AnnenMayKantereit: Alles Nix Konkretes. Universal Music.
Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)
Die Stimme klingt nach fünfzigjährigem Altrocker. Nach Zigarren und Whisky. Kratzend, tief, wuchtig. Aber gehören tut sie zum schmächtigen 23-jährigen Henning May. Einem der drei Gründungsmitglieder, aus deren Nachnamen sich ihr Bandname zusammensetzt. Es sind Jugendfreunde, die zusammen aufs Gymnasium in Köln gingen. Seit vier Jahren machen sie zusammen Musik. Anfangs haben sie oft auf der Strasse gesungen, bis ein Passant ein Video von ihnen online stellte, das in kurzer Zeit 15 000-mal angeklickt wurde. Da wurde ihnen klar, dass es auch anders gehen könnte. Mittlerweile reissen sich die Konzertveranstalter um sie, ihre Auftritte sind fast alle ausverkauft (so auch in Zürich im «X-tra», 14. 4.). Ihre Musik bezeichnen sie als «handgemacht» und meinen damit, dass sie nicht perfekt klingen soll. Es werden Vergleiche gezogen zu Tocotronic und Echt, die dem Stil von AMK aber nicht gerecht werden. Sie sind weder so politisch, noch machen sie seichten Pop. Sie klingen vielmehr nach Folk und den Beatsteakes. Sie singen aufrichtige, direkte Texte über ihr Leben («Es geht mir gut»), ihre Freundschaften («Wohin du gehst») und die Verflossene («Pocahontas»). Eröffnet wird das Album mit einer Ode an den Vater «Oft gefragt». Davon angesprochen fühlt sich nicht nur ihre eigene Generation. Es ist schwierig, diesem rauen, direkten Charme nicht zu erliegen.
Im Raum Los Angeles kursiert die Band James Supercave seit einigen Jahren auf diversen «Bands to Watch»-Listen. Verschiedene Blogs prophezeien ihr eine grosse Zukunft. Bis vor kurzem basierten diese Einschätzungen nur auf Konzerterfahrungen der Autoren, da offizielle Tonträger der Band fehlten. 2015 brachte die dreiköpfige Gruppe die EP «The Afternoon» heraus und im Februar dieses Jahres endlich auch ihr Debütalbum «Better Strange». Die grossen Medien nehmen sie noch immer kaum zur Kenntnis, dafür gab es bereits ein anerkennendes Kopfnicken der beiden einflussreichen amerikanischen Radiostationen NPR und KCRW und des Musikmagazins «Noisey». Die ehemaligen Musikstudenten besingen in ihren Songs sozial brisante Themen, auch wenn der Perfektionismus ihres Sängers sie davon abhält, sie aktueller zu veröffentlichen. So bezieht sich das Stück «Chairman Gou» auf Foxconn-Gründer Terry Gou und die Selbstmorde seiner Angestellten im Jahr 2010. Musikalisch ist die Band an der Kreuzung zwischen psychedelischem Elektropop und Indierock zu finden. Begleitet wird sie von Joaquin Pastors Stimme, die wie auf Helium tönt. Herausragend macht ihr Album die Lust am Experiment. Kein Stück klingt wie das vorherige. Man kann nur hoffen, dass ihre Zukunft so brillant ist, wie sie den Musikern prophezeit wird, und sie bald einen Abstecher nach Zürich machen.
Die Band Animal Collective suchte für ihre neue CD «Painting With» archaische Klänge und schuf eine App, mit der man ihre Musik auch malen kann.
Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)
Wer als Indie-Musiker ernst genommen werden will, muss Anekdoten bieten. Die Band Animal Collective liess Dinosaurier an die Wände der EastWest Studios in Los Angeles projizieren, während sie im Kerzenschein auf einem Kinderplanschbecken aus Plastic herumtrommelte. Die Musik sollte rudimentär, aggressiv und stampfend klingen.
Zuvor hörten sich die fünf Experimentalmusiker aus Baltimore alte Ramones-Songs und frühe Techno-Werke an. Das fertige Album klingt in ihren Ohren wie ein «elektronischer Trommelkreis», wie es Geologist (mit bürgerlichen Namen Brian Weitz) in einem Interview ausdrückte. Ein Punk-Album ist das Werk dennoch nicht. Man hört den Songs nicht an, woher sie ihre Inspiration nehmen.
