügen!
Unheimliche Clowns halten derzeit die Welt in Atem. Auch wenn Clowns meist als harmlose Possenreisser dargestellt werden, versteckt sich unter der Schminke oft das Grauen, wie ein kurzer Blick in die Kulturgeschichte zeigt.
Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)
Plötzlich springt ein Clown aus dem Gebüsch. Manchmal sogar mit einer Kettensäge in der Hand. Diese Erfahrung haben in letzter Zeit zahlreiche Menschen auf der ganzen Welt gemacht. Zuletzt auch im Kanton Zürich, wo gemäss «NZZ» seit Mitte Oktober acht so genannte «Horrorclowns» gemeldet wurden. Die globale Hysterie begann anscheinend damit, dass zwei Clowns in South Carolina versuchten, einen Knaben in den Wald zu locken.
Mittlerweile finden sich auf YouTube unzählige Videos, in denen Clowns aus dem Schatten springen und Passanten das Fürchten lehren – worauf von Angriffen auf die Spassvögel berichtet wurde. Nun existiert schon der Hashtag #clownlivesmatter, weil sich als Clown arbeitende Menschen vor Racheakten der Bevölkerung fürchten. Sogar Horror-Altmeister Stephen King höchstpersönlich sah sich bemüssigt, über Twitter zu kommentieren: «Leute, es ist Zeit, die Clown-Hysterie abkühlen zu lassen.»
Clowns gehören vor allem zu unserer Kindheit, aber die Erinnerungen daran sind oft ambivalent: Vielleicht assoziieren Sie mit dem geschminkten Gesicht den kürzlich verstorbenen Dimitri oder den tollpatschigen Gaston vom Zirkus Knie, der Sie zum Lachen brachte.
Oder falls Ihr Geburtsjahr in den 1970er Jahren liegt, war Ihre Kindheit vielleicht geprägt von der sprechenden Horror-Clown-Puppe aus dem Film «Poltergeist» (1982), die den Buben ins Bett zieht, oder vom dauergrinsenden, scheinbar unschuldigen Kasperli, der mit einer Pritsche, die verdächtig einem Baseballschläger gleicht, auf seine Mitmenschen einprügelt.
Aber der Clown ist nicht nur heutzutage eine ambivalente Figur, ambivalent waren schon seine Ursprünge. Diese finden sich einerseits in den Sagen und Mythen vieler Kulturen. Bei den Hopi-Indianern waren es schwarz-weiss geschminkte Tänzer, die zum Abbau von Spannungen im Stamm beitrugen, indem sie ungewolltes Verhalten ins Lächerliche zogen.
In der europäischen Kultur ist vor allem der kleinwüchsige Puck bekannt, wahlweise als bösartiger Dämon oder guter Hausgeist, der den Menschen Hausarbeiten abnahm oder sie ärgerte und dem Shakespeare im «Sommernachtstraum» zu Weltruhm verhalf.
Andererseits liegen die Ursprünge im griechischen Theater, wie Benjamin Radford in seinem Buch «Bad Clowns» (2016) aufzeigt. Meist gab es da glatzköpfige Possenreisser mit gepolstertem Bauch, Eselsohren und Hakennase. Sie parodierten in einer Farce die seriöseren Rollen der anderen Schauspieler. Die gleiche Figur findet sich auch im römischen Theater.
Der stupidus wurde zur Erheiterung des Publikums von den anderen Figuren übers Ohr gehauen und geschlagen, oder er nutzte selber aktuelle Skandale, um über die Mächtigen herzuziehen. Eine Tradition, die sich später im Karneval wiederfindet, in dem es um die Umkehrung von hierarchischen Strukturen und das Lächerlichmachen der Mächtigen geht.
Manchmal waren die Darsteller Kleinwüchsige oder Krüppel. Von ihnen und den Narren sagte man, sie hätten göttliche Kräfte, weshalb man ihnen mehr Spielraum gab. Im Hofnarren der späteren Jahrhunderte findet man diese Ausprägung wieder.
Die erste Clown-Figur, die dem heute weitverbreiteten Clown am nächsten kommt, findet sich in der Commedia dell’Arte, die auf beide Ursprünge zurückgeht. Im Harlekin (Arlecchino) vermischten sich unter einer Halbmaske die dämonischen Züge mit dem Possenreisser.
Eine spätere Ableitung davon ist der dumme August. Mit seinen übergrossen Schuhen und den weiten Hosen ist er oft der tollpatschige Gehilfe des intelligenteren weissgesichtigen Clowns. Dafür bringt er mit viel Körpereinsatz das Publikum zum Lachen. Laurel und Hardy haben dem Duo auf ihre Art ein Denkmal gesetzt.
Wenn Buster Keaton aus dem Auto oder eine Treppe hinunter fällt, müsste er sich eigentlich verletzen. Stattdessen steht er wie von unsichtbaren Mächten beschützt unversehrt wieder auf. Das Gleiche gilt für die Gesichtsbemalung. Eine Maske oder ein geschminktes Gesicht gibt zwar Schutz und eine gewisse Freiheit für den Träger, andererseits wirken sie irritierend auf das Gegenüber, weil sie verstecken, was unter der Schminke ist.
Joseph Grimaldi, einer der ersten berühmten Clowns, lebte im 19.Jahrhundert in London und hatte nicht nur einen gewalttätigen Vater, sondern verlor auch seine Frau im Kindbett und seinen Sohn an den Alkohol. Der an Depressionen leidende Grimaldi prägte das Bild des weinenden Clowns und soll einmal gesagt haben: «Ich bringe euch in der Nacht zum Lachen, aber bin trübsinnig den ganzen Tag.» Eine Figur, die sich unter anderem auch in Emeli Sandés Lied «Clown» (2012) über die dunkeln Seiten der Musikindustrie findet oder im Kettenraucher Krusty bei den Simpsons.
