Zwei Helden des Alltags

Bruno (Vincent Cassel) und Malik (Reda Kateb) bieten Aussenseitern eine neue Chance.

Die «Intouchables»-Macher erzählen in «Hors normes» von Freunden, die sich für autistische Menschen einsetzen.

Von Murièle Weber (Züritipp)

Bruno (Vincent Cassel) und Malik (Reda Kateb) helfen seit 20 Jahren Menschen am Rande der Gesellschaft: Bruno versucht, autistischen Kindern so etwas wie einen normalen Alltag zu ermöglichen, und Malik bildet junge Leute aus Brennpunktvierteln zu Pflegern aus.

Joseph (Benjamin Lesieur) ist einer der Betreuten. Der junge Mann mit Autismus soll endlich auf eigenen Beinen stehen, dafür coacht ihn Bruno. Joseph soll unter anderem mit dem Zug zur Werkstatt fahren können, wo er eine Ausbildung macht – aber weil er Angst hat, eine Brücke zu überqueren, zieht er jeweils kurz vor dem Übergang die Bremse. Das bringt die Pendler in Rage und Bruno in Erklärungsnot.

Aber Bruno braucht dringend einen Erfolg, denn die Stadt will seinen privaten Verein nicht anerkennen. Zwar verzeichnet er beachtliche Erfolge – so müssen selbst seine schwer autistischen Schützlinge nicht mehr permanent festgebunden werden, sondern lernen zu sprechen. Aber es reicht eben nicht dazu, dass sie ein völlig unabhängiges Leben führen können.

Die Regisseure Olivier Nakache und Eric Toledano feierten 2011 mit «Intouchables» einen riesigen Erfolg. Seither werden in Frankreich reihenweise Filme über sozial Benachteiligte und ihre Betreuer gedreht. Gezeigt wird oft Freiwilligenarbeit, ohne die der Betreuungsaufwand bei Schwerbehinderten, Obdachlosen oder Autisten kaum zu stemmen wäre, wobei der Staat diesen Vereinen ihre Arbeit erschwert.

Nakache und Toledano gingen bei «Hors normes» einen Schritt weiter und bildeten Autisten in einem Workshop zu Schauspielern aus. Damit waren sie erfolgreich – Benjamin Lesieur konnte anfangs kaum sprechen, aber übernahm im Film als Joseph eine Nebenrolle mit Dialogen.

Wie schon «Intouchables», so lebt auch dieser Film von den liebevollen Neckereien zweier unterschiedlicher Persönlichkeiten – hier Bruno und Malik, der Jude und der Muslim. So wird der Versuch, den orthodoxen Juden zu verkuppeln, zu einem Running Gag. Für warme Gefühle sorgen die vielen kleinen Erfolgsgeschichten der Jugendlichen, die eine Zukunft für sich entdecken.

Die Löwinnen steigen auf

Ramona (Jennifer Lopez) lernt Destiny (Constance Wu) das Strippen.

Kino Nach der Wirtschaftskrise fangen in der Komödie «Hustlers» Stripperinnen an, ihre Kunden auszunehmen – und kehren damit den Kapitalismus um.

Von Murièle Weber (Züritipp)

Die New Yorker Wallstreet befindet sich auf einem Höhenflug, die Börsenmakler geben ihr Geld mit vollen Händen aus – manchmal über 100 000 Dollar an einem Abend. In dieser aufregenden Zeit, in einer kalten Winternacht, begegnen sich die Stripperinnen Destiny (Constance Wu) und Ramona (Jennifer Lopez). Die ältere Ramona nimmt die Jüngere nicht nur unter ihren Nerz, sondern auch unter ihre Fittiche.

Die Göttin, die jeden Abend von geifernden Männern mit einem Regen aus 100-Dollar-Noten gefeiert wird, zeigt ihrem Schützling, wie man am besten abkassiert. «In diesem Jahr verdiente ich mehr als ein Gehirnchirurg», erklärt uns Destiny.

Verschworene Gemeinschaft

Und dann kommt der Börsencrash von 2008. Keiner will mehr Geld ausgeben. Die verbliebenen Stripperinnen nehmen gerade noch ein paar Hundert Dollar pro Nacht ein, und meist müssen sie dafür ihren Mund einsetzen. Deshalb kommt Ramona auf die Idee, der Spendierfreudigkeit ihrer Kunden nachzuhelfen – auch unter Einsatz von Drogen. Wenn die Männer am nächsten Tag ohne Erinnerung aufwachen, sind ihre Kreditkarten bis zum Maximalbetrag belastet worden.

Der Film basiert auf einer wahren Geschichte, die die Journalistin Jessica Pressler 2015 im Artikel «Hustlers at Scores» aufarbeitete. Daraus hat die Regisseurin Lorene Scafaria («Seeking a Friend for the End of the World») ein Lehrstück über den Kapitalismus gemacht: Alle müssen feilbieten, was ihnen zur Verfügung steht. «Hustlers» ist dabei eine weibliche Version eines Heist-Films, wobei nicht ein Casino oder eine Bank, sondern das ausbeuterische System geknackt wird. Zu Beginn müssen die Frauen vom Türsteher bis zum DJ alle bestechen, um überhaupt strippen zu dürfen. Am Ende haben sie die Hackordnung umgekehrt, und die Clubs überleben nur noch, weil die Frauen die Kunden zu ihnen locken. Jetzt sind sie die Löwinnen der Nahrungskette.

Während sich Pressler um die Aufarbeitung der Fakten bemüht, setzt Scafaria auf die Beziehung der Frauen zueinander. Auf die Männer ist kein Verlass, also gründen sie ihre eigene kleine verschworene Gemeinschaft. Die Studie dieser intensiven Beziehungen macht die Magie des Films aus. Dabei haben auch die Rapperin Cardi B und die Body-Positivity-Sängerin Lizzo einen Gastauftritt.

«Viele Radikalisierte sind gut integriert»

Vater Kara (Kida Khodr Ramadan, mitte) trifft auf der Suche nach seinem Sohn den kleinen Waisen Malik (Ahmed Kour Abdo).

Warum werden Jugendliche zu Jihadisten? Die schweizerisch-türkische Regisseurin Esen Isik hat über diese Frage das Drama «Al-Shafaq» gedreht.

