Soundtrack zum Vollbart

The Record Company: Give It Back to You. Concord Music.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Bereits nach dem ersten Song hat man ein Bild vor Augen: Eine Gruppe bärtiger Männer, die in Holzfällerhemden mit einem Bier in der Hand um einen rauchenden Grill stehen. Nicht nur sieht die Band so aus, der Legende nach verlief so auch ihre Entstehungsgeschichte: drei Männer, viel Bier, brutzelndes Fleisch über dem Feuer und alte Bluesmusik. Bis einer von ihnen auf die Idee kam, die Musik könnte man auch selber machen. Der Sound von The Record Company erinnert ein wenig an das Rockabilly-Projekt Dick Brave and the Backbeats oder an die deutsche Band The BossHoss. Aber die Musik der Jungs aus Los Angeles klingt rauer, rauchiger und dreckiger. Sie ist weniger darum bemüht, dem Mainstream-Publikum zu gefallen. Ihre Wurzeln finden sich einerseits im Blues der Südstaaten, wie ihn John Lee Hooker spielte, und andererseits im Rock’n’Roll der sechziger Jahre wie jenem der Stooges. Mit ihren Songs um Einsamkeit, den harten Alltag und das Leben auf der Strasse hat es ihre Musik in die Bierwerbung geschafft, und The Record Company selber wurde zur Vorband von B. B. King. Vor allem aber findet sich hier die Sehnsucht des bärtigen Hipsters nach seinem Weib, zum Beispiel in «Don’t Let Me Get Lonely» oder «In the Mood for You». Wer auch 2016 noch Vollbart trägt, kann sich bei The Record Company den passenden Soundtrack für den nächsten Männerabend besorgen.

Cabriolet zum Sonnenuntergang

Walter Martin: Arts & Leisure. Ile Flottante Music.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Was macht einer, der fast sein ganzes Leben in Bands war, nachdem sich 2013 seine Indie-Rockgruppe The Walkmen auflöste? Klar, er schreibt ein Soloalbum. Und da Walter Martin bereits zweifacher Vater war, schrieb er sein erstes Album, «We’re All Young Together» 2014 gleichsam für Eltern und Kinder. Nebst einem Ausflug in den Zoo preist der Musiker, an dessen Hochzeit eine Beatles-Coverband spielte, verschmitzt die Vorzüge jedes Mitglieds der Fab Four. Auf seinem zweiten Album, «Arts & Leisure», besingt der ehemalige Kunststudent in «Daniel in the Lions’ Den» und «Watson and the Shark» zwei Gemälde anschaulich sowie in «Michelangelo» und «Charles Rennie Mackintosh» in bester Folk-Manier die entsprechenden Künstler. Dabei fehlt es selten an Selbstironie. So singt er in «Amsterdam»: «Rate mal, wer in die Stadt verknallt ist? Ich bin’s, ich bin’s. Wieder zu Hause, lerne ich Holländisch. Das klingt jetzt toll, aber ach, daraus wird bestimmt wieder nichts.» Die Musik wirkt optimistischer und leichtfüssiger als auf den Alben der Walkmen und macht vor allem Lust auf Sonnenschein und Ferien. Und spätestens wenn Martin in «Down by the Singing Sea» von einem Tag am Meer mit jagenden Fischen und einer Sandburg singt, die von anrollenden Wellen bedroht wird, wünscht man sich in ein Cabriolet zum Sonnenuntergang. 

Im Schaumbad

Villagers: Where Have You Been All My Life? Domino Records.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Die aus Dublin stammende Band Villagers gibt es zwar schon seit 2008, bis anhin dümpelte sie aber eher am Rande der Musikszene dahin. Das scheint sich nun mit ihrem vierten Album «Where Have You Been All My Life?», das ironischerweise keine neuen Songs enthält, zu ändern – denn nun entdeckt sie auch der Mainstream. Während ihrer «Darling Arithmetic»-Tour 2015, mit der sie ihr gleichnamiges Album vermarkteten, arrangierte Songschreiber und Frontmann Conor O’Brien viele ihrer älteren Songs um. Daraus entstand die Idee, zehn dieser Lieder neu einzuspielen – live an einem Tag in den Londoner RAK-Studios und ohne Nachbearbeitung. Auch wenn Conor O’Brien in «Everything I Am Is Yours» zugibt, es falle ihm schwer, zu sagen, was in ihm vorgehe, singt der homosexuelle Sänger in «Hot Scary Summer» sehr ehrlich über seine Erfahrungen mit Homophobie. Und im Track «Memoir», ge- schrieben für Charlotte Gainsbourgs Album «Stage Whisper» (2011), wirft er sich gar auf den metaphorischen Scheiterhaufen einer verflossenen Liebe. O’Brien hat keine Angst vor grossen Gefühlen. Doch obwohl sich die Neuaufnahme gelohnt hat und sie vielen Songs eine Wärme verleiht, die man bei früheren Aufnahmen vermisste, ist das Folk-Pop-Gemisch so glatt, dass nichts hängenbleibt. Aber um ein Schaumbad im Kerzenschein musikalisch zu untermalen, reicht es allemal.