Der Soundtrack unseres Lebens

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Seit Fernsehserien immer besser wurden, hat sich auch die Arbeit der Musiksupervisoren verändert: Sie stellen den Soundtrack aus bereits bestehenden Songs zusammen, statt generische Filmmusik zu verwenden.

Von Murièle Weber (FRAME)

Essenzielle Bestandteile für den Seriengenuss sind nicht mehr nur ein Fernseher und ein Sofa, sondern auch eine App namens Shazam. Mit ihr kann man die Titel von Songs aufspüren, die man in einer Bar oder eben vor dem Fernseher hört. Wenn Shazam jährlich die am häufigsten gesuchten Stücke vorstellt, finden sich darunter immer häufiger Titel, die in Serien eingespielt werden, besonders oft werden die Lieder aus «Gray’s Anatomy» gesucht.

Seit es das Kino gibt, wird es von Musik begleitet. Sie verleiht den bewegten Bildern eine emotionale Färbung und widerspiegelt das Innere einer Person. Mittlerweile ist es so, dass viele Filme in der kollektiven Erinnerung auch und vor allem über ihre Filmmusik existieren. Was wäre «Star Wars» ohne die bedrohlichen Fanfaren? Oder der «Weisse Hai» ohne die dramatischen Streicher? Musik und Film verschmelzen zu einer unlöslichen Einheit. 

Für seinen Independentfilm «The Graduate» (1967) liess Mike Nichols als Erster nicht nur Musik komponieren, sondern setzte auch viele bereits bestehende Folksongs ein – zum Beispiel «The Sound of Silence» von Simon & Garfunkel. Radiostationen spielten den Soundtrack Tag und Nacht, was den Musikern zu Erfolg verhalf und Gratiswerbung war für das Coming-of-Age-Drama. Dass Nichols mit bestehenden Songs arbeitete, lag auch daran, dass dies damals billiger war, als einen Komponisten und ein mehrköpfiges Orchester zu bezahlen. Breite Akzeptanz fand dieses Konzept aber lange nicht. Wenn Regisseure bestehende Musik für ihre Filme verwendeten, dann meist, weil sie die Geschichte damit in einer bestimmten Zeit – die sechziger Jahre in «Dirty Dancing» (1987) – oder an einem Ort – jamaicanischer Reggae in «The Harder They Come» (1973) – verankern wollten.

Tarantino macht es vor

Dann kam Quentin Tarantino, der nicht nur den Filmkanon auswendig kennt, sondern auch eine über 10000 Alben umfassende Musiksammlung besitzt. Mit seinen Filmen wie «Pulp Fiction» (1994) oder «Inglourious Basterds» (2009) hat er sowohl alternde Schauspieler wie John Travolta und Kurt Russell vor dem Vergessen bewahrt als auch obskure Songs. Er hat vorgemacht, wie man bestehende Musik im Film einsetzt, damit sie einen bleibenden Eindruck hinterlässt: Die Folterszene in «Reservoir Dogs» (1992) wäre nicht halb so verstörend ohne den überdrehten Klang von «Stuck in the Middle with You» der Band Stealers Wheel. Und das ominöse Stück «Misirlou», eigentlich ein Volkslied aus dem Nahen Osten und in «Pulp Fiction» in einer Garage-Surf-Version zu hören, ist seither fest in der Popkultur verankert. 

Noch stärker als Tarantino haben jedoch die Fernsehserien die Musikauswahl verändert. Bis in die achtziger Jahre gab es in diesen Programmen meist komponierte Musik. In den neunziger Jahren gingen Serienmacher dazu über, bestehende zeitgenössische Musik zu verwenden, häufig solche von Indiebands, dem Musikgeschmack der Zielgruppe entsprechend, beispielsweise für «Friends» oder das Teenie-Drama «My So Called Life». 

Anfang des neuen Jahrtausends wurden die Serien inhaltlich und in ihrer Umsetzung besser, und ihre Macherinnen und Macher verwendeten auch mehr Zeit auf die Musikauswahl. In «Six Feet Under», «The Wire» oder «The Sopranos» etwa hörte man viele exzentrische Stücke. In den letzten Jahren hat sich diese Entwicklung noch stärker ausgeprägt. Es wird jetzt kaum mehr komponiert, sondern vielmehr kuratiert. Das heisst: Musiksupervisoren suchen nach bestehenden Songs, die ins Konzept einer Serie passen. Inzwischen erklingt die Musik in Serien nicht mehr nur im Hintergrund, um die Handlung zu unterstützen. Heute ist sie vielmehr ein Gestaltungselement. So wie früher ein Schauplatz der Handlung wie eine eigenständige Figur wahrgenommen wurde – etwa das kleine Städtchen Twin Peaks aus der gleichnamigen Serie von David Lynch –, so eigenständig wirkt heute die Musik. «Peaky Blinders» beispielsweise lebt von Songs, die von Nick Cave, PJ Harvey oder Iggy Pop stammen, Künstlern also, die sich jenseits des Mainstream bewegen.