Diese Musik klingt so getrieben und gehetzt, als käme sie aus dem Mixer. Lässt man sich auf sie ein, ist man nach vierzig Minuten beinahe ausser Atem. Nur unbedingte Hingabe kann einen vor Überforderung schützen. Der dichte Klangteppich, den die sich überlappenden Gesangsstimmen von Avey Tare (David Portner) und Panda Bear (Noah Lennox) begleiten, erinnert an den Informations-Overkill, dem wir täglich ausgesetzt sind, und er schützt zugleich auch davor: Multitasking kann man bei dieser Musik vergessen.
Fans des Mainstreams werden sich darüber freuen, dass das neue Album «Painting With» an die heitere Grundstimmung der vorletzten CD «Merriweather Post Pavilion» (2009) erinnert, mit dem Animal Collective ihren grössten Erfolg feierten. Das lüpfige Eröffnungsstück «FloriDada» fährt einem besonders in die Ohren. Avey Tare ist zwar nicht gerade bekannt für politische Statements, die Hymne auf den Sonnenstaat schrieb er aber als Reaktion auf die Radiosendung «Dumme Dinge, die Menschen in Florida gerade tun». Diese ist für ihn ein Sinnbild für das zerbröckelnde Zusammengehörigkeitsgefühl der Amerikaner. Dem wollte er entgegenwirken.
Zum Album gibt es auch eine App, mit der man die Musik auf dem Touchscreen visuell darstellen kann. Das ist wie damals mit den Fingerfarben im Kindergarten und bereitet eine kindliche Freude. Selbst das Aufhängen des Kunstwerks am Kühlschrank der Familie hat sein digitales Pendant auf Twitter gefunden. Die Band war schon in der Vergangenheit daran interessiert, Bilder für ihre Musik zu schaffen: zum Beispiel mit dem psychedelischen Film «ODDSAC» (2010) oder ihrer Performance «Transverse Temporal Gyrus» (2012) im Guggenheim-Museum in New York. Mit der App haben die Musiker sich nun den Wunsch erfüllt, ihre Fans an diesem Entstehungsprozess teilhaben zu lassen. So geht Höhlenmalerei im 21. Jahrhundert.
Der Name Eerie Wanda (auf Deutsch: gespenstische Wanda) erinnert an verfallene Schlösser und spukende Geister. Dabei klingt die Musik wie ein leichter Morgennebel über grünen Auen. Zart und flüchtig wie der weisse Wasserdampf zieht sie langsam über die grünen Gräser. Die sie begleitende Stimme von Marina Tadic klingt darüber wie eine sanfte Sirene, die den frühmorgendlichen Spaziergänger zu sich lockt, ohne dass er die Verführerin jemals zu Gesicht bekäme. Sie bleibt diese körperlose lockende Stimme. Die Kunststudentin Marina Tadic hat einen Grossteil der Songs alleine in ihrem Zimmer geschrieben. Dabei hat sie sich von The Velvet Underground und Beat Happening inspirieren lassen. Ihre Musik kursierte anschliessend auf Demo-Tapes in der Amsterdamer Musikszene, bevor ihr ein Freund vorschlug, eine Band zu gründen und die Songs professionell aufzunehmen. Das herausragendste Merkmal dieser Musik, diese Sanfte-Morgennebel-Qualität, die einen anfänglich lockt, wird mit der Zeit leider zähflüssig. Denn spätestens nach dem achten Song wird der Sound zu einem Einheitsbrei, der sich einem wie ein klebriges Spinnennetz um die Beine wickelt. Wer auf der Suche ist nach atmosphärischer Musik, liegt mit dem Album «Hum» goldrichtig. Aber wer seine Songs wie einzelne Perlen auf einer Schnur aufgereiht mag, wo jede für sich glänzt, sollte besser die Finger davon lassen.
The Record Company: Give It Back to You. Concord Music.
Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)
Bereits nach dem ersten Song hat man ein Bild vor Augen: Eine Gruppe bärtiger Männer, die in Holzfällerhemden mit einem Bier in der Hand um einen rauchenden Grill stehen. Nicht nur sieht die Band so aus, der Legende nach verlief so auch ihre Entstehungsgeschichte: drei Männer, viel Bier, brutzelndes Fleisch über dem Feuer und alte Bluesmusik. Bis einer von ihnen auf die Idee kam, die Musik könnte man auch selber machen. Der Sound von The Record Company erinnert ein wenig an das Rockabilly-Projekt Dick Brave and the Backbeats oder an die deutsche Band The BossHoss. Aber die Musik der Jungs aus Los Angeles klingt rauer, rauchiger und dreckiger. Sie ist weniger darum bemüht, dem Mainstream-Publikum zu gefallen. Ihre Wurzeln finden sich einerseits im Blues der Südstaaten, wie ihn John Lee Hooker spielte, und andererseits im Rock’n’Roll der sechziger Jahre wie jenem der Stooges. Mit ihren Songs um Einsamkeit, den harten Alltag und das Leben auf der Strasse hat es ihre Musik in die Bierwerbung geschafft, und The Record Company selber wurde zur Vorband von B. B. King. Vor allem aber findet sich hier die Sehnsucht des bärtigen Hipsters nach seinem Weib, zum Beispiel in «Don’t Let Me Get Lonely» oder «In the Mood for You». Wer auch 2016 noch Vollbart trägt, kann sich bei The Record Company den passenden Soundtrack für den nächsten Männerabend besorgen.
Walter Martin: Arts & Leisure. Ile Flottante Music.
Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)
Was macht einer, der fast sein ganzes Leben in Bands war, nachdem sich 2013 seine Indie-Rockgruppe The Walkmen auflöste? Klar, er schreibt ein Soloalbum. Und da Walter Martin bereits zweifacher Vater war, schrieb er sein erstes Album, «We’re All Young Together» 2014 gleichsam für Eltern und Kinder. Nebst einem Ausflug in den Zoo preist der Musiker, an dessen Hochzeit eine Beatles-Coverband spielte, verschmitzt die Vorzüge jedes Mitglieds der Fab Four. Auf seinem zweiten Album, «Arts & Leisure», besingt der ehemalige Kunststudent in «Daniel in the Lions’ Den» und «Watson and the Shark» zwei Gemälde anschaulich sowie in «Michelangelo» und «Charles Rennie Mackintosh» in bester Folk-Manier die entsprechenden Künstler. Dabei fehlt es selten an Selbstironie. So singt er in «Amsterdam»: «Rate mal, wer in die Stadt verknallt ist? Ich bin’s, ich bin’s. Wieder zu Hause, lerne ich Holländisch. Das klingt jetzt toll, aber ach, daraus wird bestimmt wieder nichts.» Die Musik wirkt optimistischer und leichtfüssiger als auf den Alben der Walkmen und macht vor allem Lust auf Sonnenschein und Ferien. Und spätestens wenn Martin in «Down by the Singing Sea» von einem Tag am Meer mit jagenden Fischen und einer Sandburg singt, die von anrollenden Wellen bedroht wird, wünscht man sich in ein Cabriolet zum Sonnenuntergang.
Villagers: Where Have You Been All My Life? Domino Records.
Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)
Die aus Dublin stammende Band Villagers gibt es zwar schon seit 2008, bis anhin dümpelte sie aber eher am Rande der Musikszene dahin. Das scheint sich nun mit ihrem vierten Album «Where Have You Been All My Life?», das ironischerweise keine neuen Songs enthält, zu ändern – denn nun entdeckt sie auch der Mainstream. Während ihrer «Darling Arithmetic»-Tour 2015, mit der sie ihr gleichnamiges Album vermarkteten, arrangierte Songschreiber und Frontmann Conor O’Brien viele ihrer älteren Songs um. Daraus entstand die Idee, zehn dieser Lieder neu einzuspielen – live an einem Tag in den Londoner RAK-Studios und ohne Nachbearbeitung. Auch wenn Conor O’Brien in «Everything I Am Is Yours» zugibt, es falle ihm schwer, zu sagen, was in ihm vorgehe, singt der homosexuelle Sänger in «Hot Scary Summer» sehr ehrlich über seine Erfahrungen mit Homophobie. Und im Track «Memoir», ge- schrieben für Charlotte Gainsbourgs Album «Stage Whisper» (2011), wirft er sich gar auf den metaphorischen Scheiterhaufen einer verflossenen Liebe. O’Brien hat keine Angst vor grossen Gefühlen. Doch obwohl sich die Neuaufnahme gelohnt hat und sie vielen Songs eine Wärme verleiht, die man bei früheren Aufnahmen vermisste, ist das Folk-Pop-Gemisch so glatt, dass nichts hängenbleibt. Aber um ein Schaumbad im Kerzenschein musikalisch zu untermalen, reicht es allemal.
Caitlyn Jenner verändert mit ihren Auftritten die Wahrnehmung von Menschen, die sich dem anderen Geschlecht zugehörig fühlen. Auch die Kunst zeigt Transgender nicht mehr als Psychopathen oder glatte Transvestiten.
Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)
Seit ihrem Comingout als Transgender im April ist die ehemalige Olympiasiegerin im Zehnkampf (damals noch Bruce) und das frühere Oberhaupt des Kardashian-Clans Caitlyn Jenner nicht mehr aus den Medien wegzudenken. Es folgten ein viel diskutiertes Fotoshooting und die «Call Me Caitlyn»-Titelgeschichte im Magazin «Vanity Fair». Seit letztem Sonntag läuft Jenners eigene Reality-Show «I Am Cait» auf dem amerikanischen Sender E!.
Es vergeht kaum eine Woche ohne Berichte über Transgender. Vorletzte Woche wurde bekannt, dass die amerikanische Armee laut darüber nachdenkt, Transmenschen in ihren Reihen zu akzeptieren. Diese Armee also, die erst 2011 ihre «Don’t Ask, Don’t Tell»-Politik aufgehoben hatte, die besagte, dass Homosexuelle nur dienen durften, solange ihre Sexualität nicht bekannt war. Selbst im erzkonservativen Polen sitzt eine Transfrau im Parlament.
Wie kommt es, dass in wenigen Jahren die Sichtbarkeit und Akzeptanz von Transmenschen so stark zugenommen hat? Die Transfrau Laverne Cox, die in der Netflix-Serie «Orange Is the New Black» spielt, und der Schauspieler Jeffrey Tambor, der in der preisgekrönten Amazon-Serie «Transparent» eine Transfrau verkörpert, sind nicht umsonst zu inoffiziellen Sprechern der Transcommunity befördert worden. Denn der Kunst kommt eine zentrale Rolle zu. Schon Oscar Wilde verwies auf diese Wechselwirkung: «Das Leben imitiert die Kunst viel häufiger als die Kunst das Leben.»
Bis in die neunziger Jahre noch wurden Transmenschen im Massenmedium Kino auf Crossdresser reduziert: von Jack Lemmon und Tony Curtis, die in «Some Like it Hot» (1959) in Röcken ein Frauenorchester infiltrieren, bis zu Robin Williams als grauhaarigem, vollbusigem Kindermädchen «Mrs. Doubtfire» (1993). Oder sie wurden als wahnsinnige Serienmörder skandalisiert: von Norman Bates in «Psycho» (1960), der, als seine Mutter verkleidet, mit einem überdimensionierten Messer Frauen in der Dusche attackiert, bis zu Serienmörder Buffalo Bill in «The Silence of the Lambs» (1991), der sich aus der Haut der getöteten Frauen ein Kostüm näht. Erst Ende der neunziger Jahre wurde mit «Boys Don’t Cry», der Lebens- und Leidensgeschichte des Transmannes Brandon Teena (Hilary Swank), ein neues Kapitel aufgeschlagen.
Die siebziger Jahre ebneten immerhin den Weg zu mehr Anerkennung. Zwar war es damals noch kaum möglich, Transgender jenseits der Stereotype zu zeigen. Doch die breitere Akzeptanz des Feminismus und das Aufkommen der Schwulen- und Lesbenbewegung ermöglichten es, starre Geschlechterrollen aufzubrechen und damit zu experimentieren. Während auf den Laufstegen androgyne Models wie Grace Jones Einzug hielten, verkörperten in den Glam-Rock-Jahren Sänger wie David Bowie als «Ziggy Stardust» geschminkte, androgyne Wesen.
Transmenschen sichtbar machten dann Künstler wie die Fotografin Nan Goldin. Sie zeigte bereits in den siebziger Jahren ein differenziertes und vor allem humanisierendes Bild der Drag- und Transcommunity in New York City, die sie über Jahre hinweg porträtierte und 1993 in «The Other Side» zusammenfasste. «Die Menschen in diesem Buch leiden nicht an einer Geschlechterdysphorie [Störung], sondern geben ihrer Geschlechtereuphorie Ausdruck», sagte Goldin dazu. Und im Film «Car Wash» (1976) wagte es dann auch zum ersten Mal eine Transfrau, sich gewieft gegen die verbalen Diskriminierungen eines Arbeitskollegen zu wehren: «Ich bin mehr Mann, als du jemals sein wirst, und mehr Frau, als du jemals haben wirst.»
