Zum Heulen schön

Sitcoms werden von Sadcoms abgelöst. Dieses schwarze Comedy-Format ist nahe an der Realität, hat oft mehr Substanz und behandelt ernste Themen mit Empathie und Humor.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Wann hat eine Comedy-Serie Sie das letzte Mal zum Lachen gebracht? Eben. Seit einiger Zeit spricht man nicht mehr von Sitcom, einer Comedy, bei der der Witz aus der Situation entsteht, sondern von Sadcom, einer traurigen Komödie. Tod, Depressionen, Krankheiten, Misserfolge und das eigene Scheitern stehen im Mittelpunkt. Da bleibt einem als Zuschauer oft das Lachen im Halse stecken. 

Zum Beispiel, wenn die Protagonistin aus «Fleabag» einem Taxifahrer vom Tode ihrer besten Freundin erzählt. «Es ist eine ziemlich lustige Geschichte», beginnt sie die Schilderung. Die Freundin wollte ihren fremdgehenden Partner bestrafen und beabsichtigte, sich selbst zu verletzen und ihm dann zu verbieten, sie im Spital zu besuchen. Deshalb lief sie vor ein Fahrrad, wurde aber auf die Strasse geschleudert und verstarb. Zusammen mit zwei weiteren Personen. «Sie ist so ein Arsch!», beendet Fleabag ihre Geschichte lachend. Der Taxifahrer schweigt. Es ist kein Witz in Sicht, der einen aus diesem Elend reissen würde. Nur dieses betretene Schweigen. 

Während sich Dramaserien (die der Tragödie entstammen) den grossen Themen und Zusammenhängen widmen, behandelt die Sitcom (abstammend von der Komödie) zwar auch solchen Stoff, konzentriert sich dabei aber auf den Alltag der Protagonisten. «The Wire» zeigt während mehrerer Staffeln die Zusammenhänge zwischen Armut und Drogenhandel auf, während «The Cosby Show» in einer Folge den Umgang mit Drogen im Alltag behandelt, als Theos Mutter bei ihm einen Joint findet. Nach knapp 30 Minuten ist das Thema abgehakt, und die Serie widmet sich der nächsten Thematik. 

Evolution der Sitcom

Seither hat sich das Format stark verändert. Serien wie «Cheers», «The Cosby Show», «Friends» oder derzeit noch «The Big Bang Theory» wurden vor Publikum aufgezeichnet, ähnlich einem Theaterstück. Das brachte Einschränkungen mit sich. Es konnten nur wenige Kulissen verwendet werden, weshalb diese Geschichten sich meist auf zwei bis drei Orte konzentrierten. Die Schauspieler mussten innehalten, während das Publikum lachte, was den Szenen einen gestellten Ausdruck verlieh. Und der Humor sollte möglichst viele Menschen ansprechen, weshalb die Witze selten gewagt waren. Dafür konnte jede Szene mit mehreren Kameras gleichzeitig gefilmt werden, was sie billig in der Herstellung macht, weil eine Szene schneller im Kasten ist. Dazu muss der Raum gut ausgeleuchtet sein, was die Szenen wiederum künstlich wirken lässt. Denn wann fehlt im richtigen Leben schon mal der Schatten? Das bezieht sich auch auf die Art der Handhabung der Themen. Der Inhalt durfte ernst sein, aber der Umgang damit nicht. 

Ohne Publikum geht es besser

Mit «The Office» entstand das neue Format einer ernsteren Sitcom. Ein fiktives Fernsehteam verfolgt darin den Alltag in einem Büro mit einem zutiefst verabscheuungswürdigen Chef und inkompetenten Mitarbeitern. Ernstere Serien wie «Arrested Development», «New Girl» oder «Modern Family» werden wie Kinofilme gedreht. Sie haben komplexere Drehbücher und einen subtileren Humor, weil ohne Publikum mehrere Einstellungen möglich sind und so auf Feinheiten in der Darstellung besser eingegangen werden kann, was Zwischentöne erlaubt. Doch wenn Szenen mehrmals aus verschiedenen Positionen gefilmt werden, wird die Herstellung teurer. 

Digitale Kameras trugen deshalb auch zur Weiterentwicklung bei, weil das Filmen mit ihnen billiger wurde. Ebenfalls wichtig waren die vielen neuen Fernseh- und Internetsender, die ihr Profil schärfen wollen und deshalb bereit sind, für gute Produkte Geld auszugeben. Gleichzeitig verkleinert das breite Angebot die Grösse des Publikums pro Serie. Als sich in den USA der Markt Ende der 1980er noch auf einige wenige Fernsehsender konzentrierte, musste eine Serie über fünf Millionen Zuschauer erreichen, sonst galt sie als Misserfolg. Heutzutage braucht eine Serie nicht mehr zwingend siebenstellige Zuschauerzahlen. Das erlaubt Nischenprodukte und bereichert die Vielfalt. 

Der zweite Evolutionsschritt geht auf den Komiker Louis C. K. und seine autobiografische Serie «Louie» zurück. Der Komiker entwickelte damit eine Fernsehversion von Woody Allens Stadtneurotiker. Ein verunsicherter und ernüchterter Mittvierziger, der sein Geld als Stand-up-Komiker verdient und sich das Sorgerecht für die beiden Töchter mit der Ex-Frau teilt. Die Serie erzählt keine grossen Geschichten, sondern reiht kleine, nicht zusammenhängende Szenen aus Louies Leben und seiner Auseinandersetzung mit sich und dem oft frustrierenden Alltag aneinander. Wenn es sich anbietet, dann ist eine Szene lustig, aber sie muss es nicht sein. 