Von Murièle Weber (für den Züritipp)

In Ihrem Film sprechen Sie sehr unterschiedliche Themen an: jugendliche Jihadisten, das Spannungsfeld zwischen alter und neuer Welt, in der sich Einwanderer bewegen, das Patriarchat, aber auch das Leid, das durch Krieg entsteht. Hätten Sie nicht genug Stoff für eine Serie gehabt?

Wahrscheinlich schon. Aber diese Themen spielen alle zusammen. Ich wollte aufzeigen, dass die Thematik von Jugendlichen, die als Jihadisten in den Krieg ziehen, komplex ist und es keine einfachen Antworten gibt.

Gab es einen persönlichen Auslöser für Sie?

Der Neffe einer Bekannten flog in die Türkei, wo ihn seine Familie in letzter Minute an der syrischen Grenze zurückholen konnte. Da habe ich mich gefragt, warum machen Jugendliche das? Anfangs dachte ich, das sind nur Leute aus dem radikalen Milieu, aber viele sind gut integrierte Jugendliche. Und etwa die Hälfte sind Konvertiten. Beides hat mich schockiert.

In «Al-Shafaq» radikalisiert sich der junge Burak. Auf seine Ausreise reagieren der Vater und die Mutter sehr unterschiedlich.

Die Mutter sagt, sie werde ihm nie vergeben können, dass er an kriegerischen Handlungen teilgenommen hat, selbst wenn Allah das tut. Das ist die Wut, die ich auch selber fühle angesichts des Leides, das angerichtet wird.

Im Film kommen auch zwei Staatsanwälte vor, welche die Familie nach dem Verschwinden des Sohnes um Hilfe bittet. Diese wirken sehr hilflos.

Anfangs erhofft sich die Familie durchaus Hilfe, aber als sie merkt, dass die Beamten die radikale Szene überwacht haben und vielleicht sogar wussten, dass Burak ausreisen wollte, wird sie wütend. Diese Wut fühlen viele Familien, weil sie sich fragen: «Warum hat der Staat nichts unternommen, um unsere Kinder an der Ausreise zu hindern?»

Finden Sie, die europäischen Staaten trifft eine Mitschuld?

Ja. Ich möchte bei diesem Punkt sehr präzise sein: Die radikalislamische Szene ist sehr klein, aber sehr laut und bekommt deswegen Gehör, auch dank der sozialen Medien. All diese Vereine, Firmen, Stiftungen und Hassprediger im Schutz der Moscheen, die in diese Richtung gehen, werden aus dem Ausland finanziert, von Saudiarabien, der Türkei, Katar oder dem Iran. Welche politischen Absichten verfolgen diese Länder wohl? An Orten, die von diesen Ländern Geld bekommen, wird sicher nicht über demokratische Strukturen, Gleichberechtigung und Menschenrechte geredet. Man darf da nicht naiv sein!

Was müsste also getan werden?

Die Frage ist: Wer gibt die Religion weiter? Sie ist ja Teil des kulturellen Erbes und bereits für die Kinder von elementarer Bedeutung. Weil aber anerkannte Übersetzungen des Korans fehlen, bleibt die Vermittlung des Glaubens den Predigern vorbehalten, die sie mit ihrer eigenen Haltung prägen. Dem muss man entgegenhalten. Darum ist es auch wichtig, einen übergreifenden Religionsunterricht in der Schule zu verankern.

ESEN ISIK (50) lebt und arbeitet in Zürich. Bekannt wurde sie mit ihrem Episodenfilm «Köpek» über drei Menschen in Istanbul, die gesellschaftliche Unterdrückung erleben. «Köpek» wurde 2016 in fünf Kategorien für den Schweizer Filmpreis nominiert und gewann die Auszeichnung für den besten Film und die beste Darstellerin.

AL-SHAFAQ

Von Esen Isik, CH 2019; 98 Min.DRAMA Die türkische Familie Kara lebt in Zürich, der Vater Abdullah (Kida Khodr Ramadan, bekannt aus der Serie «4 Blocks») beherrscht sie mit harter Hand. Als der jüngere Sohn Burak (Ismail Can Metin) ihm zu entgleiten droht, regt er ihn dazu an, sich stärker mit dem Islam zu befassen. Der Sohn radikalisiert sich und verschwindet plötzlich nach Syrien. Abdullah reagiert ungläubig und macht sich auf die Suche. Im türkisch-syrischen Grenzgebiet trifft er auf den Flüchtlingsjungen Malik (Ahmed Kour Abdo) und wird so mit den Konsequenzen der Handlungen seines Sohnes konfrontiert. Die verschiedenen Perspektiven im Film sind spannend, aber auch etwas verwirrend. Eigentlich hätte der komplexe Stoff eine Miniserie verdient.

Der Soundtrack unseres Lebens

Foto: Pexels, Stas Knop

Seit Fernsehserien immer besser wurden, hat sich auch die Arbeit der Musiksupervisoren verändert: Sie stellen den Soundtrack aus bereits bestehenden Songs zusammen, statt generische Filmmusik zu verwenden.

Von Murièle Weber (FRAME)

Essenzielle Bestandteile für den Seriengenuss sind nicht mehr nur ein Fernseher und ein Sofa, sondern auch eine App namens Shazam. Mit ihr kann man die Titel von Songs aufspüren, die man in einer Bar oder eben vor dem Fernseher hört. Wenn Shazam jährlich die am häufigsten gesuchten Stücke vorstellt, finden sich darunter immer häufiger Titel, die in Serien eingespielt werden, besonders oft werden die Lieder aus «Gray’s Anatomy» gesucht.

Seit es das Kino gibt, wird es von Musik begleitet. Sie verleiht den bewegten Bildern eine emotionale Färbung und widerspiegelt das Innere einer Person. Mittlerweile ist es so, dass viele Filme in der kollektiven Erinnerung auch und vor allem über ihre Filmmusik existieren. Was wäre «Star Wars» ohne die bedrohlichen Fanfaren? Oder der «Weisse Hai» ohne die dramatischen Streicher? Musik und Film verschmelzen zu einer unlöslichen Einheit. 