Wichtig war nicht nur, dass Geschlechterrollen aufgebrochen und Transmenschen sichtbarer gemacht wurden, auch die Authentizitätsbotschaft ist zentral. In «The Rocky Horror Picture Show» (1975) verführt der selbstproklamierte Transsexuelle Frank’N’Furter in Pumps, Strapsen und Korsett das verklemmte Studentenpaar Brad und Janet. Dies animierte Menschen in aller Welt dazu, ihrer eigenen Verrücktheit Ausdruck zu verleihen und in Kinos lauthals die Authentizitätshymne «Don’t Dream It, Be It» zu johlen. Auch heute tragen Comingouts von Berühmtheiten oder die flamboyanten Auftritte von Conchita Wurst die Botschaft in sich «Du darfst so sein, wie du willst». Das ist nicht nur für Transmenschen verlockend, sondern kommt auch beim biederen Durchschnittsbürger an.
Aber wie die Kulturwissenschafterin Elahe Haschemi Yekani richtig feststellt, ist es «zu einfach zu sagen, mehr Bilder gleich mehr Akzeptanz». Es kommt auf die Art der Darstellung von Transmenschen an. Diese muss normalisierend sein statt schockierend. 2005 wurde mit dem Film «Transamerica» genau das erreicht. Die Transfrau Bree (Felicity Huffman) kommt ihrem bis anhin fremden Sohn auf einer Reise durch die USA näher. Weil diese Formel bekannt ist, sieht Haschemi Yekani darin den normaliserenden Effekt. «Der Film nimmt das typische Roadmovie und konzentriert sich auf das Familiäre. Bree ist eine komplexe Figur, die unter anderem trans ist.»
In der guten Stube
Kein anderes Medium erreicht einen normalisierenden Effekt so effizient wie das Fernsehen. Da der Fernsehapparat – oder heute oft der Computer – in den eigenen vier Wänden steht, holt man sich die Welt quasi ins Familien-Wohnzimmer. Nebenrollen von Transmenschen in TV-Serien wie «Glee» oder «Grey’s Anatomy», aber auch Auftritte in «Let’s Dance» sind deshalb wichtig für die Minderheit. Eingebettet in diese Serien, erscheinen Transmenschen nicht als etwas Aussergewöhnliches, sondern in «Dimensionen des Alltäglichen», wie Haschemi Yekani es nennt. In der Serie «Transparent» «geht es natürlich um die Geschlechtsangleichung einer Figur, aber es geht auch um Familienprobleme, um Beziehungsfragen und andere Themen», sagt Haschemi Yekani. Und darin erkennen wir uns alle wieder.
Viel wurde also erreicht. Aber weil es immer noch relativ wenige sichtbare Transfrauen gibt, besteht die Gefahr, dass die dargestellte Form von Weiblichkeit als die einzige wahrgenommen wird. Dabei geht vergessen, dass Transmenschen sich im genau gleich breiten Spektrum zwischen mehr oder weniger feminin oder maskulin befinden wie alle Frauen und alle Männer. Deshalb ist die Serie «Orange Is the New Black» so erfrischend. Sie zeigt eine breite Palette an sehr unterschiedlichen Frauen, wobei ein breites Spektrum an Weiblichkeit, von der sehr maskulinen Boo (Lea DeLaria) bis zur sehr femininen Piper (Taylor Schilling), nur eines der Merkmale ist. Die (Trans-)Frau Sophia ist da eine unter vielen.
Während sich die Filmindustrie zehn Jahre nach «Transamerica» erneut des Themas Transweiblichkeit in «The Danish Girl» annimmt (der Film mit Oscarpreisträger Eddie Redmayne kommt im November ins Kino), geht Transmännlichkeit oft vergessen. Die Subkultur versucht dem entgegenzuwirken. Der Fotograf Loren Cameron zum Beispiel posiert in einem Selbstporträt nackt, braun gebrannt, tätowiert und muskulös mit deutlichem Bartschatten in einer klassischen Bodybuilder-Pose – und mit weiblichen Genitalien. Das erhöht nicht nur die Sichtbarkeit, sondern wirft auch die Frage auf: Wie definieren wir Geschlecht?
Damit befasst sich ebenfalls der Intersex-Fotograf Del LaGrace Volcano. In einem Selbstporträt zeigt er sich mit Schnauz, Ziegenbärtchen und rosarotem Rock, den er mit herausforderndem Blick bis zur Körpermitte hochhebt, wo man kaum sichtbar seine weiblichen Genitalien sieht. Damit setzt er in Szene, womit die meisten Transmenschen tagtäglich konfrontiert sind – die Frage nämlich: «Hast du denn jetzt weibliche oder männliche Geschlechtsorgane?» Diese Frage ist verständlich, wenn man bedenkt, dass schon Kindern auf diese Weise der Unterschied zwischen Mann und Frau erklärt wird. Sie eignet sich aber schlecht, daran das ganze Spektrum von Geschlechtsidentität festzumachen.