Aber warum kann ein Clown Menschen in Angst und Schrecken versetzen? Das hat nicht nur mit seiner Unzerstörbarkeit und der Maske zu tun, sondern auch mit seinen überzeichneten Gesichtszügen. Als Akzeptanzlücke, basierend auf Freuds Konzept des Unheimlichen, bezeichnet man das Phänomen, wenn einem etwas vertraut ist und gleichzeitig seltsam wirkt, wie das Gesicht eines humanoiden Roboters, einer verwesenden Leiche oder eben eines Clowns. Deshalb lösen diese Gesichter Furcht und Widerwillen aus.
Der Clown trägt zwar ein Lachen im Gesicht, aber es ist aufgemalt und zeigt so eine forcierte Fröhlichkeit, die besonders im Joker aus der «Batman»-Serie ihren schreckenerregenden Höhepunkt findet. Während Jack Nicholsons Joker in Tim Burtons «Batman» (1989) wie ein überdrehter, dauergrinsender Irrer wirkt, ist Heath Ledgers Version in der Christopher-Nolan-Trilogie (2005–2012) teuflischer, weil sich darunter an den Mundwinkeln Narben von Schnittverletzungen zeigen und sich Abgründe von Folter und Schmerz auftun.
Aber so richtig eingebrannt hat sich der Horror-Clown in das kulturelle Gedächtnis als Pennywise aus Stephen Kings Roman «Es» (1986) und der vier Jahre später erschienenen gleichnamigen Miniserie.
In der Kleinstadt Derry werden kleine Kinder auf bestialische Weise ermordet. Als das Papierschiffchen des kleinen Georgie in die Kanalisation gespült wird, guckt plötzlich Pennywise aus der Öffnung hervor und streckt dem Knaben das Schiffchen entgegen. Als Georgie das dürre Ärmchen danach ausstreckt, reisst ihn der Clown in die Tiefe.
Ein Ende der Clown-Sichtungen ist noch nicht absehbar, denn nun steht auch noch Halloween – die Nacht der Toten und der Maskierten – vor der Türe. Also seien Sie vorsichtig, Sie wissen ja: Man weiss nie, was sich unter den aufgemalten Gesichtszügen verbergen könnte.
Glass Animals: How to Be a Human Being. Caroline/Universal.
Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)
Auf diesem Album schallen dem Hörer gleichzeitig so viele Klänge entgegen, dass man sich die Songs einige Male anhören muss, um alles aufnehmen zu können. In «Life Itself» ertönen zuerst so etwas wie Harfenklänge, dann klingt es nach chinesischer Musik, irgendetwas tönt wie Kastagnetten, bevor der Beat einsetzt, der wiederum an indische Trommeln erinnert, begleitet von Schellen, als würde jemand dazu tanzen. Und das sind gerade einmal die ersten neun Sekunden des Songs. «Je grösser unser Publikum wurde, desto wilder wurde es. Wir spielten auf der Bühne ungehemmter, ungeschliffener, mit mehr Energie. Nun haben wir versucht, diese Energie, diese Spontaneität und diesen Klang auf das Album zu bringen», erklärt Dave Bayley, der Sänger von Glass Animals. Die vier Männer dieser Band aus Oxford mischen Indiemusik mit Electro, Hip-Hop mit Marimbaklängen. «In den letzten zwei Jahren sind wir jede Nacht in einer anderen Stadt aufgetreten. Wir fanden neue Freunde, hörten verrückte Geschichten und landeten in den absurdesten Situationen. All das brachte mich dazu, über Menschen nachzudenken und etwas Intimeres und Menschlicheres zu schreiben», sagt Bayley. Für jeden Song haben die Musiker zuerst eine Figur konstruiert, für die sie eine Geschichte aus erfundenen und wahren Begebenheiten schrieben, bevor sie dazu die passende Musik komponierten. Entstanden ist ein Album, das mitreisst, unterhält und bis in die Details interessant bleibt.
Nick Cave and the Bad Seeds. Skeleton Tree. Bad Seed Ltd. /Limmat Records.
Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)
«Wir wollen uns nicht wirklich ändern, nur modifizieren zu einer besseren Version unserer selbst. Aber was machst du, wenn etwas Schreckliches passiert und du dich ganz plötzlich veränderst und nicht mehr der bist, der du mal warst?», fragt Nick Cave im Film «One More Time with Feeling», der zur Veröffentlichung des neuen Albums erschien. «Skeleton Tree» ist das erste Album nach dem tragischen Unfalltod von Caves Sohn. Und auch wenn es schlechter Stil ist, von der Biografie auf die Kunst zu schliessen, kommt man hier fast nicht umhin. Cave macht es im Film selber zum Thema und lässt einen das Trauma nicht vergessen. Wenn er in «Jesus Alone» singt «mit meiner Stimme rufe ich dich», ist das dann der Vater, der nach dem toten Sohn ruft? Oder wenn er die Zeile spricht: «Sie sagten uns, die Götter würden uns überleben, aber sie haben gelogen», hört sich «Götter» wie ein Synonym für Kinder an. Caves Musik war oft düster, nun klingt sie vor allem traurig und zerbrechlich. Ganz besonders im herzzerreissenden «Distant Sky», auf dem die Sopranistin Else Torp mitsingt und das sich wie ein Schlaflied anhört. «Es gibt eine Art Hilflosigkeit in den Songs», sagt Cave im Film. «An der narrativen Form bin ich nicht mehr so interessiert wie auf früheren Alben, denn das Leben ist nicht so. Es gibt keine Auflösung am Ende.»