Für seinen Independentfilm «The Graduate» (1967) liess Mike Nichols als Erster nicht nur Musik komponieren, sondern setzte auch viele bereits bestehende Folksongs ein – zum Beispiel «The Sound of Silence» von Simon & Garfunkel. Radiostationen spielten den Soundtrack Tag und Nacht, was den Musikern zu Erfolg verhalf und Gratiswerbung war für das Coming-of-Age-Drama. Dass Nichols mit bestehenden Songs arbeitete, lag auch daran, dass dies damals billiger war, als einen Komponisten und ein mehrköpfiges Orchester zu bezahlen. Breite Akzeptanz fand dieses Konzept aber lange nicht. Wenn Regisseure bestehende Musik für ihre Filme verwendeten, dann meist, weil sie die Geschichte damit in einer bestimmten Zeit – die sechziger Jahre in «Dirty Dancing» (1987) – oder an einem Ort – jamaicanischer Reggae in «The Harder They Come» (1973) – verankern wollten.

Tarantino macht es vor

Dann kam Quentin Tarantino, der nicht nur den Filmkanon auswendig kennt, sondern auch eine über 10000 Alben umfassende Musiksammlung besitzt. Mit seinen Filmen wie «Pulp Fiction» (1994) oder «Inglourious Basterds» (2009) hat er sowohl alternde Schauspieler wie John Travolta und Kurt Russell vor dem Vergessen bewahrt als auch obskure Songs. Er hat vorgemacht, wie man bestehende Musik im Film einsetzt, damit sie einen bleibenden Eindruck hinterlässt: Die Folterszene in «Reservoir Dogs» (1992) wäre nicht halb so verstörend ohne den überdrehten Klang von «Stuck in the Middle with You» der Band Stealers Wheel. Und das ominöse Stück «Misirlou», eigentlich ein Volkslied aus dem Nahen Osten und in «Pulp Fiction» in einer Garage-Surf-Version zu hören, ist seither fest in der Popkultur verankert. 

Noch stärker als Tarantino haben jedoch die Fernsehserien die Musikauswahl verändert. Bis in die achtziger Jahre gab es in diesen Programmen meist komponierte Musik. In den neunziger Jahren gingen Serienmacher dazu über, bestehende zeitgenössische Musik zu verwenden, häufig solche von Indiebands, dem Musikgeschmack der Zielgruppe entsprechend, beispielsweise für «Friends» oder das Teenie-Drama «My So Called Life». 

Anfang des neuen Jahrtausends wurden die Serien inhaltlich und in ihrer Umsetzung besser, und ihre Macherinnen und Macher verwendeten auch mehr Zeit auf die Musikauswahl. In «Six Feet Under», «The Wire» oder «The Sopranos» etwa hörte man viele exzentrische Stücke. In den letzten Jahren hat sich diese Entwicklung noch stärker ausgeprägt. Es wird jetzt kaum mehr komponiert, sondern vielmehr kuratiert. Das heisst: Musiksupervisoren suchen nach bestehenden Songs, die ins Konzept einer Serie passen. Inzwischen erklingt die Musik in Serien nicht mehr nur im Hintergrund, um die Handlung zu unterstützen. Heute ist sie vielmehr ein Gestaltungselement. So wie früher ein Schauplatz der Handlung wie eine eigenständige Figur wahrgenommen wurde – etwa das kleine Städtchen Twin Peaks aus der gleichnamigen Serie von David Lynch –, so eigenständig wirkt heute die Musik. «Peaky Blinders» beispielsweise lebt von Songs, die von Nick Cave, PJ Harvey oder Iggy Pop stammen, Künstlern also, die sich jenseits des Mainstream bewegen.

Musik als roter Faden

Da immer mehr bestehende Songs verwendet werden, hat sich die Arbeit der Musiksupervisoren stark verändert. Zuerst waren diese hauptsächlich damit beschäftigt, die Lizenzen für die verwendeten Lieder einzuholen. Je wichtiger die Musik wurde, desto kreativer wurde ihr Beruf: Sie bekamen den Auftrag, nach geeigneten ausgefallenen Songs zu suchen.

Heutzutage kümmern sich Musiksupervisoren je nach Projekt um Lizenzierung und Recherche, ausserdem sind sie oft auch das Bindeglied zwischen Regie und Komponisten. In vielen Fällen entwickeln Musiksupervisoren ein individuelles Konzept, das komponierte Musik und bestehende Songs miteinander vereint. 

Die Britin Catherine Grieves (Interview S. 49) übernahm diese Arbeit für «Killing Eve» von Phoebe Waller-Bridge. Die Serie ist komplex: gewalttätig, lustig, sie lebt von vielen emotionalen Momenten. Musikalisch sei diese Vielfalt schwierig abzubilden, sagt Grieves. Um einen musikalischen roten Faden zu entwickeln, wollte sie mit einem Komponisten zusammenarbeiten. Auf ihren Vorschlag hin holten die Produzenten David Holmes dazu, der schon die Musik für «Ocean’s Eleven» komponiert hatte. 

Da «Killing Eve» in verschiedenen europäischen Ländern spielt, verbrachte Catherine Grieves viel Zeit damit, sich Songs in fremden Sprachen anzuhören, und stiess dabei auf Perlen wie das französische Chanson «Roller Girl» von Anna Karina oder auf eine niederländische Version von «Angel of the Morning», im Original von Juice Newton. Ihre Song-Auswahl wurde schliesslich angereichert mit Stücken von David Holmes’ Band Unloved, die vor allem dunkle Synthie-Musik beigesteuert hat. 

Grieves, Holmes und alle Beteiligten einigten sich schliesslich auf einen Soundtrack, der aus Songs der sechziger Jahre besteht oder davon inspiriert ist, weil das am besten zur visuellen Ästhetik der Serie passt. 

Wer sich mit Musiksupervisoren unterhält, hört viele abenteuerliche Geschichten darüber, wie sie an die Rechte von Songs kamen: «Als ich einen über 90-jährigen Komponisten anrief, sagte der, er stehe gerade unter der Dusche, ich solle später mit einem Scheck vorbeikommen», erzählt Robin Urdang lachend. Die Amerikanerin arbeitet hauptsächlich für Indie-Filmproduktionen, zuletzt etwa für das Drama «Call Me by Your Name» von Luca Guadagnino.