Die daraus resultierende Sadcom teilt viele Merkmale mit ihrer Vorläuferin, der Sitcom: das halbstündige Format, die exzentrischen Figuren, den Humor, der an die Grenzen geht, die Konzentration auf den Alltag der Figuren und ein Auge für die Details. Aber sie muss nicht mehr zwingend lustig sein. Ein weiterer Unterschied liegt in ihrer unterschiedlichen Struktur. 

Schon Aristoteles schrieb, dass in einer Komödie trotz allen Turbulenzen der Status-quo gefestigt wird, während es in einer Tragödie zu sozialen Umwälzungen kommt. Auch die klassischen Sitcoms beginnen nach jeder Folge wieder beim Urzustand. Das Extrembeispiel sind die Familienmitglieder der «Simpsons», die seit über zwanzig Jahren keinen Tag gealtert sind und noch immer die gleiche Familiendynamik haben. In «The Wire» dagegen wird am Ende der ersten Staffel die Sondereinheit trotz Erfolgen aufgelöst und der Kampf gegen die Drogen ultimativ geschwächt. In der Sadcom «Transparent» führt das Geständnis von Vater Mort, eine Trans-Frau zu sein, nicht zu einigen billigen Lachern auf ihre Kosten, sondern zu tiefen Umwälzungen innerhalb der Familie. 

Momente der Intimität

Auch in der Handhabung ernster Themen und dem Bezug zur Realität unterscheiden sich Sitcom und Sadcom. In der semiautobiografischen Serie «One Mississippi» von Komikerin Tig Notaro (Produzent ist Louis C. K.) sieht man die Frau in der ersten Folge von Toilette zu Toilette eilen. Sie hat eine Darmkrankheit. Aber anstatt diese Ausgangslage für Fäkalhumor zu nutzen, zeigen die Macher das Elend der Situation. Witzig wird es erst, als ihr ein Spezialist zu einer Fäkaltransplantation rät. Wer würde sich nicht auch im richtigen Leben darüber amüsieren? 

Ganz anders mit dem Thema geht die Sitcom «How I Met Your Mother» um. Marshall hat Mühe, sich auf öffentlichen Toiletten zu erleichtern, bis er eine verlassene Toilette in seinem Bürokomplex findet, nur um dann beim Thronen von einem Vorschlaghammer, der durch die Seitenwand bricht, überrascht zu werden. Wie das im richtigen Leben eben so passiert. 

Besonders deprimierend geht es dem erfolglosen Clown Chip (Zach Galifianakis) in «Baskets» (Produzent ist erneut Louis C. K.). Er hat nur eine Stelle als Rodeo-Clown bekommen und wird nun des Öftern von einem Stier auf die Hörner genommen. Zwischen seinen Auftritten zwingt er einen herzensguten Versicherungsangestellten ihn durch die Stadt zu kutschieren, und streitet sich mit seiner Mutter (grossartig: Komiker Louie Anderson). 

Aber auch wenn alles trostlos wirkt, gibt es Momente aufrichtiger Intimität. Als Chips Mutter von ihrer Mutter wegen ihres Gewichts gehänselt wird und sie es daraufhin nicht mehr wagt, ein Stück Torte zu essen, reicht ihr Chip dafür seinen Vorrat an Bonbons. Das ändert nichts an der verkorksten Beziehung der drei untereinander oder an ihrer jeweiligen Einsamkeit. Aber für einen kurzen Augenblick berühren sich ihre beiden Leben. Und das bewegt. Ganz wie im richtigen Leben.

immer die gleiche Familiendynamik. 

Ausgewählte Highlights 

Die besten Sadcoms 

You’re the Worst

One Mississippi

Baskets

Atlanta

Flowers

Fleabag

Better Things

Togetherness

Master of None

Love

BoJack Horseman

Crashing

United States of Tara

Weeds

Schauen bringt mehr als verbieten

Die kontroverse Netflix-Serie «13 Reasons Why» behandelt die Themen Suizid und sexuelle Gewalt von Teenies. Erwachsene, die dagegen Sturm laufen, sind scheinheilig.

Von Murièle Weber

Wenn ein junger Mensch Suizid begeht, muss jemand schuld sein. Darum geht es in der neuen Netflix-Serie «13 Reasons Why», über die zurzeit kontrovers diskutiert wird. Die 13 Gründe im Titel stehen für 13 Menschen, die dazu beigetragen haben sollen, dass sich die (fiktive) Hannah Baker (Katherine Langford) mit 17 Jahren das Leben nahm. Das Jugendbuch, auf dem die Serie basiert, wird seit Jahren in den amerikanischen Highschools gelesen. Es behandelt die Auswirkungen von Internet-Mobbing, des Reduzierens von Mädchen auf Sexobjekte, von Stalking, Ausgrenzung, Vergewaltigung und dem sozialen Stigma, das damit einhergeht. 