Musik als roter Faden

Da immer mehr bestehende Songs verwendet werden, hat sich die Arbeit der Musiksupervisoren stark verändert. Zuerst waren diese hauptsächlich damit beschäftigt, die Lizenzen für die verwendeten Lieder einzuholen. Je wichtiger die Musik wurde, desto kreativer wurde ihr Beruf: Sie bekamen den Auftrag, nach geeigneten ausgefallenen Songs zu suchen.

Heutzutage kümmern sich Musiksupervisoren je nach Projekt um Lizenzierung und Recherche, ausserdem sind sie oft auch das Bindeglied zwischen Regie und Komponisten. In vielen Fällen entwickeln Musiksupervisoren ein individuelles Konzept, das komponierte Musik und bestehende Songs miteinander vereint. 

Die Britin Catherine Grieves (Interview S. 49) übernahm diese Arbeit für «Killing Eve» von Phoebe Waller-Bridge. Die Serie ist komplex: gewalttätig, lustig, sie lebt von vielen emotionalen Momenten. Musikalisch sei diese Vielfalt schwierig abzubilden, sagt Grieves. Um einen musikalischen roten Faden zu entwickeln, wollte sie mit einem Komponisten zusammenarbeiten. Auf ihren Vorschlag hin holten die Produzenten David Holmes dazu, der schon die Musik für «Ocean’s Eleven» komponiert hatte. 

Da «Killing Eve» in verschiedenen europäischen Ländern spielt, verbrachte Catherine Grieves viel Zeit damit, sich Songs in fremden Sprachen anzuhören, und stiess dabei auf Perlen wie das französische Chanson «Roller Girl» von Anna Karina oder auf eine niederländische Version von «Angel of the Morning», im Original von Juice Newton. Ihre Song-Auswahl wurde schliesslich angereichert mit Stücken von David Holmes’ Band Unloved, die vor allem dunkle Synthie-Musik beigesteuert hat. 

Grieves, Holmes und alle Beteiligten einigten sich schliesslich auf einen Soundtrack, der aus Songs der sechziger Jahre besteht oder davon inspiriert ist, weil das am besten zur visuellen Ästhetik der Serie passt. 

Wer sich mit Musiksupervisoren unterhält, hört viele abenteuerliche Geschichten darüber, wie sie an die Rechte von Songs kamen: «Als ich einen über 90-jährigen Komponisten anrief, sagte der, er stehe gerade unter der Dusche, ich solle später mit einem Scheck vorbeikommen», erzählt Robin Urdang lachend. Die Amerikanerin arbeitet hauptsächlich für Indie-Filmproduktionen, zuletzt etwa für das Drama «Call Me by Your Name» von Luca Guadagnino.

Für die Serie «The Marvelous Mrs. Maisel» von Amy und Dan Palladino, die in den fünfziger Jahren spielt, suchte Urdang nach aussergewöhnlicher amerikanischer, französischer und jüdischer Musik von damals, die an Musicals erinnert und der Serie eine extravagante Naivität verleiht. 

Songs erzählen eigene Geschichten

Nicht nur die Recherche und das Abklären von Lizenzen sind aufwendig. Es ist auch kompliziert, bereits bestehende Songs und deren Songtexte mit den Filmdialogen in Einklang zu bringen. Passende instrumentale Musik dazu zu kreieren, wäre einfacher. Serienmacher setzen trotzdem gern auf bestehende Songs, weil diese in sich abgeschlossene kurze Geschichten erzählen, die oft schon eine ganze Welt in sich tragen. Wenn sich die Geschichte des Liedes mit den Bildern einer Szene verbindet, entwickelt diese eine Wucht, die uns Zuschauerinnen und Zuschauer ergriffen nach dem Handy greifen lässt, um Shazam zu öffnen. 

Ein solcher Moment findet sich in der ersten Staffel von «Killing Eve», als die Auftragskillerin Villanelle (Jodie Comer) der MI6-Agentin Eve (Sandra Oh) als Ausdruck ihrer Bewunderung einen Koffer voller neuer Kleider schickt. Einige Tage zuvor hat Villanelle Eves besten Freund umgebracht. Als Eve den Koffer aufmacht, läuft im Hintergrund «Psychotic Beats» von den Killer Shangri-Lahs. Diese singen: «I had to kill you / I’m really sorry / Was it so much fun?» Die Musik entlarvt die Dimension dieser Beziehung der beiden Frauen, die zwischen Anziehung und Schrecken schwankt. 

Die Beatles sind zu teuer

Um solche Effekte zu erreichen, suchen Musiksupervisorinnen nach Musik, die einzigartig ist, viel ausdrückt und ein emotionales Gewicht hat. Die Zuschauer wollen nicht bereits Bekanntes hören, sondern überrascht werden. Kommt hinzu, dass die Rechte von zu bekannten Songs oft einfach zu teuer wären. Darum hört man in Filmen selten Lieder von Queen oder den Beatles.