Für die Serie «The Marvelous Mrs. Maisel» von Amy und Dan Palladino, die in den fünfziger Jahren spielt, suchte Urdang nach aussergewöhnlicher amerikanischer, französischer und jüdischer Musik von damals, die an Musicals erinnert und der Serie eine extravagante Naivität verleiht. 

Songs erzählen eigene Geschichten

Nicht nur die Recherche und das Abklären von Lizenzen sind aufwendig. Es ist auch kompliziert, bereits bestehende Songs und deren Songtexte mit den Filmdialogen in Einklang zu bringen. Passende instrumentale Musik dazu zu kreieren, wäre einfacher. Serienmacher setzen trotzdem gern auf bestehende Songs, weil diese in sich abgeschlossene kurze Geschichten erzählen, die oft schon eine ganze Welt in sich tragen. Wenn sich die Geschichte des Liedes mit den Bildern einer Szene verbindet, entwickelt diese eine Wucht, die uns Zuschauerinnen und Zuschauer ergriffen nach dem Handy greifen lässt, um Shazam zu öffnen. 

Ein solcher Moment findet sich in der ersten Staffel von «Killing Eve», als die Auftragskillerin Villanelle (Jodie Comer) der MI6-Agentin Eve (Sandra Oh) als Ausdruck ihrer Bewunderung einen Koffer voller neuer Kleider schickt. Einige Tage zuvor hat Villanelle Eves besten Freund umgebracht. Als Eve den Koffer aufmacht, läuft im Hintergrund «Psychotic Beats» von den Killer Shangri-Lahs. Diese singen: «I had to kill you / I’m really sorry / Was it so much fun?» Die Musik entlarvt die Dimension dieser Beziehung der beiden Frauen, die zwischen Anziehung und Schrecken schwankt. 

Die Beatles sind zu teuer

Um solche Effekte zu erreichen, suchen Musiksupervisorinnen nach Musik, die einzigartig ist, viel ausdrückt und ein emotionales Gewicht hat. Die Zuschauer wollen nicht bereits Bekanntes hören, sondern überrascht werden. Kommt hinzu, dass die Rechte von zu bekannten Songs oft einfach zu teuer wären. Darum hört man in Filmen selten Lieder von Queen oder den Beatles.

Der Schweizer Pirmin Marti von Mojo3 arbeitet für die neue SRF-Serie «Frieden» oder den Kinofilm «Platzspitzbaby». Er kennt das Budgetproblem: «Regisseure sagen mir, welche Art von Musik und Stimmung sie wollen, und die Produzenten definieren, was sie bezahlen können. Daraufhin mache ich Vorschläge, die ins Budget passen und das Konzept des Projekts musikalisch unterstützen.» Dabei ist viel Kreativität und Zugang zu Liedern gefragt, deren Rechte einfach erhältlich sind, und bei hiesigen Produktionen wird auch Schweizer Musik wieder wichtiger. Für die Serie «Seitentriebe» von Güzin Kar (die 2.Staffel läuft ab Oktober auf SRF) entschieden sich die Macherinnen dafür, fast ausschliesslich auf inländische Musik zu setzen. «Der Rest der Beteiligten kommt aus der Schweiz, da ist es naheliegend, auch bei der Musik auf einheimische Talente zu setzen und als Bonus die hiesige Musikszene zu unterstützen.» 

Würdigung bei den Emmys

Inzwischen ist die Arbeit der Musiksupervisoren so wichtig geworden, dass es bei den Emmys, dem amerikanischen Fernsehpreis, seit 2017 die Kategorie «Outstanding Music Supervision» gibt. Robin Urdang hat letztes Jahr zusammen mit den Autoren Amy und Dan Palladino für den Soundtrack von «The Marvelous Mrs. Maisel» gewonnen. Dieses Jahr sind sie für die zweite Staffel nominiert. Sie treten an gegen «Russian Doll», «Better Call Saul», «Fosse/Vernon» und «Quincy».

Filmmusik-Wettbewerb

Der internationale Filmmusikwettbewerb, veranstaltet vom ZFF, dem TonhalleOrchester Zürich und dem Forum Filmmusik, findet dieses Jahr zum 8. Mal statt. 321 Komponistinnen und Komponisten aus 46 Ländern reichten Musik zum 5-minütigen Kurzfilm «Danny and the Wild Bunch» von Robert Rugan ein. Uraufführung der Arbeiten: 28. September, Tonhalle Maag, Zürich

Dieser Käfig besteht aus Marmor

So palastartig sieht das Altersheim in Florida aus.

Der Dokumentarfilm «Golden Age» porträtiert eine Altersresidenz für Superreiche in Miami. Ganz schön skurril.

Von Murièle Weber (Züritipp)

Ein alter Mann will König für einen Tag sein. Also wird er in eine rote Robe gesteckt und erhält Krone und Zepter. So ausgestattet, schreitet er weite Gänge ab und instruiert Angestellte und Einwohner, wie sie ihm zu huldigen haben. Das ist eine von vielen bizarren Szenen aus einer Altersresidenz für Super­reiche in Miami.

Das Gebäude gleicht einem Las-Vegas-Casino. Jeder Winkel ist bis ins Detail ausgeleuchtet, Fenster gibt es keine. So verlieren die Bewohner bald den Kontakt zum Draussen, genau wie zu Tag und Nacht. Zwischen Kronleuchtern, Marmor und Gold werden die Alten dauerunterhalten. Alles ist im Preis inbegriffen: Happy Hour, Halloweenparty, Singstunden. Hauptsache, niemand langweilt sich und will die Residenz verlassen oder sich gar draussen unter das gemeine Volk mischen.

Keine Spur von Altersmüdigkeit: Superreiche in einer Altersresidenz. Video: YouTube/First Hand Film

In ihrem goldenen Käfig, auf den der Filmtitel anspielt, verlieren die Alten vollends den Kontakt zur Realität, falls diese Superreichen den jemals hatten. So erklärt ein begeisterter Trump-Anhänger, warum man unbedingt die Grenze zu Mexiko schliessen muss, während zugleich das ganze Servicepersonal im Haus aus Lateinamerikanern besteht, die ziemlich sicher zu schlechten Konditionen angestellt sind.

