Zwei Helden des Alltags

Bruno (Vincent Cassel) und Malik (Reda Kateb) bieten Aussenseitern eine neue Chance.

Die «Intouchables»-Macher erzählen in «Hors normes» von Freunden, die sich für autistische Menschen einsetzen.

Von Murièle Weber (Züritipp)

Bruno (Vincent Cassel) und Malik (Reda Kateb) helfen seit 20 Jahren Menschen am Rande der Gesellschaft: Bruno versucht, autistischen Kindern so etwas wie einen normalen Alltag zu ermöglichen, und Malik bildet junge Leute aus Brennpunktvierteln zu Pflegern aus.

Joseph (Benjamin Lesieur) ist einer der Betreuten. Der junge Mann mit Autismus soll endlich auf eigenen Beinen stehen, dafür coacht ihn Bruno. Joseph soll unter anderem mit dem Zug zur Werkstatt fahren können, wo er eine Ausbildung macht – aber weil er Angst hat, eine Brücke zu überqueren, zieht er jeweils kurz vor dem Übergang die Bremse. Das bringt die Pendler in Rage und Bruno in Erklärungsnot.

Aber Bruno braucht dringend einen Erfolg, denn die Stadt will seinen privaten Verein nicht anerkennen. Zwar verzeichnet er beachtliche Erfolge – so müssen selbst seine schwer autistischen Schützlinge nicht mehr permanent festgebunden werden, sondern lernen zu sprechen. Aber es reicht eben nicht dazu, dass sie ein völlig unabhängiges Leben führen können.

Die Regisseure Olivier Nakache und Eric Toledano feierten 2011 mit «Intouchables» einen riesigen Erfolg. Seither werden in Frankreich reihenweise Filme über sozial Benachteiligte und ihre Betreuer gedreht. Gezeigt wird oft Freiwilligenarbeit, ohne die der Betreuungsaufwand bei Schwerbehinderten, Obdachlosen oder Autisten kaum zu stemmen wäre, wobei der Staat diesen Vereinen ihre Arbeit erschwert.

Nakache und Toledano gingen bei «Hors normes» einen Schritt weiter und bildeten Autisten in einem Workshop zu Schauspielern aus. Damit waren sie erfolgreich – Benjamin Lesieur konnte anfangs kaum sprechen, aber übernahm im Film als Joseph eine Nebenrolle mit Dialogen.

Wie schon «Intouchables», so lebt auch dieser Film von den liebevollen Neckereien zweier unterschiedlicher Persönlichkeiten – hier Bruno und Malik, der Jude und der Muslim. So wird der Versuch, den orthodoxen Juden zu verkuppeln, zu einem Running Gag. Für warme Gefühle sorgen die vielen kleinen Erfolgsgeschichten der Jugendlichen, die eine Zukunft für sich entdecken.

Die Löwinnen steigen auf

Ramona (Jennifer Lopez) lernt Destiny (Constance Wu) das Strippen.

Kino Nach der Wirtschaftskrise fangen in der Komödie «Hustlers» Stripperinnen an, ihre Kunden auszunehmen – und kehren damit den Kapitalismus um.

Von Murièle Weber (Züritipp)

Die New Yorker Wallstreet befindet sich auf einem Höhenflug, die Börsenmakler geben ihr Geld mit vollen Händen aus – manchmal über 100 000 Dollar an einem Abend. In dieser aufregenden Zeit, in einer kalten Winternacht, begegnen sich die Stripperinnen Destiny (Constance Wu) und Ramona (Jennifer Lopez). Die ältere Ramona nimmt die Jüngere nicht nur unter ihren Nerz, sondern auch unter ihre Fittiche.

Die Göttin, die jeden Abend von geifernden Männern mit einem Regen aus 100-Dollar-Noten gefeiert wird, zeigt ihrem Schützling, wie man am besten abkassiert. «In diesem Jahr verdiente ich mehr als ein Gehirnchirurg», erklärt uns Destiny.

Verschworene Gemeinschaft

Und dann kommt der Börsencrash von 2008. Keiner will mehr Geld ausgeben. Die verbliebenen Stripperinnen nehmen gerade noch ein paar Hundert Dollar pro Nacht ein, und meist müssen sie dafür ihren Mund einsetzen. Deshalb kommt Ramona auf die Idee, der Spendierfreudigkeit ihrer Kunden nachzuhelfen – auch unter Einsatz von Drogen. Wenn die Männer am nächsten Tag ohne Erinnerung aufwachen, sind ihre Kreditkarten bis zum Maximalbetrag belastet worden.