Der Schweizer Pirmin Marti von Mojo3 arbeitet für die neue SRF-Serie «Frieden» oder den Kinofilm «Platzspitzbaby». Er kennt das Budgetproblem: «Regisseure sagen mir, welche Art von Musik und Stimmung sie wollen, und die Produzenten definieren, was sie bezahlen können. Daraufhin mache ich Vorschläge, die ins Budget passen und das Konzept des Projekts musikalisch unterstützen.» Dabei ist viel Kreativität und Zugang zu Liedern gefragt, deren Rechte einfach erhältlich sind, und bei hiesigen Produktionen wird auch Schweizer Musik wieder wichtiger. Für die Serie «Seitentriebe» von Güzin Kar (die 2.Staffel läuft ab Oktober auf SRF) entschieden sich die Macherinnen dafür, fast ausschliesslich auf inländische Musik zu setzen. «Der Rest der Beteiligten kommt aus der Schweiz, da ist es naheliegend, auch bei der Musik auf einheimische Talente zu setzen und als Bonus die hiesige Musikszene zu unterstützen.» 

Würdigung bei den Emmys

Inzwischen ist die Arbeit der Musiksupervisoren so wichtig geworden, dass es bei den Emmys, dem amerikanischen Fernsehpreis, seit 2017 die Kategorie «Outstanding Music Supervision» gibt. Robin Urdang hat letztes Jahr zusammen mit den Autoren Amy und Dan Palladino für den Soundtrack von «The Marvelous Mrs. Maisel» gewonnen. Dieses Jahr sind sie für die zweite Staffel nominiert. Sie treten an gegen «Russian Doll», «Better Call Saul», «Fosse/Vernon» und «Quincy».

Filmmusik-Wettbewerb

Der internationale Filmmusikwettbewerb, veranstaltet vom ZFF, dem TonhalleOrchester Zürich und dem Forum Filmmusik, findet dieses Jahr zum 8. Mal statt. 321 Komponistinnen und Komponisten aus 46 Ländern reichten Musik zum 5-minütigen Kurzfilm «Danny and the Wild Bunch» von Robert Rugan ein. Uraufführung der Arbeiten: 28. September, Tonhalle Maag, Zürich

Tales of the City

Kreiert von Lauren Morelli, Armistead Maupin, mit Laura Linney, Ellen Page, Olympia Dukakis, Paul Gross, Dauer 10 Folgen à 60 Minuten, Sender Netflix 

Von Murièle Weber (FRAME)

Als Armistead Maupin in den siebziger Jahren in San Francisco ankam, war die Stadt nicht nur die Hippie-Hochburg, sondern auch ein sicherer Hafen für schwule Männer. Hier konnte der ehemalige Südstaatler endlich sein, was er tief drin schon immer war. Seine Erkundungstouren durch die Stadt, die Saunas und Bars hielt Maupin in einer wöchentlichen Kolumne mit fiktiven Charakteren für die Familienzeitung «San Francisco Chronicle» fest. Daraus entstanden neun Romane um den schwulen Michael Tolliver, seine beste Freundin Mary Ann und ihre Vermieterin Anna Madrigal, eine Transfrau. Maupin war schon immer mehr als ein Schwulenaktivist. Er war vor allem auch ein Stadtchronist, der seine Heimat über vierzig Jahre lang beobachtet hat. Seine Bücher wurden zuvor bereits zweimal als Serie adaptiert: Im Jahr 1993 Band 1 für Channel 4, und 1998/2001 Band 2 und 3 für Showtime. Jetzt folgt die Miniserie von Netflix aus den Romanen 6 bis 9. Die Geschichte um Mary Ann (Laura Linney), Michael (Murray Bartlett) und Freunde funktioniert sowohl für eingefleischte Fans als auch für Einsteiger, die weder Maupins Romane, noch die alten Serien kennen. 

Wie schon die beiden ersten Serien, aber auch die Filmadaption von Maupins Roman «The Night Listener» mit Robin Williams in der Hauptrolle, funktioniert auch die Netflix-Produktion vor allem wegen der liebenswürdigen Figuren, die hoffnungslos romantisch und immer auf der Suche nach der grossen Liebe sind und gleichzeitig mit allerlei Alltagsproblemen zu kämpfen haben. Sei das die Gentrifizierung San Franciscos, die geschlechtsangleichende Operation der lesbischen Freundin oder der Ex, der plötzlich wieder in der Stadt ist und zur Bedrohung für die eigene Beziehung wird. Die Romane bieten so viel Stoff, dass gut fünf Staffeln hätten gedreht werden können, und durch den Versuch, möglichst viel in die zehn Folgen zu packen, wurden die Drehbücher überfrachtet, weshalb eine Storyline die nächste jagt. Aber wer die Figuren mag und diese Welt, in der jeder in seiner Einzigartigkeit geliebt wird, dem ist das von Herzen egal. 

Good Omens

Kreiert von Neil Gaiman und Terry Pratchett, mit Michael Sheen, David Tennant, Jon Hamm, Frances McDormand, Dauer 6 Folgen à 60 Minuten, Sender BBC Two 

Von Murièle Weber (FRAME)

Armageddon steht vor der Türe. Wieder einmal. Und dieses Mal gilt es ernst. Denn die Menschheit hat sich geirrt. Die Erde ist nicht Milliarden von Jahren alt, sondern bloss etwas mehr als 6000. Die Saurierknochen waren als Witz aus Gottes Administration gedacht, aber wir fielen doch tatsächlich darauf herein. Und wer an die Evolution glaubt, der stellt sich natürlich auch nicht der Realität von Gut und Böse in ihrem endlosen Kampf um unsere Seelen. Jedenfalls ist der Antichrist bereits auf Erden, irgendwo in England, und sobald der 11-jährige Adam zu seinen Kräften gefunden hat, geht es hier richtig zur Sache.