Wenn an einer Sitzung der Sohn des Inhabers dem Angestellten 100 Dollar verspricht, der die Regeln für perfekten Service auswendig herunterleiern kann, dreht es einem vollends den Magen um. Dass eine Angestellte das dann nur auf Spanisch machen kann, überrascht hingegen gar nicht. Schliesslich ist sie zum Putzen da – Englischkenntnisse würden sie nur dazu motivieren, sich über ihre Rechte zu informieren.

Den Einblick in diese abstruse Welt verschafft uns der Schweizer Dokumentarfilmer Beat Oswald. Die Idee zu «The Golden Age» kam ihm, als er 2001 in Florida studierte. Damals beeindruckte ihn die Unverkrampftheit, mit der die Amerikaner sich dem Thema Pensionierung nähern.

In den letzten fünf Jahren befasste er sich intensiv mit dieser wachsenden Serviceindustrie und wurde dabei auf The Palace, wie die porträtierte Residenz heisst, aufmerksam. Drei Monate lang mischten sich die Filmcrew unter das Personal und die Bewohner. Die Erlaubnis dafür gab ihnen die Besitzerfamilie ohne Bedenken – denn die wusste, dass die Anwesenheit der Crew für die Bewohner ein weiterer Unterhaltungsfaktor darstellen würde.

Mein Land, meine Seele

Bild: Pexels / Kerry

Im US-Western ist die Figur des Cowboy ein Spiegelbild gesellschaftlicher Veränderungen. Die Serie «Yellowstone» verhilft ihm zu einem komplexen Comeback. 

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

John (Kevin Costner), der Patriarch der Dutton-Familie, steht auf einem Feld seiner Ranch und blickt in die Ferne. So weit er sehen kann, gehört hier alles ihm. Langsam geht er auf den Horizont zu, bis er eins wird mit diesem Land, das er seit Jahrzehnten vor dem Einfluss anderer verteidigt. Dafür hat er gemordet, manipuliert und Leute in den Ruin getrieben.

So endet die erste Staffel der Serie «Yellowstone» von Taylor Sheridan, der sich mit den Drehbüchern zu Action-Thrillern wie «Sicario» (2015), «Hell and High Water» (2016) und «Wind River» (2017) einen Namen gemacht hat. «Yellowstone» und die drei Spielfilme, Sheridans sogenannte «Frontier-Trilogie», stehen in der Tradition des Westerns, dem uramerikanischsten aller Genres. 

Seit den Anfängen des Kinos verhandelt die vergleichsweise junge Nation in dieser Filmgattung ihre Identität. Die Figur des Cowboys ist quasi ihr Spiegelbild. Solange die USA noch isolationistisch waren, war er ein rauer, aber moralisch zuversichtlicher Aussenstehender. Mit dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich die Figur zu einem allmächtigen Sheriff. Zwischen den fünfzigerund den siebziger Jahren, als Amerika seine Macht auf die halbe Welt ausdehnte, wurde der Cowboy düsterer und moralisch ­komplexer. Dann verlor der Western an Bedeutung und wurde erst mit der Ver­arbeitung der Anschläge auf die Twin Towerswieder wichtig.

Konflikte an der Grenze

In den letzten rund 15 Jahren sind die Cowboys weicher und vielseitiger geworden und haben sich damit gesellschaftlichen Entwicklungen angepasst. Das widerspiegelt sich zum Beispiel im männlichen Liebespaar in «Brokeback Mountain» (2005) oder im afroamerikanischen Cowboy in «Django Unchained» (2012). In Serien schliesslich stehen immer mehr Frauen im Mittelpunkt, wie «Westworld» und «Godless» zeigen.

Aber warum ist es ausgerechnet der Western, der die Seele der Amerikaner zu ergründen sucht? Ende des 19.Jahrhunderts präsentierte der junge US-Historiker Frederick Jackson Turner seine Frontier-These, die besagt, dass der einzigartige Charakter seiner Landsleute durch die Erfahrung der Ausdehnung der Grenze – der Frontier – geformt worden sei: Für die ankommenden Europäer gab es an der Ostküste bald kein Land mehr, also machten sie sich gegen Westen auf, stellten sich der Wildnis, der Gesetzlosigkeit und den Indianern. Diese Erfahrungen machte sie in seinen Augen zu Amerikanern.

In den letzten Jahren hat der Western ein Comeback erlebt, aber niemand hat die Frage nach der Identität der USA so konsequent verfolgt wie Taylor Sheridan mit seiner «Frontier»-Trilogie und jetzt in «Yellowstone». Der Autor interessiert sich wie kein anderer für die Grenzerfahrungen seiner Protagonisten: «Sicario» spielt an der amerikanisch-mexikanischen Grenze, stellt politische und ethische Fragen zum Umgang mit dem Drogenschmuggel und thematisiert damit explizit auch die Beziehung der USA zu Mexiko. «Hell or High Water» analysiert die wirtschaftlich schwierige Lage der Familien in unterentwickelten Gegenden im Hinterland der USA und den Einfluss des Grosskapitals aus den Städten auf diese Zurückgelassenen. «Wind River» schliesslich spielt im Niemandsland der Indianerreservate und ergründet den Umgang der USA mit seinen Ureinwohnern, speziell dem spurlosen Verschwinden vieler indigener Frauen.

Alle drei Spielfilme sind Neo-Western, die ohne die klassischen Cowboyhüte und weiten Steppen mit rötlichem Sand auskommen, aber genau wie ihre klassischen Vorbilder die Frage nach der Identität der USA stellen. In «Yellowstone» nimmt Sheridan die traditionelle Cowboy-Ikonografie im Sinne eines John Ford nun erstmals in einem seiner Werke auf und erkundet die Grenze zwischen dem Einflussbereich des Gliedstaates und demjenigen der Landesregierung.

Wie schon in der Spielfilmtrilogie ist es eine komplexe Welt, worin unterschiedliche Mächte miteinander ringen: Thomas Rainwater (Gil Birmingham), der Leiter des nahen Indianerreservats, setzt alles daran, das Land der Duttons ins Reservat einzuschliessen. Dan Jenkins (Danny Huston), der Yuppie aus Kalifornien, will wiederum Häuser neben die Farm bauen und so das Land den Städtern zugänglich machen. Aber der Patriarch John macht es ihnen nicht leicht, denn nicht nur er, sondern auch zwei seiner Kinder haben politische Ämter inne, und seine seit Generationen bestehenden Verbindungen mit den Familien in der Gegend ermöglichen es ihm, fast alle seinem Willen zu unterwerfen. Um Duttons fast schon diktatorische Macht im Gliedstaat zu brechen, hetzen ihm seine Gegner die Umweltbehörde auf den Hals und beteiligen sich an Landspekulationen.