Die Serie wurde Ende März veröffentlicht und ist unter Jugendlichen ein Hit. Nun melden sich mit einigen Wochen Verspätung auch die Erwachsenen zu Wort. Psychologen warnen, die Serie werde zu Nachahmungen inspirieren. Und Schulen in Amerika und Australien raten Eltern in Briefen, ihren Nachwuchs von der Serie fernzuhalten. Tatsächlich beweisen wissenschaftliche Untersuchungen, dass in den Medien geschilderte Suizide zu Nachahmungen führen können. Allerdings findet, wer sucht, im Internet ohnehin alles. Selbstmorde geschehen nicht wie ein Blitzschlag vom Himmel, sondern haben eine Vorgeschichte. Eine solche wird in der Serie aufgerollt, und das ist gut so. Aber die Produzenten machen es sich zu einfach, wenn sie denken, ihre Serie könne Jugendliche vom Freitod abhalten. Allerdings haben auch Kritiker unrecht, welche die Serie verbieten wollen, anstatt auf die angesprochenen Probleme einzugehen. 

Dabei ist Kritik durchaus angebracht. Aber nicht wegen der Inszenierung, sondern wegen der Botschaft. Die Serie suggeriert, dass man einfach etwas netter sein muss und ab und zu miteinander reden sollte, um Suizide zu verhindern. Psychische Probleme sind aber ein Fall für Fachpersonen. Die derzeitige Kontroverse ist vor allem scheinheilig. Mit Internet-Mobbing und sexueller Objektivierung von Frauen imitieren die Jugendlichen Erwachsene. Davor kann kein Teenager beschützt werden, erst recht nicht, indem man ihm das Schauen der Serie verbietet. Das ist wie sexuelle Abstinenz zu predigen, anstatt in eine Packung Kondome zu investieren und dem Nachwuchs den Gebrauch der Gummis zu erklären. Die Frage ist daher nicht, ob sich Teenager diese Serie ansehen sollten, sondern warum sich Eltern und Lehrer sie nicht ansehen. Warum gibt es noch kein Schulfach für den Umgang mit neuen Medien? Warum haben die meisten Schulen keine Psychologen angestellt? In den Elternbriefen sollte nicht stehen: «Halten Sie Ihr Kind von dieser Serie fern.» Sondern: «Das unternehmen wir und das können Sie tun, um Ihr Kind vor ähnlichen Situationen zu schützen.»

Serien-Täterinnen

In Hollywoodfilmen fehlen sie immer noch: Vielschichtige Rollen für Frauen über vierzig. Umso mehr von ihnen findet man in Fernsehserien.

Von Murièle Weber

Aus dem Blickwinkel von Kindern sind Mütter oft böse. Denn sie haben die Macht, ihnen etwas zu verbieten. So empfindet das auch die 16-jährige Max (Mikey Madison), als ihre Mutter Sam (Pamela Adlon) sich weigert, Marihuana für sie zu kaufen. «Dabei könntest du so sicherstellen, dass ich nur gutes Gras rauche», findet Max. Später muss Sam sich im Einkaufszentrum von einer Frau anstarren lassen, als ihre Jüngste in Tränen ausbricht. «Sie weint, weil ich ihr die Ohrringe nicht gekauft habe», erklärt sie. «Wollen Sie sie ihr kaufen? Nein? Dann hören Sie auf mich so anzustarren.» 

Die Schauspielerin Pamela Adlon hat mit «Better Things» (seit 2016) ihre erste Serie geschrieben. Dafür und für ihre beissende Direktheit applaudiert man ihr aus tiefem Herzen. Adlon, die man als Marcy Runkle aus «Californication» kennt, bezieht die Inspiration für ihre semiautobiografische Serie «Better Things» aus ihrem Alltag als alleinerziehende dreifache Mutter. Im Gegensatz zu Kinofilmen wie «Bad Moms», in denen selbst das Scheitern von Müttern glorifiziert wird, sieht man Sam des Öfteren beim Putzen und Aufräumen. Und sie darf auch einmal frustriert und muffig sein.

«Better Things» ist nur ein Beispiel für viele Serien, bei denen Frauen im Mittelpunkt stehen, während Hollywood immer noch nur vereinzelte interessante Hauptrollen für Schauspielerinnen bereithält. 2015 war mit oscarnominierten Filmen wie «Carol», «Joy», «Brooklyn» und «Room» zwar kein schlechtes Jahr für Frauen, aber bei den diesjährigen Nominierten, «Moonlight», «Hacksaw Ridge», «Manchester by the Sea», stehen wieder Männer im Mittelpunkt. 

Das Fernsehen hingegen war schon immer auch ein Frauenmedium und auch progressiv. Radio-Seifenopern, die speziell für Frauen konzipiert wurden, um Seifenprodukte zu bewerben, schafften bereits 1946, im Jahr des ersten regulären Fernsehprogramms, den Sprung auf den Bildschirm. Es folgten Klassiker wie «I Love Lucy» (1951–57), mitkonzipiert von der Hauptdarstellerin, genauso wie die «Mary Tyler Moore Show» (1970–77), die sich um eine unverheiratete und unabhängige Karrierefrau drehte. In den achtziger Jahren folgte die Polizei-Serie «Cagney & Lacey». Was der erste weibliche Buddy-Film hätte werden sollen, wurde zur Serie, weil kein Filmstudio Interesse zeigte. Alle drei Serien waren erfolgreich bei Kritikern und hatten hohe Einschaltquoten. 