In der Zwischenzeit bringen sich die beiden Seiten schon einmal in Stellung. Und werden dabei amüsant unterwandert vom Engel Aziraphale (Michael Sheen) und dem Dämonen Crowley (David Tennant). Den beiden gefällt es nämlich hier auf Erden bestens. Und so unternehmen sie alles, um die Pläne ihrer Chefs zu sabotieren. Die Serie verwendet viel mehr Zeit als der Roman darauf, die Beziehung der beiden Protagonisten aufzubauen und ihre konspirative Treffen über die Jahre – im Garten Eden, während der Französischen Revolution oder als Shakespeare die Aufführung von «Hamlet» plant – wiederzugeben. 

Dieser Umstand und die Tatsache, dass Sheen und Tennant eine grandiose Chemie teilen, fördern den Eindruck, dass die Erde für sie ihr persönlicher Garten Eden zwischen Himmel und Hölle ist und damit der einzige Ort, wo sie ihre aufkeimende Liebe zelebrieren können. Denn wie Crowley nicht müde wird, den etwas tollpatschigen Engel aus einer misslichen Lage nach der andern zu retten, geht ans Herz.Der Roman von 1990 hat eine grosse und äusserst treue Gefolgschaft, die mit der einen oder anderen Änderung wahrscheinlich nicht einverstanden sein wird. Für den Rest gilt: Wer den Humor der beiden Autoren teilt, wird nicht enttäuscht. Allerdings ist die Serie so dicht geschrieben, dass auch nur kurzes Abschweifen vom Geschehen auf dem Bildschirm sich sofort rächt, denn jede Sekunde enthält Witz und Informationen en masse. 

The Umbrella Academy

Kreiert von Jeremy Slater, mit Ellen Page, Tom Hopper, Mary J. Blige, Cameron Britton, Colm Feore, Dauer 10 folgen à 60 Minuten, Sender Netflix 

Von Murièle Weber (FRAME)

An einem Tag im Jahr 1989 werden innert Stunden 49 Kinder geboren, von Müttern, die bis kurz vor der Geburt keinerlei Anzeichen einer Schwangerschaft gezeigt hatten. Sieben dieser Kinder werden vom steinreichen Industriellen Sir Reginald Hargreeves (Colm Feore) adoptiert. Als sie in ihrer Kindheit aussergewöhnliche Fähigkeiten entwickeln, gründet Hargreeves die Umbrella Academy. Seine Kinder sollen dereinst die Welt retten.

Bereits als Teenager schickt ihr Adoptivvater sie in die Welt hinaus, damit sie sich bewähren und ihm Ruhm verschaffen. Weil der Grossindustrielle ignoriert, dass diese jungen Menschen auch emotionale Bedürfnisse haben, entwickeln sich die sieben zu Komplexhaufen mit zahllosen sozialen und emotionalen Problemen, und bald zerstreiten sie sich. Als sie Anfang 30 sind, stirbt ihr Adoptivvater, und sie kommen im alten Haus nochmals zusammen, um Abschied zu nehmen. Dort erfahren sie vom baldigen Ende der Welt, wogegen sie den Kampf aufnehmen. Cha Cha (Rapperin Mary J.Blige) und Hazel (Cameron Britton) sollen sie von diesem Vorhaben abbringen.

Die Serie basiert selbstverständlich, wie der Grossteil aller Superhelden-Geschichten, auf Comic-Büchern. Dieses Mal kreiert von Gerard Way, dem Sänger der Band My Chemical Romance, und dem Künstler Gabriel Bá. Ihre verkorksten Figuren sind die passenden Superhelden für unsere Zeit: Sie stammen aus verschiedenen Ländern, aber wachsen zusammen auf. Es sind junge Egoisten mit komplexen Problemen. Und während traditionelle Comics sich hauptsächlich um starke heterosexuelle Männer drehen, erblassen diese hier neben den komplexen Frauenfiguren, neben Klaus mit seiner queeren Identität und Nummer 5, der ein Bub geblieben ist. Dieses sind die Hauptfiguren und Sympathieträger. Verfilmt wurde die Serie in düsteren Farben und mit einem phänomenalen Popsoundtrack. «The Umbrella Academy» erinnert an die Exzentrik der Netflix-Serie «Maniac», verzichtet allerdings auf eine verworrene Erzählweise. Da dürfen gerne weitere Staffeln folgen. 

The ABC Murders

Kreiert von Sarah Phelps, mit John Malkovich, Rupert Grint, Tara Fitzgerald, Dauer 3 folgen á 60 Minuten, Sender BBC1/Amazon 

Von Murièle Weber (FRAME)

Hercule Poirot wurde bereits von den besten Schauspielern unserer Zeit verkörpert. In der neuesten Adaption des gleichnamigen Agatha-Christie-Romans spielt nun John Malkovich den belgischen Detektiv. Dieser erhält eine Serie von Briefen zugeschickt, in denen in alphabetischer Reihenfolge Morde an Menschen angekündigt werden. Weil er die Opfer retten will, sucht Poirot seinen guten Freund Inspektor Japp auf, nur um zu erfahren, dass Japp in Pension gegangen ist und der junge, ambitionierte Inspektor Crome (Rupert Grint) nun dessen Posten übernommen hat. 