Der Film basiert auf einer wahren Geschichte, die die Journalistin Jessica Pressler 2015 im Artikel «Hustlers at Scores» aufarbeitete. Daraus hat die Regisseurin Lorene Scafaria («Seeking a Friend for the End of the World») ein Lehrstück über den Kapitalismus gemacht: Alle müssen feilbieten, was ihnen zur Verfügung steht. «Hustlers» ist dabei eine weibliche Version eines Heist-Films, wobei nicht ein Casino oder eine Bank, sondern das ausbeuterische System geknackt wird. Zu Beginn müssen die Frauen vom Türsteher bis zum DJ alle bestechen, um überhaupt strippen zu dürfen. Am Ende haben sie die Hackordnung umgekehrt, und die Clubs überleben nur noch, weil die Frauen die Kunden zu ihnen locken. Jetzt sind sie die Löwinnen der Nahrungskette.

Während sich Pressler um die Aufarbeitung der Fakten bemüht, setzt Scafaria auf die Beziehung der Frauen zueinander. Auf die Männer ist kein Verlass, also gründen sie ihre eigene kleine verschworene Gemeinschaft. Die Studie dieser intensiven Beziehungen macht die Magie des Films aus. Dabei haben auch die Rapperin Cardi B und die Body-Positivity-Sängerin Lizzo einen Gastauftritt.

Dieser Käfig besteht aus Marmor

So palastartig sieht das Altersheim in Florida aus.

Der Dokumentarfilm «Golden Age» porträtiert eine Altersresidenz für Superreiche in Miami. Ganz schön skurril.

Von Murièle Weber (Züritipp)

Ein alter Mann will König für einen Tag sein. Also wird er in eine rote Robe gesteckt und erhält Krone und Zepter. So ausgestattet, schreitet er weite Gänge ab und instruiert Angestellte und Einwohner, wie sie ihm zu huldigen haben. Das ist eine von vielen bizarren Szenen aus einer Altersresidenz für Super­reiche in Miami.

Das Gebäude gleicht einem Las-Vegas-Casino. Jeder Winkel ist bis ins Detail ausgeleuchtet, Fenster gibt es keine. So verlieren die Bewohner bald den Kontakt zum Draussen, genau wie zu Tag und Nacht. Zwischen Kronleuchtern, Marmor und Gold werden die Alten dauerunterhalten. Alles ist im Preis inbegriffen: Happy Hour, Halloweenparty, Singstunden. Hauptsache, niemand langweilt sich und will die Residenz verlassen oder sich gar draussen unter das gemeine Volk mischen.

Keine Spur von Altersmüdigkeit: Superreiche in einer Altersresidenz. Video: YouTube/First Hand Film

In ihrem goldenen Käfig, auf den der Filmtitel anspielt, verlieren die Alten vollends den Kontakt zur Realität, falls diese Superreichen den jemals hatten. So erklärt ein begeisterter Trump-Anhänger, warum man unbedingt die Grenze zu Mexiko schliessen muss, während zugleich das ganze Servicepersonal im Haus aus Lateinamerikanern besteht, die ziemlich sicher zu schlechten Konditionen angestellt sind.

Wenn an einer Sitzung der Sohn des Inhabers dem Angestellten 100 Dollar verspricht, der die Regeln für perfekten Service auswendig herunterleiern kann, dreht es einem vollends den Magen um. Dass eine Angestellte das dann nur auf Spanisch machen kann, überrascht hingegen gar nicht. Schliesslich ist sie zum Putzen da – Englischkenntnisse würden sie nur dazu motivieren, sich über ihre Rechte zu informieren.

Den Einblick in diese abstruse Welt verschafft uns der Schweizer Dokumentarfilmer Beat Oswald. Die Idee zu «The Golden Age» kam ihm, als er 2001 in Florida studierte. Damals beeindruckte ihn die Unverkrampftheit, mit der die Amerikaner sich dem Thema Pensionierung nähern.