Frauen nützen ihre Macht

Schauspielerinnen äussern sich regelmässig dazu, dass die Rollenangebote spätestens nach dem vierzigsten Geburtstag drastisch abnehmen. Maggie Gyllenhaal machte publik, dass man sie mit 37 für zu alt hielt, um noch die Geliebte eines 55-Jährigen zu spielen. Und Meryl Streep formulierte es so: «Filme spiegeln die Phantasien vieler Leute wider. Die meisten Filmstudios werden von Männern geführt, und in ihren Phantasien kommen nun einmal keine Frauen vor, die wie ihre erste Ehefrau aussehen.» Statt als Liebhaberin eines alten Mannes übernahm Gyllenhaal 2014 dann die Hauptrolle als einflussreiche Politikerin in der brillanten und mehrfach ausgezeichneten Miniserie «The Honourable Woman». Viele andere preisgekrönte Filmschauspielerinnen taten Ähnliches. Glenn Close spielte in «Damages», Holly Hunter in «Saving Grace», Jessica Lange in «American Horror Story» und Kathy Bates in «Harry’s Law».

Wenn eine Frau die sechzig überschritten hat und nicht Meryl Streep heisst, werden die Rollen noch weniger. Bahnbrechend waren da die «Golden Girls» (1985–1992). Sie zeigten: Mit sechzig ist das Leben noch lange nicht vorbei. Lange bevor «Sex and the City» auch nur als Idee existierte, sassen die vier alten Frauen um ihren Küchentisch, assen Quarktorte und diskutierten über ihr Sexleben. Dabei ging es auch um gleichgeschlechtliche Ehen oder Aids. Plötzlich waren alte Frauen nicht nur im Fernsehen sichtbar, ihre Körper hörten auch nicht mehr am Hosenbund auf. 

«Grace and Frankie» (seit 2015) hob die Alterslimite sogar auf fast achtzig an. Jane Fonda (Grace) und Lily Tomlin (Frankie) verkörpern darin zwei Frauen, die aus allen Wolken fallen, als ihre Ehemänner ihnen eröffnen, ineinander verliebt zu sein und heiraten zu wollen. Während die esoterische Frankie im Drogenrausch Halt sucht, will die kontrollsüchtige Grace zurück in die Arbeitswelt. Schliesslich ringen die gegensätzlichen Frauen um eine Freundschaft. Denn wer könnte besser verstehen, was sie gerade durchmachen? Abgesehen davon, dass Serien ältere Frauen sichtbar machen, haben ihre Protagonistinnen vor allem eines gemeinsam: Macht. Diese setzen sie rücksichtslos ein, um sich vom altmodischen Anspruch zu befreien, als Frauen immer nett und angepasst sein zu müssen.

Annalise Keating, die Staranwältin und Professorin aus «How to Get Away with Murder» treibt die Unverfrorenheit auf die Spitze, wenn sie ihren Studenten dabei hilft, den Mord an ihrem Ehemann zu vertuschen. In den meisten Szenen entscheidet kühle Berechnung über Annalises Handeln, nur im Privaten lässt sie eine Verletzlichkeit zu, die ihre Figur so vielschichtig macht und zeigt, wie kaputt sie eigentlich ist. Annalise wird verkörpert von der Afroamerikanerin Viola Davis, die dreimal für einen Oscar nominiert war, in Hollywood aber trotzdem immer nur Nebenrollen bekam.

Diversität ist essenziell in Serien

Während Hollywood biografische Stoffe braucht, um Menschen unterschiedlicher Ethnien als Paar zu zeigen, wie momentan das Drama «Loving», sind solche Paare in Serien selbstverständlich. Nicht nur Annalise hat einen weissen Ehemann, auch die Protagonistin aus «Scandal» (seit 2012) hat eine Affäre mit ihrem weissen Chef, dem amerikanischen Präsidenten. Und nicht für einen Moment fallen diese Paare auf. Beide Protagonistinnen wurden von der afroamerikanischen Drehbuchautorin und Produzentin Shonda Rhimes kreiert, der Macherin von «Grey’s Anatomy» und der neuen Serie «The Catch». Rhimes ist zurzeit die mächtigste Frau im Seriengeschäft. Danach gefragt, warum ihre Protagonistinnen so stark und vielschichtig seien, antwortete sie: «Weil ich keine dummen, schwachen Frauen kenne.» 

Immer häufiger schreiben sich Frauen, wie jetzt Pamela Adlon, ihre Rollen gleich selber auf den Leib. Das bekannteste Beispiel ist «Girls» von Lena Dunham. Interessanter, trauriger und boshafter ist die BBC-Serie «Fleabag» von Phoebe Waller-Bridge. Die 31-jährige Londonerin schuf darin eine moderne Antiheldin der Grossstadt, die an ihrem gebrochenen Herzen, ihrer Familie und ihren psychischen Problemen zu scheitern droht. Komik und Tragik liegen immer nahe beieinander. Als ihr Freund ihr mitteilt, dass er sie verlässt, sagt sie: «Das hast du gerade so poetisch gesagt, du solltest das aufschreiben.» Worauf er tatsächlich sein Notizbuch zückt und den Satz festhält, bevor er seinen dramatischen Abgang inszeniert.