Jeder muss sich selber helfen

In Sheridans Spielfilmen ist es einfacher, mit den Protagonisten zu sympathisieren, weil sie in einer ausweglosen Situation ihr Bestes geben. Aber John Dutton ist ein reicher, kalt kalkulierender Machtmensch, der Herrscher einer Dynastie, dem sich alle anderen unterzuordnen haben. Und doch scheint er der Einzige, dem sein Land wirklich am Herzen liegt. Damit bleibt er trotzdem ein Sympathieträger: Er ist der Patron, der sich kaputt schuftet für seine Ranch und für die ­Menschen, die dort leben. 

Die Fragen, die Sheridan damit aufwirft, sind hochaktuell: Wie wirkt sich die Macht einer Dynastie auf die Menschen um sie herum aus? Darf Amerika mit Gewalt seine Werte durchsetzen, wenn diese Werte mit denjenigen der Unterworfenen unvereinbar sind? Und wie weit darf ein Landeigentümer gehen, um sein Land vor den Auswüchsen des Kapitalismus zu verteidigen? Taylor ­Sheridans Sicht wirkt pessimistisch. In seinerWelt ist das System längst kaputt, und jeder kann sich nur noch selber helfen, ­notfalls eben mit Gewalt.

Tales of the City

Kreiert von Lauren Morelli, Armistead Maupin, mit Laura Linney, Ellen Page, Olympia Dukakis, Paul Gross, Dauer 10 Folgen à 60 Minuten, Sender Netflix 

Von Murièle Weber (FRAME)

Als Armistead Maupin in den siebziger Jahren in San Francisco ankam, war die Stadt nicht nur die Hippie-Hochburg, sondern auch ein sicherer Hafen für schwule Männer. Hier konnte der ehemalige Südstaatler endlich sein, was er tief drin schon immer war. Seine Erkundungstouren durch die Stadt, die Saunas und Bars hielt Maupin in einer wöchentlichen Kolumne mit fiktiven Charakteren für die Familienzeitung «San Francisco Chronicle» fest. Daraus entstanden neun Romane um den schwulen Michael Tolliver, seine beste Freundin Mary Ann und ihre Vermieterin Anna Madrigal, eine Transfrau. Maupin war schon immer mehr als ein Schwulenaktivist. Er war vor allem auch ein Stadtchronist, der seine Heimat über vierzig Jahre lang beobachtet hat. Seine Bücher wurden zuvor bereits zweimal als Serie adaptiert: Im Jahr 1993 Band 1 für Channel 4, und 1998/2001 Band 2 und 3 für Showtime. Jetzt folgt die Miniserie von Netflix aus den Romanen 6 bis 9. Die Geschichte um Mary Ann (Laura Linney), Michael (Murray Bartlett) und Freunde funktioniert sowohl für eingefleischte Fans als auch für Einsteiger, die weder Maupins Romane, noch die alten Serien kennen. 

Wie schon die beiden ersten Serien, aber auch die Filmadaption von Maupins Roman «The Night Listener» mit Robin Williams in der Hauptrolle, funktioniert auch die Netflix-Produktion vor allem wegen der liebenswürdigen Figuren, die hoffnungslos romantisch und immer auf der Suche nach der grossen Liebe sind und gleichzeitig mit allerlei Alltagsproblemen zu kämpfen haben. Sei das die Gentrifizierung San Franciscos, die geschlechtsangleichende Operation der lesbischen Freundin oder der Ex, der plötzlich wieder in der Stadt ist und zur Bedrohung für die eigene Beziehung wird. Die Romane bieten so viel Stoff, dass gut fünf Staffeln hätten gedreht werden können, und durch den Versuch, möglichst viel in die zehn Folgen zu packen, wurden die Drehbücher überfrachtet, weshalb eine Storyline die nächste jagt. Aber wer die Figuren mag und diese Welt, in der jeder in seiner Einzigartigkeit geliebt wird, dem ist das von Herzen egal. 

Good Omens

Kreiert von Neil Gaiman und Terry Pratchett, mit Michael Sheen, David Tennant, Jon Hamm, Frances McDormand, Dauer 6 Folgen à 60 Minuten, Sender BBC Two 

Von Murièle Weber (FRAME)

Armageddon steht vor der Türe. Wieder einmal. Und dieses Mal gilt es ernst. Denn die Menschheit hat sich geirrt. Die Erde ist nicht Milliarden von Jahren alt, sondern bloss etwas mehr als 6000. Die Saurierknochen waren als Witz aus Gottes Administration gedacht, aber wir fielen doch tatsächlich darauf herein. Und wer an die Evolution glaubt, der stellt sich natürlich auch nicht der Realität von Gut und Böse in ihrem endlosen Kampf um unsere Seelen. Jedenfalls ist der Antichrist bereits auf Erden, irgendwo in England, und sobald der 11-jährige Adam zu seinen Kräften gefunden hat, geht es hier richtig zur Sache.

In der Zwischenzeit bringen sich die beiden Seiten schon einmal in Stellung. Und werden dabei amüsant unterwandert vom Engel Aziraphale (Michael Sheen) und dem Dämonen Crowley (David Tennant). Den beiden gefällt es nämlich hier auf Erden bestens. Und so unternehmen sie alles, um die Pläne ihrer Chefs zu sabotieren. Die Serie verwendet viel mehr Zeit als der Roman darauf, die Beziehung der beiden Protagonisten aufzubauen und ihre konspirative Treffen über die Jahre – im Garten Eden, während der Französischen Revolution oder als Shakespeare die Aufführung von «Hamlet» plant – wiederzugeben. 