Mit allen Nachteilen
Wann ist eine Minderheit im Mainstream angekommen? Wenn man die Antwort in einer normalisierenden Darstellung sucht, dann ist das für Transmenschen mit der Berichterstattung über Caitlyn Jenners neue Rolle sicher erreicht. Nach den überwältigend positiven Reaktionen auf ihr erstes Fotoshooting gingen die Medien sofort dazu über, ihr Aussehen bis ins kleinste Detail zu kommentieren und zu kritisieren – ein Vorgang, den Frauen seit Jahrhunderten kennen. Dies veranlasste den US-Komiker Jon Stewart in «The Daily Show», ihr wie folgt zu gratulieren: «Caitlyn, welcome to being a woman in America.»
Begriffe im Wandel – Am liebsten «Trans*»
Auch auf Deutsch verwendet man den Begriff «transgender» für Menschen, die sich nicht dem Geschlecht zugehörig fühlen, das ihnen bei Geburt zugeschrieben wurde. Den früher gebräuchlichen Ausdruck «transsexuell» hingegen lehnt die Gemeinde ab, da die Geschlechteridentität nichts mit der Sexualität zu tun habe. Es wird auch nicht mehr unterschieden, ob jemand eine geschlechtsangleichende Operation gemacht hat oder nicht. Viele Transmenschen bevorzugen den Begriff «Trans*», um transgender und transsexuell vollständig zu umgehen. Daraus resultieren dann auch die Begriffe Transmann oder Transfrau. Transgender hat nichts mit Crossdressern zu tun wie dem Komiker Eddie Izzard, der häufig in Frauenkleidern auftritt, oder Transvestiten wie Thomas Neuwirth, der mit seiner Kunstfigur Conchita Wurst bekannt wurde.
Die in Alabama geborene Schauspielerin macht gerne ein Geheimnis um ihr Alter. Sie wurde durch ihre Rolle als Transfrau Sophia Burset in der Netflix-Serie «Orange Is the New Black» bekannt. Gleich in drei Situationen war Laverne Cox der erste Transmensch: als sie 2013 eine Emmy-Nominierung erhielt, 2014, als sie auf der Titelseite des «Time»-Magazins erschien für einen Artikel über Transgender, und im Juni 2015, als sie ins Wachsfigurenkabinett von Madame Tussaud in San Francisco aufgenommen wurde.
Der 1969 in LA geborene Journalist ist das einzige Kind von Sonny und Cher. Als Kind trat er mehrmals mit seinen Eltern im Fernsehen auf. Auf öffentlichen Druck hin outete er sich 1995 als lesbisch. 2008 begann Bono mit der Geschlechtsangleichung, einer Entwicklung, die im Dokumentarfilm «Becoming Chaz» gezeigt wird. 2011 nahm Bono als Kandidat in der Sendung «Dancing with the Stars» teil. Das war das erste Mal, dass ein Transmensch in einer US-TV-Sendung auftrat, ohne dass es explizit um Trans* ging.
Die Sängerin der Band Antony and the Johnsons wurde 1971 in England geboren und wuchs im Raum San Francisco auf. Hegarty besingt ihre Geschlechtsidentität unter anderem im Song «For Today I Am a Boy». Vom Magazin «Flavorwire» auf ihr Geschlecht angesprochen, sagte sie: «In meinem Privatleben bevorzuge ich weibliche Pronomen. Ich denke, Wörter sind wichtig. Jemanden mit dem von ihm gewählten Geschlecht anzusprechen, würdigt seinen Geist, sein Leben und seine Errungenschaften.»
Die zurzeit bekannteste Transfrau wurde 1949 als William Bruce Jenner in New York geboren. 1976 gewann sie an den Olympischen Spielen Gold im Zehnkampf. Als Vater von Kendall und Kylie sah man sie in «Keeping Up with the Kardashians». Im April 2015 outete sich Jenner in der ABC-Show «20/20» Diane Sawyer gegenüber öffentlich als Transfrau. Dafür erhielt sie viel Lob, selbst das Weisse Haus gratulierte zum «mutigen Schritt». Jenner setzt es sich zum Ziel, für die Rechte von Transmenschen einzustehen.