Dass das Fernsehen die interessanteren Frauenrollen zu bieten hat, liegt erstens an der grossen Anzahl der Fernsehserien. Seit Erfindung des Breitband-Internets kommen immer neue Streaming-Dienste dazu, die häufig auch eigenes Material anbieten wollen, weil das Geld und Ehre bringt. Weil sie dafür herausstechen müssen, hat uns das grossartige Serien beschert wie «Transparent» über eine transsexuelle Frau im Seniorenalter und ihre Beziehungen zu Kindern und Ex-Frau. Zweitens verdienen Frauen immer mehr Geld, was sie für Werber und Bezahlsender interessanter macht. Drittens haben Studien gezeigt, dass Frauen häufiger fernsehen als Männer und innerhalb der Familie öfter das Fernsehprogramm bestimmen. Und schliesslich: Seit Frauen wie Oprah Winfrey, Shonda Rhimes und Jenji Kohan («Weeds» und «Orange Is the New Black») mehr Einfluss haben, können sie sich auf das konzentrieren, was sie interessiert: komplexe Rollen für Frauen.

Shonda Rhimes 

Die 47-jährige dreifache Mutter wurde vom «Time-Magazin» zweimal zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt gewählt. Mit ihrer Firma ShondaLand produziert sie Serien, die in 250 Ländern in 67 Sprachen laufen. Mit afroamerikanischen, asiatischen und homosexuellen Figuren erhöht sie die Sichtbarkeit von Minderheiten. 

Die neuen Serien mit Frauen 

Viel Starpower 

In den USA laufen drei grossartige Serien an: «The Big Fight» handelt nach «The Good Wife» von Alicia Florricks viel interessanterer Vorgesetzter Diane Lockhart. Als Opfer eines Finanzschwindels baut sich diese eine neue Existenz auf. Die Miniserie «Big Little Lies» blickt ins Innere von weissen Mittelstandsfamilien. Reese Witherspoon, Nicole Kidman und Shailene Woodley müssen sich kritischen Müttern stellen und nach einem Mord auch der Polizei. «Feud» behandelt die legendäre Fehde zwischen den Hollywood-Diven Bette Davis (Susan Sarandon) und Joan Crawford (Jessica Lange) während der Dreharbeiten zu «What Ever Happened to Baby Jane». Murièle Weber

So war die Revolution

Die letzten neuen musikalischen Stilrichtungen entstanden in den siebziger und achtziger Jahren. Zwei neue TV-Serien und ein Film zeigen die aufregenden Anfänge.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Zugedröhnt sitzt Musikmogul Richie in seinem Auto in einer Seitenstrasse im New York des Jahres 1973. Ästhetisch in Szene gesetzt von Martin Scorsese für die HBO-Serie «Vinyl». Eben hat Richie die Telefonnummer eines Polizisten der Mordkommission gewählt. Doch bevor er etwas sagen kann, springen Leute auf sein Auto und rennen kreischend auf ein Abbruchgebäude zu. Wie unter Trance folgt Richie ihnen. 

Drinnen spielen die New York Dolls «Personality Crisis». In kollektiver Ekstase tanzen die Leute um Richie herum, der nur noch staunt angesichts von so viel Energie. Durch das Stampfen der Leute regnet es Putz von der Decke, bevor schliesslich das Haus in sich zusammenstürzt und Richie wie ein Phoenix aus der Asche zwischen Staub und Trümmerteilen hervortritt. 

Was Richie noch nicht weiss: Er wird gerade Zeuge der Geburt einer neuen Musikrichtung: Punk – mit seinem vorwärtspeitschenden Beat. «Es ist schnell, es ist dreckig, es ist, wie wenn dir jemand eins über den Schädel zieht», beschreibt er die Konzerterfahrung. «Du hast auch eins auf den Kopf bekommen, als das Haus einstürzte», sagt sein Arbeitskollege. «Na und? Ich habe die verdammte Zukunft gehört.»

Blütezeit der Musik

Das war die Zeit, als sich Musik ständig neu erfand. Zwischen dem Ende der sechziger Jahre und der Mitte der Achtziger wurden nicht nur die Grundsteine für Punk und Disco gelegt, sondern auch für Reggae, Rap, Synthi-Pop, New Wave, House, Techno und den Beginn des visuellen Musikkonsums. Die Serien «Vinyl», «The Get Down» und der Film «Sing Street» führen uns an die Geburtsstätten dieser Musikstile. Es ist die aufregende Zeit, die Musikjournalist Simon Reynolds in seinem Buch «Retromania» heute vermisst. Seither, bemängelt er, zitiert sich die Pop-Musik selbst, und alte Musikstile feiern ein Revival nach dem anderen. Die Band Hurts klingt nach dem Synthi-Pop der achtziger Jahre, Adele nach dem Soul der Sechziger. Das hat sich bewährt.