Dieser Umstand und die Tatsache, dass Sheen und Tennant eine grandiose Chemie teilen, fördern den Eindruck, dass die Erde für sie ihr persönlicher Garten Eden zwischen Himmel und Hölle ist und damit der einzige Ort, wo sie ihre aufkeimende Liebe zelebrieren können. Denn wie Crowley nicht müde wird, den etwas tollpatschigen Engel aus einer misslichen Lage nach der andern zu retten, geht ans Herz.Der Roman von 1990 hat eine grosse und äusserst treue Gefolgschaft, die mit der einen oder anderen Änderung wahrscheinlich nicht einverstanden sein wird. Für den Rest gilt: Wer den Humor der beiden Autoren teilt, wird nicht enttäuscht. Allerdings ist die Serie so dicht geschrieben, dass auch nur kurzes Abschweifen vom Geschehen auf dem Bildschirm sich sofort rächt, denn jede Sekunde enthält Witz und Informationen en masse. 

Das dritte Geschlecht

Pe Rak, eine der Protagonistinnen, in einem Bus in Thailand.

Der Dokumentarfilm «Katoey» porträtiert drei Transfrauen in Thailand. Sind die Leute dort toleranter?

Von Murièle Weber (Züritipp)

Eine Überlieferung der buddhistischen Genesis besagt, dass die Ureltern – Pu Sangaiya und Nang Itthang – drei Kinder hatten: ein Junge, ein Mädchen und eines dazwischen. Diese Urgeschichte motivierte Regisseur Stefan Jung dazu, sich in Thailand auf die Suche nach diesem dritten Geschlecht zu machen mit der Frage im Hinterkopf, ob die thailändische Gesellschaft dadurch toleranter sei.

Während vier Jahren begleitete er drei Transfrauen, die sich selber als Katoey, als «Zwitter», bezeichnen. Die geschlechtsangleichende Operation steht in ihrem Leben nicht im Mittelpunkt – oft, weil schlicht das Geld fehlt. Und so bleiben die Körper irgendwo im weiten Kontinuum zwischen männlich und weiblich angesiedelt.

Es ist ein kleiner Film, der nur die drei Frauen zu Wort kommen lässt und sie in ihrem Alltag begleitet. Eine ist Lehrerin an einer Mädchenschule, eine andere Coiffeuse und die dritte eine Bauersfrau, die mit ihrem alten Vater und dem jungen Freund zusammenlebt. Alle drei hatten es nicht einfach im Leben, sie werden aber in ihrer Einzigartigkeit akzeptiert und sind integriert.

Trotzdem umgibt die drei Frauen eine Traurigkeit, die wohl einer gewissen Einsamkeit entstammt. Die Bauersfrau erzählt einmal, Katoey seien treuer und loyaler gegenüber ihren Männern als «normale» Frauen, und darin zeigt sich bereits das Dilemma: Wer keine richtige, funktionierende Frau ist, muss dieses Manko durch mehr Aufmerksamkeit ausgleichen.

Stefan Jung kann seine Fragestellung, ob die thailändische Gesellschaft toleranter sei, weil in ihrer Genesis ein drittes Geschlecht vorkommt, nicht beantworten. Aber eines zeigt der Film eindrücklich: dass jedes Leben und jeder Körper in seiner Einzigartigkeit faszinierend ist. Und dass es sich lohnt, davon zu erzählen.

Da hört man noch was

Malaka Hostel am Festival des Arcs 2019, Foto: Mike Enichtmayer

Grosse Open Airs mögen mit Stars punkten. Aber sie sind teuer und überlaufen. Die Alternative: An kleinen familiären Festivals lassen sich die Berühmtheiten von morgen entdecken.

Von Murièle Weber (NZZ am Sonntag)

Jetzt, wo der Sommer endlich seine noch zarten Fühler ausstreckt, strömen wieder Horden von bleichen Menschen an die Sonne. Damit hat auch offiziell die Saison der Open Airs begonnen. Wer keinem der grossen Freiluft-Musikfestivals wie St. Gallen, Zürich, Paléo, Frauenfeld oder Greenfield die Treue geschworen hat, ist dieses Wochenende vielleicht an den alternativen Anlass par excellence gepilgert: die Bad Bonn Kilbi in Düdingen bei Freiburg. Tickets für diese Veranstaltung waren aber so heiss umkämpft, dass sie in Gold aufgewogen werden könnten. 

Darum lohnt sich ein Blick auf die Alternativen. Da reicht die Spannbreite von ganz kleinen Open Airs mit ein paar hundert Leuten am Tag, wie dem Rock Sedrun in Graubünden, bis zu den Grossen unter den Kleinen, wie dem Lakelive in Biel mit bis zu 10 000 Besuchern täglich. Viele dieser Anlässe sind irgendwann bei einem Bier im Freundeskreis gegründet worden oder einfach dem Wunsch entsprungen, auch kleineren Bands Auftritte zu ermöglichen. Das merkt man bis heute. Jedes der hier vorgestellten Open Airs ist regional verankert und setzt auf ein gutes Verhältnis zur lokalen Bevölkerung. Diese unterstützt die Anlässe oft, sei es durch Gönnerbeiträge, Sach­spenden und Landvermietung für wenig Geld – oder zumindest mit einer hohen Lärmtoleranz.

Disco im Apfelkeller

Ökologie ist allen diesen Festivals sehr wichtig. «Bei Nahrungsmitteln, Getränken, Kleidern und Baumaterialien achten wir auf biologischen Anbau, faire Produktionsbedingungen und wenn möglich regionale Bezugsquellen», sagt Martin Bürgin vom Organisationskomitee des Festival des Arcs bei Ehrendingen. Diese Achtsamkeit erstreckt sich auch auf andere Bereiche der Festivalorganisation. So hat zum Beispiel das Open Air Schlauer Bauer in Wetzikon mit Blinden und Gehbehinderten zusammengearbeitet, um das Gelände auch für sie zugänglich und sicher zu machen. Ihren Erfahrungsschatz haben sie an einem Workshop den anderen kleinen Festivals vermittelt. «Der Wille, sich gegenseitig zu unterstützen, ist gross in der Szene. Wenn irgendwie möglich, helfen wir einander und besuchen uns gegenseitig», meint Bürgin.