Der arrogante Crome aber lässt Poirot abblitzen, weshalb sich Poirot selbst auf die Suche macht, als er vom Mörder weitere Hinweise auf seine zukünftigen Opfer erhält. Als Poirot jedoch in Andover ankommt, wo das erste Verbrechen stattfinden soll, ist Alice Ascher bereits tot, und auch Betty Bernhard aus Bexhill und Sir Carmichael Clarke aus Churston kann er danach nicht mehr retten.

Der Christie-Roman von 1936 wurde thematisch für das Brexit-Zeitalter adaptiert: Während Poirot im Buch gefeiert wird, erlebt der Belgier in der Serie als Ausländer im London der dreissiger Jahre Ausgrenzung und Rassismus. In der Öffentlichkeit wird er bespuckt und bedroht. Und wenn er allein ist, wird er von den schlimmen Erinnerungen an seine Flucht nach England während des Ersten Weltkrieges verfolgt. Malkovich spielt Poirot als ehrenvollen, tief religiösen, alten Mann, der viel Mitgefühl für seine Mitmenschen hat, aber stark an der Ablehnung und der Ausgrenzung leidet. Grint, der sich bis anhin nicht allzu oft als grossartiger Schauspieler ausgezeichnet hat, schafft es diesmal, den richtigen Ton zu treffen und aus Crome sowohl eine arrogante, aber mit der Zeit doch auch sympathische Figur zu schaffen. «The ABC Murders» wurde in schönen Bildern verfilmt, ist spannend und unterhaltsam, nur den moralischen Zeigefinger, mit dem stets wieder gefuchtelt wird, hätte es nicht gebraucht. Selbst wenn die Themen Flucht und Nationalismus, um die sich vieles dreht, aktuell sind. 

Picnic at Hanging Rock

Kreiert von Larysa Kondracki, mit Natalie Dormer, Lily Sullivan, Lola Bessis, Samara Weaving, Dauer 6 folgen à 51 Minuten, Sender amazon prime

Von Murièle Weber (FRAME)

In der Nähe der Felsformation Hanging Rock im australischen Busch verschwinden 1900 drei junge Frauen und eine Lehrerin aus einem Mädcheninternat, das von der gestrengen Mrs. Appleyard (Natalie Dormer) geführt wird. Diese gibt sich als Witwe aus, erzählt dem Publikum aber bereits in den ersten Minuten, dass sie auf der Flucht vor einem Mann sei, der sie hier niemals finden könne. Die Mädchen werden im Internat auf ein Leben als Ehefrau und Mutter der oberen Mittelschicht vorbereitet. Obwohl sie sich nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmung sehnen, werden sie in Korsetts und weisse Handschuhe gesteckt.

«Picnic at Hanging Rock» basiert auf dem gleichnamigen Roman von Joan Lindsay von 1967, der eine fiktive Geschichte im Stile eines pseudohistorischen Ereignisses erzählt und sich auf die mysteriöse Stimmung und die Geheimnisse aller Beteiligten konzentriert, die durch die Suche nach den Mädchen ans Licht kommen. Auch die Rolle der Weissen in einem ihnen fremden Land wird thematisiert. 

Die Serie setzt die mysteriöse Stimmung in wunderschönen Bildern um und stellt der einengenden Atmosphäre der viktorianischen Zivilisation die lockende, wilde Natur Australiens gegenüber. In der Neuinterpretation des Stoffes werden die weiblichen Rollen aktualisiert, und es schwingt oft eine homoerotische Note zwischen den Schülerinnen und Lehrerinnen mit, die in diesem zutiefst femininen Biotop leben, abgeschieden von männlichen Einflüssen. Neben dem Rätsel um den Verbleib der ­Verschwundenen ist die Serie deshalb vor allem eine Studie über das sexuelle Erwachen junger Frauen.

Maniac

Kreiert von Cary Joji Fukunaga, mit Emma stone, Jonah Hill, Billy Magnussen, Sonoya Mizuno, Dauer 10 Folgen à 60 Minuten, Sender Netflix 

Von Murièle Weber (FRAME)

Die Idee, dass mit moderner Medizin fast alles kuriert werden kann, wird in dieser Serie um die psychologische Ebene erweitert. Ein japanischer Pharmakonzern forscht an einer Möglichkeit mittels drei Pillen und Mikrowellenstrahlen emotionale Traumata zu beheben. Eine anstrengende und oft schmerzhafte Gesprächstherapie würde so überflüssig.

Bei dieser Studie treffen sich Annie (Emma Stone) und Owen (Jonah Hill). Er ist der jüngste Sohn eines Grossindustriellen, der von seinen Brüdern gepiesackt wird und offensichtlich an einer schweren Schizophrenie leidet. Sie trauert über den Verlust ihrer Schwester und scheint eine Borderline-Störung zu haben. Owen ist davon überzeugt, dass Annie die Kontaktperson für seine Mission ist, um die Welt zu retten, während Annie den seltsamen Kauz lieber loswerden möchte. Per Computersimulation werden die beiden mit ihren Traumata konfrontiert. Aber weil der weibliche Computer an Depressionen leidet, tröstet sie sich damit, dass sie Annie und Owen einander in ihren Phantasien treffen lässt. 