Diese Erfahrung macht auch Richie, als er seinen Musikmanager beauftragt, eine Punkband auf ein Vorspielen einzustimmen. Dieser lässt die Gruppe klingen wie eine Coverband der Kinks. Immerhin hatten die noch so etwas wie eine Melodie, findet er. Aber das ist nicht das, was Richie gesucht hat: «Die klingen wie Hafermehlbrei. Du hast alles weggerieben, was an denen interessant war. Die waren roh, frisch. Was hast du dir nur gedacht?» Das ist es auch, was Simon Reynolds in «Retromania» beanstandet: Mit der Stagnation oder gar Rückbesinnung auf vergangene Trends geht der Musik der rebellische Unterton verloren. Dabei treiben gesellschaftliche Rebellionen und technische Innovationen die Musik vorwärts und beeinflussen sich gegenseitig.

In der South Bronx regieren 1977 Disco und Korruption. Ganze Strassenzüge werden gesäumt von zerfallenen Häusern, von denen oft nur Trümmerteile übrig bleiben. Die Stadt ist bankrott, die Gewalt rekordverdächtig hoch, und die meisten Politiker scheren sich nicht um die Armen.

Sprachrohr einer Minderheit

«Ich komme aus der gefährlichsten Stadt der Welt. Tag für Tag ein weiteres Drama, dem wir uns nicht entziehen konnten. Die Musik war der einzige Ausweg. Denn wir waren im verfallenen Magen einer hungrigen Bestie», rappt der Protagonist der Netflix-Serie «The Get Down» über seine Kindheit im Ghetto. An einer Untergrund-Party hört der Teenager zum ersten Mal Rapmusik. Grandmaster Flash höchstpersönlich legt auf. Rap entstand, als DJs auffiel, dass die Leute während der kurzen, oft nur zehn Sekunden dauernden Schlagzeug-Sequenzen von Funksongs ausflippten. Deshalb begannen sie diese Sequenzen zu minutenlangen Musikstücken zusammenzuhängen. Die Technik dazu wird «Get Down» genannt.

Was als neuer Musikstil begann, wurde bald zur Grundlage für die rappenden Master of Ceremonies. «Solange der Beat andauert, so lange kann der Wortschmied weitermachen», wird dem Jungen erklärt. Der MC wurde zum Sprachrohr einer ungehörten Minderheit. Mit ihm bekam der Rap eine revolutionäre und politische Note.

Das finanziell gebeutelte Dublin der achtziger Jahre ist die Kulisse für den Film «Sing Street». Darin will der fünfzehnjährige Conor ein Mädchen beeindrucken. Also gründet er eine Band und dreht mit ihr ein Musikvideo. Es ist die Zeit der New-Wave-Gruppen wie Duran Duran und die Blütezeit der Musikclips. «Wenn das die Zukunft ist, sind wir alle am Arsch. Die bewegen ja nur die Lippen», kommentiert der Vater einen Musikclip der Band. Der ältere Bruder rollt genervt mit den Augen: «Das ist Kunst, die perfekte Kombination zwischen Musik und Ästhetik», ruft er zurück. Und der Jüngere plant bereits die musikalische Revolution an seiner katholischen Schule inklusive blonder Strähnchen und blauem Lidschatten.

Wer sich für Musikgeschichte interessiert, bekommt mit den drei Serien einen Einblick in eine ihrer kreativsten Perioden. «Vinyl» zeigt neben Punk auch Bob Marley oder Alice Cooper. «The Get Down» setzt den Kampf zwischen den rivalisierenden DJs Grandmaster Flash und DJ Kool Herc in Szene. Und «Sing Street» zeigt den Einfluss von New Wave und Musikvideos auf die Kultur. Vor allem aber sind es die Energie, die Aufbruchstimmung und die Begeisterung, Zeuge von etwas Neuem zu sein, die sie auszeichnen und zu einem Seh-Ereignis machen.

Zum Vorspiel Pédicure

Während sich die Liebeskomödie im Kino totgelaufen hat, widmen sich romantische Comedy-Serien im TV auf bösartige und herzzerreissende Art dem Alltag.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Er hat soeben versucht, die Hochzeit seiner Ex-Freundin zu ruinieren, und wird aus dem Hotel geworfen. Sie wiederum hat der Braut ein Geschenk vom Gabentisch geklaut. Und nun treffen beide vor dem Hotel aufeinander und beschliessen bei einer gemeinsamen Zigarette, die Nacht zusammen zu verbringen. So beginnt die Serie «You’re the Worst» (Du bist das Letzte).

Als sich beide postkoital mit kalter Pasta aus einer Tupperware-Box verköstigen und sie ihm erzählt, wie sie wegen Alkohol und Drogen am Steuer den Führerschein verloren hat, und er ihr beschreibt, wie sehr er seine Ex hasst, bemerkt er: «Bin ich froh, dass das eine einmalige Sache ist, so können wir all diesen Scheiss preisgeben.» Intimität ist schwierig auszuhalten, und Fremden beichtet es sich nun einmal leichter.

Während sich die Liebeskomödie im Kino totgelaufen hat, erfinden Liebeskomödien in Serienform das Genre gerade neu, wie «Die Zeit» kürzlich treffend schrieb. Das Spiel mit den Geschlechterrollen gehört da genauso dazu wie das Flickwerk moderner Beziehungen. Im Titelsong zu «You’re the Worst» singen sie: «Ich werde dich ohnehin verlassen.» Das ist nicht deprimierend, sondern der Freipass zum Ausprobieren-Dürfen. 