Die kleinen Open Airs können oft mit aussergewöhnlichen Standorten begeistern. Das Open Eye übernimmt für ein Wochenende einen Bauernhof in Oberlunkhofen im Aargau, der Apfelkeller wird dabei zur Disco und der Miststock zur Bar. Das Quellrock in Bad Ragaz nistet sich in einer Burgruine ein, von der aus man einen wunderschönen Blick auf die umliegenden Berge hat. An manchen Festivals werden nicht nur Zelte aufgebaut, sondern ganze Häuserkonstruktionen gezimmert und aufwendig dekoriert. Das Clanx-Festival im Appenzell setzt beispielsweise auf einen feuerspeienden Fahnenmast, während das B-Sides in Kriens bei Luzern gleich einen ganzen Holzturm aufs Gelände setzt. 

Im Zentrum steht natürlich die Musik. Es wird viel Zeit aufgewendet, um über persönliche Kontakte oder den Besuch von anderen Festivals und Konzerten die passenden Künstler für das eigene Festival zu gewinnen. Damit decken sie die ganze Spannbreite ab von Rock über Latin und Folk zu Afrobeats bis Elektro. Dabei setzen einige Open Airs auf bekannte Namen wie das Lumnezia in Graubünden mit Limp Bizkit und Mando Diao. Das B-Sides hat die Wortkünstlerin Kate Tempest eingeladen und das Lakelive in Biel Hecht und Lo & Leduc. 

Der grosse Vorteil von kleinen Open Airs ist die Möglichkeit, für verhältnismässig wenig Geld noch relativ unbekannte Talente zu entdecken oder sich Musiker und Musikerinnen anzuhören, die nur einen Nischengeschmack bedienen, wie zum Beispiel das Frauenduo Mokoš am Festival des Arcs, das seine Musik als Piraten-Folk bezeichnet. Weil die Anlässe noch klein sind und wenig Geld zur Verfügung haben, sind sie auf die freiwillige Arbeit von vielen angewiesen, die sich wiederum dem Festival verbunden fühlen und mit Freunden und Familie daran teilnehmen. Das trägt zur für sie typischen familiären Stimmung bei. «Wir investieren viel in die Atmosphäre und das Gefühl des Zusammenhalts zwischen den Teilnehmern, aber auch den Künstlern», sagt Martin Bürgin. «Vor einigen Jahren zum Beispiel gaben wir allen Besuchern ein Stück Holz, mit dem sich alle am Bau einer Skulptur beteiligen konnten, die wir am Ende abgebrannt haben. Aber auch sonst endet der Abend oft damit, dass die Leute zusammen um eines der Lagerfeuer sitzen.»

Konzerte für Kinder

Nicht bei allen Festivals geht es nur um die Musik: «Wir laden Akrobaten, Autoren und Theaterleute ein, die selber etwas aufführen oder mit dem Publikum interagieren», beschreibt Bürgin das Festival des Arcs. Das B-Sides wiederum veranstaltet Vernetzungsanlässe, und das Lakelive organisiert auch Sportaktivitäten und Jassturniere. Kleine Festivals richten sich auch nicht nur an Jugendliche und Junggebliebene, sondern auch an Familien. Viele organisieren extra etwas für die ganz Kleinen. Am Donnerstagnachmittag finden am Openair Etziken bei Solothurn beispielsweise Kinderkonzerte statt, ebenso haben das Festival des Arcs, Lakelive, Clanx, Open Eye und Rock Sedrun solche Angebote, die auch mal die Arbeit mit Akrobatinnen oder das Basteln und Informationsworkshops über Ökologie umfassen. 

Die Romandie hat neben schönem Wetter und dem grössten Open Air der Schweiz, dem Paléo, auch viele phantastische kleine Festivals. Das Hors Tribu in Môtiers mit 700 Besuchern am Tag gehört zu den ganz kleinen. Da es im Herzen des Absinth-Landes organisiert wird, gibt es am Anlass die Möglichkeit, die grüne Fee vor Ort zu degustieren. In Genf wiederum findet das À la pointe X Festival JonXion für Elektromusik auf einer kleinen Brache am Kreuzungspunkt zwischen Rhone und Arve statt. 

Anstatt sich diesen Sommer an den immergleichen Quartierfesten in Zürich die Beine in den Bauch zu stehen, während man eine halbe Stunde auf sein Bier warten muss, warum nicht wieder einmal den Schlafsack und das Zelt packen und für ein Wochenende mit den Freunden oder den Kindern in die Romandie oder die Bündner Berge ziehen?


Lakelive am Bielersee

Das grössere und kommerziellere Lakelive findet dieses Jahr an den Wochenenden vom 26. Juli und dem 3. August am Bielersee statt. Musikalisch funktioniert das Festival nach dem Motto «Für jeden hat es etwas». Neben der Opening Night mit Mando Diao gibt es eine Latin Night, eine Urban Night und eine Swiss Night. Das Gelände ist in drei Abschnitte unterteilt: An der «Sandy Beach» steht eine Bühne, und man hat die Möglichkeit, Kanus oder Stand-up-Paddles zu nutzen. Am «Meeting Point» gibt es Kinderaktivitäten und eine Zirkusbühne, und auf der «Show Stage» finden die grossen Konzerte statt. Für 5 Franken kann man ein Ticket nur für den Strandteil kaufen. Das Ticket für alle Konzerte kostet zwischen 65 und 79 Franken pro Tag. Hinter dem Lakelive steht kein Freundeskreis, sondern eine Agentur.

Week-end au bord de l’eau in Siders

Das Festival findet dieses Jahr vom 28. bis 30. Juni am Lac de Géronde in Siders statt. Selbst ­britische Festivalratgeber sind schon darauf aufmerksam geworden. Musikalisch wird es unter anderem vom welschen Radiosender Couleur 3 geprägt, dessen Musikredaktor DJ Joh mit seinem urbanen Sound ­präsent ist und einen Mix aus House, Elektro und Hip-Hop auflegt. Daneben finden sich andere Elektro-Künstler, auch etwas Lo-Fi, Disco und Afro-Beat. Im Grunde alles, wozu man tanzen kann. Die Veranstalter kommen aus der Gegend und haben an diesem See auch ihre eigene Jugend verbracht. Es gibt einen Campingplatz in der Nähe, und mit 79 Fr. für drei Tage ist das 2500-Personen-Festival ein Highlight. Das Schwimmen im kleinen See ist zwar erfrischend, aber man entsteigt ihm gern mit einem Pollenpelz überzogen.