Die Missverstandene

Bild: Flickr / Eva Rinaldi

Taylor Swift gibt sich gern als moderne Feministin und Kämpferin für die Rechte von Künstlern. Dabei ist sie vor allem eines: eine knallharte Geschäftsfrau, die nur eigene Interessen verfolgt.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Eigentlich will Taylor Swift nur nett sein und ihre Kunst machen. Aber die anderen sind gemein und verstehen sie falsch. Deshalb ist sie immer wieder gezwungen, Songs zu schreiben mit ­Botschaften wie «Ich lass mich nicht unterkriegen». Ungerechtigkeiten wollen eben verarbeitet sein. Das neuste Beispiel dafür ist die neue Single «Look What You Made Me Do» (Sieh, wozu du mich gezwungen hast). Über die Jahre hat sie sich so einen Ruf eingehandelt, der ihr nicht gefällt. Das neue Album heisst dann zur grossen Über­raschung aller: «Reputation».

Taylor Swift – «Look What You Made Me Do»

Swift vermarktet sich gern als Unschuld oder als Opfer. Im Lied «Dear John», adressiert an ihren 12 Jahre älteren Ex-Freund John Mayer, singt sie: «Denkst du nicht, dass ich mit 19 Jahren zu jung war, um deine dunklen, verdorbenen Spiele mit mir zu spielen?» Mayer war natürlich zutiefst beschämt über diese musikalische Huldigung.

Auch die unhöfliche Behandlung durch Kanye West 2009 an den MTV Awards verarbeitete Swift musikalisch. Er stürmte die Bühne, während sie ihre Dankesrede hielt, um zu erklären, Beyoncé habe eigentlich die Auszeichnung verdient. Damit sprach er an, was andere eloquenter formuliert haben: dass weisse Girls mehr Chancen als schwarze Frauen haben, Preise zu gewinnen.

Als Swift (*1989) ein Jahr später ihren Song «Innocent» (unschuldig) an den MTV Awards vorstellte, lief ein Videoclip dieser Szene, bevor sie herablassend sang, West müsse mit seinen 32 Jahren noch erwachsen werden. Dass sie sich dazu als verletzliche weisse Geschädigte eines schwarzen Mannes inszenierte, legten ihr einige Kommentatoren als Rassismus aus.

Taylor Swift – «Innocent»

Seit einiger Zeit wird Taylor Swift auch von der Alt-Right-Bewegung vereinnahmt und als «arische Göttin» gepriesen. Darüber ist Swift so aufgebracht, dass sie sich öffentlich… Nein, bis jetzt schweigt sie dazu. Aber 2014 war sie so erzürnt, dass sie eine ganze Nacht lang wach lag und sich morgens um 4Uhr genötigt sah, einen offenen Brief zu schreiben. Apple Music hatte beschlossen, den Künstlern ihre angeklickten Songs erst nach drei Monaten zu vergüten, weil Kunden den Dienst während einer Probezeit drei Monate lang gratis nutzen können.

Spott von Spotify

«Hier geht es nicht um mich», schrieb die 280-fache Dollarmillionärin. «Ich kann mich mit Konzerten finanzieren. Es geht um Künstler, die ihre erste Single veröffentlichen und dafür nicht bezahlt werden.» Ein Jahr zuvor hatte sie ihre Abneigung gegenüber Gratis-Streaming-Diensten bereits in einem Artikel im «Wall Street Journal» mit den Worten begründet: «Musik ist Kunst, und Kunst ist wertvoll. Wertvolle Dinge sollten bezahlt werden.» Sie sah ihre Songs durch diese Dienste entwertet. Deshalb entzog sie Spotify 2014 all ihre Musik – sehr zum Entsetzen ihrer vielen jungen Fans –, was die Firma zur Playlist «What to Play While Taylor’s Away» inspirierte.

Aber schliesslich kam alles gut. Apple Music lenkte innerhalb von 24 Stunden ein. Und Frau Swift rühmte sich in einem Interview mit «Vanity Fair» ihrer Heldentat und erwähnte die vielen Glückwünsche anderer Künstlerinnen. Frau Swift sieht sich auch gern als Verfechterin von Frauenrechten. 2012 erklärte sie noch, Feminismus sage ihr gar nichts. Ihre Eltern hätten ihr beigebracht: «Wenn du so hart wie die Jungs arbeitest, kannst du es weit bringen im Leben.» Womit sie jeder Feministin aus tiefstem Herzen sprach. Aber schliesslich sah auch Frau Swift das violette Licht. «Eigentlich bin ich schon immer eine Feministin gewesen», erklärte sie 2014. Schliesslich sei sie seit Jahren mit Lena Dunham befreundet, der Vorzeigefeministin der Millennials. Das färbt ab. Und so schreibt Frau Swift gern über die grossen Themen der Welt, wie die Rache am Ex oder den vom Ex ausgelösten Herzschmerz. 

