Sei du selbst!

Die Sängerin Peaches bezirzt mit trotzigen Texten und anzüglichen Posen. Sie führt die Tradition von Provokateuren wie John Waters weiter, die in den siebziger Jahren zu ihrer multisexuellen Identität standen.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Wenn Filmemacher eine anzügliche Szene gedreht haben, untermalen sie sie gerne mit Musik von Peaches. So hat das Sofia Coppola in «Lost in Translation» gemacht, wenn Bill Murray in einem Striptease-Klub versucht, den nackten Hintern einer Tänzerin zu ignorieren. Oder die Macher der Animationsserie «South Park», wenn der verdeckte Ermittler an einer Studentenparty nur mit einem Bikini bekleidet aus einer Torte springt.

Dabei will sich die kanadische Musikerin Merrill Beth Nisker, die sich vor 15 Jahren den Bühnennamen Peaches gab, keineswegs als Aushängeschild einer sexbesessen Gesellschaft verstanden wissen. «Ich drücke mich einfach gerne in einer Sprache aus, die von sexuellen Anspielungen lebt», sagt Peaches, die aus einer jüdischen Familie in Toronto stammt. Sie befindet sich derzeit auf Tournee mit ihrem neuen Album «Rub». Als wir sie sprechen, hält sie sich in New York auf, im Hintergrund hört man Autos vorbeidonnern.

Peaches’ Musik oszilliert zwischen Electro, Hip-Hop und Punk, wird aber gerne dem Electroclash zugeordnet, jenem Musikstil, der Anfang des Jahrtausends ein Revival der Discomusik zelebrierte und Sexualität, Individualität und Ironie zurück in den Techno brachte. «Es war das erste Mal seit langem, dass die Musik wieder queer war: unverhohlen sexuell, extravagant und weltoffen», erzählt Peaches. «Leider verschwand diese Szene sehr schnell wieder.» Das musikalische Mekka war damals Berlin, das die Sängerin im Jahr 2000 als neue Heimat wählte. Heute pendelt sie zwischen der deutschen Hauptstadt und Los Angeles. 

Spiel mit Phantasien

Auch wenn die Tage des Electroclash gezählt sind – Peaches bleibt ihrem Stil treu. An ihren Konzerten spult sie nicht einfach ihr Repertoire ab, sondern bietet immer Performances in extravaganter Aufmachung. «Die Kostüme sind wichtig. Das Publikum liebt sie. Während jedes Konzerts gibt es einen Moment, in dem ich fast nackt auf der Bühne stehe.» Was will sie damit ausdrücken? «Meine Botschaft lautet: Wir alle haben unsere Masken, aber eigentlich brauchen wir sie nicht.» So springt sie vor Publikum abwechselnd im Ganzkörperkostüm mit baumelndem Stoffpenis herum, in einem Body mit angenähten Brüsten oder in einem flatternden Umhang, der wie eine Vagina aussieht. «Ich setze gerne eine Phantasie in die Realität um und reisse sie danach nieder. Die Show soll den Leuten einen Anstoss geben, zu überlegen, was eigentlich ihre heimlichen Phantasien sind.» 

Peaches bewegt sich in der Ästhetik der Midnight-Movies, jenes Phänomens der siebziger Jahre, als Low-Budget-Produktionen in Spätvorstellungen zu Kultfilmen avancierten. In Klassikern wie «The Rocky Horror Picture Show», «Liquid Sky» oder «Pink Flamingos» wurde mit Geschlechternormen experimentiert und wurden abnormale Körper gefeiert. Da verwundert es kaum, dass Peaches sowohl «Liquid Sky» als auch John Waters, den Regisseur von «Pink Flamingos», als Inspirationsquellen nennt, zusammen mit Künstlern wie Cindy Sherman, PJ Harvey und Grace Jones – sie alle rebellierten gegen bürgerliche Geschlechternormen und experimentierten mit transsexuellen Posen. In dieser Tradition sieht sich Peaches – und nicht als verhockte Feministin mit politischen Absichten. «Meine Musik soll Spass machen. Ich will nicht als Zorn-Frau herüberkommen. Die Menschen sollen meine Musik geniessen und mitsingen können.» Sie lacht. «Und dann kommt dieser Aha-Moment, wenn ihnen klar wird, was sie da singen.»

Ihre ausgefallenen Outfits und Songs wie «Fuck the Pain Away», der sowohl in «Lost in Translation» als auch in «South Park» zu hören und auf mehreren Best-Songs-Listen zu finden ist, haben Peaches den Ruf eingebracht, auf Sex fixiert zu sein. Dabei geht es ihr eben gerade nicht um die Instrumentalisierung des weiblichen Körpers, sondern um starke weibliche Vorbilder. Zu ihnen gehören unter anderen Blondie-Sängerin Debbie Harry und die Pretenders-Frontfrau Chrissie Hynde, denen Peaches ein musikalisches Denkmal setzt. Auch ihr Künstlername ist eine Hommage an eine Grosse: Sie entnahm ihn Nina Simones Lied «Four Women».

Mit Iggy Pop

«Bei der Arbeit gehe ich meist von einem Beat aus, der nicht zwangsläufig für eine Idee steht. Die beiden treffen sich irgendwann, die Melodie kommt danach.» Oft beginnt sie mit einer Zeile, die ihr nicht mehr aus dem Kopf will. Beim Song «Dick in die Air» auf ihrem neuen Album «Rub» war es die Zeile «Whose jizz is this?» (Wessen Sperma ist das?). Entstanden ist eine in Musik gepackte Forderung nach der Umkehrung der Geschlechternormen: «We’ve been shaking our tits for years, so let’s switch positions, no inhibitions / Put your dick in the air.» (Wir haben unsere Brüste während Jahren geschwungen, lasst uns nun die Positionen tauschen, keine Hemmungen. Halt deinen Schwanz in die Höhe.) 

Wie wichtig Peaches der Austausch mit anderen Künstlern ist, bezeugt auch der Bildband «What Else Is in the Teaches of Peaches» von Fotograf Holger Talinski. Darin sieht man Peaches lachend mit ihrem Ex-Freund Chilly Gonzales, der sie bei ihrer Solo-Show «Peaches Christ Superstar» am Klavier begleitete. Man sieht sie mit Iggy Pop, mit dem sie den Song «Kick It» aufnahm, mit Yoko Ono, deren Live-Performance von 1964 «Cut Piece» sie 2013 in London wiederaufführte, sowie mit Pink, auf deren Album «Try This» Peaches mitsang. 

Daneben enthält das Buch Fotos wie jene von ihr mit einer nackten Frau in der Badewanne. Auch schlafend auf dem Ledersofa im Hause ihrer Eltern ist sie zu sehen, über ihr ein spiessiges Blumenstrauss-Ölbild, vor dem Fenster Vorstadtidyll. Die Füsse hat sie auf dem Schoss ihres Vaters placiert, die Mutter streicht ihr über den Kopf. 

Es ist diese Verletzlichkeit, die das Klischee, Peaches sei bloss eine Provokateurin auf der Flucht vor dem Spiessbürgertum, Lügen straft. Die 47-jährige Frau ist sie selbst. Und es braucht verdammt dicke Eier, sich so verletzlich zu zeigen. 

Konzert 

Peaches tritt am 7.12.15 um 20 Uhr in der Roten Fabrik in Zürich auf. Sie spielt Songs ihres neuen Albums «Rub», das bei Rough Trade erschienen ist. Der Fotoband «What Else Is in the Teaches of Peaches», bei Akashic Books erschienen, kostet 37 Franken 90.