In den letzten fünf Jahren befasste er sich intensiv mit dieser wachsenden Serviceindustrie und wurde dabei auf The Palace, wie die porträtierte Residenz heisst, aufmerksam. Drei Monate lang mischten sich die Filmcrew unter das Personal und die Bewohner. Die Erlaubnis dafür gab ihnen die Besitzerfamilie ohne Bedenken – denn die wusste, dass die Anwesenheit der Crew für die Bewohner ein weiterer Unterhaltungsfaktor darstellen würde.

Good Omens

Kreiert von Neil Gaiman und Terry Pratchett, mit Michael Sheen, David Tennant, Jon Hamm, Frances McDormand, Dauer 6 Folgen à 60 Minuten, Sender BBC Two 

Von Murièle Weber (FRAME)

Armageddon steht vor der Türe. Wieder einmal. Und dieses Mal gilt es ernst. Denn die Menschheit hat sich geirrt. Die Erde ist nicht Milliarden von Jahren alt, sondern bloss etwas mehr als 6000. Die Saurierknochen waren als Witz aus Gottes Administration gedacht, aber wir fielen doch tatsächlich darauf herein. Und wer an die Evolution glaubt, der stellt sich natürlich auch nicht der Realität von Gut und Böse in ihrem endlosen Kampf um unsere Seelen. Jedenfalls ist der Antichrist bereits auf Erden, irgendwo in England, und sobald der 11-jährige Adam zu seinen Kräften gefunden hat, geht es hier richtig zur Sache.

In der Zwischenzeit bringen sich die beiden Seiten schon einmal in Stellung. Und werden dabei amüsant unterwandert vom Engel Aziraphale (Michael Sheen) und dem Dämonen Crowley (David Tennant). Den beiden gefällt es nämlich hier auf Erden bestens. Und so unternehmen sie alles, um die Pläne ihrer Chefs zu sabotieren. Die Serie verwendet viel mehr Zeit als der Roman darauf, die Beziehung der beiden Protagonisten aufzubauen und ihre konspirative Treffen über die Jahre – im Garten Eden, während der Französischen Revolution oder als Shakespeare die Aufführung von «Hamlet» plant – wiederzugeben. 

Dieser Umstand und die Tatsache, dass Sheen und Tennant eine grandiose Chemie teilen, fördern den Eindruck, dass die Erde für sie ihr persönlicher Garten Eden zwischen Himmel und Hölle ist und damit der einzige Ort, wo sie ihre aufkeimende Liebe zelebrieren können. Denn wie Crowley nicht müde wird, den etwas tollpatschigen Engel aus einer misslichen Lage nach der andern zu retten, geht ans Herz.Der Roman von 1990 hat eine grosse und äusserst treue Gefolgschaft, die mit der einen oder anderen Änderung wahrscheinlich nicht einverstanden sein wird. Für den Rest gilt: Wer den Humor der beiden Autoren teilt, wird nicht enttäuscht. Allerdings ist die Serie so dicht geschrieben, dass auch nur kurzes Abschweifen vom Geschehen auf dem Bildschirm sich sofort rächt, denn jede Sekunde enthält Witz und Informationen en masse. 

Das dritte Geschlecht

Pe Rak, eine der Protagonistinnen, in einem Bus in Thailand.

Der Dokumentarfilm «Katoey» porträtiert drei Transfrauen in Thailand. Sind die Leute dort toleranter?

Von Murièle Weber (Züritipp)

Eine Überlieferung der buddhistischen Genesis besagt, dass die Ureltern – Pu Sangaiya und Nang Itthang – drei Kinder hatten: ein Junge, ein Mädchen und eines dazwischen. Diese Urgeschichte motivierte Regisseur Stefan Jung dazu, sich in Thailand auf die Suche nach diesem dritten Geschlecht zu machen mit der Frage im Hinterkopf, ob die thailändische Gesellschaft dadurch toleranter sei.

Während vier Jahren begleitete er drei Transfrauen, die sich selber als Katoey, als «Zwitter», bezeichnen. Die geschlechtsangleichende Operation steht in ihrem Leben nicht im Mittelpunkt – oft, weil schlicht das Geld fehlt. Und so bleiben die Körper irgendwo im weiten Kontinuum zwischen männlich und weiblich angesiedelt.

Es ist ein kleiner Film, der nur die drei Frauen zu Wort kommen lässt und sie in ihrem Alltag begleitet. Eine ist Lehrerin an einer Mädchenschule, eine andere Coiffeuse und die dritte eine Bauersfrau, die mit ihrem alten Vater und dem jungen Freund zusammenlebt. Alle drei hatten es nicht einfach im Leben, sie werden aber in ihrer Einzigartigkeit akzeptiert und sind integriert.