Masturbieren zu Obama-Video

Vor allem aber widmen sich diese Serien dem Alltag – mit all seinen Tücken, Gemeinheiten, mit der unerwarteten Komik und überraschend zärtlichen Momenten. Fleabag (Flohfänger/Ekelpaket), die Protagonistin der gleichnamigen Serie, wird von ihrem Freund verlassen, weil sie zu Videos von Barack Obama masturbiert hat. 

Weil sie bald niemanden mehr in ihrem Leben hat, mit dem sie sich austauschen kann, hat sie einen zärtlich-zerbrechlichen Moment mit einem Fremden, in dem die beiden sich ihre Wünsche erzählen, die simpler nicht sein könnten. «Ich will meine Frau umarmen und meine Kinder beschützen. Ich will saubere Tassen aus dem Geschirrspüler nehmen und sie im Schrank versorgen. Und am nächsten Tag will ich meiner Frau zusehen, wie sie aus einer sauberen Tasse Tee trinkt», verrät der Banker. Fleabag hat vor kurzem ihre beste Freundin verloren, ihr Wunsch klingt für sie aber unerreichbar: «Ich möchte weinen. Die ganze Zeit.» 

Diese Serien schrecken vor emotionalen Abgründen und alltäglicher Einsamkeit nicht zurück, die Protagonisten haben oft einen Knacks. Ihnen wurde zu oft das Herz gebrochen, oder sie sind am Leben gescheitert. Es ist die «Generation Beziehungsunfähig», wie der Autor Michael Nast auch sein Buch zum Paarungsverhalten der Millenials genannt hat. Trotzdem versuchen sie immer wieder tapfer, menschlichen Kontakt herzustellen.

Die an Depression leidende Rebecca folgt in der Serie «Crazy Ex-Girlfriend» ihrem Ex-Freund von New York in die Kleinstadt West Covina, weil in einer Butterwerbung im Fernsehen gefragt wurde: «Wann waren Sie das letzte Mal wirklich glücklich?» Und ihr fiel nur die Antwort «Mit Josh» ein. Im Kaff angekommen, löchert sie einen seiner Freunde, während sie unmotiviert mit ihm flirtet. Er lädt sie zu einem Date ein, wobei er wie zu sich selbst sagt: «Du bist hübsch und intelligent, und du ignorierst mich, also bist du offensichtlich mein Typ.» Abgelenkt fragt Rebecca: «Was?» Er antwortet: «Perfekt!»

In der Einförmigkeit des Alltags aber liegen Komik, Romantik und Tragik nahe beieinander und können von Moment zu Moment wechseln, das beherrscht die Serie «Catastrophe» auf virtuose Art. Sharon und Rob heiraten nach einer kurzen Affäre, da sie schwanger geworden ist. In der Hochzeitsnacht massiert Rob die geschwollenen Füsse seiner Frau. Und weil sich die Hochschwangere nicht mehr bücken kann, bietet er an, ihr auch noch die Fussnägel zu schneiden. Sie lehnt zuerst entsetzt ab, ist dann aber gerührt von der Geste und macht den Vorschlag, Sex zu haben. «Was ist los?», fragt sie auf sein Zögern hin gereizt. «Nun ja», antwortet er, «ich habe gerade meine Hand voll mit deinen Zehennägeln, das eignet sich nicht wirklich zum Vorspiel.» Wer könnte ihm da auch widersprechen? Die Szene endet im Streit.

Verlust der Unschuld

Aber für viele hat die Liebe längst ihre Unschuld verloren, aktuelle Scheidungsraten und kitschigem Hollywoodkino sei Dank. Und so schreit Gus in der Serie «Love» nach dem Liebesaus: «Beziehungen sind Schwachsinn. Aber niemand nimmt dich je auf die Seite, um dir das zu sagen. Also glaubst du weiter an die Lüge, dass eine Beziehung wächst und alles besser wird. Schuld daran sind diese Lieder und diese Filme.»

Umberto Eco hat einen Ausweg beschrieben. Im Nachtrag zu «Der Name der Rose» schrieb er, dass ein Mann in der Postmoderne einer Frau nicht einfach seine Liebe gestehen könne. Beide wüssten zu gut, dass diese Worte längst ihre Unschuld verloren hätten, weil sie so oft verwendet worden seien. Deshalb bleibt ihm nur die Anerkennung dieser Tatsache: «Der Mann sagt deshalb: ‹Wie jetzt Soundso sagen würde: Ich liebe dich.› Damit akzeptieren beide die Herausforderung der Vergangenheit, des längst schon Gesagten, das man nicht einfach wegwischen kann. Aber beiden ist es gelungen, noch einmal von Liebe zu reden», so Eco.

Millenials wissen, dass es kein «Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage» gibt. Alle Schwüre einer Ewigkeit wären geheuchelt. Die Romantik liegt nicht in einem unhaltbaren Versprechen, sondern im Anerkennen der Tatsachen. Das erlaubt es, von Liebe zu reden. Deshalb findet sich die berührendste Szene der gegenwärtigen Fernsehgeschichte am Ende der ersten Staffel von «You’re the Worst». Jimmy und Gretchen haben eingewilligt zusammenzuziehen. «Mist, wir machen das wirklich. Obwohl wir beide wissen, dass das nur auf eine Art enden wird, in fürchterlichem Schmerz und Traurigkeit», sagt Gretchen. Worauf Jimmy antwortet: «Gott, ich liebe es, wie du denkst.»