Diese Phantasien sind allesamt Filmhommagen und erinnern an «Lord of the Rings»-ähnliche Abenteuer, Mafiafamiliendramen, einen Krimi im Stil der 1920er und ein Unterschichtendrama inklusive Tierdiebstahl im Stil der 1980er. Die Serie basiert lose auf einem gleichnamigen norwegischen Vorbild, in dem der Protagonist als Psychiatriepatient der Held seiner eigenen Tagträume ist, während er im normalen Leben als Versager durch die Welt geht. Im Original wie in der Neuverfilmung geht es um die Frage: Ist es besser, im Alltag zu leiden oder in der Phantasie glücklich zu sein? Der 1977 geborene Regisseur Cary Fukunaga hat von seiner Arbeit an «True Detective» bereits Erfahrung mit existenziellen Themen in Serien. Die dunkle Komödie «Maniac» enthält viele kleine, interessante Details für die Weltbildung und wechselt zwischen dystopischem Science-Fiction, Verschwörungs-Thriller, Familiendrama und Liebesgeschichte, wobei man bis zum Schluss nicht genau weiss, worauf alles hinausläuft. 

Fang mich – wenn du kannst

In «Killing Eve» jagt eine britische Agentin eine russische Auftragsmörderin durch Europa. Die Regisseurin Phoebe Waller-Bridge beweist, dass auch weiblich besetzte Agententhriller funktionieren. Die Serie gehört zu den Highlights dieses Jahres.

Von Murièle Weber (FRAME)

Die Macher von «Killing Eve» lieben ihre exzentrischen Figuren. Darum verstecken sie deren Schwächen nicht, sondern zerren sie genüsslich ins Scheinwerferlicht. So kämpft die Agentin Eve (Sandra Oh) in einer morgendlichen ­Sitzung auf dem Dezernat ungeduldig mit einem lauten Papiersack, statt sich das Croissant heimlich in den Mund zu schieben. Währenddessen inszeniert die Mörderin Villanelle (Jodie Comer) ihren Selbstmord; aus purer Langeweile, und weil sie ihren Vorgesetzten Konstantin (Kim Bodnia) schockieren will. 

Solche Kapriolen haben wir der grossartigen Autorin und Regisseurin Phoebe Waller-Bridge zu verdanken. Zurzeit hört man sie in «Solo: A Star Wars Story», wo sie dem Roboter L3-37 ihre Stimme lieh. Die 32-jährige Londonerin hatte ihren Durchbruch 2016 als Autorin und Hauptdarstellerin mit der Serie «Fleabag». Darin beschreibt sie das Leben einer jungen Frau, deren Leben aus den Fugen gerät, nachdem ihre beste Freundin aus Versehen Selbstmord begangen hat. Eigentlich wollte sie sich bloss verletzen, um ihren untreuen Freund zu bestrafen. Waller-Bridge paarte für die Comedy-Serie den Blick in tiefste seelische Abgründe mit bitterbösem Humor. «Wenn die Menschen lachen, sind sie verletzlich und offen. Das ist eine gute Gelegenheit, um sie zu treten», beschreibt sie ihren Schreibstil in einem Interview. Deshalb liegen in Waller-Bridges Serien Empfindsamkeit und Boshaftigkeit stets nahe beieinander. Für «Fleabag» erntete sie einen Bafta-Award als beste Schauspielerin und wurde schnell zum Liebling der britischen Fernsehmacher, von Kritikern und vor allem des Publikums. 

Damit kam sie der Chefin von BBC America gerade recht: Sarah Barnett war auf der Suche nach einer Serie, die sich vom Rest abhebt und beim Publikum landen kann, ohne dass man sie davor gross anpreisen muss. Barnett lag mit «Killing Eve» genau richtig. Tatsächlich kam die achtteilige erste Staffel so gut an, dass sich die Zuschauerzahl auf BBC America schon kurz nach dem Start verdoppelt hat. 

Erotisches Katz-und-Maus-Spiel

«Bei der Entwicklung gaben wir Phoebe immer wieder den Rat: Bleib schräg», erzählte Barnett in einem Interview. Und so nahm Waller-Bridge ihre Vorlage, die «Villanelle»-Romane von Luke Jennings, die er im Selbstverlag auf Amazon veröffentlicht hatte, und tauschte zuerst einmal alle wichtigen männlichen Figuren durch Frauen aus. Sie schrieb unzählige absurde Dialoge, um ihren Figuren Charakter zu geben, und durchzog alles mit ihrem schrägen Humor. Entstanden ist ein brillantes Katz-und-Maus-Spiel zwischen Eve und Villanelle. 