Kritik daran konterte sie so: «Wenn eine Frau über ihre Gefühle schreibt, wird sie oft als wahnsinnig dargestellt. Das verdreht etwas, das gefeiert werden sollte, in etwas Sexistisches.» Richtig, schon die ersten Feministinnen legten Wert darauf, über ihre Beziehungen zu Männern definiert zu werden. Und als sich die Komikerinnen Tina Fey und Amy Poehler 2013 an den Golden Globes erfrechten, sich über Frau Swifts Verschleiss an Männern lustig zu machen, antwortete diese mit einem Zitat der ehemaligen US-Aussenministerin ­Madeleine Albright: «In der Hölle gibt es einen ganz speziellen Ort für Frauen, die andere Frauen nicht unterstützen.» Die Ironie ging leider komplett an Frau Swift vorbei, als sie 2014 in ihrem Video zu «Bad Blood» die Hälfte ihrer hauptsächlich aus Models bestehenden Frauentruppe ver­sammelte und musikalische Rache an ihrer Gegenspielerin, Katy Perry, nahm. 

Taylor Swift – «Bad Blood»

Die Kultur, und in ganz besonderem Masse die Pop-Kultur, lebt von Appropriation, der Aneignung von «fremden» Stilen, Werken, Ideen, Melodien zur Erschaffung neuer Kunst. Die Rockmusik wäre ohne den afroamerikanischen Blues nicht möglich gewesen, und die späten Beatles hätten anders geklungen, wären sie nicht mit indischer Musik in Kontakt gekommen. Aber sich die Melodie von «I’m Too Sexy» von Right Said Fred für «Look What You Made Me Do» anzueignen, ist das eine; sich als Hüterin der Rechte von Künstlern emporzustilisieren und sich den Mantel des Feminismus überzustreifen, während man völlig eigennützige Ziele verfolgt, ist etwas ganz anderes. 

Reiner Opportunismus

Da hat Frau Swift mit der «reappropriation», der Wiederaneignung, schon mehr Talent bewiesen. Als sie beteuerte, Kanye West kein Einverständnis gegeben zu haben, in seinem Song «Famous» über sie zu singen, und Wests Frau Kim Kardashian mit einem Video das Gegenteil bewies, wurde Swift mit Bildern von Schlangen eingedeckt. In «Look What You Made Me Do» nun wendet sie dieses Image ins Positive und präsentiert sich als Schlangenkönigin. Das ist richtig, richtig lustig. Nicht jeder Künstler muss sich zu allem äussern. Aber wenn Swift sich darüber auslässt, wie sie unter dem ungerechten Bezahlsystem eines Streaming-Dienstes leidet, aber kein Wort darüber verliert, dass sie von der rassistischen Rechten als «arische Göttin» gepriesen wird, erweist sie sich als Opportunistin. Das tut Frau Swift auch in ihrem neuen Song «Look What You Made Me Do», wo im Finale 14 Versionen der Sängerin zu sehen sind. Eine sagt: «I would very much like to be excluded from this narrative.» Und die anderen antworten treffend: «Oh, shut up.»

Neues Album

«Reputation», das 6. Studioalbum von Taylor Swift, kommt am 10. 11.2017 heraus. Am Freitag hat sie den Clip zum Song «Ready For It?» veröffentlicht. Es ist ein für sie ungewöhnlich harter Elektro-Song mit peitschenden Beats. 

Alben sterben aus, jetzt kommt die Playlist

Rapper Drake ist zurzeit der am meisten gehörte Musiker der Welt. Der 30-Jährige hat begriffen, wie der Streaming-Markt funktioniert.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Streaming verändert die Musik. Jetzt gerade in diesem Moment. Nicht nur die Art, wie wir sie uns anhören, sondern die Musik an sich. Und der kanadische Rapper Drake forciert den Wandel wie kein anderer. Er ist der am meisten gestreamte Künstler der Welt. Alleine bei Spotify wurde seine Musik über neun Milliarden Mal angeklickt. 

In Medienberichten über Streaming wird gerne die Kurzlebigkeit und mangelnde Qualität von heutiger Musik beklagt. Dabei ist es genau umgekehrt. Früher zählten die Anzahl Albumverkäufe für die Hitparade. Dabei wusste niemand, was mit einem Album nach dem Kauf geschah, ob es überhaupt gehört wurde. Es war durchaus möglich, dass man ein Album nur wegen zwei, drei Songs kaufte, überprüfen konnte das niemand. Trotzdem wurde gerechnet, als würde sich die Person das ganze Album anhören.

CD im freien Fall

Seit Drake ganz auf Streaming setzt, sind seine Alben länger geworden. Die letzten beiden enthalten 20 oder mehr Songs und sind über als 80 Minuten lang, die maximal bespielbare Länge einer CD. Das trifft auch auf andere Künstler zu. Logisch, je mehr Songs sie veröffentlichen, umso höher ist die Chance auf einen Hitparadenplatz. In den USA entsprechen 150 Streams einem Single-Kauf (in der Schweiz sind es 108), und 1500 Streams sind das Äquivalent eines Albums. Die Musik muss folglich länger überzeugen. Und jeder Song muss bestehen können. Erst, wenn man sich von einem Stück 30 Sekunden angehört hat, wird der Stream gezählt. Gleichzeitig kann ein Künstler bei 20 Songs auch mehr Risiken eingehen, als wenn er nur 12 auf eine CD packen muss, und dann über Monate beobachten, was bei den Fans ankommt. 