Gesucht: Thronfolger

Jon Stewart war mit seiner satirischen «Daily Show» der wichtigste politische Kommentator der USA. Ein Jahr nach seinem Abgang zeichet sich ab, wer ihm das Wasser reichen könnte.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Wenn man Fox News zuhört, dann steht Europa kurz vor dem Bürgerkrieg. Aber bevor wir nun alle Armeedecken im Schutzbunker stapeln und einen Vorrat an Dosenravioli anlegen, lohnt sich ein Blick auf die Satiresendungen der USA. Bei ihnen informieren sich jedenfalls junge Amerikaner über die Politik und das Tagesgeschehen. Zu verdanken haben die USA dies einer Vielzahl von Nachrichtensendungen, bei denen Unterhaltung und Parteitreue höher gewichtet werden als Fakten, sowie der satirischen Antwort auf dieses Trauerspiel: Jon Stewart mit seiner «Daily Show». 

Der New Yorker hat den erheiternden Kampf gegen politische Windmühlen perfektioniert. In einem Land, in dem Politiker öffentlich erklären, vergewaltigte Frauen könnten nicht schwanger werden, weil der weibliche Körper einen Abwehrreflex habe, hilft nur noch Satire, um den Wahnsinn zu ertragen. Stewart entlarvte die Doppelzüngigkeit der Politiker und ihrer linientreuen Fernsehkommentatoren und lieferte ganz nebenbei den Hintergrund zu aktuellen Diskussionen. Vor allem aber ermöglichte er es dem Publikum, in hysterischem Gelächter eine Katharsis zu finden. 

Als Stewart vor einem Jahr seinen Job an den Nagel hängte, war der Jammer gross. Wer würde den Kampf gegen den Bullshit, wie der Altmeister seine Arbeit beschrieb, fortsetzen? Zum Glück baute Stewart während 16 Jahren «Daily Show» unzählige Talente auf. Die besten von ihnen haben nach dem Abgang des Meisters ihre eigenen Sendungen erhalten.

Die «Daily Show» selbst übernahm Trevor Noah. Seither hat das Programm jedoch an Biss verloren. Das hat zwei Gründe: Zum einen kommentiert der Südafrikaner mit Schweizer Wurzeln amerikanische Eigenheiten aus der Position des ausländischen Anthropologen, zum anderen hat er sich dabei mehr dem Spott als der entlarvenden Satire verschrieben.

Stephen Colbert war bereits zu Stewarts Zeiten ein würdiger Konkurrent mit seinem «Colbert Report». Seit knapp einem Jahr moderiert er die von David Letterman übernommene «Late Show». Ein Format, das er zwar politisch scharfzüngiger gemacht hat, das ihm aber auch Grenzen vorgibt. 

Für die meisten Medien und den Grossteil des Publikums ist der britische Nerd John Oliver mit «Last Week Tonight» der eigentliche Nachfolger von Stewart. Das Sendeformat ist eine Mischung aus der «Daily Show» und dem «Kassensturz». Mit Beiträgen wie der Entlarvung zerstörerischer Machenschaften von Schuldeneintreibern wurde er zum gefeierten Aufklärer der Nation. 

Neben diesen grossen Namen gehen zwei leicht vergessen: Samantha Bee, die einzige Frau dieses Sendeformats, entlarvt die Scheinheiligkeit der Politiker nicht aus der sicheren Distanz eines Studios, wie ihre männlichen Kollegen, sondern steigt in den politischen Morast und sucht das direkte Gespräch mit den Volksvertretern und ihren Anhängern. 

Im Segment «Helper Whitey» illustrierte die «Daily Show» noch unter Stewart ihre paradoxe Situation. Wenn ein weisser Mann die prekären Verhältnisse von Minderheiten kommentiert, bekommt das Thema Legitimität und wird von der Mehrheit als Problem wahrgenommen, nicht jedoch, wenn die Minderheit die gleiche Thematik adressiert. 

Das von Stewart mitentwickelte Format «Nightly Show» mit dem Afroamerikaner Larry Wilmore ist die direkte Antwort auf diese Problematik. Sie gibt Minderheiten nicht nur eine Stimme, sondern sorgt in einer Diskussionsrunde am Ende der Sendung auch für deren Repräsentation. Ausdrücklich tritt sie gegen Rassismus an.

Zwar generiert Oliver mit den ausgiebig recherchierten Themen seiner wöchentlichen Sendung mehr Aufmerksamkeit. Aber es ist Wilmore, der die Tagesaktualitäten für die Zuschauer einordnet und täglich Stellung bezieht. Als Teil einer Minderheit bringt er seine Erschütterung und Wut ob der Ungerechtigkeiten gegenüber Minderheiten authentisch zum Ausdruck und nutzt dabei Satire als entlarvendes und kathartisches Instrument. Sein Mentor hat es kaum besser gemacht. 

Leider holt die Realsatire manchmal die künstlerische ein. Am 15. August verkündete Wilmore, dass die «Nightly Show» abgesetzt wird – die letzte Folge wurde schon drei Tage später ausgestrahlt. Ein sichtlich berührter Wilmore kommentierte dies trocken so: «Leute. Das kann nur eines bedeuten: Der Rassismus wurde endlich besiegt.»