Eve, bis jetzt administrative Angestellte beim britischen Inlandgeheimdienst MI 5, wird kurzerhand zur Agentin mit eigenem Team befördert, weil sie herausgefunden hat, dass scheinbar zusammenhangslose Morde auf das Konto derselben Person gehen und dass eine Frau die Täterin ist. So erklärt Eve selbstbewusst: «Der ermordete russische Politiker war ein Frauenhasser und verantwortlich für den Handel mit Prostituierten. Der hätte in einer Frau niemals eine Gefahr gesehen. Es muss also eine Mörderin gewesen sein.»

Mit genau dem Vorurteil, dass man Frauen nicht zutraut, einen Job in diesem Männergeschäft gut ausführen zu können, arbeitet Waller-Bridge wiederholt in «Killing Eve». So erklärt die Kollegin Carolyn der Chefin Eve: «Unsere Ehemänner glauben eher, dass wir eine Affäre haben, als dass wir Geheimagentinnen sind.» Und Phoebe Waller-Bridge erinnerte sich in einem Interview: «Es gab tatsächlich eine Sitzung, in der jemand sagte: ‹Wir können nicht zu viele Frauen in der Serie haben.› Womit er meinte, das wirke unglaubwürdig. Und ich sagte: ‹Was für ein Scheiss. Nicht wenn die Serie gut geschrieben und gut inszeniert ist.›» Wie recht sie hat. Niemand käme auf die Idee, Eve und Villanelle müssten Männer sein. Die Figuren überzeugen mit ihrer verkorksten Art und ihren Motiven: Eve ist gelangweilt vom Alltagstrott und lebt auf, sobald Villanelle auftaucht. Sie ist offensichtlich fasziniert von der Arbeit der Russin, die ihre Opfer bald mit einer Haarnadel ersticht, bald mit Parfum vergiftet. «Ich bin ein Fan», gesteht sie Carolyn einmal. «Die Frau überlistet die Intelligentesten von uns und dafür verdient sie es, zu töten, wen sie will. Solange nicht ich es bin.» Aber genau das plant Villanelle schon bald, die ganz entzückt ist von der Aufmerksamkeit, die sie von Eve und deren Team bekommt. 

Villanelle kostet dieses Gejagtwerden aus und verwickelt die Agentin darum in ein Psychospiel. Einmal klaut sie Eves Koffer und schickt ihn ihr gefüllt mit edlen Markenkleidern wieder zurück. Zuerst ist Eve verängstigt, dann schmeisst sie sich doch in die neuen Fummel. «Eve und Villanelle hauchen einander gegenseitig Leben ein, und das auf eine Art, die viel komplexer ist als eine romantische Beziehung. Es ist sexuell, es ist intellektuell, es ist anspornend», beschreibt Waller-Bridge ihre Figuren. Diese sexuelle Spannung zwischen den beiden Frauen intensiviert sich im Verlaufe der Jagd. Zu Beginn spielt die Serie mit dem Bromance-Klischee vieler Buddy-Filme wie in der «Lethal Weapon»-Reihe mit Danny Glover und Mel Gibson – diesem Typus der engen, nicht sexuellen Freundschaft zweier Menschen gleichen Geschlechts, die sich oft durch flirtenden Sprachwitz auszeichnet.

Später, wenn Eve Villanelle retten will oder Villanelle bei Eve einbricht, um mit ihr zu Abend zu essen, folgt eine emotionale Intimität zwischen den Frauen, die an «Thelma & Louise» erinnert. Gegen Ende schwingt dann etwas unverhohlen Sexuelles mit, wobei man nie sicher sein kann, ob die beiden gleich einander küssend aufs Bett fallen oder sich duellieren werden.

Die Stärke von Waller-Bridge ist aber nicht nur, exzentrische Figuren zu erschaffen, sondern genauso das Schreiben von absurden Dialogen. Als Eve Villanelle auf die Spur kommt, weil ein Zeuge diese als flachbrüstig bezeichnet hatte, ruft sie ihre Assistentin Elena an und befiehlt: «Beschreib mir die Brüste aller weiblichen Auftragsmörderinnen in unserer Datenbank.»

Hommage an unangepasste Frauen

Während Villanelle in den Romanen von Luke Jennings eine traurige Kindheitsgeschichte angedichtet bekam, hat Waller-Bridge dieser Versuchung widerstanden. «Ich mag Serien über Frauen, deren Schaden nicht erklärt wird», sagte sie. «Villanelle ist einfach eine eigenständige, komplizierte Person, die Probleme hat.» Wir wissen deshalb nicht viel über sie, ausser dass sie eine Psychopathin ist.

Während die Frauen brillieren, kommen die Männer in «Killing Eve» nicht gut weg. Entweder übersehen sie vor lauter Überheblichkeit das Wesentliche oder lassen sich übertölpeln. Oder sie werden hysterisch, wenn sie in Gefahr sind. Als Villanelle Frank nachsetzt, einem Mitarbeiter von Eve, rennt dieser kreischend über ein Feld, während Eve ihn am Telefon zu beruhigen versucht, damit sie ihn retten kann. Trotzdem ist «Killing Eve» nicht einfach eine weibliche Version des sonst sehr männlichen Spionagegenres, sondern eher der Beweis dafür, dass es keine Rolle spielt, welches Geschlecht die Figuren haben, solange Drehbuch und Schauspiel gut sind. 