Trotzdem umgibt die drei Frauen eine Traurigkeit, die wohl einer gewissen Einsamkeit entstammt. Die Bauersfrau erzählt einmal, Katoey seien treuer und loyaler gegenüber ihren Männern als «normale» Frauen, und darin zeigt sich bereits das Dilemma: Wer keine richtige, funktionierende Frau ist, muss dieses Manko durch mehr Aufmerksamkeit ausgleichen.

Stefan Jung kann seine Fragestellung, ob die thailändische Gesellschaft toleranter sei, weil in ihrer Genesis ein drittes Geschlecht vorkommt, nicht beantworten. Aber eines zeigt der Film eindrücklich: dass jedes Leben und jeder Körper in seiner Einzigartigkeit faszinierend ist. Und dass es sich lohnt, davon zu erzählen.

Endlich erwachsen

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Der erwachsene Shazam (Zachary Levi) mit seinem besten Freund Freddy (Jack Dylan Grazer). Bild: flickr

Ein Spass für junge Fans: Dank Magie wird ein Teenager zum Superhelden im Film «Shazam!».

Von Murièle Weber (Züritipp)

«Shazam!», ruft der 14-jährige Billy (Asher Angel) und verwandelt sich in den gleichnamigen Superhelden (Zachary Levi) im roten Kostüm. Die Superkräfte hat das Pflegekind vom sterbenden Magier Shazam erhalten, der eigentlich die sieben Todsünden bewachen sollte, dazu aber zu schwach war. Deshalb treiben sich die Sünden nun als zähnefletschende Monster auf der Welt herum.

Befreit wurden die Sünden vom Bösewicht Dr. Thaddeus Sivana (Mark Strong), der ursprünglich vom Magier als neuer Shazam auserwählt worden war, sich aber der Superkräfte als nicht würdig erwies. Nun stehen sich der verbitterte Sivana und der unerfahrene Shazam in einem Kampf auf Leben und Tod gegenüber.

Nach erwachsenen Comic-Adaptionen wie «Man of Steel», «Suicide Squad» oder «Wonder Woman» wendet sich DC mit «Shazam» bewusst an ein junges Publikum. Harmloser Spass steht im Vordergrund: Als Billy seine magischen Fähigkeiten erhält, wendet er sich an seinen Pflegebruder Freddy (Jack Dylan Grazer), der sich mit Superhelden auskennt. Die beiden versuchen in allerlei Tests, Shazams Kräfte zu eruieren, bevor sie diese für recht banale Zwecke einsetzen, zum Beispiel zur Unterhaltung von Touristen.

Der Film hat das Herz am richtigen Fleck und wird getragen von den zwei liebenswerten Jungs und ihrer spitzbübischen Freude an Billys Geheimidentität. Auch die Dynamik zwischen dem kindlichen Shazam und Freddy ist amüsant. Aber leider nutzt der Film das Potenzial nicht richtig aus, sondern verliert sich in allerlei Nebengeschichten über die Figuren und findet keinen gleichmässigen Rhythmus. Dem Zielpublikum jedoch dürfte das kaum auffallen.

Shazam, David F. Sandberg, USA 2019, 132 min.

The Umbrella Academy

Kreiert von Jeremy Slater, mit Ellen Page, Tom Hopper, Mary J. Blige, Cameron Britton, Colm Feore, Dauer 10 folgen à 60 Minuten, Sender Netflix 

Von Murièle Weber (FRAME)

An einem Tag im Jahr 1989 werden innert Stunden 49 Kinder geboren, von Müttern, die bis kurz vor der Geburt keinerlei Anzeichen einer Schwangerschaft gezeigt hatten. Sieben dieser Kinder werden vom steinreichen Industriellen Sir Reginald Hargreeves (Colm Feore) adoptiert. Als sie in ihrer Kindheit aussergewöhnliche Fähigkeiten entwickeln, gründet Hargreeves die Umbrella Academy. Seine Kinder sollen dereinst die Welt retten.