Das in sich kohärente Album wird unter diesen Umständen zum Exoten. Eine der grössten aktuellen Veränderungen betrifft die Vorstellung davon, was ein Album ist. 2016 war ein aufschlussreiches Jahr: Frank Ocean gab mit «Endless» ein visuelles Album heraus, das man sich nur als Video-Stream anhören kann und das es nie auf CD gab. Heute setzen viele Popstars auf Streaming und behandeln den Verkauf physischer CD und Downloads als Nebensache, wenn sie denn überhaupt noch daran denken. 

Frank Ocean – visual album «Endless»

Das liegt einerseits daran, dass CD-Verkäufe und Downloads dramatisch sinken, Streaming aber explosionsartig wächst, 2016 in der Schweiz allein um 50 Prozent gegenüber Vorjahr, in den USA sogar um 68 Prozent. Andererseits zählt Streaming seit einigen Jahren auch zur Berechnung der Hitparadenposition. Wenn ein Album nicht sofort auf CD gepresst wird, muss es auch nicht zwingend fertig sein. Kanye West veröffentlichte mit «The Life of Pablo» ein unfertiges Album, woran er noch Monate arbeitete und es mehrmals aktualisiert herausgab. Und Drake, der erfolgreichste Künstler im Streaming-Bereich, spricht von «More Life» als einer Playlist. Das ist nicht nur eine rhetorische Entscheidung, sondern zeigt, dass er die Zeiten verstanden hat. 

George Ergatoudis verkündete schon 2014 auf Twitter: «Mit wenigen Ausnahmen stehen die Alben vor dem Aussterben. Playlisten sind die Zukunft.» Damals arbeitete er noch als Musikverantwortlicher für Radio BBC1, in der Zwischenzeit hat er zu Spotify gewechselt und kuratiert dort Playlisten. Aber ist es klug, dass der Rapper aus Toronto «More Life» eine Playlist nennt? Ja, auch wenn es ihm hauptsächlich um Aufmerksamkeit geht. Playlisten gleichen einer Compilation-CD wie «Bravo Hits» oder «Kuschel-Rock». Sie werden entweder von einem Algorithmus erzeugt, von einem Nutzer erstellt oder von einem Kurator eines Streaming-Service gestaltet. 

Drake arbeitet häufig mit anderen Musikern zusammen. Er nutzt Songs aus Afrika oder der afrikanischen Diaspora als Grundlage für seine Musik (sogenanntes Sampling). Seinen Mitmusikern gibt der Kanadier viel Raum, besonders auf seinem neuen Werk. Wenn man nicht weiss, dass es sich dabei um ein Album von einem einzelnen Künstler handelt, wäre man versucht, es als zusammengestellte Playlist im Hip-Hop- und Dance-Hall-Bereich einzuordnen. Das liegt nur schon daran, dass man unterschiedliche Stimmen hört, unter anderem Sampha oder Young Thug. Und die Musik klingt abwechselnd nach jamaicanischem Dance Hall, Londoner Grime (eine Mischung aus Jungle und Ragga) oder südafrikanischem Elektro. 

Die Popmusik verändert sich aber auch ästhetisch. Hubert Léveillé Gauvin von der Ohio State University untersuchte in den USA die Top-10-Songs der letzten 30 Jahre. Er fand heraus, dass das Intro von durchschnittlich 20 Sekunden in den 1980ern auf 5 heute geschrumpft ist. «Das ist sinnvoll», erklärt er, «denn die Stimme ist am effektivsten, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.» Spotify gibt an, dass ein Viertel der Songs nach fünf Sekunden übersprungen wird. Es bleibt also nicht viel Zeit, um zu überzeugen.

Musiker als Marken

Und was ist mit den Einnahmen? Taylor Swift und andere Künstler haben sich über die niedrigen Tantièmen von Streaming-Diensten beschwert. Nun, jedes System bietet Möglichkeiten. Die amerikanische Funkband Vulfpeck war besonders geschickt. 2014 veröffentlichten sie mit «Sleepify» ein stilles Album, das zehnmal dreissig Sekunden Nichts enthielt. Sie forderte Fans auf, das Album während des Schlafens ununterbrochen zu streamen. Damit verdienten sie 20 000 Dollar. Danach nahm Spotify das Album aus dem Sortiment.

Stars wie Justin Bieber oder Rihanna machen, was Forscher Gauvin als generelle Tendenz bezeichnet: Anstatt nur auf Einnahmen aus dem Streaming zu setzen, nutzen sie die Plattformen, um sich als Marke zu etablieren und Fans an Konzerte zu locken. Damit verdienen sie Geld. Drake geht noch einen Schritt weiter. Er hat zwar ein Label, aber auch einen exklusiven Deal mit Apple Music. Das ist die Zukunft: Streaming-Services produzieren Musik direkt – sie folgen dem Beispiel von Amazon und Netflix, die selber erfolgreich Serien produzieren.