Safe

Kreiert von Harlan Coben, mit Amy James-Kelly, Amanda Abbington, Michael C. Hall, Dauer 8 Folgen à 60 Minuten, Sender Netflix 

Von Murièle Weber (FRAME)

Eine Grillparty unter Nachbarn: Die Kinder spielen Fussball, die Frauen richten das Essen, und die Männer gönnen sich ein Bier. Alles scheint harmonisch in dieser kleinen bewachten Wohnanlage irgendwo in Grossbritannien. Dann kommt die 16-jährige Tochter von Tom (Michael C. Hall) nach einer Party nicht mehr nach Hause. 

Auf der Suche nach ihr stolpert der Vater über die Leiche ihres Freundes und unzählige kryptische Whatsapp-Nachrichten zwischen den beiden. Bald wird Tom mit der ihm unbekannten Vergangenheit seiner toten Frau konfrontiert, und der Verdacht kommt auf, dass jemand aus dieser Vergangenheit auch für das Verschwinden der Tochter verantwortlich ist.

Seit 2015 hat der amerikanische Krimiautor Harlan Coben jedes Jahr eine Serie verwirklicht. Wie in seinen früheren Serien sind auch in «Safe» die zentralen Themen eine verdrängte traumatische Vergangenheit, die Schuld aller Beteiligten daran und die Konsequenzen davon, die sich bis in die Gegenwart erstrecken. Es ist das klassische Motiv von Schauergeschichten, das Sigmund Freud mit dem Begriff des Unheimlichen beschrieben hat: Erst wenn die Vergangenheit ans Licht gezerrt wird, können die alten Geister ruhen. 

Während Cobens Serie «The Five» (2016) in sich stimmig war und den Spannungsbogen aufrechterhielt, wollen die einzelnen Teile in «Safe» nicht richtig zusammenpassen. Schon der Eröffnungssong, «Glitter & Gold» von Barns Courtney, wirkt mit seiner Mischung aus Rock, Country und Gospel nicht sehr britisch, der Akzent von «Dexter»-Darsteller Michael C. Hall lässt sich geografisch in Grossbritannien nicht verorten, und auch die bewachte Wohnanlage passt besser zu den USA als zu Europa. Hier wirkt alles irgendwie deplatziert. Auch legt die Serie mehr Wert auf die persönlichen Beziehungen zwischen den Figuren, denn auf die Aufklärung des Mordes und das Wiederfinden der Tochter. «Safe» bietet zwar kurzweilige Unterhaltung, ist aber zwischen all den Perlen auf dem aktuellen Serienmarkt nichts, das einem länger im Gedächtnis haften bliebe. 

Altered Carbon

Kreiert von Laeta Kalogridis, mit Joel Kinnaman, James Purefoy, Martha Higareda , Dauer 10 Episoden à 46–66 minuten, Sender Netflix 

Von Murièle Weber (FRAME)

Im 26. Jahrhundert sind die Menschen Götter. Durch eine neue Technik kann das Bewusstsein eines Einzelnen in immer neue Körper transferiert werden. Wer es sich leisten kann, wird unsterblich. Der ehemalige Freiheitskämpfer Takeshi Kovacs, halb Japaner, halb Osteuropäer, bekommt 250 Jahre nach seinem Tod den Körper eines Weissen, damit er einen Mordanschlag auf den mächtigen Laurens Bancroft aufklären kann. Dafür muss Kovacs seine Prinzipien verraten, indem er sich zum Eigentum eines jener mächtigen Männer machen lässt, die ewig leben und die Kovacs vor seinem Tod bekämpft hat. 

Das ist nur einer der komplexen Handlungsstränge dieser Serie. Wer nicht von der ersten Minute an aufmerksam ist, verpasst Informationen, die erst mehrere Folgen ­später relevant werden. 

1982 hatte Ridley Scott mit dem Spielfilm «Blade Runner» ein neues Genre begründet: Future Noir. Darin wurden Elemente des Film Noir – der abgebrühte Detektiv, die Femme fatale, die düstere Stadt, die dystopischen Zustände – mit Bestandteilen der Science-Fiction verbunden – die Gesellschaft in der Zukunft, neue technische ­Errungenschaften, der Aufbau einer neu durchdachten Gesellschaft.

«Altered Carbon» sieht sich in dieser Tradition, zieht aber auch Inspiration aus unzähligen weiteren Science-Fiction-Filmen wie «The Fifth Element» oder Büchern wie jenen von William Gibson, der das Genre des Cyperpunks begründet hat. 

Wenn der Mensch unsterblich ist, verliert der Tod seinen Schrecken. Das hat Folgen. Ob man sein ungehorsames Kind zu Tode prügelt oder eine Prostituierte beim Sex ersticht, solange man den Toten neue Körper kauft, kommt man ungestraft davon. ­Gewalt ist deshalb in dieser Welt in ihren brutalsten Formen allgegenwärtig.Wer sich davon nicht abschrecken lässt, bekommt Zugang zu einer Welt mit vielen interessanten Figuren und einer unterhaltsamen Mördersuche, gespickt mit philosophischen Fragen über das Leben nach dem Tod, den Wert des Lebens an sich, über Identität und Moral.