Bereits als Teenager schickt ihr Adoptivvater sie in die Welt hinaus, damit sie sich bewähren und ihm Ruhm verschaffen. Weil der Grossindustrielle ignoriert, dass diese jungen Menschen auch emotionale Bedürfnisse haben, entwickeln sich die sieben zu Komplexhaufen mit zahllosen sozialen und emotionalen Problemen, und bald zerstreiten sie sich. Als sie Anfang 30 sind, stirbt ihr Adoptivvater, und sie kommen im alten Haus nochmals zusammen, um Abschied zu nehmen. Dort erfahren sie vom baldigen Ende der Welt, wogegen sie den Kampf aufnehmen. Cha Cha (Rapperin Mary J.Blige) und Hazel (Cameron Britton) sollen sie von diesem Vorhaben abbringen.

Die Serie basiert selbstverständlich, wie der Grossteil aller Superhelden-Geschichten, auf Comic-Büchern. Dieses Mal kreiert von Gerard Way, dem Sänger der Band My Chemical Romance, und dem Künstler Gabriel Bá. Ihre verkorksten Figuren sind die passenden Superhelden für unsere Zeit: Sie stammen aus verschiedenen Ländern, aber wachsen zusammen auf. Es sind junge Egoisten mit komplexen Problemen. Und während traditionelle Comics sich hauptsächlich um starke heterosexuelle Männer drehen, erblassen diese hier neben den komplexen Frauenfiguren, neben Klaus mit seiner queeren Identität und Nummer 5, der ein Bub geblieben ist. Dieses sind die Hauptfiguren und Sympathieträger. Verfilmt wurde die Serie in düsteren Farben und mit einem phänomenalen Popsoundtrack. «The Umbrella Academy» erinnert an die Exzentrik der Netflix-Serie «Maniac», verzichtet allerdings auf eine verworrene Erzählweise. Da dürfen gerne weitere Staffeln folgen. 

The ABC Murders

Kreiert von Sarah Phelps, mit John Malkovich, Rupert Grint, Tara Fitzgerald, Dauer 3 folgen á 60 Minuten, Sender BBC1/Amazon 

Von Murièle Weber (FRAME)

Hercule Poirot wurde bereits von den besten Schauspielern unserer Zeit verkörpert. In der neuesten Adaption des gleichnamigen Agatha-Christie-Romans spielt nun John Malkovich den belgischen Detektiv. Dieser erhält eine Serie von Briefen zugeschickt, in denen in alphabetischer Reihenfolge Morde an Menschen angekündigt werden. Weil er die Opfer retten will, sucht Poirot seinen guten Freund Inspektor Japp auf, nur um zu erfahren, dass Japp in Pension gegangen ist und der junge, ambitionierte Inspektor Crome (Rupert Grint) nun dessen Posten übernommen hat. 

Der arrogante Crome aber lässt Poirot abblitzen, weshalb sich Poirot selbst auf die Suche macht, als er vom Mörder weitere Hinweise auf seine zukünftigen Opfer erhält. Als Poirot jedoch in Andover ankommt, wo das erste Verbrechen stattfinden soll, ist Alice Ascher bereits tot, und auch Betty Bernhard aus Bexhill und Sir Carmichael Clarke aus Churston kann er danach nicht mehr retten.

Der Christie-Roman von 1936 wurde thematisch für das Brexit-Zeitalter adaptiert: Während Poirot im Buch gefeiert wird, erlebt der Belgier in der Serie als Ausländer im London der dreissiger Jahre Ausgrenzung und Rassismus. In der Öffentlichkeit wird er bespuckt und bedroht. Und wenn er allein ist, wird er von den schlimmen Erinnerungen an seine Flucht nach England während des Ersten Weltkrieges verfolgt. Malkovich spielt Poirot als ehrenvollen, tief religiösen, alten Mann, der viel Mitgefühl für seine Mitmenschen hat, aber stark an der Ablehnung und der Ausgrenzung leidet. Grint, der sich bis anhin nicht allzu oft als grossartiger Schauspieler ausgezeichnet hat, schafft es diesmal, den richtigen Ton zu treffen und aus Crome sowohl eine arrogante, aber mit der Zeit doch auch sympathische Figur zu schaffen. «The ABC Murders» wurde in schönen Bildern verfilmt, ist spannend und unterhaltsam, nur den moralischen Zeigefinger, mit dem stets wieder gefuchtelt wird, hätte es nicht gebraucht. Selbst wenn die Themen Flucht und Nationalismus, um die sich vieles dreht, aktuell sind. 

Gerecht handeln

Patrick Hohmann im Gespräch mit Baumwollbauern.

Lassen sich Geschäfte auch nachhaltig führen? Der Dokumentarfilm «Fair Traders» zeigt Möglichkeiten auf.

Von Murièle Weber (Züritipp)

Der italienisch-schweizerische Regisseur Nino Jacusso («Shana: The Wolf’s Music») folgt zwei Unternehmern und einer Biobäuerin in ihrem Alltag und fragt sie, was sie dazu motiviert, sich für die Umwelt und die Gesellschaft einzusetzen.

Die Porträtierten sind derart spannende Personen, dass man ihnen stundenlang zuhören könnte. Patrick Hohmann baut mit der Stiftung Biore Biobaumwolle in Afrika und Indien an, die unter anderem von Coop für die Naturaline benutzt wird. Sina Trinkwalder, die auch als Buchautorin arbeitet, stellt mit der Firma Manomama umweltverträgliche Kleider her, wobei sie Angestellte beschäftigt, die wegen ihres Alters oder ihres Lebenslaufs nur schwierig eine andere Stelle finden würden. Und die ehemalige Kindergärtnerin Claudia Zimmermann betreibt im Kanton Solothurn einen Biohof mit angeschlossenem Laden. «Fair Traders» ist visuell vielleicht kein berauschender, aber inhaltlich ein motivierender und ansteckender Film.

Big Brother auf hoher See

Der Anthropologe Santiago Genovés (gelbes Shirt) umgeben von seinen menschlichen Studienobjekten.

Der Film «The Raft» erzählt von einem Sozialexperiment, das unter sehr skurillen Bedingungen stattgefunden hat.

Von Murièle Weber (Züritipp)

Sie denken, «Big Brother» oder «Das Dschungelcamp» seien Ende der Neunzigerjahre erfunden worden? Da kennen Sie wahrscheinlich das Acali-Experiment aus den Siebzigern noch nicht. Zu diesem wurde der mexikanische Anthropologe und Gewaltforscher Santiago Genovés inspiriert, als er 1972 eine Flugzeugentführung miterlebte. Voller Begeisterung studierte er die Beteiligten des Vorfalls und wie sie sich in dieser Stresssituation verhielten. Und er beschloss, die Umstände nachzustellen, weil es ihm persönlich so viel Spass gemacht hatte.

Deswegen suchte er sechs junge, hübsche Frauen und fünf Männer, die mit ihm auf einem kleinen Floss in drei Monaten den Atlantik überqueren sollten. Er hoffte, dass sich die Teilnehmer bald an die Gurgel gehen würden und er diese Gewaltausbrüche – abgeschottet von der Zivilisation ohne Einmischung – würde studieren können. Um sicherzustellen, dass die Situation auch sicher eskalieren würde, dachte er sich einen besonders perfiden Plan aus: Er gab den Frauen auf dem Floss mehr Macht als den Männern. Der Kapitän war zum Beispiel eine schwedische Blondine und der Arzt eine anpackende Israelin.

Auf dem Kahn, von den Medien 1973 «Sexfloss» getauft, passierte dann aber – nichts. Die Männer und Frauen aus verschiedenen Ländern verstanden sich grossartig. Trotz der beengten Verhältnisse und der fehlenden Privatsphäre war der Umgang respektvoll. Es entstanden neue Freundschaften, die Leute bildeten eine friedliche Gemeinschaft. Das wiederum konnte Genovés nicht akzeptieren. Deshalb begann er damit, die Teilnehmer gegeneinander aufzustacheln. Und dann geschah das, wovon wahrscheinlich so mancher gebeutelte Dschungelbewohner heimlich träumt: Es wurde ein Mord geplant. Allerdings nicht innerhalb der Gruppe, sondern an Genovés, der das Leben der Probanden mit immer perfideren Störmanövern in immer grössere Gefahr brachte.

«The Raft» ist ein äusserst lustiger Dokumentarfilm, wenn er leider auch einige Längen hat. Besonders die Nachstellungen wären nicht immer nötig gewesen, da es vorzügliches Originalfilmmaterial gibt. Die Geschichte aber zeigt, wie das Weltbild und die Vorurteile eines Wissenschaftlers eine Studie verfälschen können. Die Studienobjekte jedenfalls hatten eine grossartige Zeit, der Wissenschaftler weniger.